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Amazon-Streik in Leipzig

In Leipzig streiken die Beschäftigten von Amazon – und demonstrieren bis in die Uni hinein

Amazon-Streik in Leipzig

// In Leipzig streiken die Beschäftigten von Amazon – und demonstrieren bis in die Uni hinein //

„Jeff Bezos muss verstehen, wer seine Milliarden erarbeitet.“ Heiko Fritzsche arbeitet normalerweise beim Onlinehändler Amazon in Leipzig. Doch diese Woche ist er zusammen mit bis zu 500 KollegInnen im Streik. Der Tarifvertrag, den die Streikenden fordern, würde für Fritzsche bessere Bezahlung und ein ordentliches Weihnachtsgeld bedeuten. Am Donnerstag demonstrierten sie durch die Leipziger Innenstadt und bis zur Universität, um Bezos, dem Konzernboss im US-amerikanischen Seattle, eine Botschaft zu schicken. „Streiken ist unser Recht“, heißt es stolz auf ihrem Fronttransparent.

„Dieser Streik zeigt, dass es möglich ist, die Zumutungen der modernen Arbeitswelt nicht einfach hinzunehmen, sondern sich zur Wehr zu setzen“, heißt es zu Beginn einer Streikkundgebung auf dem Campus. Auf dem Platz vor der Mensa haben sich 200 ArbeiterInnen zusammen mit rund 30 Studierenden versammelt. Das „Solibündnis Leipzig“ unterstützt die Streikenden jeden Tag und hat sie alle für heute zur Universität eingeladen. UnterstützerInnen können manche Taktik anwenden, die für Beschäftigte schwierig wird. So haben Studierende aus Frankfurt am Main am Montagabend die Werktore des Standorts in Bad Hersfeld blockiert.

Nach der Kundgebung in Leipzig diskutieren 50 Beschäftigte und StudentInnen in einem Raum des „StudentInnenrats“ weiter. Es geht um die harten Arbeitsbedingungen und die ständigen Erniedrigungen. „Wir laufen jeden Tag einen Halbmarathon, 20 oder 25 Kilometer, und müssen uns 100 mal die Stunde bücken“, sagt ein Kollege, der nicht namentlich genannt werden soll. „Welcher Hochleistungssportler schafft das acht Stunden am Tag und fünf Tage die Woche?“ Ein weiterer Kollege schätzt die Distanz auf 30 oder 40 Kilometer, denn man komme während der ganzen Schicht nicht zum Stehen.

Die Beschäftigten beklagen ihre Arbeitsbedingungen auch wegen der Folgen: Oft seien 25 Prozent der Belegschaft in Leipzig krank, in der Weihnachtszeit fast 30 Prozent. Viele der Diskutierenden wollen dabei nicht namentlich zitiert werden. KollegInnen seien schon wegen kritischer Beiträge auf Facebook abgemahnt worden, begründen sie ihre Vorsicht.

Viele Saisonkräfte werden nur für den Monat Dezember angestellt, und nur eine Handvoll beteiligt sich am Streik. Das Solibündnis hat Flyer auf Deutsch und Englisch verteilt, um die vielen Beschäftigten ohne Deutschkenntnisse über ihre gewerkschaftliche Rechte zu informieren. „Ich wollte kein Streikbrecher sein“, sagt ein junger Mann, der nur bis Ende Dezember einen Vertrag hat und sich Ulrich nennt. Auf eine Entfristung hat er sowieso keine Hoffnung, vielleicht fliegt er auch schon früher raus: „Die Kündigungsfrist ist nur ein Tag“, erklärt er, und im Zweifelsfall fänden die ManagerInnen einen offiziellen Grund, um ihn wegen seiner Streikteilnahme rauszuwerfen. „Aber ich wollte den Kollegen nicht in den Rücken fallen“, erklärt er.

Der Streik läuft an sechs der acht Standorte des Onlinehändlers, laut Gewerkschaftsangaben beteiligen sich bis zu 2.600 ArbeiterInnen. Ursprünglich auf drei Tage angesetzt, wurde der Ausstand bis einschließlich Samstag verlängert. In Graben, Bad Hersfeld, Leipzig und Rheinberg soll sogar bis zum 24. Dezember durchgestreikt werden. Koblenz kam am Dienstag das erste Mal dazu: Am Mittwoch reisten dort 1.000 Streikende in elf Bussen aus Hessen und Nordrhein-Westfalen für eine zentrale Kundgebung an.

An zwei Standorten wurde noch nicht gestreikt. Im Logistikzentrum im brandenburgischen Brieselang, Ende 2013 eröffnet, sind noch mehr als 80 Prozent der Belegschaft befristet eingestellt. Wegen dieses Drucks waren sie nicht zum Streik aufgerufen – zum Jahreswechsel werden 800 oder 900 Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Doch am Mittwoch zum Schichtwechsel haben VertreterInnen der Gewerkschaft ver.di zusammen mit Studierenden Flyer vor dem Werk verteilt, um darüber zu informieren, dass ein Tarifvertrag 1.000 Euro Weihnachtsgeld bedeuten würde – zur Zeit zahlt Amazon nur 400 Euro, und das nur nach einem halben Jahr Betriebszugehörigkeit. Die Reaktionen auf die Flyer waren überwiegend positiv – auch wenn die meisten Beschäftigten betonten, dass ihre Verträge am 31. Dezember auslaufen.

Auch in anderen Städten gab es studentische Unterstützung für den Streik. Zwei „Teach-Ins“ mit Streikenden fanden am Montag in Berliner Unis statt, am Donnerstag Abend wurden Flyer auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz verteilt. Warum interessieren sich Studierende für diesen Arbeitskampf? „Nicht nur die Arbeitsbedingungen im Werk, sondern auch die Studienbedingungen werden prekärer,“ meint Daniel, der im Solibündnis Leipzig aktiv ist. Franziska ergänzt: „Die Amazon-Beschäftigten kämpfen auch für unsere Arbeitsbedingungen von morgen.“ Deswegen gibt es ein bundesweites Solidaritätsnetzwerk.

Besuch bekamen die Streikenden in Leipzig am Mittwoch auch von 30 KollegInnen der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc. Diese berichteten von noch schlechteren Arbeitsbedingungen in den neu eröffneten polnischen Standorten von Amazon und versprachen Solidarität mit dem Arbeitskampf in Deutschland. Auch in Frankreich wird bei Amazon gestreikt.

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