Hintergründe

Das patriarchale Mandat wird mit Blut geschrieben

In den letzten Jahrezehnten wurden vielen Frauen weltweit neue Rechte zugestanden. Gleichzeitig erreicht die Integration weiblicher Arbeitskraft in den internationalen Markt nicht dagewesene Ausmaße. Doch die strukurelle Gewalt gegen Frauen besteht weiter.

Das patriarchale Mandat wird mit Blut geschrieben

Noch vor weniger als 150 Jahren galt es als unvorstell­bare Utopie, dass Frauen zur Präsi­dentin, Abge­ord­neten und Min­is­terin gewählt wer­den kön­nen; Zugang zur höheren Bil­dung haben und die Mehrheit der uni­ver­sitären Studieren­den sind; den Ehe­mann um Erlaub­nis nicht fra­gen zu müssen, um außer­halb des Heims arbeit­en zu dür­fen, etc.

Diese Rechte wur­den nicht in ein­er lin­earen und immer fortschre­i­t­en­den Weise errun­gen. Viele sind das Ergeb­nis von Kämpfen, die in Peri­o­den sozialer und poli­tis­ch­er Radikalisierung geführt wur­den, andere sind das Ergeb­nis gewiss­er Zugeständ­nisse der herrschen­den Klassen mit dem Ziel, ihre Anführerin­nen zu inte­gri­eren und ihre kri­tis­chsten und anti-sys­temis­chsten Aspek­te einzuschränken.

Alle diese Rechte sind im Rah­men der immer abgenutzteren bürg­er­lichen Demokra­tien natür­lich begren­zt – voll­ständig kön­nen sie nur von eini­gen Frauen, für eine gewisse Zeit und in bes­timmten Län­dern aus­geübt wer­den. Diese Rechte kön­nen auch bedro­ht und zurück­geschraubt wer­den, wenn es wirtschaftliche, poli­tis­che und soziale Krisen gibt .

Aber das wirk­lich Beun­ruhi­gende ist, wie die Fahne der Geschlechter­gle­ich­heit sich zwar fast schon in einen wei­thin akzep­tierten com­mon sense und in öffentliche Poli­tik der ver­schieden­sten Bere­iche ver­wan­delt hat, aber gle­ichzeit­ig weit­er­hin ein sehr hohes Niveau von Diskri­m­inierung und Gewalt gegen Frauen existiert. Warum beste­hen die patri­ar­chalen Man­date – wenn auch in neuem Gewand – weit­er und kon­stru­ieren eine Geschlechter­hier­ar­chie?

Die abscheuliche Regelmäßigkeit von Morden an Frauen

Die Zahl der Morde an Frauen ist sehr hoch. 2013 gab es in Argen­tinien 295 Frauen­morde, d.h. ein­mal alle 30 Stun­den [2]. Bis heute nen­nt die Boule­vard­presse sie „Ver­brechen aus Lei­den­schaft“. Und trotz des Geflechts patri­ar­chaler Bedeu­tun­gen, die in dieser Benen­nung (welche wir ablehnen) steck­en, enthüllt sie doch einen Aspekt der Sta­tis­tiken: Bei 63 Prozent der Frauen­morde, die 2013 began­gen wur­den, waren die Täter Ehemän­ner, Part­ner, Fre­unde oder Lieb­haber, aktuelle oder ver­gan­gene [3].

Die Gesellschaft erschreckt sich, wenn diese Ver­brechen ans Licht kom­men. Und leicht verbinden die Medi­en diese Ver­brechen mit der Mon­strosität des Ver­brech­ers. Doch dem Wörter­buch nach ist ein Mon­ster ein „Geschöpf außer­halb der nor­malen Ord­nung der Natur“, d.h. etwas außergewöhn­lich­es, eine Sel­tenheit, die mit dem Erwart­baren, Alltäglichen und Bekan­nten bricht. Lei­der aber zeigt die Tat­sache, dass alle 30 Stun­den ein Frauen­mord geschieht, dass es sich nicht um eine Aus­nahme han­delt, son­dern fast um eine Regel: eine abscheuliche Regelmäßigkeit macht uns darauf aufmerk­sam, dass jeden Tag eine von uns ermordet wer­den wird.

Zuweilen recht­fer­ti­gen die Täter selb­st ihre Hand­lung mit einem plöt­zlichen Ver­lust der Selb­stkon­trolle oder der Kon­trolle über die Sit­u­a­tion. Jedoch ist die Gewalt gegen Frauen ein Beweis für den höch­sten Grad der Kon­trolle, den man über jeman­den ausüben kann. Tat­säch­lich ist es so, dass die Gewalt der Frauen­morde sich in den meis­ten Fällen vorherse­hen lässt, und zwar weil sie das Resul­tat ein­er Eskala­tion von belästigendem/bedrohendem Ver­hal­ten ist, das nor­maler­weise nicht ernst genom­men wird, weil die Kon­trolle und Herrschaft der Män­ner über die Frauen nat­u­ral­isiert sind.

Jedes Mal, wenn eine Frau verge­waltigt, geschla­gen oder ermordet wird, ler­nen Mil­lio­nen Frauen, die über­lebt haben, eine Lek­tion, die – unmerk­lich – ihre Sub­jek­tiv­ität formt. Auch wenn in den Nachricht­en der Frauen­mord die Namen und Gesichter von ein­er einzel­nen Frau und einem einzel­nen Mann trägt, han­delt es sich deshalb auch um ein Zah­n­rad in ein­er riesi­gen Mas­chine der Gewalt gegen Frauen, deren Ziel nicht nur der Tod der Opfer ist, son­dern die Diszi­plin­ierung der Kör­p­er, der Begehren und des Ver­hal­tens der Über­leben­den.

Während andere For­men der sozialen Gewalt den sta­tus quo desta­bil­isieren (wie zum Beispiel Angriffe auf das Pri­vateigen­tum), trägt die Gewalt gegen Frauen dazu bei, ihn zu erhal­ten. Im Unter­schied zu anderen For­men der sozialen Gewalt, ist sie struk­turell, weil sie aus den etablierten soziokul­turellen Nor­men entspringt, wie Frauen sich ver­hal­ten soll­ten, und sich als „legit­ime Bestra­fung“ für diejeni­gen insti­tu­tion­al­isiert, die sich diesen patri­ar­chalen Man­dat­en nicht unter­w­er­fen. Aus diesem Blick­winkel wehren wir uns dage­gen, sie als „häus­liche Gewalt“ zu beze­ich­nen, weil dieser Begriff ver­schleiert, dass es sich nicht um eine pathol­o­gis­che indi­vidu­elle und spez­i­fis­che Hand­lung im pri­vat­en Bere­ich han­delt, son­dern um ein weit­eres Glied in der Kette der struk­turi­eren­den Gewalt der Klas­sen­ge­sellschaften gegen Frauen vom Alter­tum bis heute. Eine Gewalt, die – auch wenn sie nat­u­ral­isiert und ver­schleiert wird – im öffentlichen Bere­ich entste­ht, aufrechter­hal­ten, gerecht­fer­tigt und repro­duziert wird. Durch die herrschen­den Klassen, ihren Staat und seine Insti­tu­tio­nen, ihre Repres­sivkräfte, die Schule, die Kirche und die Medi­en.

Diese Kette der Gewalt bein­hal­tet das Lächer­lich­machen, den Ver­dacht und die Kon­trolle, die Ein­schüchterung, die Verurteilung der Sex­u­al­ität und der Ver­hal­tensweisen, die sich nicht der het­ero­sex­uellen Norm anpassen, die Abw­er­tung der Kör­p­er, die nicht den Schön­heitsmod­ellen entsprechen etc.. Aber sie bein­hal­tet auch das Ver­bot von Seit­en des Staates, dass die Frauen ihr Recht auf die Kon­trolle ihres eige­nen Kör­pers und ihrer repro­duk­tiv­en Fähigkeit­en ausüben – die Quelle der meis­ten Frauen­morde, die unsicht­bar für die Sta­tis­tiken ist, näm­lich der Tod auf­grund heim­lich­er Abtrei­bun­gen. Und es geht auch um die skan­dalöse Ver­ant­wor­tung des Staates – durch seine poli­tis­chen Funk­tionäre, Juris­ten und Repres­sivkräfte, entwed­er durch unter­lassene Hil­feleis­tung und Straflosigkeit oder durch direk­te Teil­nahme als Kun­den oder Zuhäl­ter – für das Funk­tion­ieren der Men­schen­han­del­snet­zw­erke und Pros­ti­tu­tion, die tausende junge Frauen ent­führen und sex­uell aus­beuten.

Und diese extreme Gewalt gegen die Frauen in den let­zten Jahrzehn­ten geschieht vor dem Hin­ter­grund der wach­senden Fem­i­nisierung der Armut und der Arbeit, die gepaart ist mit dem außergewöhn­lichen Anstieg der Prekarisierung der Arbeit.

Enteignung der sexuellen Autonomie und Zur-Ware-Machen der Frauen

Warum ist es so, dass zwar in so vie­len Län­dern – inklu­sive Argen­tinien – der Anteil der Bevölkerung mehrheitlich ist oder jeden Tag steigt, der Abtrei­bung für unge­wollte Schwanger­schaften gutheißt, aber den­noch die Ver­suche der Legal­isierung scheit­ern? Seit den 70er Jahren wurde in vie­len Län­dern das Recht auf Abtrei­bung erkämpft – für 74 Prozent der Welt­bevölkerung ist sie legal. Den­noch ster­ben jedes Jahr weit­er­hin 500.000 Frauen auf­grund von Kom­p­lika­tio­nen in der Schwanger­schaft und bei der Geburt und 500 Frauen ster­ben jeden Tag auf der ganzen Welt durch die Fol­gen heim­lich­er Abtrei­bun­gen. Es han­delt sich um einen haarsträuben­den Frauen­mord, der durch den Staat durchge­führt wird, auf weltweit­er Ebene, und der voll­ständig ver­mei­d­bar wäre.

Die Ille­gal­ität liegt nicht bloß an ein­er Lob­by mit wirtschaftlichen Inter­essen, auch wenn die Phar­makonz­erne aus dem Geschäft von heim­lichen Abtrei­bun­gen Prof­ite ziehen. Es han­delt sich um die Macht der Kirche – beson­ders in Lateinameri­ka – und ander­er Fun­da­men­tal­is­men, die ein Inter­esse daran haben, ihren Ein­fluss im und über den Staat zu markieren, um altertüm­liche Man­date zu repro­duzieren, die auf den weib­lichen Kör­pern las­ten: die Mut­ter­schaft als einzige mögliche Ver­wirk­lichung ein­er „wahrhafti­gen“ Weib­lichkeit; die Repro­duk­tion als auss­chließen­des Ziel der het­ero­sex­uellen Part­ner­schaft als Grund­lage der patri­ar­chalen Fam­i­lie.

Wenn sie sich diesen Man­dat­en wider­set­zen, wer­den den Frauen, die abtreiben, abw­er­tende Klas­si­fizierun­gen zugeteilt, die eine ver­w­er­fliche Iden­tität kon­sti­tu­ieren: mörderisch, lüstern, igno­rant, unnatür­lich etc. [4]. Die Abtrei­bung ist deshalb etwas mehr als eine Tech­nolo­gie zur Nicht-Repro­duk­tion: Weil der Prozess der biol­o­gis­chen Repro­duk­tion unter­brochen wird, kon­fron­tiert, hin­ter­fragt und unter­bricht die Abtrei­bung den Prozess der kul­turellen Repro­duk­tion dieser For­men der patri­ar­chalen und het­ero­nor­ma­tiv­en Macht, die auf die Kör­p­er der Frauen aus­geübt wer­den [5].

Aber während den Frauen ihre sex­uelle und repro­duk­tive Autonomie enteignet wird, obwohl der wis­senschaftliche und tech­nol­o­gis­che Fortschritt einen nie dagewe­se­nen Grad der Autonomie erlauben würde, steigt gle­ichzeit­ig auf unge­heuer­liche Weise die Verd­inglichung und das Zur-Ware-Wer­den ihrer Kör­p­er [6].

Die Nat­u­ral­isierung der jahrtausendeal­ten Insti­tu­tion der Pros­ti­tu­tion ver­hin­dert es, die Dimen­sion der Gewalt wahrzunehmen, die gegen Frauen durch ihre sex­uelle Aus­beu­tung aus­geübt wird; beson­ders im Rah­men der erzwun­genen oder erlo­ge­nen Rekru­tierung in Men­schen­han­del­snet­zw­erken. Wie die Spanierin Ana de Miguel anmerkt, müsste man das fra­gen, was nicht hin­ter­fragt wird, weil es offen­sichtlich scheint: „Warum akzep­tieren so viele Män­ner als Nor­mal­ität, dass Kör­p­er von Frauen beobachtet, bew­ertet und bezahlt wer­den, um über sie zu ver­fü­gen?“ [7] Vielle­icht repräsen­tiert die Pros­ti­tu­tion wie keine andere Beziehung zwis­chen Män­nern und Frauen die männliche Lust, die nicht mehr nur durch den Koi­tus zus­tande kommt, son­dern durch eine sex­uelle Beziehung, die durch die Macht des Mannes über die Frau und durch die fehlende Gegen­seit­igkeit definiert ist.

Die Pros­ti­tu­tion – als Gegen­stück des Zwangs zur Treue, dem die Ehe­frau in der patri­ar­chalen Fam­i­lie unter­liegt – ist auch eine Insti­tu­tion, die die sozialen Rollen der Frauen in ein­er Klas­sen­ge­sellschaft reg­uliert und legit­imiert: Ehe­frauen und Müt­ter, die gezwun­gen wer­den, den Zugang zu ihrem Kör­p­er durch die (ungle­iche) Durch­set­zung der Monogamie zu begren­zen; eingeschränkt in ihrer sex­uellen Autonomie und enteignet nicht nur von ihrem Begehren und ihrer Lust, son­dern auch von ihrer repro­duk­tiv­en Fähigkeit; und auf der anderen Seite die Frauen, die sich pros­ti­tu­ieren, deren Zugänglichkeit öffentlich ist und deshalb alle (Un)Werte verkör­pern, die für die „pri­vat­en Frauen“ unangemessen sind.

Auch wenn die Pros­ti­tu­tion zu Beginn der Zivil­i­sa­tion entste­ht – gemein­sam mit der Fam­i­lie, dem Pri­vateigen­tum und dem Staat –, hat sie sich erst in den let­zten Jahrzehn­ten in eine Indus­trie großen Aus­maßes und enormer Prof­itabil­ität auf weltweit­er Ebene ver­wan­delt. Und während diese Indus­trie immer legaler wird – mit Unternehmern, die Steuern zahlen, gew­erkschaftlich­er Organ­isierung der aus­ge­beuteten Frauen und Nor­men, die die Gestal­tung der Etab­lisse­ments fest­set­zen –, treibt ihre Aus­beu­tung par­al­lel dazu auch die ille­galen Net­zw­erke des Frauen­han­dels voran, die ihren Grund­stoff bilden [8].

Laut der UNO – eine Organ­i­sa­tion, von der neben­bei gesagt 63 Prozent ihrer multi­na­tionalen Ein­satzkräfte angeklagt wer­den, mit Sex­u­alde­lik­ten, Mis­shand­lun­gen, Verge­wal­ti­gun­gen etc. in Verbindung zu ste­hen, und von denen ein Drit­tel dieser Anschuldigun­gen sich auf Pros­ti­tu­tion beziehen – wer­den jedes Jahr vier Mil­lio­nen Frauen und zwei Mil­lio­nen Mäd­chen in die Pros­ti­tu­tion verkauft, als Sklavin­nen oder in ange­blich­er „Heirat“. Die Aus­beu­tung dieser Frauen und Mäd­chen pro­duziert saftige Prof­ite, die für die Zuhäl­ter etwa 32 Mil­liar­den Dol­lar jährlich aus­machen.

Feminisierung der Armut und Prekarisierung der Arbeit

In den let­zten Jahrzehn­ten fand ein gigan­tis­ch­er Prozess der Umwand­lung der Arbeit statt. Der Grad der Prekarisierung stieg an, die Arbeit wurde flex­i­bil­isiert, ein neuer Pro­duk­tion­srhyth­mus ent­stand, neue Arbeit­skraft wurde in den Welt­markt inte­gri­ert und die nicht-indus­tri­al­isierten Län­der wur­den zu Investi­tion­sob­jek­ten des Kap­i­tals. Dieser Prozess stieß Mil­lio­nen von Frauen auf den Arbeits­markt und führte dazu, dass die Zahl der städtis­chen lohn­ab­hängi­gen Frauen die der Frauen auf dem Land über­trifft. Während­dessen lässt sich eine steigende Ten­denz der Fem­i­nisierung der Armut und der Arbeit­skraft beobacht­en.

Aber das Fort­dauern der patri­ar­chalen Geschlechter­rollen, welche den Frauen die Ver­ant­wor­tung für die Auf­gaben der Repro­duk­tion zuteilen, prägt die Art und Weise ihrer Eingliederung in den pro­duk­tiv­en Bere­ich: Pflegerin­nen, Erzieherin­nen, Putzfrauen. Die Frauen wen­den sich den Dien­stleis­tungssek­toren zu, für die das Leben – und ein jahrtausende­langer sozio­his­torisch­er Prozess – sie durch die Ausübung der täglichen Hausar­beit­en aus­ge­bildet hat. Ihre Fähigkeit­en und Aus­bil­dun­gen wer­den während­dessen mis­sachtet, so wie die eigentliche Hausar­beit, die nicht ent­lohnt wird. Dadurch wer­den sie immer auf der unter­sten Stufe der Lohn­skala ange­ord­net.

Die Erfind­ung von Maschi­nen, die die Hausar­beit ein­fach und schneller machen, hat nicht dazu geführt, dass dieser andere, unbezahlte Arbeit­stag, den vor allem Frauen und Mäd­chen leis­ten, abgeschafft wird. Während in den zen­tralen Län­dern die Zeit, die für Hausar­beit aufgewen­det wird, sinkt, bleiben die Frauen in den abhängi­gen Län­dern gefan­gen in dieser ural­ten Über­aus­beu­tung. Einige von ihnen ziehen sog­ar in die Metropolen, um sich dort als Haushalt­sar­bei­t­erin­nen zu verdin­gen. Der Kap­i­tal­is­mus muss den Preis der Ware Arbeit­skraft her­ab­senken und das Patri­ar­chat garantiert dies zum Teil, unter anderem in dem es die Hausar­beit roman­tisiert.

Heute sind von den 2,5 Mil­liar­den Ärm­sten 70 Prozent Frauen und Mäd­chen. Allein die weltweite Wirtschaft­skrise trieb 20 Mil­lio­nen Men­schen in die Arbeit­slosigkeit und 200 Mil­lio­nen in die extreme Armut. Aber die Wirkung dieser Krise ist nicht gle­ich­mäßig: Die Mehrheit dieser Men­schen sind Frauen. Ihre Sit­u­a­tion führt dazu, dass sie immer häu­figer ster­ben und krank wer­den. Sie wer­den zu Opfern unsicher­er Abtrei­bun­gen, von Men­schen­han­del, sex­ueller Aus­beu­tung und allen möglichen For­men sex­u­al­isiert­er Gewalt.

Das Recht auf ein „Leben frei von Gewalt“

Dies ist eine der meist wieder­holten Forderun­gen der Frauen­be­we­gun­gen. In den let­zten Jahrzehn­ten wur­den Forderun­gen gegen Gewalt in Form von Recht­en for­muliert. Dies hat zu Refor­men des Strafrechts geführt und zu rechtlichen Regelun­gen, die der Gewalt gegenüber Frauen ent­ge­gen­wirken, sie begren­zen und bestrafen sollen. Dies erlaubt die Unterord­nung, die Verd­inglichung und die Mis­shand­lung, die der patri­ar­chale Kap­i­tal­is­mus der Hälfte der Men­schheit bere­it hält, sicht­bar zu machen. Es ist das Tei­l­ergeb­nis eines gewonnenen Kampfes der Frauen. Der kap­i­tal­is­tis­che Staat muss sich selb­st legit­imieren und deshalb, zum Teil, die Diskri­m­inierung, die seine eige­nen Struk­turen repro­duzieren, anerken­nen.

Aber die Gewalt repro­duziert sich immer wieder weit­er, als ob all die Strafen nicht aus­re­ichende Lehrbeispiele dafür wären, dass die Täter von ihren tödlichen Vorhaben ablassen. Der struk­turelle Charak­ter der Gewalt an Frauen erscheint immer wieder, durch ein ver­rot­tetes soziales Regime, welch­es uns for­mal anerken­nt, aber uns weit­er­hin zu „Bürg­erin­nen zweit­er Klasse“ verurteilt.

Die Fraue­nun­ter­drück­ung, die aus dem alten patri­ar­chalen Modus der Repro­duk­tion ent­stand, ist Quelle aller For­men dieser struk­turellen geschlechtlichen Gewalt. Sie beste­ht weit­er, auch wenn ihre For­men sich mehr oder weniger wahrnehm­bar verän­dert haben. Denn das Patri­ar­chat nor­mal­isiert diejeni­gen sozialen Beziehun­gen der Repro­duk­tion, die unab­d­ing­bar dafür sind, dass die sozialen Beziehun­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion sich nicht ändern müssen. Damit garantiert, repro­duziert und legit­imiert es die Aus­beu­tung von Mil­lio­nen Men­schen durch eine par­a­sitäre Min­der­heit, Besitzerin der Pro­duk­tion­s­mitte. Diese uner­schüt­ter­liche Allianz zwis­chen dem Kap­i­tal­is­mus und dem Patri­ar­chat zu zer­stören, ist der einzige real­is­tis­che Weg, um mit allen For­men der Gewalt Schluss zu machen. Dies benötigt die Forderung nach legit­i­men Recht­en, aber geht weit und radikal darüber hin­aus.

Fußnoten

[1] Für mehr über das Para­dox, das sich in den Jahrzehn­ten des Neolib­er­al­is­mus eröffnet hat, während­dessen mehr Rechte Hand in Hand gin­gen mit einem mon­u­men­tal­en Wach­s­tum von Beein­träch­ti­gun­gen für bre­ite Massen von Frauen, siehe Andrea D‘Atri und Lau­ra Lif: „Die Emanzi­pa­tion der Frauen in Zeit­en der weltweit­en Krise“, Klasse Gegen Klasse Nr. 9. [2] Informe de Inves­ti­gación de Femi­cidios en Argenti­na, 1º de Enero al 31 de Diciem­bre de 2013, La Casa del Encuen­tro, Bs. As., 2014. [3] Vor kurzem wurde in Argen­tinien das Konzept des „gekop­pel­ten Frauen­mordes“ einge­führt, welch­es sich auf Fälle bezieht, in denen die Kinder oder andere mit der Frau ver­bun­dene Per­so­n­en die tödlichen Opfer dieser Gewalt sind. Ihr Ziel beste­ht darin, der Frau einen Schaden zuzufü­gen, sie zu bestrafen und psy­chisch zu ver­stören, die der Täter als sein Eigen­tum begreift. Damit wer­den auch Morde an Per­so­n­en beze­ich­net, die ver­sucht haben, den Frauen­mord zu ver­hin­dern oder in die „Schus­slin­ie“ des Täters ger­at­en sind. [4] Siehe Rosen­berg, Martha (2013). “¿Quiénes son esas mujeres? II” en Otra his­to­ria es posi­ble. El abor­to como dere­cho de las mujeres, Ruth Zur­briggen und Clau­dia Anzore­na (com­pi­lado­ras), Her­ramien­ta, Buenos Aires. [5] Siehe Morán Faún­des, José Manuel (2013). “¿ProVi­da? ¿Cuál vida? Hacia una descrip­ción críti­ca del con­cep­to de ‘vida’ defen­di­do por la jer­ar­quía católi­ca” Zur­briggen und Anzore­na, op.cit. [6] Siehe D’Atri, Andrea (2014) “Peca­dos & Cap­i­tales”, Ideas de Izquier­da 7. [7] Von Miguel Álvarez, Ana (2012). “La pros­ti­tu­ción de mujeres, una escuela de desigual­dad humana” in Revista Euro­pea de Dere­chos Fun­da­men­tales 19, 1er semes­tre, Uni­ver­si­dad Rey Juan Car­los, Madrid. [8] Siehe Jef­freys, Sheila (2011). La indus­tria de la vagi­na. La economía políti­ca de la com­er­cial­ización glob­al del sexo, Paidós, Buenos Aires.

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