Unsere Klasse

„Beschränkt den Arbeitskampf nicht auf den Betrieb“

Prekär Beschäftigte des Botanischen Gartens Berlin haben Tarifvertrag erkämpft. Wladek Flakin sprach mit Ronald Tamm, Arbeiter in einem Tochterunternehmen des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin-Dahlem. Er ist Mitglied der dortigen ver.di-Betriebsgruppe.

Nach 35 Monaten Arbeitskampf habt ihr einen Tarifvertrag erstritten. Vergangenen Donnerstag hat das Unternehmen unterschrieben. Wie fühlt sich das an?

Erstmal ein wenig unwirklich. Zuviel wurde in den vergangenen Jahren getan, um die Arbeiter*innen zu verunsichern. Aber jetzt machen wir einen großen Schritt in Richtung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Nach Jahren des Lohndumpings ist es ein gutes Gefühl, nicht ständig nachrechnen zu müssen, ob ich diesen Monat zum Jobcenter gehen muss, um aufzustocken. Für mich als Familienvater bedeutet es auch, dass ich jetzt Urlaub mit meinen zwei Kindern machen kann.

Was bringt der Tarifvertrag?

In der Tochterfirma haben wir bis zu 40 Prozent weniger verdient als die Kolleg*innen, die direkt beim Garten eingestellt sind. Unsere Löhne werden jetzt auf 80 Prozent des Tarifniveaus erhöht. Und bis 2019 sollen wir 100 Prozent bekommen. Das Wichtigste ist diese Lohnerhöhung – auch wenn das etwas unromantisch klingt. Unsere Löhne waren so niedrig, dass wir nun endlich angestaute finanzielle Dinge erledigen können. Aber es ist nicht nur ein materieller Erfolg. Während des Arbeitskampfes haben wir uns auch verändert. Im Garten sind 145 Beschäftigte, aber die verteilen sich über 43 Hektar. Bei den Streiks sind wir sehr zusammengerückt.

Die „Betriebsgesellschaft“ am Botanischen Garten, die zur Tarifflucht gegründet wurde, ist kein Einzelfall. Viele Berliner Landesunternehmen, z. B. auch die Krankenhäuser, nutzen solche Konstruktionen. Wie habt ihr es geschafft, Tariflöhne zu erkämpfen?

Allein war es nicht möglich. Wir bekamen viel Solidarität von Unterstützer*innen. Zum Beispiel vom gewerkschaftlichen Aktionsausschuss „Keine prekäre Arbeit und tariffreie Bereiche im Verantwortungsbereich des Landes Berlin“ oder von der „Berliner Aktion gegen Arbeitgeberunrecht“.

Der Garten gehört zur Freien Universität, und der Personalrat und die Studierendenvertretung dort haben uns unterstützt. Viele Kolleg*innen haben bei jedem Wetter mit uns demonstriert und das Land Berlin an seine Verantwortung erinnert. Die Öffentlichkeit haben wir immer eingebunden. Bei großen Events im Garten haben wir immer Tausende Flyer verteilt. Manche Unterstützer*innen haben diese Events auch mit Protesten gestört. Und auch die Gewerkschaft hat sich mit aller Kraft eingesetzt.

Heutzutage werden Belegschaften aufgesplittet und Gewerkschaften geschwächt. Es gibt eine regelrechte Industrie, die darauf spezialisiert ist, gewerkschaftliche Arbeit zu verhindern. „Union Busting“ nennt sich das. Und dagegen reichen nicht nur normale gewerkschaftliche Aktionen. Wir brauchen auch einen breit angelegten Unterstützer*innenkreis.

Die Gegenseite hat euch vorgeworfen, einen „besonders nervigen“ Arbeitskampf zu führen. Kannst du ein Beispiel nennen, das für solche Einschätzungen gesorgt hat?

Wir hatten besondere Freude daran, Politiker*innen auf Veranstaltungen aufzusuchen und uns zu Wort zu melden. Wir wollten niemand nerven. Aber es kann sein, dass einige Verantwortliche im Unternehmen sich entsprechend fühlten, weil wir nicht aufgehört haben, für unsere Rechte zu kämpfen. Wir haben auf jeden Angriff möglichst schnell reagiert. Wir waren ganz oft im Kuratorium der Freien Universität oder auf Protesten vor Parteitagen der SPD. Und wir haben andere Tochterunternehmen des Landes Berlin besucht. Schnelle Kommunikation und Vernetzung waren der Schlüssel.

Wie sah die Solidarität aus?

Sogar aus Mexiko kamen Unterstützungsbotschaften. Und Studierende der Freien Universität waren immer dabei – mit der Zeit ist auch Freundschaft entstanden, die auch in Zukunft gegenseitige Solidarität bedeuten wird. Denn man weiß nie, was morgen noch kommt.

Was würdest du anderen Beschäftigten raten, die gerade ebenfalls für „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ kämpfen?

An einem Tochterunternehmen der Charité laufen derzeit harte Angriffe auf gewerkschaftlich aktive Kolleg*innen. Aber ich bin mir sicher, dass die Berliner*innen sich auf die Seite der Kolleg*innen stellen werden. Denn diese Methoden machen einfach krank. Also mein Rat wäre: Vernetzt euch und beschränkt den Arbeitskampf nicht auf den Betrieb.

Dieser Artikel in der jungen Welt

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