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Amazon: Streik in aller Munde

Seit Langem kämpfen Amazon-Beschäftigte für einen Tarifvertrag. Jetzt wurde auch in einem bisher nicht organisiertem Verteilzentrum gestreikt.

Amazon: Streik in aller Munde
Ein Kampf, der schon lange andauert: Streikende Amazon-Beschäftigte 2015. Bild: DIE LINKE Nordrhein-Westfalen

Bad Hersfeld, Dortmund, Graben, Koblenz, Leipzig, Rheinberg, Werne und Winsen: an neun deutschen Standorten legten Beschäftigte des Onlineversand Amazon anlässlich der Rabattaktion „Prime Day“ am 11. Oktober die Arbeit nieder.

Seit Jahren versucht ver.di einen Tarifvertrag für die Beschäftigten eines der reichsten Konzerne der Welt durchzusetzen, doch Amazon weigert sich nach wie vor mit der Gewerkschaft zu verhandeln. Angesichts der steigenden Inflation und des höheren Mindestlohnes entschied sich Amazon im September für eine einseitige Lohnerhöhung. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, dass der „rechnerische Einstiegslohn bei Amazon für ungelernte Tätigkeiten auf über 13 Euro brutto pro Stunde, inklusive Bonuszahlungen und Jahressonderzahlung“ steigen würde.

Doch an jeden Standort viel die geringfügige Erhöhung unterschiedlich aus, was auch Amazon bestätigt: Die Vergütungen würden auf einer jährlichen Analyse von Lohn und Arbeitsmarktdaten in den einzelnen Regionen beruhen. Das Amazon-Beschäftigte an bisher gewerkschaftlich schlecht organisierten Standorten wie Winsen bis zu zwei Drittel weniger Lohnerhöhung bekamen als andere Standorte, sorgte für viel Frust und führte zu einer Ausweitung des Arbeitskampfes bei Amazon.

„In Winsen hat Amazon eine Lohnerhöhung von gerade einmal 44 Cent gezahlt“, erzählt Hedi Tounsi im Gespräch. Er arbeitet seit der Eröffnung Deutschlands ersten vollautomatischen Verteilzentrum im niedersächsischen Winsen als Technischer Assistent bei Amazon.  „Die Manager prüfen, wie lange du auf Toilette warst und kommen hinterher nachgucken“, beschwert sich Tounsis. „Und jetzt bieten sie uns drei Prozent Lohnerhöhung? Das können wir nicht mehr schlucken.“

Mitte September wurde im Amazon-Lager Winsen erstmals gestreikt. Damals beteiligten sich laut Tounsi rund 100 Beschäftigte der Früh- und 100 Personen aus der Nachtschicht an den Arbeitsniederlegungen. Vergangenen Dienstag hätten sich 85 Prozent der Nachtschicht an den Streiks beteiligt. Während Amazon keine Auswirkungen auf den Betrieb gesehen hätte, berichtete Tounsis, dass in Winsen 20.000 Artikel durch den Ausstand nicht versendet werden konnten. Ein großer Erfolg.

In den letzten Jahren wurden Bestellungen oft über das sehr effizient arbeitende Drehkreuz Winsen verschickt, wenn Amazon-Beschäftigte an anderen Standorten die Arbeit niederlegten. Der Betriebsrat war unter Kontrolle der Arbeitgeber und der Gewerkschaft ver.di fiel es schwierig Fuß zu fassen. Wenig Kollegen hätten sich getraut den Mund aufzumachen. „Die Limits bestanden aus Angst und den vielen Sprachen, die in der Belegschaft gesprochen werden“, erzählt der gebürtige Tunesier Tounsis. Viele Kollegen hätten gedacht, dass Streiken illegal sei. „Jetzt ist das Wort Streik in aller Munde“, so Tounsi.

Obwohl Amazons Gewinne im operativen Geschäft sprudeln, schreibt der Konzern seit Anfang des Jahres tiefrote Zahlen. Grund dafür ist, dass sich der fünft wertvollste Konzern der Welt an der Börse verzockt hat. In den USA beteiligten sie sich an den Hersteller von elektrischen Luxus SUVs Rivian, um eigene Lieferwagen herzustellen. Nach dem Börsengang von Rivian im vergangenen Jahr brach die Aktie um 75 Prozent ein, was zu Abschreibungen von 11,5 Milliarden US-Doller bei Amazon führte.

Diese Fehlinvestition probiert der Konzern offenbar durch Rabattaktionen und eine Anhebung des Preises für „Prime“-Mitgliedschaften um 30 Prozent und Lohnerhöhungen weit unter der Inflationsrate zu kompensieren. Um einen Inflationsausgleich und Tarifvertrag zu erkämpfen, wird es auch am Drehkreuzt Winsen in den nächsten Monaten zu weiteren, unangekündigten Arbeitsniederlegungen kommen, so Tounsi. „Amazon ist bewusst, wie wichtig wir am Standort Winsen sind,“ meint der Gewerkschafter. „Wenn wir streiken, machen wir alles platt.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 18. Oktober in der Jungen Welt.

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