Unsere Klasse

„Bei Amazon bestellen und das Paket wieder zurückschicken“

Ein "Konsument*innenstreik" soll Arbeitsniederlegungen bei Amazon unterstützen. Kund*innen können dadurch Solidarität zeigen. Ein Interview mit David Johns, Aktivist im Streik-Solibündnis Leipzig

Weihnachten steht vor der Tür – das bedeutet, dass beim Onlinehändler Amazon wieder gestreikt wird. Ihr wollt die Kolleg*innen mit einem „Konsument*innenstreik“ unterstützen. Was ist das?

Wir fordern dazu auf, Artikel bei Amazon zu bestellen und das Paket wieder zurückzuschicken – mit einer beigelegten Solidaritätsbotschaft an die Streikenden. Ab einem Mindestbestellwert von 40 Euro übernimmt Amazon die Portokosten. So entsteht für den Konzern Mehrarbeit und die Streikenden werden in ihrem zähen Kampf unterstützt.

Aber kommen diese Botschaften bei den Beschäftigten überhaupt an?

Sie werden natürlich nur von den Angestellten in der Retourenannahme gelesen. Dort, wie in allen anderen Bereichen auch, herrscht ein hohes Arbeitstempo. Viele kommen leider nicht dazu, den Inhalt der Pakete genauer zu betrachten.

Deshalb fordern wir auch dazu auf, die beigelegte Botschaft zu fotografieren und an uns zu schicken. Wir können die Fotos im Internet veröffentlichen, damit die Solidarität auch Streikende aus anderen Versandzentren erreicht. Man kann auch eine Grußnotiz direkt auf das Paket schreiben. Das sehen die Beschäftigten auf jeden Fall.

Auf Eurem Plakat steht: „Dies ist kein Boykott.“ Warum ruft Ihr bei diesem gewerkschaftsfeindlichen Konzern nicht genau dazu auf?

Ein Boykott könnte bei den Beschäftigten schnell die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust hervorrufen. Es wäre für die Geschäftsleitung leicht, die Aktion mit dieser Argumentation zu delegitimieren und die Streikenden zusätzlich unter Druck zu setzen.

Außerdem zeigt ein Streik gerade dann Wirkung, wenn besonders viel Arbeit anfällt, das Bestellvolumen also besonders groß ist. Mit dem Konsument*innenstreik entsteht insgesamt mehr Arbeit für die Belegschaften, Amazon verdient aber nichts daran.

Wir wollen auch Solidarität der Kund*innen herstellen. Würden wir dazu aufrufen, nichts mehr zu bestellen, würden auch keine Solidaritätsbotschaften zu den Streikenden gelangen.

Seit drei Jahren weigert sich Amazon, überhaupt mit der Gewerkschaft zu reden. Lässt sich dieser Arbeitskampf gewinnen?

Obwohl mittlerweile an fast allen Standorten gestreikt wird, sind immer noch keine Verhandlungen in Sicht. Aber was heißt hier „gewinnen“? Meiner Auffassung nach liegt ein wesentlicher Wert des Streiks im Organisierungsprozess der Beschäftigten. Erfahrungen kollektiven Handelns und kollektiver Stärke, die Streikende an vielen Standorten bereits gesammelt haben, sind vielleicht sogar wichtiger als der Abschluss eines Tarifvertrages.

Die Verbreiterung von einem betrieblichen Arbeitskampf hin zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung könnte einen Ausweg bieten. Diese Verbreiterung ist genau das Ziel des Konsument*innenstreiks.

Außerdem haben die Arbeitsniederlegungen auch schon viele Verbesserungen bewirkt. Testkäufe während der Streiks haben gezeigt, dass die Lieferversprechen nicht immer eingehalten werden können. Der Konzern versucht das natürlich runterzuspielen.

Du arbeitest im Solibündnis mit, sind aber nicht bei Amazon beschäftigt. Warum findest Du den Streik bei Amazon so wichtig?

Es ist ein sehr großes Unternehmen. Die erkämpften Verbesserungen haben eine hohe Signalwirkung auf die ganze Branche und können andere Belegschaften ermutigen, sich ebenfalls gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen zu wehren.

Der Ausgang des Arbeitskampfes bei Amazon betrifft nicht nur diejenigen, die dort beschäftigt sind. Es ist ein politischer Konflikt darum, wie wir in Zukunft leben und arbeiten möchten.

Was soll man als Kunde*in konkret tun, um sich an der Aktion zu beteiligen?

Ganz einfach: Etwas für mindestens 40 Euro kaufen – aber die Verpackung nicht beschädigen! Dann eine Solidaritätsbotschaft an die Streikenden in das Paket legen und eine Grußnotiz auf das Paket draufschreiben. Anschließend das Retourformular ausdrucken und auf das Paket kleben und es innerhalb von 14 Tagen zurückschicken.

Außerdem wäre es toll, ein Foto der Grußbotschaft und des Pakets an uns zu schicken. Plakate und weiteres Material kann übrigens auch bei uns bestellt werden. Wir freuen uns außerdem über Spenden.

dieser Artikel in der jungen Welt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.