Ausgebeutet, benutzt und weggeworfen: Meine Arbeit als Promoter:in beim DGB

19.07.2026, Lesezeit 10 Min.
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Foto: nitpicker // shutterstock

Wir veröffentlichen einen Bericht von den furchtbaren Arbeitsbedingungen eine:r ehemaligen DGB-Promoter:in nach deren fristloser Kündigung.

In diesem Artikel werde ich unter anderem über die Arbeitsbedingungen berichten, die ich als Promoter für den DGB erlebt habe, und zugleich über meine Kritik an einer vollkommen unpolitischen Form der Gewerkschaftsarbeit sprechen.

Was bedeutet es überhaupt, „Promoter:in“ zu sein?

Ich war auf meiner Jobsuche zwischen zwei ähnlichen Jobs unentschlossen. Beide waren Promoter-Jobs, bei denen ich auf der Straße Menschen ansprechen sollte. Ich hatte die Wahl zwischen einer NGO, bei der ich Leute zum Spenden bewegen sollte, und dem DGB. Bei Letzterem ging es darum, Menschen dazu zu motivieren, einer Gewerkschaft beizutreten.

Ich habe mich schlussendlich für den DGB entschieden, weil die Arbeitsbedingungen dort besser seien. Mir wurde gesagt, dass ich am Samstag und Sonntag einmalig eine Schulung bekomme und ansonsten nur von Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr arbeiten würde, also jeweils neun Stunden am Tag. Jede Woche reiste ich mit einer neuen Gruppe von Menschen in eine neue Stadt, wo wir uns eine Wohnung teilten und jeden Tag zusammenarbeiteten.

Viele der Versprechen stellten sich schlussendlich als falsch heraus.

Als Promoter:in sollte ich auf der Straße Menschen ansprechen, damit sie sich bei einer DGB-Gewerkschaft anmelden. Ich musste einen „Leitfaden“ auswendig lernen. Das ist ein Text, der dazu dient, mit Passant:innen ins Gespräch zu kommen. Eine Taktik zur Überzeugung bestand darin, dass wir all die Errungenschaften von Gewerkschaften aufzählen und darauf hinweisen sollten, dass wir nur für bessere Arbeitsrechte kämpfen können, wenn die jeweilige Person jetzt Mitglied wird.

So weit, so gut. Mir fiel jedoch schnell auf, dass wir Manipulationstaktiken anwenden sollten, wie zum Beispiel „die persönliche Ebene“. Dabei geht es darum, durch ein persönliches Gespräch Nähe zu den Passant:innen aufzubauen. Mir wurde auch gesagt, dass die persönliche Ebene viel wichtiger sei als der informative Teil über Gewerkschaften, da Menschen eher Mitglied werden würden, wenn der:die Promoter:in „cool“ wirkt und man ein nettes Gespräch hat.

Eine andere manipulative Taktik bestand darin, dass wir, wenn jemand kein Mitglied werden wollte – etwa aus Kostengründen –, zwei- oder sogar dreimal nachhaken sollten, ob sich die Person den Mitgliedsbeitrag nicht doch leisten könne. Diese Taktiken wurden uns für die Arbeit ausdrücklich vorgeschrieben.

Bei einer Gewerkschaft arbeiten – zu guten Arbeitsbedingungen?

Ich wurde in den Promoter-Job mit dem Versprechen flacher Hierarchien gelockt. Doch genau so fühlte es sich überhaupt nicht an. Die Teamleitung, die mit uns zusammen wohnte und mit der wir gemeinsam auf der Straße standen, war gleichzeitig dafür da, unsere Arbeit zu überwachen. Wir wurden ständig daran erinnert, richtig zu lächeln, energievoller zu wirken und niemals stehen zu bleiben.

Man kann sich sicherlich vorstellen, wie unangenehm es ist, mit einer Person so viel Zeit zu verbringen, die auf Kumpel macht, gleichzeitig aber dein:e Vorgesetzte:r ist, hart durchgreifen soll, wenn sie das Gefühl hat, dass du deine Arbeit nicht richtig machst, und dich letztlich auch kündigen kann.

All diese Regeln sollten wir während der gesamten Arbeitszeit von neun Stunden beachten, da sonst die „Außenwirkung“ leide. Und wenn man der Außenwirkung schade, „schade man dem Team“. Für jedes neu eingeschriebene Gewerkschaftsmitglied konnten wir Boni erhalten. Das bedeutete: Mit jedem angeblichen Fehlverhalten verschlechterte man die Chance, dass das gesamte Team mehr Geld bekommt.

Bald stellte sich außerdem heraus, dass ich doch mehr als neun Stunden am Tag arbeiten musste. Denn nach den neun offiziellen Stunden mussten wir den Stand abbauen und anschließend gemeinsam zu unserer Ferienwohnung fahren. Dort hatten wir, angeleitet vom Teamleiter, meist gegen 20 oder 21 Uhr noch bis zu eine Stunde Schulung, in der wir Kritik oder Zuspruch zu unserer Arbeit des Tages erhielten. Das glich einer permanenten Kontrolle.

Schlussendlich wurde ich nach neun Tagen gekündigt. Der Grund: Bei einer der abendlichen „Feedback-Runden“ sollten wir den Leitfaden vortragen, und ich hätte wohl zwei- oder dreimal „Ähm“ gesagt.

„Der Leitfaden ist unser wichtigstes Mittel auf der Straße, um Leute zu Gewerkschaftsmitgliedern zu machen. Und ‚Ähms‘ rauben uns Zeit und Energie“, wurde mir gesagt. Es war 22 Uhr, und ich konnte mich nach einem langen Arbeitstag nicht mehr richtig konzentrieren und war übermüdet.

Mir wurde gesagt, ich solle am nächsten Morgen abreisen – selbstverständlich ohne Übernahme der Heimfahrtskosten. Selbst als ich dem Teamleiter erklärte, dass ich kein Geld mehr auf dem Konto habe und mein Zimmer gerade untervermietet wird, was mich faktisch wohnungslos machen würde, änderte das nichts an der Entscheidung.

Was bedeutet dieser Job politisch?

In diesem Job als Promoter:in geht es nicht darum, Menschen real zu organisieren, sondern sie lediglich zu zahlenden Gewerkschaftsmitgliedern zu machen. Das merkte man auch daran, dass es uns untersagt wurde, längere oder tiefergehende politische Gespräche zu führen. Jede Person, die einfach nur reden wollte und nicht Gewerkschaftsmitglied wurde, „raube uns wichtige Zeit“, die wir bräuchten, um andere Passant:innen anzusprechen, so der Teamleiter. Deshalb sollten wir solche Gespräche möglichst schnell beenden.

Der Job wirkte somit nach außen depolitisierend, weil wir nicht für tatsächliche Organisierung warben, sondern die Vorstellung vermittelten, es genüge, monatlich seinen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Den Rest erledige dann die Gewerkschaft irgendwie. Diese Logik unterscheidet sich kaum von der einer NGO: Es wirkte, als würden wir keine Mitglieder suchen, sondern Spender:innen.

Auf vielen Ebenen wirkte der Job auch depolitisierend auf mich selbst. Wie aufreibend er tatsächlich war, bemerkte ich vor lauter Anspannung und Stress erst nach einigen Tagen. Ich musste täglich etwa 2.000 Menschen ansprechen und in einem Radius von nur wenigen Metern ununterbrochen mit einem Lächeln und aufgesetzter, aufgeweckter Energie auf und ab gehen, während ich wie eine Kassette immer wieder das Gleiche sagte.

Diese Arbeit war so anstrengend, dass ich nach Feierabend zu nichts mehr in der Lage war. Nach den Schulungen am Abend blieben vielleicht noch zwei Stunden für uns selbst – vorausgesetzt, wir wollten keinen akuten Schlafmangel in Kauf nehmen. Das ließ kaum Raum, sich politisch oder anderweitig zu beschäftigen.

Das Perfide an der Arbeit war für mich, auf der Straße zu stehen – beziehungsweise zu gehen – und Passant:innen etwas über bessere Arbeitsbedingungen zu erzählen, während ich selbst in einem miserablen Arbeitsverhältnis steckte. Mir taten die Füße vom ständigen Auf- und Abgehen weh, ich hatte trockene Lippen und einen trockenen Rachen vom dauernden Reden, und ich musste eigentlich auf die Toilette, verkneifte es mir aber, weil ich mir die Nutzung einer Toilette gerade nicht leisten konnte. Zwei Euro summieren sich auf Dauer, und eine kostenlose Toilettenbenutzung war nicht Teil des Arbeitsvertrags.

Vorher arbeitete ich als Reinigungskraft in einem Büro, und ich kann dazu nur sagen, dass dieser Job körperlich weniger anstrengend war und mich psychisch deutlich weniger belastet hat.

Kolleg:innen, Isolation und Entfremdung

Was mir zudem auffiel, war die distanzierte Art unter den Kolleg:innen. Obwohl wir praktisch rund um die Uhr zusammen wohnten und arbeiteten, wurde kaum versucht, sich wirklich näher kennenzulernen. Gespräche blieben häufig oberflächlich.

Ich denke, das ist das Resultat davon, jede Woche in einer neuen Stadt und in einem neuen Team zu sein. Wieso sollte man sich näher kennenlernen, wenn man sich ohnehin nur sieben Tage sieht? Warum sollte man die wenigen Stunden am Abend dafür nutzen, wenn man sie eigentlich braucht, um sich auszuruhen? Außerdem tat mir – und sicherlich auch den anderen – vom ständigen falschen Lächeln ohnehin das Gesicht weh.

Sicherlich freut es unsere Arbeitgeber, dass wir uns nicht vernetzen und keine tiefen emotionalen Bindungen aufbauen können.

Ich musste dabei an Marx’ Konzept der Entfremdung der Arbeit denken. Ich fühlte mich wie ein Zombie, der jeden Tag dieselbe Tätigkeit verrichtet, ohne darin irgendeine Erfüllung zu finden. Ich fühlte mich entfremdet vom Ergebnis meiner Arbeit, weil ich lediglich Kontodaten und Unterschriften sammelte – keine Mitstreiter:innen.

Ich fühlte mich wegen des depolitisierenden Aspekts der Arbeit auch von meiner politischen Praxis entfremdet, von meinen Kolleg:innen und letztlich von mir selbst, weil mir keine Zeit mehr für Dinge blieb, die mich individuell ausmachen oder mir Freude bereiten – etwa Hobbys oder Freundschaften.

Diese übermäßige Individualisierung, die mir dieser Job aufzwang, steht im Widerspruch zu dem, was eine Gewerkschaft eigentlich ermöglichen sollte: die Einheit und Gemeinschaft unserer Klasse.

Was aus meiner Sicht in den DGB-Gewerkschaften schiefläuft

Bei meiner allerersten Schulung wurde uns gesagt, dass wir uns als Promoter:innen selbst bei ver.di als Mitglieder eintragen sollten. Ich bin selbstverständlich dafür, dass sich Arbeiter:innen in Gewerkschaften organisieren. Ich weiß, dass unsere sozialen Errungenschaften nicht vom Himmel gefallen sind, sondern erkämpft wurden, und dass Gewerkschafter:innen dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.

Doch meine kurze Erfahrung als Promoter:in zeigt exemplarisch, was in den DGB-Gewerkschaften schiefläuft. Sie könnten kaum weiter entfernt sein von Organisationen, die alle Arbeiter:innen vertreten und organisieren und in denen wir uns zusammenschließen können, um gemeinsam über unsere Kämpfe zu entscheiden.

Ich bin mir sicher, dass die Arbeit als Promoter:in nicht so miserabel organisiert und bezahlt wäre, wenn dies tatsächlich der Fall wäre. Ich bin mir ebenso sicher, dass die „Leitfäden“ dann anders funktionieren würden und es darum ginge, Mitstreiter:innen zu gewinnen – nicht bloß Beitragszahler:innen.

Doch die Führung des DGB ist nun einmal eine bürokratische Kaste, die lieber – wenn überhaupt – sozialdemokratischen Lobbyismus betreibt, anstatt Beschäftigte zum Kämpfen zu bringen. So lobte DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi die Ergebnisse des Koalitionsausschusses am 1. Juli als „Richtige Signale für Beschäftigung, Wachstum und Entlastung“.

Dabei bereitet die Regierung aus meiner Sicht gerade einen Generalangriff auf die Arbeiter:innen vor: Sie stellt die elektronische Krankschreibung infrage, öffnet den Weg für Angriffe auf die Rente und weitet die Grundlagen für befristete Beschäftigung aus. Und all das, um Aufrüstung zu ermöglichen und die Reichen noch reicher zu machen.

Für mich ist klar: Als Promoter:in habe ich keine Zukunft – und ich will auch keine. Ich verstehe alle, die diesen Job machen, aber ich denke, wir müssen unsere Gewerkschaften grundlegend umkrempeln.

Anstatt uns prekär anzustellen und zu schweigen, wenn Regierung und Bosse die unteren Schichten unserer Klasse angreifen, nur um die „Sozialpartnerschaft“ mit VW, Rheinmetall und Co. nicht zu gefährden, müssen wir für einen anderen Kurs kämpfen.

Wir müssen Mitglieder gewinnen – ja –, aber demokratisch organisiert, auf der Straße, in den Betrieben, mit Betriebsversammlungen, Demonstrationen und politischen Streiks.

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