Frauen und LGBTI*

Brot und Rosen spricht beim Schwarzen Freitag

Am letztem Freitag, dem 13. Dezember, ging es um schlechte Arbeitsbedingungen und Unionbusting im Einzelhandel. Die sozialistisch-feministische Gruppe Brot und Rosen hielt anlässlich der Aktion eine Rede gegen den "Feminismus" der großen Modelabels, die ihre Profite auf dem Rücken unzähliger Arbeiterinnen einfahren.

Brot und Rosen spricht beim Schwarzen Freitag

An jedem Fre­itag, den 13., organ­isiert der Vere­in Arbeit­sun­recht eine Aktion gegen bes­timmte Unternehmen, die sich durch beson­ders schlechte Arbeits­be­din­gun­gen ausze­ich­nen. Der Vere­in nen­nt diese Aktion “Schwarz­er Fre­itag”. Im Dezem­ber ging es gegen den Einzel­han­del. In Berlin fand eine Demon­stra­tion über den Ku‘damm statt, bei der die Bedin­gun­gen in ver­schiede­nen Läden angeprangert wur­den. Die sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­che Gruppe Brot und Rosen war dabei und hielt fol­gende Rede.

Wir haben ein­mal im Online-Shop nachgeschaut. Bei H&M kann man derzeit einen Pul­li mit der Auf­schrift “female equals future” kaufen. Fir­men wie Nike wer­den gefeiert, wenn sie schein­bar fem­i­nis­tis­che Wer­bekam­pag­nen und ‑spots entwer­fen. Wie grotesk das ist, drückt Mar­garete Stokows­ki gut aus: „“Feminism”-Shirts, die zu einem Stun­den­lohn von 17 Cent genäht sind, von Arbei­t­erin­nen oder Arbeit­ern, die keine Kranken- oder Sozialver­sicherung und keine Vere­ini­gung haben, sind so sinn­los und zynisch wie in Zwangsar­beit genähte Flaggen, auf denen “Frei­heit” ste­ht.“

Hierzu­lande ste­hen alle großen Marken — von Nike über Adi­das und New Bal­ance — und soge­nan­nte Fast-Fash­ion-Fir­men wie H&M, Zara und C&A für prekäre Arbeit, Aus­beu­tung, Gew­erkschafts­feindlichkeit und Sex­is­mus am Arbeit­splatz. Das wer­den wir heute immer wieder sehen. Da im Einzel­han­del ca. 70 Prozent der Beschäftigten Frauen sind ist die Arbeitssi­t­u­a­tion im Einzel­han­del ein unmit­tel­bares The­ma fem­i­nis­tis­ch­er Kämpfe. Kon­sum wann immer gewün­scht — der Einzel­han­del macht es möglich. Zu Las­ten der Angestell­ten, die immer öfter in Teilzeit, mit Niedriglöh­nen, in ultra­flex­i­blen Schicht­sys­te­men, und mit befris­teten Verträ­gen oder in Lei­har­beit arbeit­en.1 Die geleis­teten Über­stun­den im Einzel­han­del umfassten so viel wie die Arbeit von rund 50.000 Vol­lzeit-Stellen, wovon knapp ein Drit­tel unbezahlt ist. Es wird deut­lich, dass eine gesicherte Arbeit im Einzel­han­del keine Pri­or­ität hat. Das hohe Maß an gefordert­er Flex­i­bil­ität ist vor allem für Müt­ter schw­er zu erfüllen.

Dabei begin­nt die Kette der Gewalt bere­its in der Rohstoff­pro­duk­tion. Die Rodung von Urwäldern, enorme Wasserver­schmutzung, Wasserver­brauch und dadurch Wasserk­nap­pheit, mas­sive gesund­heitliche Schä­den — das sind für die Men­schen in der Nähe der Ver­ar­beitungsan­la­gen die bru­tal­en Neben­ef­fek­te der Tex­tilin­dus­trie als Ganzes. Um eine einzige neue Jacke herzustellen, wie sie in diesen Geschäften neu zu kaufen ist, wird so viel Wass­er benutzt wie ein Men­sch in 24 Jahren als Trinkwass­er trinken würde. Im Jahr 2016 verur­sachte die Tex­til­pro­duk­tion mehr Treib­haus­gase als inter­na­tionale Flüge und die Seefahrt des gesamten Jahres zusam­men. Und auch das schwarze Gold Öl ist heute in fast allen unseren Tex­tilien, wie in Poly­ester und Nylon, zu find­en.

In den Län­dern, in denen die Klei­dung dann bil­lig pro­duziert wird, wie z.B. in Kam­bod­scha, Banglade­sch, der Türkei oder Indi­en, geschieht dies zu dem Preis unhalt­bar­er Arbeits­be­din­gun­gen: Eine aktuelle Studie zeigt, dass nur zwei von 45 Mode­un­ternehmen den Textilarbeiter*innen Löhne, die zum Leben reichen, zahlen. In ein­er Fab­rik in Bul­gar­ien, die für H&M pro­duziert, ver­di­enen die Arbei­t­erin­nen nur ein Zehn­tel dessen, was sie zum Leben brauchen. Deshalb müssen die Arbei­t­erin­nen im Schnitt 44 Über­stun­den pro Woche leis­ten, um irgend­wie über die Run­den zu kom­men – und selb­st dann kom­men nur 259 Euro im Monat raus, was klar unter­halb der Armutsgren­ze liegt. Dazu kom­men unsichere Arbeits­be­din­gun­gen. Diese wer­den immer wieder durch Unfälle, die von den Fab­rik­be­treiben­den durch min­i­male Sicher­heits­maß­nah­men ver­hin­dert wer­den kön­nten, und bei denen oft viele Men­schen ster­ben, sicht­bar. Eine Arbei­t­erin, die Klei­dung für H&M in Indi­en pro­duziert, berichtet, dass sie durch die hohe Luft­feuchtigkeit in der Fab­rik, öfters ohn­mächtig wird, ein­mal ist sie dabei gegen eine Mas­chine gestoßen und erlitt innere Blu­tun­gen.

Auch sex­u­al­isierte Gewalt von Vorar­beit­ern und Bossen und die Ein­schüchterung und Ver­hin­derung von jeglich­er Organ­isierung gehören über­all dazu. Und zwar nicht nur für bil­lige Marken: Die gesamte Tex­tilin­dus­trie macht so ihre Gewinne.

Viele Men­schen wis­sen um diese Bedin­gun­gen. Deshalb wer­den immer wieder auch Vor­würfe gegen Men­schen laut, die in Läden wie Zara, H&M und Pri­mark einkaufen. “Ich kaufe nur noch fair” kön­nte es dieses Jahr vielle­icht auf Platz 1 der Neu­jahrsvorsätze schaf­fen – vor allem da Teile der ökol­o­gis­chen Bewe­gung genau dies fordern: indi­vidu­elle Kon­sumkri­tik und Kon­sumverzicht. Dieser Vor­wurf ver­gisst jedoch einen wichti­gen Punkt: Es kön­nen sich nicht alle leis­ten, sich ein 50€ bio/fairtrade Shirt zu kaufen. Der Vor­wurf an die Konsument*innen richtet sich am Ende gegen genau­so prekäre Men­schen, die nicht genug Geld am Ende des Monats haben, um woan­ders einkaufen zu gehen. So leicht ist es also nicht. Indi­vidu­elle Kon­sumkri­tik hal­ten wir für falsch und schädlich für die Sol­i­dar­ität aller Aus­ge­beuteter und Unter­drück­ter. Wir wollen keine Nis­chen, in denen anders kon­sum­iert wird, während der Großteil der Welt immer noch im Dien­ste der Prof­ite der Indus­trie Men­schen und Umwelt zer­stört. Wir glauben auch nicht, dass ange­blich faire und biol­o­gis­che Pro­duk­te wirk­lich bessere Arbeits­be­din­gun­gen für alle beteiligten bedeuten. Als sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­che Grup­pierung von Frauen und Queers wen­den wir uns nicht gegen die Unter­drück­ten, son­dern gegen die Herrschen­den, diejeni­gen die Mil­liar­den hier­mit machen: die Unternehmen, die Ket­ten, die Großkonz­erne.

Die Mod­eket­ten aus Europa und den USA erwirtschaften also ihren Prof­it auf dem Rück­en der Arbeiter*innen in den Län­dern, in denen zu Hunger­löh­nen pro­duziert wird. Sie erwirtschaften ihn eben­so wie auf dem Rück­en der Beschäftigten, die hier zu aus­beu­ter­ischen Bedin­gun­gen die Pro­duk­te verkaufen, und das unter einem Kli­ma welch­es beson­ders für Frauen härtere Arbeits­be­din­gun­gen bedeutet. Sich hier gegen diese Unternehmen zu wehren, bedeutet für uns deshalb auch, prak­tis­che Sol­i­dar­ität mit den Arbeiter*innen in anderen Län­dern, in der Rohstoff­pro­duk­tion, in der Ver­ar­beitung und im Trans­port, zu leis­ten.

Das ist es, was für uns unseren Fem­i­nis­mus aus­macht: Denn anders als für H&M ist „female equals future“ für uns nicht ein­fach nur ein Werbeslo­gan, der nichts mit der Real­ität zu tun hat. In Chile, Ecuador, Frankre­ich, im Sudan, im Irak, im Iran – über­all kämpfen Frauen heute in der ersten Rei­he für die Zukun­ft. Aber das sind nicht irgendwelche Frauen: Es sind Arbei­t­erin­nen, Bäuerin­nen, indi­gene Frauen, arme Frauen. Und sie kämpfen nicht für irgen­deine Zukun­ft, son­dern für eine andere Zukun­ft, in der unser Leben mehr wert ist als die Prof­ite der Bosse — egal welchen Geschlechts.

Auch im Jahr 1912 kämpften Frauen im Herzen der kap­i­tal­is­tis­chen Indus­triezen­tren: Tausende Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen set­zten sich in Mass­a­chu­setts, den USA, gegen Lohnkürzun­gen und für ein besseres Leben ein. Sie drück­ten dies in ihrer Parole „Für Brot und Rosen“ aus. Die meis­ten von ihnen waren Frauen, die aus mehr als 25 Natio­nen einge­wan­dert waren. Ohne vorherige gew­erkschaftliche Erfahrung trat­en sie in den unbe­fris­teten Streik. Sie organ­isierten sich demokratisch in Ver­samm­lun­gen, organ­isierten auch eine gemein­schaftliche Kinder­be­treu­ung während des Streiks und set­zten sich gegen die bru­tale Repres­sion durch die Polizei durch. Hier­durch gewan­nen sie so viel Sym­pa­thien in der Bevölkerung, dass sie schließlich ihre Forderun­gen durch­set­zten.

Heute schließen wir uns diesen muti­gen Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen an. Lasst uns die Kämpfe der Frauen und queeren Men­schen in der ganzen Welt ver­stärken, indem wir hier in Deutsch­land gegen die Bosse kämpfen, die Aus­beu­tung und Elend in die ganze Welt exportieren und für uns hier nur Stress und prekäre Bedin­gun­gen bere­i­thal­ten. Lasst uns uns organ­isieren, den Kampf für unsere Forderun­gen in unsere eige­nen Hände nehmen, miteinan­der sol­i­darisch sein und gemein­sam für Brot und für Rosen kämpfen!“

1 In der Erhe­bung Arbeits­be­din­gun­gen im Einzel­han­del vom Som­mer diesen Jahres wurde deut­lich, dass immer mehr Men­schen im Einzel­han­del tätig sind, wobei die Teilzeitquote steigt. Die Aus­dehnung der Öff­nungzeit­en führt dazu, dass die Arbeit­szeit von Öff­nung bis Schließung eines Geschäftes nicht mehr mit ein­er Schicht abgedeckt wer­den kann, wodurch ein erhöhter Bedarf an Teilzeitkräften entste­ht. Die Erhe­bung zeigt außer­dem, dass Befris­tun­gen deut­lich stiegen, Lei­har­beit sog­ar um knapp 75%. Auch weist die Erhe­bung darauf hin, dass faire Löhne fehlen: Gut ein Drit­tel der Arbeiter*innen im Einzel­han­del beziehen Niedriglöhne und die Tar­if­bindung sinkt weit­er wie schon in den Jahren davor. Hinzu kom­men Geschicht­en wie die der Aufhe­bungsverträge von Zara — der Spiegel berichtete im Jahr 2017 darüber, dass Zara Arbeiter*innen, die der geforderten größt­möglichen Ver­füg­barkeit (auch abends und am Woch­enende) nicht mehr gerecht wer­den kon­nten, Aufhe­bungsverträge anbot []. Das hohe Maß an gefordert­er Flex­i­bil­ität ist dabei vor allem für Müt­ter schw­er zu erfüllen, weshalb die Aufhe­bungsverträge sie beson­ders unter Druck set­zten. Aufhe­bungsve­trag bedeutete in diesem Fall, eine Abfind­ung zu zahlen, um die ‘unerwünschten/unpassenden’ Mitarbeiter*innen ‘loszuw­er­den’. Wer also diese aus­beu­ter­ische Logik nicht bedi­enen kann, wird nicht gebraucht.

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