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Aufstand der MetallarbeiterInnen

TÜRKEI: Immer mehr Fab­riken im türkischen Met­allsek­tor treten in den Streik. Beson­ders der derzeit­ige Streik in der Renault-Fab­rik in Bur­sa wirft die Frage auf, welche Gew­erkschaft kämpferische Arbei­t­erIn­nen brauchen und wie sie in Streik­si­t­u­a­tio­nen agieren müssen.

Aufstand der MetallarbeiterInnen

// TÜRKEI: Immer mehr Fab­riken im türkischen Met­allsek­tor treten in den Streik. Beson­ders der derzeit­ige Streik in der Renault-Fab­rik in Bur­sa wirft die Frage auf, welche Gew­erkschaft kämpferische Arbei­t­erIn­nen brauchen und wie sie in Streik­si­t­u­a­tio­nen agieren müssen. //

Es begann mit dem Arbeit­skampf bei Bosch: Seit Jahren führen die Arbei­t­erIn­nen einen Kampf für Lohn­er­höhun­gen und ver­di­enen inzwis­chen zwei Lira pro Stunde mehr als im Rest des Met­allsek­tors. Das Beispiel macht aktuell Schule: Mit der Forderung, dass die Löhne wie bei Bosch erhöht wer­den müssen, began­nen vor Kurzem auch die Arbei­t­erIn­nen bei Renault in der türkischen Stadt Bur­sa einen uner­bit­tlichen Arbeit­skampf. Die gle­iche Forderung wird auch in vie­len anderen Met­all­be­trieben gestellt.

Bish­er wur­den jedoch all diese Ini­tia­tiv­en in Zusam­me­nar­beit von Regierung, Unternehmen und Gew­erkschafts­bürokratie gemein­sam erstickt: Bei Renault wurde die Lohn­er­höhung vom Unternehmen und der Met­all­gew­erkschaft „Türk Met­al İş“ mit der Begrün­dung abgelehnt, dass es außer­halb eines Tar­ifver­trages keine Lohn­er­höhung geben könne. „Türk Met­al İş“ sieht sich dem Unternehmen eng verpflichtet und unter­drückt jegliche Oppo­si­tion mit Gewalt, während die Ver­hand­lun­gen um Tar­ifverträge zwis­chen Gew­erkschaft und Unternehmen schnell über die Bühne gebracht wer­den. Die Regierung der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwick­lung) ihrer­seits gab deut­lich kund, dass sie wie bish­er den Min­dest­lohn niedrig hal­ten wird, und ver­bot außer­dem den Met­aller­streik im Jan­u­ar dieses Jahres.

Der Wider­stand gegen diese repres­sive Poli­tik im Met­allsek­tor nahm im Ver­lauf der let­zten Woche an Fahrt auf. Zuerst begann der Wider­stand bei Renault in Bur­sa mit 5.500 Arbei­t­erIn­nen. Die Arbei­t­erIn­nen der Spät­sicht legten die Arbeit am 14. Mai nieder und weigerten sich, die Fab­rik zu ver­lassen. Dem schlossen sich die Arbei­t­erIn­nen von der Nachtschicht mit Aktio­nen vor dem Betrieb­stor an, sodass die gesamte Belegschaft ein­heitlich auftreten kon­nte.

Wie ein Funke sprang der Streik danach auf die anderen Met­all­fab­riken über. Einen Tag später, am 15. Mai, began­nen auch die Arbei­t­erIn­nen bei der türkischen Aut­o­fab­rik Tofaş einen Streik. Die 6.500 Arbei­t­erIn­nen bei Tofaş (ein Zulief­er­er von Fiat) kämpfen jet­zt eben­so gegen das Unternehmen und „Türk Met­al İş“. Am 16. Mai fol­gten die 2.000 Arbei­t­erIn­nen der Fab­rik Çoşkunöz, welche Radi­a­toren pro­duziert, und trat­en mit den sel­ben Forderun­gen in den Streik und beset­zten die Fab­rik.

Die Regierung, die im Jan­u­ar den Met­aller­streik ver­boten hat­te, ver­sucht den Streik zu beschwichti­gen, indem sie sich als Ver­mit­t­lerIn anbot. Doch auch das hin­derte die Arbei­t­erIn­nen nicht daran, den Kampf fortzuführen. Am 18. Mai haben sich die Arbei­t­erIn­nen von Mako (1.000 Arbei­t­erIn­nen) in die Streik­welle ein­gere­it. In den Fab­riken Valeo (1.100 Arbei­t­erIn­nen) und Del­phi began­nen am sel­ben Tag Arbeit­snieder­lun­gen und Arbei­t­erIn­nen­demon­stra­tio­nen. Am 20. Mai weit­ete sich der Streik auf die Ford-Fab­rik mit 10.000 Arbei­t­erIn­nen in Kocaeli aus. Auch in weit­eren Fab­riken ist zu den ersten Arbeit­snieder­legun­gen gekom­men. Die Hyundai-Fab­rik ste­ht auch kurz davor, in den Streik zu treten. Das heißt, der gesamte Met­allsek­tor ste­ht vor der Stil­l­le­gung.

Die zentrale Frage des Kampfes: Was für eine Gewerkschaft?

Die Forderun­gen aus den ver­schiede­nen Fab­riken sind ein­heitlich:

  1. Die Löhne müssen nach dem Vor­bild von Bosch erhöht wer­den.
  2. Die Arbei­t­erIn­nen wählen eine eigene Vertre­tung, die mit dem Arbeit­erge­berver­band in Ver­hand­lung tritt.
  3. Keine Kündi­gun­gen wegen dieses Streiks.

Ger­ade die zweite Forderung zielt auf die totale Ent­mach­tung der offen reak­tionären Gew­erkschaft „Türk Met­al Is“. Jed­eR zehnte gew­erkschaftlich organ­isierte Arbei­t­erIn in der Türkei war bis jet­zt bei „Türk Met­al İş“ organ­isiert. Während „Türk Met­al İş“ die Forderung der Arbei­t­erIn­nen nach Lohn­er­höhung um zwei Lira pro Stunde über­zo­gen find­et, ver­di­ent der Vor­sitzende von „Türk Met­al İş“ monatlich 60.000 Lira. Schätzungsweise haben allein über 90% der Renault-Arbei­t­erIn­nen ihre Gew­erkschaft­sausweise von „Türk Met­al İş“ zurück­gegeben. Da die Gew­erkschaft sich mit dem Arbeit­erge­ber gegen die Arbei­t­erIn­nen stellt, ver­liert sie trotz der Gewalt und Dro­hun­gen gegen die Arbei­t­erIn­nen sehr schnell ihre Mit­glieder.

„Türk Met­al İş“ hat 170.000 Mit­glieder. Sie wuchs erst richtig nach dem Mil­itär­putsch 1980 und küm­merte sich pein­lich genau um das Anliegen der UnternehmerIn­nen. Demge­genüber zählt die linke Gew­erkschaft „Bir­leşik Met­al İş“ mit 20.000 Mit­gliedern zu den kleineren Gew­erkschaft im Sek­tor. Doch trotz der aktuellen Erfahrung mit der Gew­erkschaft „Türk Met­al İş“ kann „Bir­lesik Met­al İş“ bish­er nicht davon prof­i­tieren: Zum Einen gibt es eine all­ge­meine Skep­sis gegenüber der Organ­isierung in Gew­erkschaften, und zum anderen besitzt auch die linke Gew­erkschafts­bürokratie der „Bir­leşik Met­al İş“ eine klassen­ver­söhn­lerische Poli­tik, die immer wieder bei der Oppo­si­tion zu „Türk Met­al Is“ ihre Gren­zen zeigt. Den­noch wird „Bir­leşik Met­al İş“ direkt vom Staat ange­grif­f­en. „Bir­lesik Met­al Is“ hat ver­sucht, im Jan­u­ar einen kämpferischen Streik zu organ­isieren, welch­er gle­ich vom Staat ver­boten wurde. Jet­zt hat sie angekündigt, in den Betrieben Aktio­nen zur Sol­i­dar­ität zu organ­isieren.

Es gibt inzwis­chen in ver­schiede­nen Fab­riken selb­stver­wal­tete Komi­tees, die bish­er die Gespräche und den Streik leit­en. So ver­suchen die schlagkräfti­gen Betriebe mit eige­nen inter­nen Organ­i­sa­tio­nen ihre Forderun­gen durchzuset­zen. In der aktuellen Vor­wahl-Peri­ode in der Türkei ist der Wider­stand der Arbei­t­erIn­nen dabei eng mit der Frage ver­bun­den, welche Gew­erkschaft sie sich vorstellen. Die Arbei­t­erIn­nen han­deln in dieser Zeit antibürokratisch und bauen eigene Organe in der Fab­rik auf.

Aus den stal­in­is­tis­chen und reformistis­chen Linken wird die Antwort stärk­er, dass die Arbei­t­erIn­nen in die Gew­erkschaft „Bir­leşik Met­al İş“ gehen. Dabei ignori­eren sie die Tat­sache, dass die Gew­erkschafts­bürokratie inzwis­chen bei Arbei­t­erIn­nen ein Schreck­ge­spenst ist. Im Kern ist die Antwort eine andere bürokratis­che Antwort auf den Streik, da sie die Macht- und Kamp­for­gane der Arbei­t­erIn­nen in den Fab­riken ein­er anderen Gew­erkschafts­bürokratie unter­w­er­fen wollen.

Derzeit ist die Jugend in der Türkei, die in den let­zten zwei Jahren Kämpfe wie in der Gezi-Bewe­gung durchgemacht hat, weit von diesem Kampf ent­fer­nt. Eine große Her­aus­forderung bleibt, die Jugend für diesen Kampf zu gewin­nen. Die Per­spek­tiv­en dabei sind vielfältig: Der Kampf um höhere Löhne im Met­allsek­tor bringt auch eine all­ge­meine Lebensverbesserung und die Aus­sicht auf die Erhöhung des Min­dest­lohnes mit sich. Die Ansätze der Arbei­t­erIn­nen­demokratie, Fab­riken zu beset­zen und in den Streik einzutreten, kön­nen Kein­for­men für unab­hängige Organe der Arbei­t­erIn­nen sein. Außer­dem vertei­di­gen sie sich aktuell sehr diszi­plin­iert gegen Staat, Unternehmen und Gew­erkschafts­bürokratie und ihre Schlägertrup­ps in Uni­form und ohne Uni­form. Diese Erfahrun­gen kön­nen auch sehr schnell auf die Uni­ver­sitäten, Schulen und weit­ere Teile der Gesellschaft aus­geweit­et wer­den.

Die mögliche autonome betriebliche Organ­isierung im Met­allsek­tor ist eine große Chance – voraus­ge­set­zt, sie ver­fall­en nicht der Gefahr, nur die priv­i­legierten Teile zu organ­isieren. Doch trotz aller Gefahren schufen die Arbei­t­erIn­nen hier in Kürze eigene Organe und war­fen die bürokratis­che „Türk Met­al İş“ aus ihren eige­nen Fab­riken hin­aus.

Die entschei­dende Frage bleibt, ob „Bir­leşik Met­al İş“ sich fähig zeigt, einen kon­sti­tu­tiv­en Grün­dungskongress mit ihren eige­nen Mit­gliedern und mit derzeit streik­enden Arbei­t­erIn­nen einzu­berufen, wo die inter­nen Struk­turen der Fab­riken aufrecht bleiben und aus­ge­baut wer­den, die antibürokratis­chen Ansätze der Fab­rikkomi­tees auf die Gew­erkschaft aus­geweit­et wer­den (Lohnbeschränkung für Funk­tionärIn­nen und jed­erzeit­ige Abwählbarkeit) und eine kämpferische Gew­erkschaft für den gesamten Met­allsek­tor aufge­baut wird.

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