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Chefin führt Luxusleben in Dubai – ihre Pflegeazubis bekommen sieben Euro pro Stunde

Ein Arbeitstag als Pflegeazubi macht deutlich, wie schlimm die Situation im profitorientierten Gesundheitswesen ist. Yunus, Auszubildender in der Pflege, berichtet aus Berlin über seine Erfahrung am ersten Arbeitstag in der ambulanten Pflege.

Chefin führt Luxusleben in Dubai – ihre Pflegeazubis bekommen sieben Euro pro Stunde
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„Wir sind keine Pflegekräfte, sondern mittlerweile alles.“ Diesen Satz müssen mittlerweile alle Auszubildenden dieses Berufs hören und selber erleben.

Ich heiße Yunus und bin Pflege-Auszubildender im ersten Lehrjahr bei einer Berliner Klinik. Heute war ich bei meinem ersten Arbeitseinsatz in der ambulanten-häuslichen Pflege in der Wohngemeinschaft, die von einem privaten Unternehmen geführt wird. Als Azubis der großen Kliniken werden wie im Rahmen der Ausbildung zu solchen privaten Kliniken ausgeliehen, die häufig sehr stark unter dem Personalmangel leiden.

Wir verdienen brutto nur sieben Euro pro Stunde und arbeiten in Vollzeit, während Kolleg:innen ohne eine Ausbildung doppelt so viel Geld bekommen wie wir, was immer noch zu wenig für diesen Job ist. Es ist also für diese privaten Unternehmen ein sehr gutes Geschäft, uns Azubis als billige Arbeitskräfte einzusetzen; besser als mehr feste Kolleg:innen einzustellen.

Dieser erste Arbeitstag hat für mich wieder deutlich gemacht, was im Gesundheitssystem verkehrt ist. Mein Einsatz betraf eine Wohngemeinschaft, in der acht Personen leben. Für diese Wohngemeinschaft ist nur eine einzige Fachkraft zuständig, die über keine Vertretung verfügt. Der Rest sind Kolleg:innen ohne eine Ausbildung oder Azubis, die im Schichtdienst arbeiten.

In Gesprächen mit Kolleg:innen hat sich herausgestellt, dass in vergangenen Jahren immer mehr Stellen abgebaut wurde. Viele Beschäftigte gingen auch, weil die Situation nicht auszuhalten war. Dies geht dann zulasten der noch verbleibenden Pfleger:innen, zum Beispiel gab es früher auch Putzkräfte. Heute sind sie nicht mehr dort, weshalb die eine Pflegekraft nun auch noch die Reinigung der Wohnung übernimmt.

Die Belastung war ohnehin schon zu hoch, da auf diese eine Pflegekraft zu viele Tätigkeiten kommen. Sie muss von allen Personen die Körperpflege betreiben, sie morgens beim Aufstehen begleiten, die Medikamente verabreichen, die Dokumentation der verabreichten Medikamente führen, Prophylaxen machen, drei mal am Tag kochen und vieles mehr. Zusätzlich dazu, dass an Personal gespart wird, spart der Arbeitgeber auch noch Kosten daran, dass keine angemessene Dienstkleidung existiert. Es gibt auch keine Personaltoilette, was ein großes Problem für die Hygiene darstellt.

Das Einführungstreffen fand in einer pompösen Villa in Berlin-Zehlendorf statt. Dort erschienen die Führungskräfte in schicken Anzügen. Ich fand heraus, dass die Geschäftsführerin der Firma durch den Personalmangel und die Kostenreduktion sowie die Bezuschussung durch Staat und Krankenkassen so viel Kapital akkumulieren konnte, dass sie sich ein Leben mit ihrer Familie in Dubai leisten kann – und dies sogar, obwohl die Firma verhältnismäßig klein ist, mit nur sechs Wohneinheiten und etwa 100 Pflegebedürftigen Personen.

Besonders Azubis wie ich werden als super billige Arbeitskräfte eingesetzt, um den Personalmangel zu decken und dem Boss und der Führungsetage ein luxuriöses Leben zu ermöglichen. Die Lage ist katastrophal und eine Veränderung ist nur dann möglich, wenn wir uns organisieren. Alle Pflegeeinrichtungen sollten verstaatlicht werden mit einem absoluten Profitverbot und vollständiger Kostenübernahme seitens des Bundes.

Ebenfalls müssen die Löhne drastisch erhöht werden, damit viele Kolleg:innen, die aus dem Job ausgestiegen sind, in den Job zurückkehren. Dazu gehört auch, dass die Auszubildende mindestens so viel verdienen sollen, wie Kolleg:innen, die ohne eine Ausbildung arbeiten. Das würde dazu führen, dass viele Kolleg:innen ohne Ausbildung ohne Lohnausfälle die dreijährige Ausbildung machen können. Ein Kollege etwa, der mit seiner Partnerin ein Kind erwartet, würde gerne die Ausbildung machen, jedoch reichen die 900 Euro netto nicht mal aus, die Miete zu zahlen.

In diesem Zusammenhang wird die kommende Tarifrunde im Januar 2023 (TVöD) besonders wichtig sein, bei welcher vor allem Kolleg:innen aus den Krankenhäusern für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen streiken werden. In diese Verhandlungsrunden werden wir zunächst mit einer Lohnforderung reingehen, die höher ist als die Inflation, wie etwa 15 Prozent mindestens.

Als Azubis sollten wir während der Tarifrunde und Streiks, eigene Aktionen machen, um auf unsere Ausbildungsbedingungen aufmerksam zu machen und eigene Forderungen aufstellen, wie höhere Vergütung oder, dass viel mehr Geld in Ausbildungsbetriebe investiert wird. Es ist nämlich so, dass fast nur jede:r dritte Bewerber:in eine Ausbildung aufnimmt, da zu wenig Ausbildungsplätze existieren.

Man sollte sich dann nicht wundern, dass der Nachwuchs nicht ausreicht, wenn man jedes Jahr mehrere hundert Menschen daran hinter den Beruf aufzunehmen, die sich trotz der schlechten Arbeitsbedingungen bewerben.

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