Das „Movimiento Socialista“ und die Revolution im 20. Jahrhundert: Warum nicht vom Stalinismus reden?
Die Bilanz der Revolutionen und Konterrevolutionen des 20. Jahrhunderts ist für alle, die das sozialistische Projekt aktualisieren wollen, von entscheidender Bedeutung.
In den letzten Ausgaben von Arteka, der Zeitschrift des Movimiento Socialista (dt. Sozialistische Bewegung, MS), wurden mehrere kritische Artikel über die Rolle der Kommunistischen Partei Spaniens veröffentlicht, die von der Spanischen Revolution, dem Übergang zur bürgerlichen Demokratie und den letzten Jahrzehnten handeln.1 Eine Ortsgruppe der MS würdigte den POUM-Führer Andreu Nin2, was in den sozialen Netzwerken eine lebhafte Debatte auslöste. Wir begrüßen diese Reflektionen und halten es für wichtig, sie zu vertiefen. Es wurden jedoch viele andere Artikel und Thesen der MS über die Revolutionen des 20. Jahrhunderts veröffentlicht, ohne den Stalinismus zu erwähnen. Und einige, in denen die Strategie des „langwierigen Volkskriegs“ des Maoismus verteidigt wird, als ob diese die leninistische Strategie übertreffen würde. Wir werden hier nicht auf all diese Themen eingehen, wollten sie aber dennoch erwähnen, da es sich um strategische Debatten von großer Bedeutung handelt, in denen sehr unterschiedliche Positionen vertreten werden.
In diesem Text werden wir uns auf die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus in der Bilanz der Revolutionen des 20. Jahrhunderts konzentrieren. Wie wir in der Überschrift bereits angedeutet haben, fragen wir uns, warum dieses Thema in den meisten Veröffentlichungen der MS verschwiegen wird. Dies stellt einen blinden Fleck dar, der es erschwert, strategische Lehren aus den wichtigsten Ereignissen des Klassenkampfs zu ziehen. In mehreren öffentlichen Vorträgen haben Genoss:innen der MS sogar angedeutet, dass sie es vorziehen, zu diesem Thema „keine Position zu beziehen“, als handele es sich um einen „Identitätsstreit“ innerhalb der kommunistischen Bewegung.
Nun ist dies jedoch keineswegs eine rein historische oder „identitäre“ Diskussion. Im Gegenteil ist für alle, die in diesem Jahrhundert für die Perspektive neuer siegreicher Revolutionen kämpfen, essentiell, eine Position zum Stalinismus zu entwickeln. Wie kann man eine sozialistische Perspektive entwerfen, ohne nach den Gründen zu suchen, die in der Vergangenheit zu ihrer Blockade geführt haben? Warum gelang es mehreren Zyklen großer Revolutionen, die den Kapitalismus und Imperialismus mit großem Heldentum der Massen herausforderten, nicht, das kommunistische Projekt zu konsolidieren? War die Bürokratisierung der UdSSR und der übrigen Staaten, in denen die Bourgeoisie enteignet wurde, unvermeidlich? War der Stalinismus eine Fortsetzung des Leninismus oder seine konterrevolutionäre Negation? Welche Rolle spielten „nationale“ Formen des Stalinismus wie der Maoismus oder der Castrismus bei der Blockade der sozialistischen Revolution auf weltweiter Ebene?
Wir halten all diese Fragen für relevant. In den letzten Jahrzehnten, nach dem Fall der Berliner Mauer, hat sich eine Ideologie des kapitalistischen Siegeszugs durchgesetzt. Das verhängnisvolle Erbe der Verbrechen des Stalinismus und der bürokratischen Einparteienregime, die Feinde der Selbstorganisation der Arbeiter:innen und des Volkes waren, hat die Fahnen des Sozialismus über mehrere Generationen hinweg befleckt. Aus diesem Grund ist es, wie Daniel Bensaïd seinerzeit feststellte, notwendig, „die Vermischung von Stalinismus und Kommunismus aufzuheben, die Lebenden von der Last der Toten zu befreien und ein neues Kapitel jenseits der Enttäuschungen aufzuschlagen“, um voranzukommen.
Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts und die Frage der Produktivkräfte
In einem Gründungsdokument der MS, in dem sie eine Bilanz der Revolutionen des 20. Jahrhunderts zogen, wiesen die Genoss:innen auf Folgendes hin:
Nun gut, in diesem zweiten revolutionären Zyklus, den man als Glied im historischen Reifungsprozess des Proletariats verstehen muss, gelang es keiner der sozialistischen Revolutionen, eine Zivilisation höherer Ordnung zu vollenden oder die Wirtschaftsform des Kapitalismus zu überwinden. Der Hauptgrund dafür ist die Unreife der sozialen Produktivkräfte. So hatten die private soziale Form der Arbeit und die Organisation der Produktion durch das Wertgesetz ihre historische Gültigkeit noch nicht erschöpft. Infolge dieser historischen Situation sind es nach der Revolution der Staat selbst und die notwendigerweise noch kapitalistisch geprägte wirtschaftliche Dynamik, die schließlich die gesamte internationale kommunistische Bewegung assimilieren und ihre Parteiform vernichten.3
In diesem Absatz werden eine Reihe von Ideen zusammengefasst, auf die es sich lohnt, näher einzugehen. Wir können sie wie folgt zusammenfassen: Erstens: Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben es nicht geschafft, den Sozialismus zu erreichen. Zweitens: der Grund dafür sei die „Unreife der Produktivkräfte“. Und drittens: Der Staat und die Wirtschaft, die noch kapitalistisch waren, haben letztendlich die kommunistische Bewegung vernichtet. Das Dokument definiert drei große „revolutionäre Zyklen“. Der erste reicht von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Pariser Kommune. Der zweite beginnt mit der Russischen Revolution von 1917 und umfasst alle späteren Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Und ein dritter Zyklus, der in der Gegenwart beginnen würde.
Nach dieser Sichtweise gab es einen „grundlegenden objektiven Grund“ dafür, dass im langen zweiten Zyklus „keine der sozialistischen Revolutionen eine Zivilisation höherer Ordnung vollenden konnte“. Die Antwort überrascht ein wenig. Kann man die gesamten Klassenkämpfe im 20. Jahrhundert auf die Vorrangstellung eines Elements wie der „Unreife der Produktivkräfte“ reduzieren? Wo bleibt die aktive Rolle des Klassenkampfs und die Rolle der politischen Strömungen, der Kampf der Strategien? Es ist paradox, dass in einer Bilanz der Revolutionen des 20. Jahrhunderts die Rolle der kommunistischen Bewegung und ihrer strategischen Spaltungen keine Bedeutung hat. Und andererseits: Was bedeutet es, dass „die Unreife der gesellschaftlichen Produktivkräfte“ dazu führte, dass „die sozialistischen Revolutionen in keiner ihrer Varianten eine Zivilisation höherer Ordnung vollendeten“?
Die Debatte über die „Unreife“ oder „Reife“ der Produktivkräfte ist nicht neu. Sie war Teil der zentralen Kontroversen zwischen Marxismus und Revisionismus über die kommende Russische Revolution und nahm im Laufe des 20. Jahrhunderts neue Formen an, wie über den Charakter und die Dynamik von Revolutionen in Ländern an der Peripherie des Kapitalismus. Eine der wichtigsten theoretischen Neuerungen in diesen Debatten lieferte Leo Trotzki mit seiner Theorie der ungleichen und kombinierten Entwicklung, die den Ausgangspunkt der Theorie auf die internationale Ebene verlagerte. Es handelt sich um eine Theorie, auf die sich derzeit viele marxistische Intellektuelle (nicht nur Trotzkist:innen) berufen, um die Komplexität des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zu reflektieren, wie die Phänomene der zunehmenden Internationalisierung der Wertschöpfungsketten und deren Widerspruch zu den Nationalstaaten, die Gegensätze und Widersprüche des chinesischen Kapitalismus oder die Beziehung zwischen imperialistischen Zentren und Peripherie.
Bei der Analyse der Besonderheiten der Entwicklung Russlands wies Trotzki darauf: „Ein rückständiges Land eignet sich die materiellen und geistigen Eroberungen fortgeschrittener Länder an. Das heißt aber nicht, daß es ihnen sklavisch folgt und alle Etappen ihrer Vergangenheit reproduziert.“4 In diesem Punkt polemisierte er offen gegen die mechanistischen und stufenweisen Positionen der Menschewiki, die Marx‘ Ausführungen im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 wörtlich nahmen:
Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.5
Der mechanistische Marxismus von Plechanow konnte die Komplexität der russischen Gesellschaft nicht begreifen. Er stellte den historischen Weg, den die kapitalistischen Staaten im Westen zurückgelegt hatten, und dem Weg, den das russische Volk einschlagen sollte, einfach gleich. Daher beschränkte sich sein Programm auf den Sieg der bürgerlichen Revolution unter der Führung der liberalen Bourgeoisie. Trotzki hingegen analysierte die Besonderheiten des Kapitalismus in Russland, der mehrere Entwicklungsstufen übersprungen hatte und Elemente großer „Rückständigkeit“, wie das Fortbestehen einer breiten ländlichen und bäuerlichen Wirtschaft, mit Elementen höchster „Fortschrittlichkeit“ in Form großer proletarischer Konzentrationen in den Städten verband. Man könnte sagen, dass es in dieser besonderen sozialen Struktur wenig und viel Entwicklung der Produktivkräfte gab, was Leo Trotzki als Ergebnis einer ungleichen und kombinierten Entwicklung definierte.
Seine Theorie ermöglicht es auch, ökonomistische, evolutionäre und reduktionistische Vorstellungen vom historischen Wandel zu überwinden, indem sie versucht, die ungleiche Interaktion zwischen verschiedenen Dimensionen des Ökonomischen, Politischen, Kulturellen und Ideologischen zu erfassen. Insbesondere ermöglicht sie es, alles anzugehen, was mit den Widersprüchen, Diskrepanzen und Heterogenitäten zwischen verschiedenen sozialen, zeitlichen und räumlichen Dimensionen zu tun hat. Dynamiken, die Störungen im Gleichgewicht des Kapitalismus, multiple Krisen und auch abrupte Sprünge mit sich bringen und revolutionäre und konterrevolutionäre Situationen usw. hervorrufen.
Permanente Revolution oder Sozialismus in einem Land?
Glaubten Lenin und Trotzki, dass die Entwicklung der Produktivkräfte in Russland als Ausgangspunkt für den Aufbau des Sozialismus ausreichte? Offensichtlich nicht. Aber dies war nicht etwas, das auf nationaler Ebene gemessen werden konnte, da die russische Wirtschaft auf vielfältige Weise mit dem Weltmarkt verbunden war. Sie war ein schwaches Glied in der kapitalistischen Gesamtheit. Jahre später erinnert Trotzki daran, wie die Kontroverse damals geführt wurde:
„Glauben Sie etwa“, erwiderten mir in den Jahren 1905 bis 1917 dutzende Male die Stalin, Rykow und alle sonstigen Molotows, „daß Rußland für die sozialistische Revolution reif ist?“ Darauf habe ich stets geantwortet: nein, das glaube ich nicht. Aber die Weltwirtschaft als Ganzes und vor allem die europäische Wirtschaft ist für die sozialistische Revolution völlig reif. Ob die Diktatur des Proletariats in Rußland zum Sozialismus führen wird oder nicht, und in welchem Tempo und über welche Etappen, das wird von dem weiteren Schicksal deseuropäischen und des internationalen Kapitalismus abhängen.
Dies waren die Grundzüge der Theorie der permanenten Revolution bei ihrem Entstehen in den ersten Monaten des Jahres 1905.6
Dieser Standpunkt war für ihr Verständnis und ihr Programm von grundlegender Bedeutung, denn nur aus dieser Perspektive der kapitalistischen Gesamtheit konnten die Produktivkräfte als „ausreichend entwickelt“ angesehen werden, um ihre Überwindung in Betracht zu ziehen. Sowohl Lenin als auch Trotzki waren der Ansicht, dass nur der Sieg der Arbeiter:innenklasse im Westen die bürgerliche Restauration nach der Russischen Revolution verhindern könne. Wenn sich die Revolution nicht international ausbreiten würde, stünde sie vor einer Niederlage oder Degeneration. Lenin selbst war sich sicher, dass die Machtübernahme in Russland ohne den Sieg des Proletariats im Westen, in den Ländern mit der stärksten Kapitalkonzentration und technischen Entwicklung, nicht lange Bestand haben würde. Der Sieg der Revolution in Deutschland würde einen beispiellosen Triumph für das Weltproletariat bedeuten, einen ersten Schritt zur Ausweitung der sozialistischen Revolution. Dies war ein zentraler Aspekt der Dynamik der Revolution, die zwar in einem Land beginnen könne, sich aber auf internationaler Ebene entwickeln und nur auf weltweiter Ebene vollendet werden müsse.
Nun wurde diese Dynamik jedoch blockiert. Die große Frage ist, warum. Unserer Ansicht nach hat die Isolation der Revolution in einem Land wie Russland nach den Zerstörungen durch den Bürger:innenkrieg den Weg für die Bürokratisierung des Staates geebnet. Aber wenn es der Druck der sozialen Widersprüche war, der den Weg für die Bürokratisierung ebnete, dann musste die Bürokratie diese Tendenzen aktiv vertiefen, damit die UdSSR bürokratisch degenerierte. Es handelte sich nicht um ein wirtschaftliches Gesetz, das sich automatisch durchsetzte. Erst nach der Niederlage der Revolution in Europa, insbesondere in Deutschland, und der damit einhergehenden Isolierung des revolutionären Russlands, bahnte sich die von Stalin vertretene revisionistische Idee des „Sozialismus in einem Land“ ihren Weg. Darauf folgte sein Vorgehen gegenüber anderen großen revolutionären Prozessen wie in China zwischen 1925 und 1928, wo er die Unterordnung der Kommunistischen Partei Chinas unter die Partei der liberalen Bourgeoisie, die Kuomintang, durchsetzte. Es sei darauf hingewiesen, dass der Stalinismus in diesem Fall die menschewistische Theorie von der „Unreife der Produktivkräfte“ in noch größerem Umfang wiederbelebte, um eine „bürgerlich-demokratische Etappe“ für die Revolutionen in kolonialen oder halbkolonialen Ländern zu begründen.
In der UdSSR festigte sich in diesen Jahren eine bürokratische Kaste, die das System des vergesellschafteten Eigentums ausnutzte und schließlich die Arbeiter:innenklasse politisch enteignete (indem sie die Demokratie in den Sowjets und in der Partei abschaffte). Gleichzeitig stellte die Ausweitung ihrer Interessen auf die übrigen kommunistischen Parteien eine mächtige materielle Kraft dar, die zum Verfall der Dritten Internationale führte. Auf diese Weise wurde der Stalinismus zum Haupthindernis für den Sieg von Revolutionen in anderen Ländern, die es ermöglicht hätten, die Isolation zu überwinden und dem Kampf für das sozialistische Projekt eine neue Grundlage zu geben. Dies ist unserer Meinung nach der zutreffendste Standpunkt, um diese Frage zu betrachten. Die Thesen der Genoss:innen der MS berücksichtigen jedoch diese Dialektik des historischen Prozesses nicht, indem sie versuchen, ihn mit einem begrenzten Axiom zu erklären: „die Unreife der sozialen Produktivkräfte“.
Wir müssen jedoch anerkennen, dass ein neuerer Leitartikel7 einige dieser Aussagen zu „korrigieren“ scheint. Dort heißt es: „Die Niederlage des revolutionären Subjekts des 20. Jahrhunderts ist vollendet, wenn die Türen zur internationalen Revolution geschlossen werden und die bestehende Staatsordnung akzeptiert wird. Wenn akzeptiert wird, dass die notwendigen Bedingungen für den Sozialismus nicht gegeben sind und dass dafür eine Vorstufe erforderlich ist, nämlich die Vertiefung der Demokratie.“ Die Zeitschrift enthält eine Reihe von Überlegungen zu dem, was sie als „den ursprünglichen Verrat des Kommunismus, vertreten durch die Kommunistische Partei im Spanischen Staat“ bezeichnen.
Die Änderung des Blickwinkels gegenüber den ursprünglichen Thesen ist wichtig. Um diese Überlegungen zum „ursprünglichen Verrat“ des Kommunismus zu vertiefen, sind jedoch die bereits erwähnten Debatten über die Rolle des Stalinismus von grundlegender Bedeutung. Und dafür ist es unumgänglich, die umfangreichen Ausführungen des Trotzkismus zu diesem Thema zu berücksichtigen. Wir beziehen uns dabei nicht nur auf die theoretischen und strategischen Beiträge von Leo Trotzki, sondern auch auf viele spätere Ausarbeitungen und politische Kämpfe der Trotzkist:innen in verschiedenen Ländern. In unserem Fall handelt es sich hierbei nicht um eine „identitäre“ Aussage, geschweige denn um eine unkritische Haltung gegenüber dem Trotzkismus der Nachkriegszeit, den wir viel und oft kritisiert haben.8 Vielmehr ist es die Anerkennung der Tatsache, dass der Trotzkismus die einzige Strömung war, die trotz aller Kritik, die man an ihr üben kann, im Laufe des 20. Jahrhunderts wichtige militante Strömungen aufrechterhielt, die sich theoretisch und strategisch gegen den Stalinismus, den reformistischen Aufschwung und die Jahrzehnte der neoliberalen Offensive stellten. Das heißt, der Trotzkismus bewahrte im Kern die Kontinuität mit dem revolutionären Marxismus, die heute so notwendig ist, um das sozialistische Projekt und den Aufbau einer weltweiten Partei der sozialistischen Revolution wieder zu aktualisieren.
Ganz anders als der Maoismus, der sich nicht nur zu einer neuen herrschenden Bürokratie in China entwickelte, die die Perspektive des sozialistischen Aufbaus erstickte, sondern als internationale Strömung auch alle möglichen Politiken der Klassenversöhnung und Koalitionen mit bürgerlichen Sektoren verfolgte, die er als „fortschrittlich“ betrachtete (das Gegenteil von Klassenunabhängigkeit).
Das Paradox der Nachkriegsrevolutionen
Die Genoss:innen der MS weisen zu Recht auf die konterrevolutionäre Rolle der Sozialdemokratie hin. Nun spielten die stalinistischen kommunistischen Parteien seit den 1930er Jahren dieselbe konterrevolutionäre Rolle, nur in viel größerem Umfang. Dies zeigte sich auf tragische Weise während der Zeit der „Dritten Periode“, als sie sich weigerten, eine Einheitsfrontpolitik zu entwickeln, was schließlich den Weg für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland ebnete. Später, während der Zeit der Volksfront, verrieten sie offen revolutionäre Prozesse und trieben Koalitionen mit Teilen der Bourgeoisie in verschiedenen Ländern voran. Ganz zu schweigen von ihrer Politik der Allianzen mit den „demokratischen Imperialismen“ während und nach dem Zweiten Weltkrieg, sowohl im kapitalistischen Zentrum als auch in den Peripherien, wo sie den antiimperialistischen Kampf aufgaben.
Das heißt, die große Blockade des sozialistischen Projekts im 20. Jahrhundert war nicht darauf zurückzuführen, dass „das Wertgesetz seine historische Gültigkeit noch nicht verloren hatte“, wie die Genoss:innen der MS in ihren ursprünglichen Thesen behaupteten. Was geschah, war ein lebhafter Prozess der Konfrontation zwischen Revolution und Konterrevolution, der sich auch im Kampf der Tendenzen innerhalb der kommunistischen Bewegung äußerte und die ganze Welt erschütterte. In der UdSSR wurde die erste siegreiche sozialistische Revolution der Geschichte von einem internen Reaktionsprozess durchzogen, angeführt von der stalinistischen Bürokratie. Sie machte die sowjetische Demokratie zunichte, führte einen regelrechten Bürger:innenkrieg gegen die proletarische Avantgarde durch die blutige Verfolgung der Opposition und blockierte die Dynamik der sozialistischen Umwälzungen, die die ersten Jahre der Revolution geprägt hatten.
In einem in Arteka veröffentlichten Artikel schreibt der Autor XG Ape:
„Sicherlich fragen sich viele Leser an dieser Stelle, warum die demokratische Struktur der Sowjetunion letztendlich zerfallen ist. Diese Frage ist eines der zentralen Themen der Russischen Revolution, und es ist unbedingt notwendig, die sowjetische Erfahrung eingehend zu untersuchen, um angemessene Antworten zu finden und dabei identitäres Denken jeglicher Art zu vermeiden, an die sich die kommunistische Bewegung seit Jahrzehnten gewöhnt hat.“9
Die Frage ist von entscheidender Bedeutung. Als würde die Geschichte heute von Neuem beginnen, vermeidet es der Autor des Artikels jedoch, sich zu den großen strategischen Debatten zu äußern, die in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung geführt wurden, und greift stattdessen auf abstrakte Definitionen zurück und beschwört das Schreckgespenst des „Identitären“. An dieser Stelle scheint es sich eher um die Konstruktion eines Strohmannarguments zu handeln, das eine ernsthafte Debatte verhindert.
In der Nachkriegszeit gewann die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus noch mehr an Bedeutung als zuvor. Die Konferenz von Jalta (Februar 1945) und die Potsdamer Konferenz (August 1945), letztere zwischen Stalin, Churchill und dem amerikanischen Präsidenten Truman, dienten dazu, eine große Vereinbarung zwischen der stalinistischen Bürokratie und dem Imperialismus über die Teilung Deutschlands und die Einrichtung von „Einflusszonen“ zu treffen. Der Stalinismus hielt das Proletariat im kapitalistischen Zentrum in Schach, während er die Revolution in den Peripherien einhegte. Die neuen Arbeiter:innenstaaten in Osteuropa entstanden von Anfang an bürokratisch deformiert. An der kapitalistischen Peripherie entwickelten sich große Revolutionen mit einer starken Basis in der Bauernschaft und dem ländlichen Proletariat, wie in China, Korea, Vietnam oder Kuba, angeführt von Guerilla-Parteien und -Armeen. Diese führten bald zu neuen nationalen Stalinismen, die der Entwicklung von Selbstorganisationsstrukturen der Arbeiter:innen und des Volkes entgegenstanden. Neue Bürokratien, die ihre nationalen Interessen (und nicht die des Weltproletariats) so weit in den Vordergrund stellten, dass sie Kriege zwischen bürokratischen Arbeiter:innenstaaten auslösten, wie im Fall von Vietnam und China. Das heißt, sie blockierten auf vielfältige Weise den Fortschritt zum Kommunismus. Dies war weder „objektiv“ noch durch wirtschaftliche Gesetze „vorherbestimmt“.
Das von Trotzki vorgeschlagene Programm zielte darauf ab, die permanente Dynamik der Revolution als solcher (die Herausforderung, alle Bereiche der Wirtschaft, der Kultur und des Lebens zu revolutionieren) und ihre permanente Dynamik auf internationaler Ebene zu entwickeln. Dazu gehörte auch die Notwendigkeit politischer Revolutionen in den degenerierten Arbeiter:innenstaaten, um die sowjetische Demokratie wiederherzustellen und die Bürokratien zu entmachten. Andernfalls würden diese den Weg für die Wiederherstellung des Kapitalismus ebnen. Eine historische Entscheidung, die zwar unmittelbar nach Kriegsende nicht umgesetzt wurde, sich aber Ende des 20. Jahrhunderts als richtig erwies.
Wir wollen dieses Thema in diesem Artikel nicht erschöpfend behandeln, auch wenn wir hoffen, einige wichtige Elemente zum Verständnis der Dynamik der Revolutionen und Konterrevolutionen im 20. Jahrhundert beigetragen zu haben. Die stalinistischen Bürokratien verwandelten sich in materielle Kräfte, die der internationalen Dynamik der Revolution und ihrer internen Demokratisierung auf der Grundlage von Räten entgegenstanden. Dabei waren eben diese die einzigen Grundlagen, auf denen die sozialistischen Revolutionen beim Aufbau einer „dem Kapitalismus überlegenen Zivilisation“ vorankommen konnte. Daher ist die Debatte zwischen Stalinismus und Trotzkismus weder anekdotisch noch eine Frage der „Identität“ der Vergangenheit. Es handelt sich um grundlegende strategische Lehren aus den großen historischen Prozessen, die das 20. Jahrhundert prägten. In dem Maße, in dem wir uns auf neue revolutionäre Prozesse in der Zukunft vorbereiten, gewinnen diese Lehren zunehmend an Aktualität.
Das sozialistische Projekt kann sich nur erneuern, wenn es sich das Fortschrittlichste aus den theoretischen und strategischen Kämpfen der Arbeiter:innenklasse und der revolutionären Sozialist:innen der Vergangenheit zu eigen macht, damit wir nicht unbewaffnet den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft gegenüberstehen.
Dieser Artikel erschien im spanischen Original am 13.07.2025 in Contrapunto.
Fußnoten
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1.
Zeitschrift Arteka, Nr. 59, verfügbar unter https://gedar.eus/es/arteka/zenbakia/59.
- 2. Die Partido Obrero de Unificación Marxista (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) war eine Marxistische Arbeiter:innenpartei, die mit trotzkistischen, linkskommunistischen und syndikalistischen Ideen sympathisierte. Ihr Anführer Andreu Nin führte während des Spanischen Bürgerkriegs eine Korrespondenz mit Leo Trotzki und die Partei organisierte internationale Brigaden, die im Gegensatz zur moskautreuen KP Spaniens zunächst unabhängig von der Volksfrontregierung gegen den Faschismus kämpften und hierbei vom Stalinismus des Verrats bezichtigt wurden. 1937 beteiligte sich die POUM gemeinsam mit anarchistischen Kräften an den revolutionären Maitagen in Barcelona, daraufhin wurde die Partei verboten und viele ihrer Anführer:innen, unter anderem Nin, vom sowjetischen Geheimdienst gefoltert und ermordet (AdÜ).
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3.
„Neue sozialistische Strategie: Strategische Grundlagen für den internationalen Aufbau des Kommunismus“. In: https://gedar.eus/pdf/ehks/nuevaEstrategiaSocialista.pdf. Dieser Artikel ist Teil der Gründungsthesen der MS. Während sie in ihren Zeitschriften Artikel von verschiedenen Autor:innen veröffentlichen, die unterschiedliche Positionen einnehmen und sich teilweise sogar widersprechen, verstehen wir diese Thesen als Grundlage für ihr politisches Projekt.
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4.
Trotzki, Leo: Geschichte der Russischen Revolution, Bd. 1, Kap. 1. Abgerufen unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b1-kap01.htm.
- 5. MEW: Bd. 13: 7. Berlin (DDR): Dietz.
- 6. Trotzki, Leo: Die Theorie der Permanenten Revolution, Einleitung. Abgerufen unter https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/ltperm01.htm
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7.
La revolución sí es posible („Die Revolution ist möglich“).Abgerufen unter https://gedar.eus/es/arteka/iraultza-posible-da-2025.
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8.
Im Falle unserer internationalen Strömung, der Trotzkistischen Fraktion (FT) haben wir viele kritische Auseinandersetzungen zu diesem Thema entwickelt und mit verschiedenen Tendenzen des Trotzkismus polemisiert, s. z.B. https://www.klassegegenklasse.org/an-den-grenzen-der-burgerlichen-restauration/.
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9.
X. G. Axpe; Disolviendo el estado: varios retos de la Revolución Rusa („Den Staat Auflösen: verschiedene Herausforderungen der Russischen Revolution). Abgerufen unter https://gedar.eus/es/arteka/estatua-disolbatzen-errusiako-iraultzaren-hainbat-erronka