Antwort auf Nicholas Potter: Warum man mit „Antideutschen“ nicht für Befreiung kämpfen kann

24.10.2022, Lesezeit 7 Min.
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Bild: Ayrin Giorgia / Klasse gegen Klasse

Antwort von Tom Krüger an Belltower News, eine prozionistische und staatstragende Zeitung, die den linken Flügel in Solid mit internen Chats diskreditieren will.

Am heutigen Montagmorgen erhielt Tom Krüger, Teil der Fraktion „Revolutionärer Bruch“ in Solid eine Presseanfrage von Nicholas Potter. Besagter Journalist schreibt für den staatstragenden und prozionistischen Online-Blog „Belltower News“, bei dem die Amadeu Antonio Stiftung als Trägerin fungiert. Sowohl die Stiftung als auch Belltower News versuchen Kritik an der israelischen Politik als antisemitisch motiviert darzustellen und so Linke zu diskreditieren. Wir finden es unseriös, dass sie sich einzelnen Aussagen eines:einer einzelnen Aktivist:in in internen Chats aufhängen und sie sie nicht im Gesamtkontext des Chat-Verlaufs einordnen. Das zeigen die Auszüge, die Tom in der Anfrage erhalten hat. Wir spiegeln im Folgenden die Nachrichten des Journalisten und veröffentlichen eine Erklärung von Tom Krüger, der klarstellt, warum wir eine Revolution wollen und warum wir nicht der Meinung sind, dass die Befreiung im Windschatten des deutschen Imperialismus möglich ist, der weltweit für Ausbeutung, Krieg und Mord mitverantwortlich ist. Im Rahmen der Fraktionsauseinandersetzung innerhalb der Linksjugend [’solid] Berlin hat Nicholas Potter folgende zwei Nachrichten an Tom gesendet, zu denen er unten öffentlich Stellung beziehen möchte:

„Lieber Herr Krüger,

ich bin Redakteur bei Belltower News, dem journalistischen Portal der Amadeu Antonio Stiftung. Ich schreibe einen Artikel über die Linksjugend Solid. Mir wurde der Verlauf der internen Chatgruppe in Berlin zugespielt. Als Antwort auf die Nachrichten vom User „Brokkoli“, dass der beste „Antideutsche“ ein toter sei und Konterrevolutionäre wie „Antideutsche“ „mit allen Mitteln verhindert“ werden müssten, schrieben Sie: „Totschießen können wir die gerade eh nicht, selbst wenn wir das wollten“. Es mache zudem keinen guten Eindruck, „wenn man erstmal ne Liste vorlegt, wen man abknallen will, ganz im Gegenteil“.

Ich will Ihnen selbstverständlich eine Chance geben, zu diesen Aussagen Stellung zu nehmen.

Folgende Fragen stelle ich an Sie:

1. Möchten Sie sich von „Brokkolis“ Äußerungen klar distanzieren?

2. Bewerten Sie die Äußerungen von „Brokkoli“ als Mordfantasien? Wenn nicht, wie erklären Sie diese Äußerungen?

3. Sie schreiben: „Totschießen können wir die gerade eh nicht, selbst wenn wir das wollten“. Wenn Sie die Mittel hätten, käme dann eine Erschießung politischer Feinde wie „Antideutsche“ für Sie in Frage?

4. Sie schreiben, es mache keinen guten Eindruck, eine Todesliste von politischen Feinden vorzulegen. Ist das der einzige Grund, warum Sie dagegen sind?

Ich bitte um eine Rückmeldung bis heute um 17:00. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
Nicholas Potter
nicholas.potter@amadeu-antonio-stiftung.de“

 

„Lieber Herr Krüger,

eine Frage habe ich vergessen, ich bitte um Verzeihung.

5. Im Februar 2021 twitterten Sie: „Ich sag’s wie’s ist Linksjugend braucht kommunistisches ZK und gegen die größten Schweine paar Schauprozesse dann gibt’s endlich wieder Linie“. Was sagen Sie zu dem Tweet aus heutiger Sicht? Ist das immer noch Ihre Meinung?

Vielen Dank.“

 

Im Folgenden meine Antwort:

Sehr geehrter Herr Potter,

ich würde sie darum bitten, wenn ihnen schon Auszüge aus der Chatgruppe des Landesverbandes Berlin vorliegen, die journalistische Sorgfalt walten zu lassen, und sich auch die gesamte Konversation anzuschauen. Vorangestellt zu dieser Aussage stand, dass man Antideutsche in die politische Irrelevanz verdrängen sollte, indem man politisch überzeugt, und ich wollte in einer sehr flapsigen Wortwahl darstellen, dass so eine Gewaltphantasie nicht nur das falsche Mittel ist, um politische Gegner:innen zu überzeugen, sondern auch, dass man aktuell überhaupt nicht die Mittel hat, dies durchzuführen. Keine fünf Chatnachrichten später habe ich auf eine andere Antwort auf Brokkoli, dass wir das nicht wollen, mit „ja offensichtlich“ geantwortet. Die Annahme, dass ich der Grundaussage zustimmen würde, ist also absolut haltlos.

Zu der Auseinandersetzung an sich sind denke ich zwei Sachen zu sagen: In der Linksjugend Solid waren es ja in Vergangenheit immer wieder die sogenannten „Antideutschen“, die mit der Referenz auf Merkava-Memes (und auch der Androhung mit Merkavas auf Veranstaltungen zu fahren, darüber berichtet denke ich auch die von ihnen gelesene jungle World) sowie dem posieren in Uniformen der IDF den Diskurs auf eine Ebene der kriegerischen Auseinandersetzung und der unmittelbaren Androhung physischer Gewalt gehoben haben. Gerade am letzten Wochenende hat sich auch gezeigt, wie dies direkt in heftiger Aggression und physischer Gewalt mündet. Dass auf solches Verhalten verbalradikale Überreaktionen kommen, finde ich insbesondere in einem Jugendverband kein Skandal, sondern viel eher, denunziatorische Artikel über interne Chatgruppen schreiben zu wollen und über gewaltsame Übergriffe auf antikoloniale Aktivist:innen auf politischen Versammlungen zu schweigen.

Der zweite Punkt ist derjenige, dass sich Antideutsche in ihren Drohungen ja insbesondere auf das Militär und die Polizei von bürgerlichen Staaten stützen. Ich als revolutionärer Sozialist stehe für den Kampf für Rätemacht, in der durch die Kontrolle der Produktion durch die gesamte Arbeiter:innenklasse auch selbstverständlich eine breitestmögliche Rätedemokratie herrscht. In Deutschland gab es eine Situation, in der Räte einen gewichtigen politischen Einfluss hatten schon einmal während der Novemberrevolution.  Um die bürgerliche Eigentumsordnung zu bewahren, wurde die damalige Rätebewegung mit bürgerlicher Polizei und Militär, im Verbund mit faschistischen und massivst antisemitischen Freikorps, die die Keimzelle für den deutschen Faschismus gebildet haben,  gewaltsam niedergeschlagen. Das ist auch die grundsätzliche Funktion von bürgerlicher Polizei und Militär, mit allen Mitteln bürgerliches Eigentum zu schützen und dabei jedes mögliche Mittel anzuwenden und in Krisensituationen auch mit Faschist:innen zu kooperieren. Ob es die Israelische Verteidigungsstreitkräfte (IDF), das US-Militär oder welche Macht auch immer ist, die von Antideutschen für fortschrittlich erklärt wird – dieser Logik stimmen sie vehement zu. Von einem Kämpfer gegen Antisemitismus und für Menschenrechte, wie sie es für sich veranschlagen, würde ich erwarten, dass sie vor allem diesen positiven Bezug auf bürgerliche Staatsgewalt anklagen.

Zu meiner stalinistischen Vergangenheit: Damit habe ich komplett gebrochen und habe mich davon auch schon mehrfach distanziert. Ich denke, dass meine Überzeugungen damals unter anderem daraus gespeist wurden, dass die politische Auseinandersetzung in reformistischen Jugendorganisationen ja wirklich darauf beruht hat, um die Sympathie von Einzelpersonen zu ringen, und dafür fertiggemacht zu werden, wenn man von der Meinung der derzeitigen Anführer abweicht, ohne in die politische Auseinandersetzung zu gehen, was insbesondere die Bundesebene der Linksjugend angeht. Während meiner Zeit als Stalinist ist mir sogar angeboten worden, Mehrheiten dafür zu organisieren in einer Minderheitenposition in den Bundessprecher:innenrat einzutreten. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass dieses Vorgehen dazu gedient hat, mich in den Apparat zu integrieren. Mit Ausnahme von Verbalradikalität hat uns in der Logik, wie wir uns Politik vorstellen, nicht viel getrennt. Jetzt kämpfe ich für einen Sozialismus, der sich auf Räte und die breite Masse der Arbeiter:innenklasse stützt und dafür, so politisch und so öffentlich wie möglich zu kämpfen, anstatt Schauprozesse – ob man sie so nennt oder nicht, ist in diesem Falle vollkommen egal – abzuhalten, um eine politische Minderheit zum Schweigen zu bringen. Ich kämpfe sehr ausdrücklich dafür, dass auch mit politischen Minderheitenpositionen so offen und transparent wie möglich diskutiert wird, anstatt sie über Formalien oder Schikanen auszuschließen.

Mit freundlichen Grüßen,

Tom Krüger

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