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Berlin: Streiks im Einzelhandel

Am Freitag und Samstag legten bis zu 1.000 ArbeiterInnen des Einzelhandels in Berlin und Brandenburg die Arbeit nieder

Berlin: Streiks im Einzelhandel

// Am Freitag und Samstag legten bis zu 1.000 ArbeiterInnen des Einzelhandels in Berlin und Brandenburg die Arbeit nieder //

Manchmal können Regenschirme „Vermummungsgegenstände“ sein – bei den „Blockupy“-Aktionstagen in Frankfurt am Main ging die Polizei unter anderem mit dieser Begründung brutal gegen DemonstrantInnen vor. Doch am Freitag in der Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg durften bis zu 1.000 ArbeiterInnen des Einzelhandels rote Schirme hochhalten: Mit einem ganztägigen Streik versuchten sie, ihren Manteltarifvertrag zu verteidigen und bessere Löhne durchzusetzen. Ein paar alte und ermüdete Polizisten waren auch dabei, regten sich jedoch wegen der Schirme nicht auf.

Bereits vor drei Wochen war ein erster Warnstreik durchgeführt worden. Nach der ersten Runde der Tarifverhandlungen, die am Dienstag stattfand, rief die Gewerkschaft ver.di erneut zu einem Ausstand auf. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) hatte bereits Mantel- und Entgeltverträge gekündigt und fordert eine Reihe von Maßnahmen, um die Löhne zu senken und die Arbeit zu flexibilisieren. Die Gewerkschaft dagegen will eine Lohnerhöhung von einem Euro pro Stunde sowie eine Angleichung von Löhnen in Ost und West.

„Auf uns kommen düstere Zeiten zu“, sagt Erdogan Danis, der beim Supermarkt Real arbeitet. Derzeit müssen Dienstpläne vier Wochen im voraus vereinbart werden, doch diese Regelung wollen die Unternehmer kündigen. „Dann müßte man immer zur Verfügung stehen, immer sein Handy anlassen.“ Die mindestens zwei freien Samstage im Monat stehen ebenfalls auf dem Spiel.

Auch ArbeiterInnen von Thalia, Kaufland, Penny und vielen anderen Läden sind der Arbeit ferngeblieben. Neben älteren Kollegen von Ikea, wo die Logistik an zwei Standorten fast zum Erliegen gekommen ist, streikten auch jüngere VerkäuferInnen von H&M in bunten Klamotten. Doch kaum ein Laden musste dichtmachen: In der Karstadt-Filiale, vor der die Kundgebung stattfand, konnte der Betrieb mit StreikbrecherInnen und LeiharbeiterInnen aufrechterhalten werden. In der Hauptstadt arbeiten 120.000 Menschen im Einzelhandel.

„In den letzten Jahren werden immer mehr Vollzeit- durch Teilzeitkräfte ersetzt“, berichtet Caroline Steinke, eine junge Betriebsrätin von H&M. „Sie wollen die Leute so flexibel wie möglich einsetzen.“ Neben ihr stehen UnterstützerInnen von der Linkspartei mit einem eigenen Transparent. „Niedriglöhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, von denen besonders Frauen betroffen sind, gerade im Einzelhandel, sehen wir als Folgen der Agenda 2010“, so Moritz Wittler, Sprecher der Linkspartei in Berlin-Neukölln.

Gegen Ende der Aktion schlug ein solidarischer Student der Gruppierung Waffen der Kritik einen „Spaziergang“ durch die nahe gelegenen Wilmersdorfer Arkaden vor, und gleich marschierten 200 GewerkschafterInnen durch das Einkaufszentrum. Neben dem Lärm der Trillerpfeifen waren auch Sprüche wie „Gleicher Lohn für gleiches Geld!“ zu hören. Doch als DemonstrantInnen in die benachbarte H&M-Filiale ziehen wollten, brüllte ein Polizist: „Jeder Protest hat doch seine Grenzen, meine Herrschaften!“

Nach der Aktion wurde verkündet, dass der Streik am folgenden Tag fortgesetzt werden soll. Am Wochenende, das normalerweise keine Streiks kennt, können im Einzelhandel besondere Schäden angerichtet werden: „Am Samstag finden sie viel weniger Leute, die bereit sind, einzuspringen“, so eine Kollegin des Buchladens Thalia. Streiken ist in den Ferien noch schwieriger, im Sommer sind die Umsätze im Buchhandel allerdings besonders hoch, weil Schulmaterial verkauft wird. Am Samstag versammelten sich wieder mehrere hundert Beschäftigte und UnterstützerInnen in der Berliner ver.di-Zentrale. Aufgrund der unnachgiebigen Haltung des Kapitalistenverbandes sind weitere Arbeitskampfmaßnahmen unvermeidlich.

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Foto: Josephine Merkl, ver.di Jugend Berlin-Brandenburg

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