Geschichte und Kultur

Der Genozid an den ArmenierInnen

Am 24. April 2015 jährte sich der Völkermord an den ArmenierInnen zum 100. Mal – und wird immer noch geleugnet. Er bildete die Grundlage für die Gründung des türkischen bürgerlichen Nationalstaates und die Entstehung der türkischen Bourgeoisie.

Der Genozid an den ArmenierInnen

Im Jahr 1915, während des ersten Weltkriegs, wur­den 1,5 Mil­lio­nen Arme­nierIn­nen ermordet. Dieser Völk­er­mord bildete die Basis für die Grün­dung des türkischen bürg­er­lichen Nation­al­staates. Die blutige Kon­fiszierung armenis­chen, pon­tus­griechis­chen, assyrerischen und aramäerischen Eigen­tums diente als Grund­lage zur Schaf­fung der türkischen Bour­geoisie. In den Geschichts­büch­ern ste­ht, dass der Völk­er­mord am 24. April 1915 seinen Anfang fand, als Talat Pascha, der Innen­min­is­ter und Führer der JungtürkIn­nen1, in Istan­bul die Ver­haf­tung der führen­den VertreterIn­nen der Arme­nierIn­nen anord­nete. Dabei geschah der Völk­er­mord nicht plöt­zlich, son­dern vor dem Hin­ter­grund ein­er Regimekrise mit sys­tem­a­tis­chen Mas­sak­ern an den Arme­nierIn­nen.

Die Politik der OsmanInnen in der Periode des Niedergangs

Als Abdül­hamid ΙΙ. im Jahr 1876 den Thron bestieg, befand sich das Osman­is­che Reich auf­grund zahlre­ich­er Auf­stände und inef­fek­tiv­er Frei­han­delsabkom­men mit den europäis­chen Staat­en in ein­er ökonomis­chen und poli­tis­chen Krise. Ein Jahr nach sein­er Machtüber­nahme geri­eten die Osman­In­nen in einen Krieg mit dem zaris­tis­chen Rus­s­land. Der Krieg endete mit der Nieder­lage für die Osman­In­nen, wodurch sie durch den Friedensver­trag von San Ste­fano 1878 de fac­to den gesamten europäis­chen Raum an Rus­s­land ver­loren.

Die britis­chen und franzö­sis­chen Impe­ri­al­istIn­nen aber waren mit der neuen Machtkon­stel­la­tion im Balkan unzufrieden. Sie ver­sucht­en die Zer­set­zung des Osman­is­chen Reich­es zu beschle­u­ni­gen und schlossen im Jahr 1878 in Berlin einen Ver­trag, der ihren Ein­fluss auf die Region ver­stärk­te. Er enthielt den Artikel 61 über die Min­der­heit­en­frage, der Refor­men und Autonomie für die Arme­nierIn­nen ver­sprach, welche allerd­ings nie erfüllt wur­den. Vor dem Hin­ter­grund ein­er dauer­haften ökonomis­chen und poli­tis­chen Krisen­si­t­u­a­tion organ­isierten sich die Arme­nierIn­nen in Istan­bul und Ostana­tolien, inspiri­ert von den sozial­rev­o­lu­tionären Nar­o­d­ni­ki in Rus­s­land. Sie ver­sucht­en ihre Befreiung mit indi­vidu­ellen Ter­ro­rak­tio­nen durchzuset­zen.

Erste Mas­sak­er an den Arme­nierIn­nen fan­den von 1894 bis 1896 statt, als bis zu 300.000 Arme­nierIn­nen mit Hil­fe von kur­disch, turk­menisch und yörükisch geprägten Hamidi­je-Trup­pen ermordet wur­den. Das eigentliche Ziel von Sul­tan Abdül­hamid ΙΙ. war die Beendi­gung der Auf­stände und die Bewahrung sein­er Macht. Selb­stver­ständlich wur­den die Hamidi­je-Trup­pen für den bluti­gen Dienst von dem Sul­tan belohnt. Sie plün­derten das Eigen­tum der Arme­nierIn­nen, verge­waltigten, folterten und morde­ten. Daher bekam Abdül­hamid ΙΙ. den Namen „rot­er Sul­tan“, vom ver­gosse­nen Blut der Arme­nierIn­nen.

Leo Trotz­ki analysierte die Lage wie fol­gt: „Auf dem Berlin­er Kongress wid­mete Europa Maze­donien den Para­graphen 23 und Arme­nien den Para­graphen 61, die bei­den Län­dern Refor­men ver­sprachen. Und obwohl sich Europa das Recht vor­be­hielt, die Ein­führung dieser Refor­men zu überwachen, ver­schlechterte sich die Lage in den genan­nten Gebi­eten mit jedem Jahr mehr und führte sog­ar mehrmals zu bluti­gen Auf­stän­den, da die Durch­set­zung der Refor­men der Türkei selb­st über­lassen blieb. […] Anstelle der weitre­ichen­den Refor­men, die dieses Mem­o­ran­dum den Arme­nien ver­sprochen hat­te, ergossen sich über die Arme­nier die Greuel ein­er neuen Welle von Massen­ver­nich­tun­gen.“2

Die bürgerliche Revolution von 1908

Die JungtürkIn­nen, nation­al­is­tisch gesin­nte Mil­itärof­fiziere, organ­isierten sich im Komi­tee für Ein­heit und Fortschritt (KEF) als Oppo­si­tion gegen die Zer­stück­elung des Reich­es durch die impe­ri­al­is­tis­chen Mächte und das feu­dale Regime des Sul­tans, das sich als unfähig erwies, das Land aus der ökonomis­chen und poli­tis­chen Krise her­auszu­holen. Eine Zeit lang waren die in der II. Inter­na­tionale organ­isierten armenis­chen Daschnaken Teil der jungtürkischen Bewe­gung. Sie schlossen sich im Jahr 1907 gegen Sul­tan Abdül­hamid ΙΙ. dem KEF an. Die Auf­stände gegen den Sul­tan ende­ten im Jahr 1908 mit der bürg­er­lichen kon­sti­tu­tionellen Rev­o­lu­tion.

Die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion wurde zunächst von nicht­mus­lim­is­chen Min­der­heit­en begrüßt, da sie die Erfül­lung bürg­er­lich-demokratis­ch­er Forderun­gen ver­sprach. Die JungtürkIn­nen ziel­ten in der Außen­poli­tik auf die Zurücker­oberung türkisch­er Gebi­ete ab, um sich von dem Druck der impe­ri­al­is­tis­chen Mächte zu befreien. Nach den lan­desweit­en Wahlen eroberten sie die Macht und ent­machteten de fac­to den Sul­tan, auch wenn sie ihn nicht abset­zten und offiziell die kon­sti­tu­tionelle Monar­chie ver­trat­en.

Die Daschnaken forderten nach der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion unter anderem die Auflö­sung der Hamidi­je, Bewe­gungs­frei­heit in den armenis­chen Gebi­eten, den Rück­zug aller Dekrete von 1894 bis 1908, die gegen Arme­nierIn­nen erlassen wor­den waren, und die Freilas­sung aller armenis­ch­er Gefan­genen. Das KEF akzep­tierte alle Forderun­gen der Daschnaken und die Arme­nierIn­nen erhiel­ten sog­ar im Jahr 1909 einige von den Hamidi­je beset­zte Grund­stücke zurück.

Doch die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion allein kon­nte keine Antwort auf die Insta­bil­ität des Regimes, den Ein­fluss der Impe­ri­al­is­men, die Aus­beu­tung und die Unter­drück­ung find­en. Trotz­ki analysierte 1909 die Phase der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion: „Die Jungtürken haben den Zen­it ihres Ein­flusses erre­icht. Im Par­la­ment besitzen sie die Mehrheit. Ein Jungtürke ist Vor­sitzen­der. […] Ihre Auf­gaben nach (wirtschaftliche Selb­st­ständigkeit, nation­al-staatliche Ein­heit und poli­tis­che Ein­heit) ist die türkische Rev­o­lu­tion die Selb­st­bes­tim­mung der bürg­er­lichen Nation und knüpft in diesem Sinne an die Tra­di­tio­nen von 1789–1848 an. Das aus­führende Organ der Nation war jedoch die Armee, die von Offizier­sko­rps geführt wurde, – und das ver­lieh den Ereignis­sen sofort den plan­mäßi­gen Charak­ter von mil­itärischen Manövern. […] Alle lange unter­drück­ten sozialen Lei­den­schaften treten nun­mehr offen zutage, da das Par­la­ment für sie ein Zen­trum geschaf­fen hat. Bit­ter ent­täuscht wer­den diejenige sein, die denken, die türkische Rev­o­lu­tion sei zu Ende. Und zu den ent­täuscht­en wird nicht nur Abdul-Hamid gehören, son­dern offen­bar auch die Partei der Jungtürken.“3

Das Land befand sich in ein­er tiefge­hen­den Regimekrise und daraus ent­standen poli­tis­che Dif­feren­zen inner­halb der JungtürkIn­nen, die Spal­tun­gen und weit­ere Mas­sak­er verur­sacht­en. Die Unruhe gegenüber der nation­al­is­tis­chen Außen­poli­tik der Regierung auf dem Balkan nahm zu, Kor­rup­tion und frak­tionelle Kämpfe (zwis­chen Anhän­gerIn­nen des deutschen und britis­chen Impe­ri­al­is­mus) ver­schärften sich. In der Peri­ode von 1911 bis 1913 brachen im Par­la­ment mehrfach Kon­flik­te zwis­chen dem KEF und der lib­eralen Frei­heits- und Einigkeitspartei aus. Da das KEF unter der Führung von Said Pascha nicht mehr regierungs­fähig war und nur mit­tels Gewalt und Kor­rup­tion die Wahlen gewann, bildete sich in der Armee eine kräftige Gruppe, die die Regierung des KEF von der Macht ent­fer­nte.

Das Triumvirat als Hauptakteur

Die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion von 1908 ver­lor trotz einiger pro­gres­siv­er Ele­mente sehr schnell ihre Errun­gen­schaften, da kein poli­tis­ch­er Akteur über die kul­turell-eth­nis­chen Dimen­sio­nen hin­aus ein demokratis­ches Pro­gramm auf­stellte, das die Inter­essen der Arbei­t­erIn­nen und der Bauern­schaft unbe­fleckt von nation­al­is­tis­chem Gift ver­trat, auch nicht die Arme­nierIn­nen. Die Frak­tio­nen inner­halb des KEF ver­fol­gten einen nation­al­is­tis­chen und zen­tral­is­tis­chen Kurs, ohne dabei mit dem Impe­ri­al­is­mus zu brechen, während die armenis­chen Daschnaken entwed­er mit indi­vidu­ellen Ter­ro­rak­tio­nen oder Aufrufen an die Impe­ri­al­is­men die Befreiung Arme­niens erre­ichen woll­ten.

Da die türkische Regierung in den Balkankriegen eine mas­sive Nieder­lage erlitt und die armenis­chen Grup­pen auf­grund der Abrech­nung mit dem KEF nur noch einen nation­al­is­tis­chen Kurs fuhren, nutzte das KEF die aufge­heizte Atmo­sphäre des Lan­des zugun­sten sein­er nation­al­is­tis­chen Inter­essen und über­nahm die Macht mit einem Mil­itär­putsch im Jahr 1913. Der Haup­tak­teur dieses Putsches war ein Tri­umvi­rat beste­hend aus Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, die einen pan-türkischen und pan-islamis­chen Kurs ver­fol­gten und keine Leben­schance für die eth­nis­chen und religiösen Min­der­heit­en gewährleis­teten.

Die Autonomie-Forderun­gen der Daschnaken wurde in dieser Phase als Sep­a­ratismus bew­ertet und mit Ver­rat gle­ichge­set­zt. Das Tri­umvi­rat entwick­elte gute Beziehun­gen zum deutschen Impe­ri­al­is­mus, der dadurch seinen Ein­fluss auf das Land ver­größerte. So wur­den türkische Offiziere von den Deutschen aus­ge­bildet und der Gen­er­alfeld­marschall „Goltz-Pascha“ forcierte unter Absprache mit Kriegsmin­is­ter Enver Pascha die Aufrüs­tung der Armee durch deutsche Rüs­tung­sex­porte. Sowohl in Istan­bul als auch im Osten spielte der deutsche Impe­ri­al­is­mus eine entschei­dende Rolle in der türkischen Armee und der Regierung. Die TürkIn­nen beteiligten sich am ersten Weltkrieg an der Seite des deutschen Reichs gegen das zaris­tis­che Rus­s­land.

Die Nieder­lage gegen Rus­s­land bei der Schlacht von Sarikamis im Jan­u­ar 1915 brachte große Ver­luste auf der osman­is­chen Seite mit sich. Da armenis­che Grup­pen auf der Seite Rus­s­lands am Krieg beteiligt waren, begann das Tri­umvi­rat gezielte Aktio­nen gegen die Arme­nierIn­nen durchzuführen. Am 24. April wur­den hun­derte armenis­che Kün­st­lerIn­nen, Poli­tik­erIn­nen und Intellek­tuelle zur Depor­ta­tion nach Ankara festgenom­men und zu Tode gefoltert. Die Regierung ver­trieb lan­desweit min­destens zwei Mil­lio­nen Arme­nierIn­nen aus ihren Häusern und zwang sie zu lan­gen Fußmärschen nach Syrien. Während­dessen wur­den sie gefoltert, verge­waltigt, an Mus­lim­In­nen verkauft und ermordet. Viele ver­hungerten oder erkrank­ten unter men­sche­nun­würdi­gen Bedin­gun­gen. Am 27. Mai 1915 ver­ab­schiedete die türkische Nation­alver­samm­lung ein Depor­ta­tion­s­ge­setz, das die Kon­fiszierung des Eigen­tums der Arme­nierIn­nen bein­hal­tete, worauf sich die türkische Bour­geoisie stützt. Min­destens 1,5 Mil­lio­nen Arme­nierIn­nen fan­den inner­halb von kurz­er Zeit den Tod.

Fußnoten

1. Die JungtürkIn­nen organ­isierten sich im Komi­tee für Ein­heit und Fortschritt (Itti­had ve Ter­ra­ki).

2. Leo Trotz­ki: Die Zer­set­zung der Türkei und die armenis­che Frage. In: Die Balkankriege 1912–13. Essen 1996. S. 275–276.

3. Leo Trotz­ki: Die neue Türkei. In: Ebd.. S. 27–29.

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