Deutschland

Dank Hartz IV bin ich in Armut aufgewachsen

Jens Spahn behauptet, dass Hartz IV nicht Armut bedeute. Spahn lügt – das ist offensichtlich. Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Wie ist es, Kind einer Hartz-IV-Empfängerin zu sein? Ein Erfahrungsbericht.

Dank Hartz IV bin ich in Armut aufgewachsen

Meine Mutter hat jahrelang in einem Frauenhaus gearbeitet, bis sie den Job aufgeben musste. Ihre Eltern wurden immer schwächer, mussten aber meinen behinderten Onkel versorgen. Außerdem haben mein Bruder und ich sehr unter unserem Vater gelitten. Also war es logisch, mit uns zurück in ihr Heimatdorf zu ziehen – und ihren Job aufzugeben.

Armut ist weiblich

„Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, brauchen Sie keine drei Minijobs“, hat Peter Tauber mal über Armut gesagt. Die Realität sieht anders aus. Meine Mutter hat nicht nur eine abgeschlossene Ausbildung, sondern auch jahrelange Berufserfahrung. Trotzdem hat sie keinen neuen Job gefunden. Oft wurde sie bei religiösen Einrichtungen abgelehnt, da sie geschieden war und man deshalb an ihren sozialen Fähigkeiten zweifeln würde. Nach einiger Zeit kam auch das Argument, sie würde als Arbeitslose nur auf der faulen Haut gelegen haben.

Solche Aussagen sind eine absolute Frechheit und zeigen, dass Reproduktionsarbeit nicht gewürdigt wird – abgesehen davon, dass sie unbezahlt ist. Meine Mutter hat zwei alte Menschen, zwei Kinder und eine behinderte Person versorgt und noch bei anderen Leuten geputzt. Dass sie von Hartz IV leben musste, lag keinesfalls daran, dass sie keine Lust auf Arbeit hatte, sondern dass sie in Reproduktionsarbeit gedrängt wurde.

Ihr Leben hat mir gezeigt, wie Frauen in Armut gedrängt werden. Es entsteht eine Abhängigkeit vom Ehemann – wenn eine Frau sich trennt, kann das ein Aufgeben des Lebensstandards mit sich bringen. Dass Frauen an ihrer Armut schuld sind, wenn sie sich trennen, ist ein lächerliches Vorurteil der bürgerlichen Gesellschaft.

Meine Kindheit

Doch nicht nur ihr Leben war schwer. Auch mein Bruder und ich hatten oft unnötige Probleme. In der Grundschule wurden wir oft von anderen Kindern mit reicheren Eltern gehänselt, weil unsere Kleidung nicht immer neu und schick war. Auch die Kinder der meist kleinbürgerlichen Eltern, bei denen meine Mutter putzte, verhielten sich sehr arrogant.

Als Kind habe ich viel Fußball gespielt und es war schon ein Problem für meine Mutter, mir Fußballschuhe zu kaufen, die länger als eine Saison hielten. Oft gerieten wir bei außerplanmäßigen Ausgaben in Probleme – und bei zwei Kindern, die neue Anziehsachen brauchen oder mal auf Klassenfahrt müssen, kommt das leider sehr häufig vor. Hartz IV ist auf ein Minimum berechnet. Will man am gesellschaftlichen Leben teilhaben oder sich entfalten, braucht man im Kapitalismus Geld.

Auch die Lehrer*innen benachteiligten uns. Eine Lehrerin hat meiner Mutter zur Einschulung meines Bruders auf der Hauptschule gesagt, dass sie nichts von Kindern geschiedener Eltern hält. Es sei kein Wunder, dass sie nur Hartz IV bekomme. Mein Bruder hat es von der Hauptschule auf die Realschule geschafft, aber diese Klassenlehrerin hat ihn wieder zurück auf die Hauptschule gemobbt.

Kein Glück für alle

Zum Glück hat meine Mutter es irgendwann wieder geschafft, einen Job im sozialen Bereich zu finden. Mein Bruder hat es, nach einigen unsinnigen schulischen Umwegen, geschafft, eine Ausbildung außerhalb des Dorfes zu finden. Ich wusste lange nicht wohin mit mir. Mir waren auch meine Stärken nicht wirklich bewusst. Ich habe mich aber politisch organisiert, weil ich begriffen habe, dass ich nicht arm bin, weil meine Mutter oder ich schlechter sind als andere, sondern weil es politische Probleme gibt, die auch politisch bekämpft werden müssen. In einer kommunistischen Organisation habe ich Talent als Designer bewiesen. Mittlerweile studiere jetzt ohne Abitur Kommunikationsdesign, weil ich „eine herausragende künstlerische Begabung“ nachgewiesen habe, obwohl ich in Kunst meist sehr schlechte Noten hatte. Dass ich das machen kann, ist bestenfalls Zufall.

Alle von uns hatten Glück – mein Bruder und ich vielleicht nur deswegen, weil meine Mutter immer zu uns gehalten hat, wenn die Lehrer,*innen, die Arschlöcher vom Jugendamt oder die Eltern von irgendwelchen verprügelten Faschist*innen zu ihr gesagt haben, dass ihre Kinder nur Scheiße bauen würden. Andere Kinder haben leider nicht mal das.

Kinder von Hartz-IV-Empfänger*innen werden, statistisch gesehen, auch häufiger gemobbt. So ist man nicht nur als Kind in Armut gefangen, sondern auch als Erwachsener schafft man es kaum heraus. Viele halten das trotzdem für ein persönliches Versagen.

Die Worte von Jens Spahn sind zynisch. Sie zeigen aber auch klar, wie wenig die bürgerlichen Politiker*innen mit den realen Sorgen der Menschen zu tun haben. Sie haben keine Ahnung, was es heißt, arm zu sein.

PS: Falls du auch in Armut aufgewachsen bist oder gerade arm bist, dann bist du nicht alleine. Es ist nicht deine Schuld, dass du arm bist. Es ist die Schuld der Politiker*innen, die das Interesse der Reichen vertreten, und der Bonzen, die die Arbeiter*innenklasse ausbeuten. Organisier dich politisch dagegen. Komm zu uns. Wir sind die Guten!

One thought on “Dank Hartz IV bin ich in Armut aufgewachsen

  1. Eva Bernardi sagt:

    Gute Beschreibung – das Einzige was mich stört ist das Wort „Job“ – Jobs sind, laut Definition, eben Jobs, also keine richtigen Erwerbsarbeitsplätze – sondern Aushilfsjobs. Unterlasst bitte das Wort Job. Allein schon die Wortwahl ist sehr wichtig! Mit dem Wort Job wird eigentlich suggeriert, dass man keinen richtigen Erwerbsarbeitsplatz oder sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gefunden hat. Und das ist negativ.
    Uns, was ich eigentlich albern finde, ist das Gendern! Das stört nur beim Lesen.

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