Welt

Arbeiter*innen­kontrolle gegen die Pandemie

Argentinien hat eine lange Tradition der Besetzung von Fabriken und der Produktion unter Arbeiter*innenkontrolle. In der Krise haben Arbeiter*innen, die früher Polizeiuniformen nähen mussten, die Kontrolle über ihren Arbeitsplatz übernommen und stellen jetzt chirurgische Masken her. Ein Hotelarbeiter aus den USA, der sich derzeit in Argentinien aufhält, berichtet.

Arbeiter*innen­kontrolle gegen die Pandemie

Es wird den Men­schen auf der ganzen Welt klar, dass die Führungsper­so­n­en unser­er Gesellschaft — die Präsident*innen und Premierminister*innen, die Milliardär*innen und Vorstände der multi­na­tionalen Konz­erne, die Promi­nen­ten und Talk­ing Heads — wenige Lösun­gen für die bei­den Krisen des Coro­n­avirus und des Wirtschaftsab­schwungs haben. In den meis­ten Län­dern ist die Reak­tion auf die Pan­demie zu schwach und zu spät — und die Massen zahlen den Preis dafür.

Die Inkom­pe­tenz der herrschen­den Klasse ste­ht in schar­fem Kon­trast zum Helden­tum und zur Kreativ­ität der Arbeiter*innen der Welt. Da viele nicht unbe­d­ingt notwendi­ge Arbeit­splätze geschlossen wur­den oder die Men­schen von zu Hause aus arbeit­en, find­et man in den sozialen Medi­en über­all Lob für die Arbeiter*innen, die im medi­zinis­chen Bere­ich, im Dien­stleis­tungssek­tor, in der San­itärver­sorgung, im Trans­port, im Einzel­han­del und in anderen Bere­ichen unter schreck­lichen Bedin­gun­gen und hohem Risiko arbeit­en, um die notwendi­gen Güter und Dien­stleis­tun­gen bere­itzustellen.

In Argen­tinien gibt es eine Tra­di­tion von Fab­riken, die von den Arbeiter*innen kon­trol­liert wer­den und aus der Krise von 2001 her­vorge­gan­gen sind. In jen­em Jahr über­nah­men Arbeiter*innen im Zuge der Schließung von Unternehmen die Kon­trolle über 200 Betriebe und nah­men die Pro­duk­tion wieder auf. In den fol­gen­den Jahren wur­den diese ersten Beispiele von Arbeiter*innen in ver­schiede­nen Branchen aufge­grif­f­en, die gegen Schließun­gen und Ent­las­sun­gen kämpften. Diese Kämpfe bedeuteten jedoch nicht nur die Weit­erbeschäf­ti­gung von Arbeitnehmer*innen, die son­st auf der Straße gewor­fen wären — sie liefer­ten auch den Beweis dafür, dass die Bosse durch das Man­age­ment der Arbeiter*innen erset­zt wer­den kön­nen. Nun wur­den viele dieser Fab­riken zu inte­gralen Bestandteilen ihrer Gemein­den.

In Zeit­en des Coro­n­avirus tra­gen diese “zurücker­oberten” Fab­riken ihren Teil dazu bei, die Pan­demie zu stop­pen. Sie bieten einen Ein­blick, wie eine Pro­duk­tion für den Bedarf statt für die Gier ausse­hen kön­nte.

Um der Pandemie entgegenzutreten, werden trotz Ansteckungsgefahr Atemschutzmasken hergestellt

Die Tex­til­fab­rik Tra­ful in Neuquen wurde 2017 unter die Kon­trolle der Arbeiter*innen gestellt, nach­dem die Eigen­tümer, die Brüder Huer­ta, mit­ten in der Nacht die meis­ten Maschi­nen ent­fer­nt hat­ten. Dies war nicht so ein­fach, wie es sich anhört, denn die Arbeiter*innen wur­den vorher gewarnt und block­ierten die Straße, die zur Fab­rik führte. Zu ihnen gesell­ten sich ihre Kolleg*innen aus der Keramik­fab­rik Zanon, die seit 2001 unter Selb­stver­wal­tung ste­ht. Erst mit ein­er Polizeiesko­rte kon­nten die Huer­tas nach stun­den­langem Still­stand um etwa 3 Uhr mor­gens Maschi­nen abtrans­portieren.

Den Arbeiter*innen wurde ein größ­ten­teils leer­er Laden über­lassen. Obwohl sie ent­täuscht waren, gaben sie sich nicht geschla­gen und sucht­en die Unter­stützung der Gemein­schaft. Die übrig gebliebe­nen indus­triellen Waschmaschi­nen wur­den für die Wäscherei genutzt, Näh­maschi­nen wur­den gespendet. Als die mit Schildern und Trans­par­enten bewaffneten Arbeiter*innen auf die Auto­bah­nen und Straßen gin­gen, um nach Spenden zu fra­gen, wur­den sie mit Unter­stützung über­häuft.

Jet­zt revanchieren sie sich mit der Her­stel­lung von Atem­schutz­masken und Kit­teln. Obwohl sie sich in sozialer Dis­tanzierung üben, riskieren sie eine Ansteck­ung, um drin­gend benötigte Vor­räte zu pro­duzieren. In ihrer Presseerk­lärung erk­lären sie, dass sie “überzeugt sind, dass wir, die Arbeit­er, angesichts dieser Krise mit konkreten Maß­nah­men in die gesund­heitlichen und wirtschaftlichen Ini­tia­tiv­en ein­greifen müssen, um der Pan­demie ent­ge­gen­zutreten”. Sie fordern, dass die Regierung einen Pro­duk­tion­s­plan finanziert, während die nicht unbe­d­ingt benötigten Arbeitnehmer*innen zu Hause bleiben und bezahlt wer­den. Mit ihren Erk­lärun­gen und Aktio­nen zeigen sie, dass eine gute Gesund­heit nicht durch Speku­la­tion und Gewinnstreben bes­timmt wer­den sollte.

Eine Fab­rik, die einst Polizeiu­ni­for­men an die Prov­inzregierung lieferte, ste­ht nun unter der Kon­trolle der Arbeiter*innen und pro­duziert die zur Eindäm­mung des Coro­n­avirus erforder­lichen Vor­räte.

In den USA stellen die Beschäftigten im Gesund­heitswe­sen der Prov­i­dence St. Joseph Health in Wash­ing­ton eben­falls Masken her, um sich zu schützen, während sie an der Front gegen die Pan­demie arbeit­en.

Wie kann es sein, dass es an Desinfektionsmittel mangelt?

Von Arbeiter*innen kon­trol­lierte Labors und Lebens­mit­telver­ar­beitungs­be­triebe pro­duzieren drin­gend benötigte Desin­fek­tion­s­mit­tel, wie z.B. bei Far­ma­Coop in der Prov­inz Buenos Aires und La Terre in der Prov­inz Men­doza.

Auch an noch nicht “zurücker­oberten” Arbeit­splätzen wollen die Arbeiter*innen leben­snotwendi­ge Güter pro­duzieren. Die Beschäftigten der staat­seige­nen Werft Astillero Río San­ti­a­go, die seit langem unter rev­o­lu­tionär­er sozial­is­tis­ch­er Führung ste­hen, forderten die Nutzung ihrer Labors zur Her­stel­lung von Desin­fek­tion­s­mit­teln.

In der Stadt Rosario haben die Lehrer*innen der Tech­nis­chen Schule von San José die zahlre­ichen Labors zur Her­stel­lung von über 40 Kilo­gramm Desin­fek­tion­s­mit­tel genutzt. Lei­der erschw­eren die Prov­inzbe­hör­den die Verteilung des Desin­fek­tion­s­mit­tels.

Die tech­nis­chen Schulen in Men­doza fol­gen dem Beispiel von San José. In der nördlichen Prov­inz Jujuy stellen Lehrer*innen und Studierende des Hochschulin­sti­tuts Nr. 11 die drin­gend benötigten Gesichts­masken her, während die Reak­tion der Behör­den rein strafend ist und keinen Plan für Gesund­heit und Wohlfahrt auf­stellt.

Der Kap­i­tal­is­mus hat die Mit­tel her­vorge­bracht, um so viele Dinge ein­fach und effizient zu machen. Und doch find­et das Sys­tem Schwierigkeit­en bei den ein­fach­sten Din­gen, wie Gesichts­masken in die Hände von Mitarbeiter*innen des Gesund­heitswe­sens und der Sanitäter*innen zu leg­en, die die Pan­demie zu stop­pen ver­suchen.

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