Unsere Klasse

Brief an einen Freund: Für eine kämpferische Gewerkschaft!

In diesem Gastbeitrag drückt ein kämpferischer Kollege, der anonym bleiben möchte, seinen Unmut darüber aus, wie die Gewerkschaften in diesem Land häufig funktionieren. Er, das "Gewissen", schlägt eine kämpferische, alternative Gewerkschaftspolitik vor.

Brief an einen Freund: Für eine kämpferische Gewerkschaft!

Liebe Gewerkschaft,

ich wende mich in diesem Brief an dich, als Einzelperson.

Vermutlich bist du völlig konsterniert über die Aufsässigkeit an deiner Basis. Wunder dich bitte nicht darüber, ich erkläre es dir.

Seit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze und somit dem Verlust der gesellschaftspolitischen Konkurrenz beobachten wir den Sozialabbau in diesem Land. Mit der Agenda 2010 wurde dafür sogar Mach 3 erreicht. In allen öffentlichen Bereichen dieses Landes wurde drastisch und gefährlich verantwortungslos gespart… und du hast mit deinen bisherigen Methoden vieles nicht verhindern können… Die Folge davon ist, dass zum Beispiel Polizist*innen kaum noch schützen, Lehrer*innen kaum noch lehren und Krankenschwestern kaum noch den zwischenmenschlichen Anspruch ihres Berufes erfüllen können. Vielleicht bin ich jetzt ungerecht, aber zumindest war dein Protest sehr verhalten.

Natürlich ist es nervig, dass ich immer nur auf deiner fehlenden Entschlossenheit herumreite, aber sie ist der Ursprung des Dilemmas und du hast aus den Fehlern scheinbar nichts gelernt.

Du glaubst immer noch, der soziale Frieden in diesem Land wäre nicht gestört und ein heiliges Gut. Sozialer Frieden wäre ein heiliges Gut, wenn beide Seiten einen gleichberechtigten Nutzen daraus ziehen könnten. In deinen bundesweiten Tarifverhandlungen, ist nichts mehr wirklich erkämpft. Du lässt den Kampf deiner Basis nicht hundertprozentig zu, um einen Solidarpakt zu schützen, den es schon eine Weile nicht mehr gibt. Für kleine Zugeständnisse seitens des Kapitals, gibst du viel zu viel hart erkämpfte Errungenschaften preis. Angeblich musst du Kompromisse machen, Verhandlungen wären eben so.

Nein, du stehst immer noch für die Mehrheit in diesem Land, wenn es um die Themen Arbeit, Löhne und Rahmenbedingungen dazu geht. Du bist durch deine Basis stärker, als du zu glauben scheinst. Stattdessen gibst du oft kampflos auf, verschleppst ernste Auseinandersetzungen und demoralisierst deine eigenen entschlossenen Kampfgruppen.

Du gibst sogar dein vom Grundgesetz (Artikel 9 Abs.3 und Artikel 2 Abs.1) garantiertes uneingeschränktes gewerkschaftliches Streikrecht preis, indem du nur halbherzig „Du, du“ sagst, wenn deine Gegner bestehende Flächentarifverträge einfach durch Ausgliederungen unterminieren. Danach willst du dort neue Tarifverträge verhandeln. Wobei der logische Menschenverstand dir schon sagen müsste, dass durch Gesetze behindert, die kleine Gruppe, die es betrifft meist nur noch Mist unterschreiben kann.

Dabei jammerst du auch noch herum, dass du nicht an ihre Durchsetzungskraft glaubst… die du mit untergraben hast und mit solchen Äußerungen weiterhin zu Boden reißt.

Wenn dann doch einmal jemand aufsteht und versucht, die Umkehr aus der verfluchten Agendapolitik zu erkämpfen, heulst du eher mit denen, die versuchen die Rechte deiner Mitglieder zu beschneiden sowie finanziell zu bestehlen. Nimm das Thema auf, diskutiere konstruktiv, zieh nicht gleich beim ersten juristischen Gebell den Schwanz ein, stell dich hinter sie und kämpfe mit ihnen, für sie.

Es geht hier um das, was dich ausmacht. Um deine Fahne, um dein Zepter und um deinen Bundesapfel.

Die „Erfolge“ deiner Politik kannst du sogar an deinem eigenen Körper spüren! Es fehlt überall innerhalb der Klasse, die du vertreten sollst auf Grund deiner Taten an Vertrauen in deine Person. Demzufolge hast du einen Schwund an Mitgliedern, einen Schwund an finanziellen Mitteln und einen Schwund an Stammpersonal zu verzeichnen. (Die du mittlerweile genau so personell verbrennst, wie es deine Gegner mit ihren Arbeitnehmer*innen tun.) Wenn du so weiter machst, prophezeie ich dir deine Selbstabwicklung bis zur Bedeutungslosigkeit… oder sind wir da schon angekommen?

Du fragst dich, wieso haben meine Gewerkschaftssekretär*innen an der Basis das nicht im Griff? Sie stehen genau an der Frontlinie dieses Konfliktes. Deine Mitglieder nehmen den Raubbau an ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrer Sicherheit, etc. und ihrer Gewerkschaft nicht mehr hin. Sie nehmen ihr satzungsmäßiges Recht wahr und bestimmen aktiv mit. Deine hauptamtlichen Mädels und Jungs kurz über der Basis können, dürfen und wollen sie nicht daran hindern.

Du bist geboren worden, um Interessen von Arbeitnehmer*innen zu vertreten. Nirgendwo kann ich lesen, dass du ein Vermittler zwischen den Klassen sein musst. Wenn du sagen lässt, dass wir in Berlin der rot-rot-grünen Regierung während ihrer Amtszeit helfen müssen, erfolgreich zu sein… trifft das auf mein persönliches Unverständnis. Der Senat ist für seinen Erfolg selbst zuständig, wie jeder einzelne für seinen persönlichen Erfolg verantwortlich ist. Erreichen kann er das mit dem uneingeschränkten Einhalten und zügigem Durchsetzen seiner im Koalitionsvertrag gemachten vagen Versprechungen. Dafür wurde er gewählt. Achte mehr auf dich selbst als auf die! Deine Konstitution ist viel angeschlagener als deren. Finde deine Wurzeln und Ursprünge wieder.

Die Gesetzesänderungen von Frau Nahles könnten vielleicht ein Zeichen sein, Missstände in diesem Land zu korrigieren. Sind sie aber nicht. Am Tarifeinheitsgesetz kann man deutlich sehen, wessen Interessen sie vertritt. Herr Schulz bekommt gerade viel zu viel Vorschusslorbeeren… doch er wird sich an seinen Taten messen lassen müssen.

Am rechten Rand der Gesellschaft hat sich eine furchtbar braune Wolke gebildet, die eben nicht nur Idioten aufsaugt, sondern alle, die unzufrieden sind, die nicht erkennen können, warum das so ist und kein vernünftiges Forum finden. Man kann streiten, wo dann dabei der Idiotismus beginnt, wenn man jemanden hinterher rennt, der nur Stammtischparolen im Parteiprogramm stehen hat.

Aber lass uns für diese Irregeführten ein Forum sein! Die hoffnungslosen braunen Idioten bleiben aber bitte weiterhin draußen!

Du bist mein Forum und ich bin froh, dass ich dich gefunden habe, hör bitte auf es kaputt zu machen.

Das sind alles einfache, aber auch deutliche Worte. An deiner Aufgabe ist nichts kompliziert. Kompliziert wurde es erst ab dem Zeitpunkt, als du in den oben genannten Interessenkonflikt kamst und stecken bliebst.

Als dein Freund, fühle ich mich berechtigt, sogar verpflichtet, dir den Spiegel vors Gesicht zu halten. Ich brauche dich, wir brauchen uns! Wenn ich bemerken würde, dass du wieder uneingeschränkt für mich und meine Interessen eintrittst, dann habe ich sicher auch die Zeit und Kraft, dir wieder konstruktiv zuzuhören und aus deinen unbestrittenen Erfahrungen zu lernen. Nimm meine in dieser Aussage versteckte Hand, schlag ein und zieh mit mir los… aber verkauf mich bitte nicht weiter.

Dein Freund, das Gewissen

Zuerst erschienen bei sozialismus.info.

2 thoughts on “Brief an einen Freund: Für eine kämpferische Gewerkschaft!

  1. Becker sagt:

    Genau meine Rede. Will Auch kämpfen.

  2. Buswolf sagt:

    Kämpferische Gewerkschaften
    ist ein aus den früheren Jahren entstandener Begriff, als sich die Gewerkschaften generell der Sozialpartnerschaft mit den jeweiligen Regierungen bzw. Betriebsvorständen, um des Betriebsfriedenswillens eingelassen haben. Heißt im Klartext, Vorrang haben wirtschaftliche Ziele des Betriebes. Seit dieser Zeit ist in allen Gewerkschaften diese Entwicklung zu beobachten. Im Einzelnen kann man davon ausgehen, dass dies auch zur Rückläufigkeit der Mitgliederentwicklung beigetragen hat. Von kämpferisch kann jedoch keine Rede sein, bei folgendem: „ Fristgerecht hat der Kommunale Arbeitgeberverband Berlin (KAV Berlin) ein Angebot für eine lineare Tarifsteigerung von 2,5% übermittelt.“ Oder: „Folgendes Angebot der Arbeitgeberseite liegt der Tarifkommission zur Abstimmung vor:“
    Ver.di bezeichnet das vom Vorstand der BVG gemachte Angebot als einen „fairen Kompromiss,“
    Ich dachte immer, ein Kompromiss ist eine Friedenspfeife zu einer Forderung und einem Arbeitgeberangebot!!
    Dies hat selbstredend nicht das Geringste mit dem Namen „kämpferisch“ zu tun. Zum Synonyme kämpferisch mal einige Beschreibungen aus dem Duden: beherzt, herausfordernd, konfliktbereit, konfliktfähig, kühn, wagemutig
    All das sind Begriffe, die in der Gewerkschaft Ver.di teilweise weggekommen sind.

    Ein anderes Beispiel zeigt den Beginn einer Konfliktorientierung: „Vor Beginn der Verhandlungen demonstrierte eine große Anzahl Beschäftigter vor dem Tagungsort in Potsdam für ihre Forderungen. ….. , dass die Gewerkschaften in der zweiten Verhandlungsrunde ein konkretes Forderungspapier überreichen werden.“
    Forderungen müssen so im Vorfeld einer jeden Tarifsache von allen Beschäftigten eingebracht werden. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn das Stellvertreterdenken in der Belegschaft abhandenkommt. Nach dem Motto: „Tu es doch selbst“.
    Der Buswolf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.