Frauen und LGBTI*

Argentinien: 500.000 bei größtem feministischen Treffen Lateinamerikas

In der Stadt La Plata (Argentinien) trafen sich am vergangenen Wochenende fast eine halbe Millionen Frauen, Lesben, Bisexuelle, trans, inter und nicht-binäre Personen zum 34. Plurinationalen Treffen, um in verschiedenen Workshops zu diskutieren und massenhaft auf die Straße zu gehen.

Argentinien: 500.000 bei größtem feministischen Treffen Lateinamerikas

Seit 34 Jahren find­et in Argen­tinien in unter­schiedlichen Städten des Lan­des jährlich ein fem­i­nis­tis­ches Tre­f­fen statt, bei dem Frauen, Les­ben, Bisex­uelle, trans, inter und nicht-binäre Per­so­n­en zusam­menkom­men, um in Work­shops die Prob­leme der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung aus ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en zu disku­tieren.

Das erste Tre­f­fen fand 1986 in der Stadt Buenos Aires statt, drei Jahre nach dem Ende ein­er der schreck­lich­sten Dik­taturen, die rund 30.000 ver­schwun­dene Per­so­n­en zur Folge hat­te. Rund 1000 Frauen* aus ver­schiede­nen poli­tis­chen Parteien beschlossen, sich zu tre­f­fen und den öffentlichen Raum zu übernehmen – einen Raum, der ihnen his­torisch ver­weigert wurde. Zu dieser Zeit war eine der zen­tralen Debat­ten das Schei­dungsrecht (das erst 1987 in Argen­tinien einge­führt wurde) und das Recht bei­der Eltern, Erziehungs­berechtigte zu sein zu dür­fen. Es war ursprünglich nicht geplant, jährliche Tre­f­fen stat­tfind­en zu lassen, aber das erste Tre­f­fen war so erfol­gre­ich, dass beschlossen wurde, es jedes Jahr in ein­er anderen Stadt abzuhal­ten, um die Debat­ten der fem­i­nis­tis­chen Agen­da in alle Eck­en des Lan­des zu tra­gen.

Das Tre­f­fen vom ver­gan­genen Woch­enende war aus ver­schiede­nen Grün­den einzi­gar­tig: Zum ersten Mal nah­men so viele Frauen, Les­ben, Bisex­uelle, trans, inter und nicht-binäre Per­so­n­en daran teil – wahrschein­lich war es das größte Tre­f­fen dieser Art in der bish­eri­gen Geschichte. Gle­ichzeit­ig war es das erste Mal, dass es eine Mehrheit in den Ver­samm­lun­gen und Work­shops gab, es ein “Pluri­na­tionales Tre­f­fenn” statt ein “Nationales Tre­f­fen” zu nen­nen. Nach einem Diskus­sion­sprozess bei den let­zten bei­den Tre­f­fen wurde die Forderung nach ein­er Namen­sän­derung in der let­zten Ver­samm­lung mit großer Mehrheit angenom­men – trotz des noch immer beste­hen­den Wider­standes der Organ­i­sa­tion­skom­mis­sion des Tre­f­fens. Gefordert hat­ten dies die Frauen* der indi­ge­nen Völk­er und Gemein­schaften der 36 Natio­nen von ganz Abya Yala (der Name des amerikanis­chen Kon­ti­nents in der indi­ge­nen Kuna-Sprache), schwarze und afrikanis­che Iden­titäten sowie ras­sisierte und migrantis­che Frauen.

Beson­ders nach­drück­lich wurde die Tren­nung von Kirche und Staat, die Legal­isierung von Abtrei­bung und die Ein­hal­tung des Geset­zes über eine umfassende säku­lare und wis­senschaftliche Sex­u­alaufk­lärung an den Schulen gefordert.

Auch bei den Work­shops, die sich mit der aktuellen Sit­u­a­tion des Kampfes gegen die Anpas­sungspoli­tik des derzeit­i­gen argen­tinis­chen Präsi­den­ten Mauri­cio Macri und des IWF und gegen die mas­siv­en Ent­las­sun­gen und die Prekarisierung angesichts der fol­gen­schw­eren Wirtschaft­skrise der jet­zi­gen Regierung auseinan­der­set­zten, war die Beteili­gung enorm. Eben­so in den Work­shops, die den Kampf gegen die Ein­mis­chung des Impe­ri­al­is­mus in das Land the­ma­tisierten.

Die Frauen* der “Koor­di­na­tion der Arbeiter*innen im Kampf” der südlichen Zone der Prov­inz Buenos Aires, zu der unter anderem Frauen* von Ans­abo, Coca Cola, Siam, Ran Bat gehören, sowie Arbeiter*innen von Grafikun­ternehmen unter Selb­stver­wal­tung, wie Mady­graf und World­Col­or, Arbeiter*innen des Posadas-Kranken­haus­es und Arbeiter*innen der Lebens­mit­tel­her­steller Kraft, Pep­si­Co und Felfort, nah­men eben­falls eine wichtige Rolle in den Work­shops ein.

Dieses Tre­f­fen fiel auch mit der ersten Debat­te für die Präsi­dentschafts- und Par­la­mentswahlen am 27. Okto­ber zusam­men, bei der der einzige Kan­di­dat, der sich in dieser Debat­te auf das Tre­f­fen bezo­gen hat, Nicolás del Caño von der “Frente de Izquier­da Unidad” war. Trotz der Aus­maße und des Ein­flusses, den diese Tre­f­fen für Argen­tinien und die fem­i­nis­tis­chen Bewe­gun­gen in Lateinameri­ka haben, schienen die übri­gen Kan­di­dat­en ihnen nicht die angemessene Aufmerk­samkeit zu schenken.

Die “Frente de Izquier­da Unidad” ist die einzige poli­tis­che Partei, die zu den kom­menden Wahlen mit ein­er Liste von Kandidat*innen antritt, die zu 100% aus Befürworter*innen legaler Abtrei­bung beste­ht. Nach der Ablehnung der Legal­isierung der Abtrei­bung durch den Sen­at im ver­gan­genen Jahr ist es notwendig, sich im Par­la­ment für die Rechte von Frauen* und gebär­fähi­gen Per­so­n­en einzuset­zen.

Die soziale Bewe­gung #NiU­na­Menos und die “Grüne Welle” für das Recht auf Abtrei­bung sind nicht über Nacht enstanden. Die Aus­maße dieser Bewe­gun­gen, die in den let­zten fünf Jahren die Straßen mit Mil­lio­nen von Men­schen gefüllt haben, die die Rechte von Frauen und LGBITTQ* ein­fordern, sind das Ergeb­nis eines jahre­lan­gen Kampfes ver­schieden­er Sek­toren, die täglich gegen Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus vorge­hen.

Es sei darauf hingewiesen, dass nach dem 18. Tre­f­fen im Jahr 2003 zum ersten Mal die Forderung nach dem Recht auf legale, sichere und freie Abtrei­bung erhoben wurde. Es war auch das erste Mal, dass dieser Kampf und das markante grüne Hal­stuch in den Medi­en auf­tauchte, das heute über­all als unbe­stre­it­bares Sym­bol für den Kampf um die legale Abtrei­bung erscheint.

Nach diesem Tre­f­fen 2003 wurde unsere Schwes­t­eror­gan­i­sa­tion “Pan y Rosas” gegrün­det, mit dem Ziel, für einen sozial­is­tis­chen Fem­i­nis­mus zugun­sten der Arbeiter*innenklasse und des Klassenkampfes zu kämpfen. Die Organ­i­sa­tion betra­chtet Patri­ar­chat und kap­i­tal­is­tis­ches Sys­tem nicht als strikt voneinan­der getren­nte Bere­iche oder als Dichotomie, son­dern kämpft auch darum, sicht­bar zu machen, dass es keine Rev­o­lu­tion gegen das Patri­ar­chat geben kann, wenn es keinen gle­ichzeit­i­gen Kampf gegen den Kap­i­tal­is­mus und die herrschende Klasse gibt. Das Man­i­fest der Organ­i­sa­tion “Brot und Rosen” aus Deutsch­land kann hier gele­sen wer­den.

Auf Wun­sch von “Pan y Rosas” war die Sol­i­dar­ität mit den Protesten gegen die Anpas­sungspläne in Ecuador ein weit­eres wichtiges The­ma der Work­shops. Nach­dem die Regierung Lenín Morenos die vom Inter­na­tionalen Währungs­fond vorgegebe­nen Spar­maß­nah­men umset­zte und somit mas­sive Proteste aus­löste, in denen Frauen*, Arbeiter*innen, Bäuer*innen und indi­gene Gemein­schaften dieses Lan­des die Protagonist*innen waren, war die einzige Reak­tion darauf weit­ere Repres­sio­nen und Gewalt seit­ens der Regierung.

Das Tre­f­fen endete mit ein­er let­zten mas­siv­en Mobil­isierung und ein­er Ver­samm­lung, in der vere­in­bart wurde, dass das näch­ste Tre­f­fen im kom­menden Jahr in San Luis stat­tfind­en wird.

Frauen, Les­ben, Bisex­uelle, trans, inter und nicht-binäre Per­so­n­en in Argen­tinien wer­den sich weit­er­hin jährlich tre­f­fen, um darüber zu disku­tieren, wie das Patri­ar­chat gestürzt wer­den kann. Und damit diese Agen­da wirk­sam wird, müssen wir uns weit­er­hin auf der Straße tre­f­fen, Hand in Hand mit der Arbeiter*innenklasse.

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