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Beschäftigte in der Nahrungsmittelbranche fordern Angleichung von Ost und West

Am 9. Juni folgten 450 Beschäftigte der Nahrungsmittelbranche in Mecklenburg-Vorpommern einem Aufruf der Gewerkschaft Nahrungsmittel-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie fordern mehr als die üblichen 7% Lohnsteigerung auf 2 Jahre verteilt. Ihnen geht es um nichts weniger als die längst überfällige Lohnanpassung an ihre Kolleg*innen in Westdeutschland. Ein Gastbeitrag von Robert Müller.

Beschäftigte in der Nahrungsmittelbranche fordern Angleichung von Ost und West

Ursprünglich soll­ten es 1.500 Beschäftigte wer­den. Laut Presse­bericht­en fol­gten aber nur weniger als ein Drit­tel dem Aufruf. Dafür waren die Forderun­gen umso knack­iger. Auch der Warn­streik beein­druck­te: Ganze acht Stun­den blieben die Arbeiter*innen von ihren Arbeit­splätzen fern. Üblich sind zwei Stun­den.

In den Obst- und Gemü­sev­er­ar­bei­t­en­den Fir­men in Meck­len­burg-Vor­pom­mern arbeit­en 1.900 Beschäftigte. Jede*r von ihnen erwirtschaftete durch­schnit­tlich 286.690 Euro, gut 30.000 Euro mehr als im Bun­dess­chnitt. In den let­zten Jahren haben sich im Nor­dosten namen­hafte Unternehmen der Lebens­mit­tel-Branche ange­siedelt. Neben Nestlé und Dr. Oetk­er haben sich auch der Essig- und Feinkos­ther­steller Carl Kühne, sowie die Ems­land-Stärke-Gruppe in Meck­len­burg-Vor­pom­mern niederge­lassen. Diese pro­duzieren Tiefkühlpiz­za, Kaf­feekapseln und Kartof­felpür­ree. Laut NGG-Geschäfts­führer Jörg Dahms habe in Meck­len­burg-Vor­pom­mern die „Crème de la Crème der Ernährungswirtschaft“ neue Pro­duk­tion­s­stan­dorte eröffnet.

Grund dafür ist das niedrige Lohn­niveau. Bis zu 350 Euro weniger erhal­ten die Beschäfti­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern gegenüber ihren Kolleg*innen in Ham­burg und Schleswig-Hol­stein. Grund genug für die NGG, eine Lohn­er­höhung von 27 Prozent in vier Jahren zu fordern. Ein Ange­bot des Arbeit­ge­berver­ban­des Nordernährung hat­te die NGG bere­its abgelehnt. Dieses bein­hal­tete eine Lohn­er­höhung von sieben Prozent für knapp zwei Jahre. Ähn­liche Ange­bote hat­ten Frank Bsirske im Öffentlichen Dienst und die IG Met­all bere­itwillig angenom­men und als Erfolg gefeiert. Nun dro­ht der Arbeit­erge­berver­band, die Forderun­gen der NGG wür­den die beste­hen­den Arbeit­splätze gefährden. Das ist natür­lich Unsinn. Nicht die Gew­erkschaft entlässt Beschäftigte trotz guter Gewinne für die Unternehmen, son­dern die Unternehmer*innen.

Doch offen­bar zieht die Angst-Kam­pagne der Kapitalist*innen. Dass mehr als 1.000 Beschäftigte dem Warn­streik uner­wartet fern­blieben, kann nicht ein­fach unbeant­wortet bleiben. Meck­len­burg-Vor­pom­mern gehört seit Langem zu den Bun­deslän­dern, deren Bevölkerung häu­figer von Armut bedro­ht und betrof­fen ist. Arbeit­slosigkeit ist eben­falls weit­er ver­bre­it­et als im west­lichen Teil der Bun­desre­pub­lik. Die Angst vor Arbeit­splatzver­lust zu schüren, find­et hier deswe­gen beson­ders frucht­baren Boden. Für einen Job im Call-Cen­ter sind Men­schen bere­it, täglich 200km mit der Bahn zurück­zule­gen. Je nach Schicht­be­ginn und Abfahrt­szeit­en wer­den bis zu fünf Stun­den zusät­zlich­er Zeitaufwand in Kauf genom­men.

Umso wichtiger ist es, die Forderung nach Lohn­er­höhun­gen zu verbinden mit ein­er Arbeit­szeitverkürzung. Lei­der macht die Gew­erkschafts­bürokratie um das The­ma Arbeit­szeitverkürzung seit den 1990er Jahren häu­fig einen weit­en Bogen. Möchte die NGG-Bürokratie die geringe Teil­nahme zukün­ftig ver­mei­den, muss sie den Angst-Kam­pag­nen der Kapitalist*innen etwas ent­ge­genset­zen und dem The­ma Arbeit­szeitverkürzung wieder mehr Beach­tung schenken.

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