Geschichte und Kultur

Als der Nordstern rot wurde

Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion in Finn­land 1917/1918 – Broschüre Nr. 5

Als der Nordstern rot wurde

// Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion in Finn­land 1917/1918 – Broschüre Nr. 5 //

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Vor­wort zur ersten Auflage

Das erste sozial­is­tis­che Land der Welt? Das müsste jedes Schulkind wis­sen. Aber das zweite? Das hätte der Autor vor einem Jahr auch nicht gewusst. Das „kleine und mutige Finn­land“ (Väinö Lin­na)[1], Land von Holzfäl­lerIn­nen und Handy­de­signer­In­nen, ist die richtige Antwort. Schon beim Begriff der „finnis­chen Rev­o­lu­tion“ wer­den die meis­ten an irgen­deine tech­nis­che Erneuerung von Nokia denken. Doch Finn­land hat­te eine eigene Rote Armee!

Vor 91 Jahren, im Jan­u­ar 1918, nahm die finnis­che Arbei­t­erIn­nen­klasse die Macht in ihre Hände, um Unab­hängigkeit für ihr Land und Gerechtigkeit für seine Ein­wohner­In­nen zu erkämpfen. Die Bour­geoisie schlug mit voller Kraft zurück – ob finnisch, schwedisch, rus­sisch oder deutsch, sie hiel­ten alle zusam­men gegen die finnis­chen Arbei­t­erIn­nen – und ermorde­ten min­destens 20.000 Rote.

Auch wenn das heutige Finn­land ein Vor­bild sozialer Ruhe zu sein scheint, find­en sich vere­inzelt Spuren dieser Ver­gan­gen­heit. Die meis­ten FinnIn­nen, abge­se­hen von den weni­gen Kom­mu­nistIn­nen, reden ungern darüber. Inter­na­tion­al ist die finnis­che Rev­o­lu­tion auch unter Linken kaum bekan­nt. Deswe­gen geht diese Broschüre der Frage nach, was genau passiert ist. Und vor allem stellt sie die Frage: was kön­nen wir als Rev­o­lu­tionärIn­nen heute daraus ler­nen?

Turku, den 1. Jan­u­ar 2009[2]

Vor­wort zur zweit­en Auflage

Das Inter­esse an der fast unbekan­nten finnis­chen Rev­o­lu­tion war deut­lich größer, als wir erwartet hat­ten. Deshalb veröf­fentlichen wir eine zweite Auflage dieser Broschüre mit unzäh­li­gen kleinen Kor­rek­turen, ein­er neuen Titel­seite und auch zwei his­torischen Doku­menten von W.I. Lenin und Vic­tor Serge als Anhang. Die weltweite Krise des Kap­i­tal­is­mus schlägt auch im son­st so ruhi­gen Finn­land Wellen: der Klassenkampf in Suo­mi spitzte sich im let­zten Jahr deut­lich zu. Umso wichtiger ist es, dass die Lehren der Rev­o­lu­tion von 1917/18 aufge­hoben wer­den.

Berlin, den 1. Juni 2010[3]

Finnland vor dem Krieg

Nach über 600 Jahren schwedis­ch­er Herrschaft wurde Finn­land im Jahr 1809 zu einem Großher­zog­tum im rus­sis­chen Zaren­re­ich. Finn­land genoss eine weit­ge­hende interne Autonomie mit eigen­er Ver­wal­tung, Amtssprache, Währung usw. Dafür blieb es über das Jahrhun­dert rus­sis­ch­er Herrschaft, mit Aus­nahme der Zeit von 1905/06, sehr ruhig. Erst im Jahr 1899 unter dem Zaren Niko­laus II. begann eine Poli­tik der Rus­si­fizierung und der Ein­schränkung der finnis­chen Autonomie. Daraufhin unter­schrieben eine halbe Mil­lion FinnIn­nen (von ein­er Gesamt­bevölkerung von dreiein­halb Mil­lio­nen) eine Peti­tion an den Zaren für die Wieder­her­stel­lung der Autonomie.

Im 19. Jahrhun­dert schufen Teile der finnis­chen Bour­geoisie eine Nation­al­be­we­gung. Der Lin­guist und His­torik­er Adolf Ivar Arwids­son gab der Bewe­gung ihren Schlachtruf: „Wir sind keine Schwe­den, und wir wollen keine Russen wer­den, also lasst uns Finnen sein.“ Eine finnis­che Lit­er­atur entwick­elte sich, haupt­säch­lich durch schwedis­chsprachige Ange­hörige der Elite, die sich die Sprache der Unter­schicht­en aneigneten und ihre Namen „finnisierten“. Gle­ichzeit­ig kämpften sie für die finnis­che Sprache in der Bil­dung und der Ver­wal­tung. Bis 1900 hat­te sich Finnisch nicht nur als gle­ich­berechtigte Amtssprache neben Schwedisch durchge­set­zt, son­dern auch als Sprache der entste­hen­den Nation.

Mit der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion von 1905 kamen auch – ziem­lich ver­spätet – poli­tis­che Unruhen ins Großher­zog­tum Finn­land. Mit dem „Roten Aufruf“ aus Tam­pere rief die Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung einen Gen­er­al­streik aus. Die kon­sti­tu­tionellen bürg­er­lichen Kräfte schlossen sich dem Streik an, weil auch sie die Wieder­her­stel­lung der Autonomie forderten, obwohl bei­de Lager meist getren­nte Streikkomi­tees hat­ten. Als der Zar per Man­i­fest seine Bere­itschaft erk­lärte, eine neue Ver­fas­sung für Finn­land zu akzep­tieren, waren die bürg­er­lichen Parteien wie die sozialdemokratis­che Parteiführung bere­it, den Streik abzubrechen – nur ein klein­er, radikaler Teil der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung wollte weit­erkämpfen. Nach dem Gen­er­al­streik etablierte der Zar eine par­la­men­tarische Ver­samm­lung (Eduskun­ta) für Finn­land, die von allen finnis­chen Bürg­erIn­nen über 24, die gewisse Eigen­tums­be­din­gun­gen wie Schuld­frei­heit erfüll­ten, gewählt wurde.[4] Da auch Frauen seit 1906 wählen durften, kann Finn­land als das erste Land der Welt mit Frauen­wahlrecht betra­chtet wer­den, obwohl es zu dem Zeit­punkt noch eine Monar­chie war. Der Eduskun­ta wählte eine finnis­che Regierung, den Sen­at (Senaat­ti), der dem Zaren und seinem Gou­verneur für Finn­land unter­stellt war.

Schon ab den 1870er Jahren entwick­elte sich in Finn­land eine Indus­trie: zuerst Holz- und Papierver­ar­beitung, später auch eine Met­allindus­trie. Im Jahr 1914 wurde die finnis­che Indus­triear­bei­t­erIn­nen­klasse auf 110.000 Men­schen geschätzt; die über­wiegende Mehrheit der finnis­chen Bevölkerung lebte allerd­ings noch auf dem Land. Der erste Weltkrieg traf die finnis­che Wirtschaft hart: Exporte nach Großbri­tan­nien, dem wichtig­sten Abnehmer von Holz und Papier­pro­duk­ten, waren nicht mehr möglich und von den 34.000 Arbei­t­erIn­nen in diesem Bere­ich wurde die Hälfte ent­lassen. Ins­ge­samt wurde ein Drit­tel der Arbei­t­erIn­nen­klasse arbeit­s­los. Dazu kamen rund 40.000 Jun­gar­bei­t­erIn­nen vom Land, die ab 1916 mit dem Bau von Befes­ti­gun­gen beschäftigt waren. Mit dem Aus­bruch der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion im März 1917 wur­den sie alle auf die Straße geset­zt.[5] Weit­er­hin war die Getrei­de­v­er­sorgung nicht mehr sich­er und während des Krieges bre­it­ete sich Hunger in den Städten und auf dem Land aus.

Der größte Teil der herrschen­den Klasse Finn­lands favorisierte Autonomie unter rus­sis­ch­er Schirmherrschaft. Doch ein radikaler Teil der Bour­geoisie, der vor allem unter Stu­dentIn­nen und Mil­itärs Zus­pruch fand, wollte die sofor­tige Lostren­nung von Rus­s­land und sah Deutsch­land als den zukün­fti­gen Garan­ten der finnis­chen Unab­hängigkeit. Diese AktivistIn­nen organ­isierten ein frei­williges Batail­lon von FinnIn­nen, die sich in Deutsch­land als Jäger (also als leichte Infan­terie) aus­bilden ließen und im Fall ein­er deutschen Inter­ven­tion in Finn­land einge­set­zt wer­den soll­ten. Teile dieser Ein­heit set­zte die deutsche Armee dann auch an der Ost­front ein, aber ab 1917 wur­den ihre Mannschaften mit der Zeit nach Finn­land zurück­geschickt. Diese rund 2.000 Jäger (jääkärit) soll­ten eine wichtige Rolle im Bürg­erIn­nenkrieg spie­len – mit Aus­nahme von 3 Jägern fan­den sie sich im Lager der weißen Kon­ter­rev­o­lu­tion.

Die finnische ArbeiterInnenbewegung

Die Finnis­che Sozialdemokratis­che Partei (Suomen Sosialidemokraat­ti­nen Puolue, SDP) wurde im Juli 1899 als Finnis­che Arbei­t­erIn­nen­partei gegrün­det, nach­dem marx­is­tis­che Intellek­tuelle die Kon­trolle über die bis dahin bürg­er­lich geführte Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung erlangten. Vor allem nach den großen Klassenkämpfen des Jahres 1906 set­zte sich in der Partei das Dog­ma des „Klassenkrieges“ durch: Arbei­t­erIn­nen dürften sich unter keinen Umstän­den mit der Bour­geoisie ver­brüdern, wed­er im Par­la­ment noch im Sportvere­in. Diese Dok­trin wurde zu der Zeit von allen sozialdemokratis­chen Parteien offiziell anerkan­nt, doch wenige führten sie so kon­se­quent durch wie die SDP – SozialdemokratIn­nen durften keine öffentlichen Posten übernehmen, und die sozialdemokratis­che Tageszeitung „Der Arbeit­er“ (Työmies), seit ihrer Grün­dung 1895 unter Kon­trolle des radikaleren Flügels der SDP, emp­fahl ihren LeserIn­nen sog­ar, nicht ins „bürg­er­liche“ Kino zu gehen! Selb­st als es 1917 zur Bil­dung ein­er sozialdemokratisch-bürg­er­lichen Koali­tion­sregierung kam, sind nur rechte Sozialdemokrat­en Sen­a­toren gewor­den, und die Parteiführung hielt diesen Schritt für „außeror­dentlich“, „tem­porär“ usw.

Diese voll­ständi­ge Abkapselung der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung erk­lärt sich aus den mis­er­ablen materiellen und rechtlichen Bedin­gun­gen, unter denen die finnis­chen Arbei­t­erIn­nen lebten.[6] Das Arbeit­srecht kan­nte kein Recht auf Organ­isierung oder Kollek­tivverträge, und bei Kom­mu­nal­wahlen war das Gewicht ein­er Stimme durch die Steuer­last bes­timmt. Die Tat­sache, dass die Aris­tokratie (und damit auch viele Kap­i­tal­istIn­nen, Man­agerIn­nen, Akademik­erIn­nen usw.) größ­ten­teils schwedis­chsprachig war, während die große Mehrheit der Arbei­t­erIn­nen Finnisch sprach, verdeut­lichte die Unter­schiedlichkeit von Arbei­t­erIn­nen und Bour­geois. Viele FinnIn­nen macht­en als Emi­gran­tInnen Erfahrun­gen in den USA mit der radikalen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung wie den Indus­tri­al Work­ers of the World und bracht­en deren Vorstel­lun­gen wieder mit nach Hause. Finnis­che Migran­tInnen waren gut in die US-Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung inte­gri­ert, sodass Anfang der 1920er bis zu einem Drit­tel der Mit­glieder der Com­mu­nist Par­ty of the USA finnisch waren.[7]

Im Jahr 1907 ent­stand auch die finnis­che Beruf­sor­gan­i­sa­tion (Suomen Ammat­ti­jär­jestö, SAJ), die als finnis­ch­er Gew­erkschafts­dachver­band viel direk­ter als die Partei an Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Klassen­feind beteiligt und entsprechend radikal war. Während des Gen­er­al­streiks im Jahr 1905 bildete sich auch eine Rote Garde (punakaar­ti), die mit dem Schutz der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung beauf­tragt war. Doch diese Garde zeigte eine Ten­denz zu (von der Parteiführung) nicht kon­trol­liert­er Mil­i­tanz, z.B. wollte sie eine Meuterei rus­sis­ch­er Sol­datIn­nen im Som­mer 1906 mit einem Gen­er­al­streik unter­stützten und zu einem Auf­s­tand ausweit­en, was die Parteiführung nur nervös machte. Mit dem Parteitag von 1906 löste die SDP die Rote Garde offiziell auf und schwor der Gewalt ab.

Im Laufe des ersten Weltkrieges kam es auch zu ein­er Annäherung von SDP und Bolschewi­ki. Dabei ging es nicht wirk­lich um pro­gram­ma­tis­che Nähe – die SDP war stolz darauf, ihre „Bolschewi­ki und Men­schewi­ki in ein­er Partei“ zu haben –, son­dern um die bedin­gungslose Anerken­nung des finnis­chen Selb­st­bes­tim­mungsrechts seit­ens der Bolschewi­ki. Während andere rus­sis­che SozialdemokratIn­nen mein­ten, das Ver­hält­nis zwis­chen Finn­land und Rus­s­land könne nur durch Ver­hand­lun­gen zwis­chen dem finnis­chen Par­la­ment und der Kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung in Rus­s­land gek­lärt wer­den, argu­men­tierte W.I. Lenin, dass Ver­hand­lun­gen nicht auf gle­ich­er Augen­höhe stat­tfind­en kön­nten, solange die Selb­st­bes­tim­mung Finn­lands nicht anerkan­nt würde.[8] Auf Drän­gen der Bolschewi­ki schloss sich die SDP im Juni 1917 der Zim­mer­walder Bewe­gung[9] an, obwohl deren Parteiführung nicht viel von der Per­spek­tive der Mobil­isierung der Arbei­t­erIn­nen­klasse gegen den impe­ri­al­is­tis­chen Krieg hielt.

Im Agrar­land Finn­land mussten auch die Bauern/Bäuerinnen eine wichtige poli­tis­che Rolle spie­len. Die finnis­che Bauern­schaft war schon seit dem 18. Jahrhun­dert rechtlich frei, aber viele wur­den durch Pachtverträge unter Bedin­gun­gen gehal­ten, die der Leibeigen­schaft ähnel­ten: z.B. mussten sie eine ver­traglich fest­geschriebene Zahl von Arbeit­sta­gen am Hof des Ver­pächters leis­ten. Rund 150.000 Bauern­höfe wur­den im Jahr 1912 von Päch­terIn­nen (top­pari) betrieben. Die SDP unter­stützte eine Rei­he von Refor­men für die Päch­terIn­nen (z.B. ein Ver­bot von Räu­mungen) und bekam deswe­gen eine über­raschend hohe Unter­stützung von ihnen. (Dazu kamen über 300.000 besit­zlose Lan­dar­bei­t­erIn­nen, das Agrarpro­le­tari­at, aber sie waren früh­estens mit dem Aus­bruch der Rev­o­lu­tion für poli­tis­che Agi­ta­tion empfänglich.) Mit Unter­stützung vom Land ging die Sozialdemokratie bei den Wahlen von einem Erfolg zum näch­sten: 1907 bekam sie 80 Sitze von 200, 1913 waren es schon 90 und 1916 bekam sie eine absolute Mehrheit von 103 Sitzen (mit 47% der Stim­men).

Die Revolution in Russland…

Die Rev­o­lu­tion, die im März 1917 in Rus­s­land aus­brach, führte zum Sturz der jahrhun­derteal­ten Zaren­dy­nas­tie. Eine pro­vi­sorische Regierung kam an die Macht (ab März unter dem Fürsten Lwow, dann ab Juli 1917 unter dem Sozial­rev­o­lu­tionären Keren­s­ki), die demokratis­che Refor­men ver­sprach, aber um jeden Preis den impe­ri­al­is­tis­chen Krieg fort­set­zen wollte. Die demokratis­chen Refor­men hat­ten einen sehr begren­zten Charak­ter, da ein neues poli­tis­ches Sys­tem erst durch eine Kon­sti­tu­ierende Ver­samm­lung geschaf­fen wer­den sollte, die aber immer wieder ver­schoben wurde. So gab es für die FinnIn­nen – genau­so wenig für die anderen unter­drück­ten Natio­nen des Zaren­re­ich­es – keine Anerken­nung des Selb­st­bes­tim­mungsrecht­es. Die pro­vi­sorische Regierung ver­sprach Ver­hand­lun­gen und Verbesserun­gen, aber ver­schob eine endgültige Lösung immer wieder auf die (irgend­wann stat­tfind­ende) Kon­sti­tu­ante. Im Fall von Finn­land wurde das Großher­zog­tum, das der Zar über Finn­land innehat­te, auf die neue Regierung über­tra­gen.

Teile der finnis­chen Gesellschaft, näm­lich die SozialdemokratIn­nen und auch die „aktivis­tis­chen“, antirus­sis­chen Teile der Bour­geoisie, sahen das Chaos in Rus­s­land als Gele­gen­heit, um die lange ersehnte Unab­hängigkeit durchzuset­zen. Die SDP war mit dem Zögern der pro­vi­sorischen Regierung unzufrieden und wandte sich an den ersten All­rus­sis­chen Kongress von Arbei­t­erIn­nen- und Sol­daten­räten, der im Som­mer in Pet­ro­grad stat­tfand. Der Sow­jetkongress beschloss eine Res­o­lu­tion, die das Recht Finn­lands auf Unab­hängigkeit anerkan­nte. Doch der Men­schewik Rafail Abramow­itsch, der die End­fas­sung for­mulierte, hat­te auch eine Klausel einge­fügt, die eine endgültige Entschei­dung an die Kon­sti­tu­ante delegierte – im Grunde war es die gle­iche Posi­tion wie die der pro­vi­sorischen Regierung.

Die SDP „über­sah“ diese Klausel in der Res­o­lu­tion des Sow­jetkongress: In ihren Augen hat­ten sich die rus­sis­chen Sozial­istIn­nen zur sofor­ti­gen Unab­hängigkeit Finn­lands bekan­nt. In der Zeit der „Julitage“ (als es kurzzeit­ig so aus­sah, als sei die pro­vi­sorische Regierung gestürzt wor­den) nutzte die SDP ihre Par­la­mentsmehrheit, um ein Autoritäts­ge­setz (val­ta­la­ki) zu beschließen. Dieses übertrug die volle Sou­veränität über Finn­land dem finnis­chen Par­la­ment – bis auf Fra­gen der Außen­poli­tik und der Vertei­di­gung, die bei der rus­sis­chen Regierung bleiben soll­ten. Die Vorherrschaft des Zaren oder irgen­deines rus­sis­chen Regen­ten wurde vom Par­la­ment für erloschen erk­lärt, wobei die endgülti­gen Beziehun­gen zu Rus­s­land noch zu klären wären. Dies war für die Keren­s­ki-Regierung, die noch die impe­ri­al­is­tis­chen Inter­essen Rus­s­lands mit einem sozial­is­tis­chen Gewand weit­er vertei­di­gen wollte, völ­lig inakzept­abel. Als Regent über Finn­land löste sie das Par­la­ment auf und ord­nete Neuwahlen für Okto­ber an. Die SDP wollte diese Entschei­dung nicht hin­nehmen, aber sie hat­te durch die De-Fac­to-Unab­hängigkeit­serk­lärung viel Unter­stützung im Land gewon­nen und wollte, angesichts eines erwarteten neuen Wahlsieges, keine zu schar­fen Kon­flik­te riskieren.

… und seine Auswirkungen in Finnland

Mit dem Aus­bruch der Rev­o­lu­tion in Rus­s­land brach die Autorität in Finn­land völ­lig zusam­men. Das Par­la­ment von 1916 mit seinen 103 sozialdemokratis­chen Abge­ord­neten wurde zum ersten Mal ein­berufen, und ein neuer Sen­at wurde gewählt, mit dem langjähri­gen sozialdemokratis­chen Par­la­men­tari­er und Vor­sitzen­den des Gew­erkschaftsver­ban­des Oskari Tokoi als De-Fac­to-Regierungschef („Der erste Sozial­ist der Welt, der Pre­mier­min­is­ter in ein­er demokratisch gewählten Regierung wurde“[10]). Doch es gab weit­er­hin einen rus­sis­chen Gou­verneur, der jet­zt nicht vom Zaren, son­dern von der pro­vi­sorischen Regierung ernan­nt wurde. Damit begann ein end­los­es juris­tis­ches Hin und Her, ob die rus­sis­che pro­vi­sorische Regierung die rechtliche Nach­folge des Zaren ange­treten hätte oder nicht, denn wenn der Zar ersat­z­los abgedankt hätte, müsste – so die Argu­men­ta­tion – ver­fas­sungsmäßig die Macht an das finnis­che Par­la­ment zurück­fall­en. Die pro­vi­sorische Regierung wollte sich deswe­gen juris­tisch als Regent ver­standen wis­sen. (Auch nach der Unab­hängigkeit bemühte sich die bürg­er­liche Regierung, neue Regen­ten an Stelle des Zaren zu find­en.)

Im Laufe des Jahres 1917 kam es immer häu­figer zu eigen­ständi­gen Protes­tak­tio­nen der Arbei­t­erIn­nen­klasse. In Turku zum Beispiel gab es einen Gen­er­al­streik zur Unter­stützung eines Streiks der Feuer­wehrmän­ner. Der alte bürg­er­liche Stad­trat lehnte jede Lohn­er­höhung ab, daraufhin wur­den einige sein­er Mit­glieder von den Streik­enden im Rathaus eingeschlossen, bis sie ihre Mei­n­ung geän­dert hät­ten. Als die Stad­tratsmit­glieder argu­men­tieren, dass sie kein Quo­rum (also keine Beschlussfähigkeit) hät­ten, schick­te das Streikkomi­tee eine bewaffnete Ein­heit durch die Stadt, um weit­ere Mit­glieder zusam­men­zutreiben. Der Stad­trat blieb aber stur und die Arbei­t­erIn­nen woll­ten ihn abset­zen – nur eine Inter­ven­tion des sozialdemokratis­chen Regierungschefs Tokoi kon­nte einen Kom­pro­miss erzwin­gen. Er meinte, ein neues Gesetz zu den Kom­mu­nal­wahlen im Par­la­ment durch­set­zen zu müssen, bevor die Stadträte abge­set­zt wer­den kon­nten.

Die Polizei ver­schwand fast voll­ständig und wurde durch Bürg­erIn­nen­milizen erset­zt, die von den städtis­chen Ver­wal­tun­gen bezahlt wur­den, aber weit­ge­hend autonom agierten. Die Milizen in den Großstädten bestanden in der Regel aus Arbei­t­erIn­nen und taugten kaum, um gegen Streiks und Demon­stra­tio­nen einge­set­zt zu wer­den. Deshalb bildete die Bour­geoisie zunehmend eigene Schutzko­rps v.a. aus Bauern/BäuerInnen und Stu­dentIn­nen. In dieser Sit­u­a­tion bilde­ten sich auch Ein­heit­en der Roten Garde, die im Gegen­satz zu den Milizen einen expliz­it sozialdemokratis­chen Charak­ter hat­ten und nur der Partei unter­standen. Die SDP wollte zuerst nur eine (viel weniger mil­i­tant klin­gende) Arbei­t­erIn­nen­vertei­di­gungs­garde (työväen järjestyskaar­ti) zulassen, denn sie hat­te die unkon­trol­lier­bare Rote Garde von den Ereignis­sen 11 Jahre zuvor in schlechter Erin­nerung. Erst im Okto­ber 1917 rief sie offiziell zur Bil­dung ein­er Roten Garde auf.

Oft wird behauptet, dass die Rote Garde aus „Anar­chistIn­nen und Hooli­gans“, also aus krim­inellen und deklassierten Ele­menten, bestand. Doch in der Mehrheit der Fälle war genau das Gegen­teil der Fall: Es wurde großer Wert darauf gelegt, dass nur poli­tisch zuver­läs­sige Partei- und Gew­erkschaftsmit­glieder, die schon lange in der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung aktiv waren, für die Rote Garde aus­gewählt wur­den. So waren die meis­ten Rot­gardis­tIn­nen etwas ältere Arbei­t­erIn­nen mit Fam­i­lien – erst beim Aus­bruch der Kampfhand­lun­gen strömten Tausende jün­gere Arbei­t­erIn­nen und Arbeit­slose dazu. Die Rote Garde war eine paramil­itärische For­ma­tion, hat­te aber kaum Waf­fen: In Tam­pere kon­nte sie der rus­sis­chen Gar­ni­son Gewehre abkaufen, doch das blieb eine Aus­nahme.

Im Okto­ber 1917 kam es zu Neuwahlen in Finn­land, und die Sozialdemokratie ver­lor ihre absolute Mehrheit. Sie bekam noch 45% der Stim­men, aber nur noch 92 Sitze im Par­la­ment (auf­grund des Wahlrechts). Die Parteiführung erkan­nte diese Wahlen nicht an, weil sie in der vorheri­gen Auflö­sung des Par­la­mentes durch Keren­s­ki eine Ver­let­zung ihres Autoritäts­ge­set­zes sah. In ihren späteren Auseinan­der­set­zun­gen mit dem Sen­at unter dem Kon­ser­v­a­tiv­en Peer Evind Svin­hufvud[11], der vom neuen Par­la­ment gewählt wurde, behar­rte die Sozialdemokratie auf der rück­wirk­enden Anerken­nung des Autoritäts­ge­set­zes, d.h. sie forderte die Regierung auf, ihre eigene Legit­im­ität abzuerken­nen. In dieser Frage kon­nte keine Seite Kom­pro­miss­bere­itschaft zeigen, weshalb die Sozialdemokratie immer mehr von ihrem Lieblingsweg, dem Par­la­men­taris­mus, abbiegen musste.

Die Haltung der Sozialdemokratie

In ein­er Pub­lika­tion prangerte die Sozialdemokratie die Sturheit der Bour­geoisie an: „Wir Arbei­t­erIn­nen wer­den gezwun­gen sein, uns zu über­legen, die Macht im ganzen Land in unsere Hände zu nehmen.“[12] Nun, auch für eine rev­o­lu­tionäre Führung kann es legit­im sein, eine defen­sive Form der Pro­pa­gan­da zu ver­wen­den und die Machtüber­nahme als Akt der Notwehr zu definieren, um schwank­ende Teile der Arbei­t­erIn­nen­klasse von der Notwendigkeit der Über­nahme der Macht zu überzeu­gen. Doch für die SDP war die Machter­grei­fung tat­säch­lich nicht ein­mal eine unge­wollte „let­zte Option“: Im End­ef­fekt war es nur eine leere Dro­hung, um die Bour­geoisie zu Zugeständ­nis­sen zu bewe­gen. Oskari Tokoi soll gesagt haben, dass die bürg­er­liche Par­la­mentsmehrheit das sozialdemokratis­che Reform­pro­gramm annehmen müsse, um „den Alb­traum ein­er Rev­o­lu­tion“ zu ver­mei­den. Und für die SDP-Führung war sie tat­säch­lich ein Alb­traum. Obwohl die Sozialdemokratie nun immer radikalere Aktions­for­men befür­wortete (vom Gen­er­al­streik im Novem­ber 1917 bis zur Machter­grei­fung im Jan­u­ar 1918), waren diese nie Teil ein­er kon­se­quenten Strate­gie. Die zöger­lichen Schritte wur­den nur deshalb geset­zt, da die Partei son­st die sich radikalisieren­den Arbei­t­erIn­nen­massen nicht mehr hätte kon­trol­lieren kön­nen.

Offiziell war die Partei natür­lich für die soziale Rev­o­lu­tion – seit 1899 stand das als Ziel im Parteipro­gramm, das stark an das Pro­gramm der deutschen Sozialdemokratie angelehnt war. Aber in der Prax­is war die Partei von einem tiefen Deter­min­is­mus[13] geprägt, wonach in einem unter­en­twick­el­ten Land wie Finn­land nur eine bürg­er­liche Rev­o­lu­tion stat­tfind­en kön­nte, um die Reste des Feu­dal­is­mus zu beseit­i­gen und eine mod­erne Repub­lik zu schaf­fen. Eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion war laut diesem Denken ein „anar­chis­tis­ches Aben­teuer“. Selb­st wenn sich die Partei gezwun­gen sah, die Staats­macht zu übernehmen, dann nur für eine kurze Episode, bis eine kon­sti­tu­ierende Ver­samm­lung eine bürg­er­liche Repub­lik etablieren kön­nte. Und wenn es eine sozial­is­tis­che Mehrheit in der Ver­samm­lung oder eine sozial­is­tis­che Regierung in der Repub­lik gegeben hätte, hät­ten sie sich auf einige Refor­men im Sinne der Arbei­t­erIn­nen beschränken müssen. Für die SDP war der Sozial­is­mus eine Frage, die nur in den entwick­el­ten kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern Europas hätte gelöst wer­den kön­nen – nicht in Finn­land, das von allen Seit­en als „unreif“ für den Sozial­is­mus ange­se­hen wurde. Ins­ge­samt war die SDP the­o­retisch stark an Karl Kaut­sky, den The­o­retik­er des „Zen­trums“ der deutschen Sozialdemokratie, angelehnt. SDP-ParteiführerIn­nen nah­men an inter­na­tionalen sozial­is­tis­chen Kon­feren­zen teil (zum Beispiel war der Vertreter der linken Strö­mung, Otto Wille Kuusi­nen, bei der Kon­ferenz im Jahr 1912 in Bern), doch sie beteiligten sich kaum an den inter­na­tionalen Debat­ten und waren selb­st über die Auseinan­der­set­zun­gen in der rus­sis­chen Sozialdemokratie nur wenig informiert.

Kuller­vo Man­ner (von 1917 bis 1918 kurzzeit­ig an der Spitze der Arbeit­er­partei und der Roten Regierung) meinte zu einem Bericht, dass die Partei immer weniger in der Lage sei, die Aktio­nen der Arbei­t­erIn­nen zurück­zuhal­ten: „Wenn wir uns über das schnelle Näher­rück­en ein­er Rev­o­lu­tion irren, dann wäre ich froh.“[14] Diese Rev­o­lu­tion war für viele in der Partei keine Per­spek­tive, für die sie die Arbei­t­erIn­nen­klasse zu gewin­nen ver­sucht­en, son­dern ein Schreck­ge­spenst, das für die bürg­er­liche Regierung an die Wand gemalt wurde. Kuusi­nen warnte die Bour­geoisie vor Unruhen „falls wir, die die Arbei­t­erIn­nen ruhig hal­ten wollen, keine konkreten Ergeb­nisse vom Par­la­ment bekom­men.“[15] Zum 1. Novem­ber 1917 stellte der Gew­erkschaftsver­band SAJ ein Ulti­ma­tum an die Regierung, um die drin­gend­sten Prob­leme der Arbei­t­erIn­nen zu lösen – doch dieses Ulti­ma­tum ver­strich und die Führung hat­te sich keine Gedanken darüber gemacht, was sie im Fall der Nicht-Erfül­lung machen würde. Am 12. Novem­ber 1917 fand der SAJ-Kongress statt. Der Topf war fast am Überkochen: EinE Delegiert­eR nach dem/r anderen forderte die sofor­tige Machter­grei­fung durch die SDP. Die Führung musste irgen­det­was unternehmen, um die Kon­trolle über die Sit­u­a­tion zu behal­ten.

Otto Wille Kuusinen

Kuusi­nen war ein bürg­er­lich­er Intellek­tueller, der im Jahr 1906 zur SDP stieß und eine führende Fig­ur ihres radikaleren Flügels wurde. Aber auch für diesen Flügel war die Rev­o­lu­tion von 1917 nicht mehr als eine bedauer­liche Notwendigkeit. Im Volks­deputierten­rat diente er als Bil­dungs­deputiert­er und schrieb auch den „Schweiz­er“ Ver­fas­sungsen­twurf.

Im April 1918 soll Kuusi­nen „Staat und Rev­o­lu­tion“ gele­sen und daraufhin eine radikale Selb­stkri­tik veröf­fentlicht haben. Wie viele der neuen KPs durch­lebte auch die Finnis­che Kom­mu­nis­tis­che Partei (SKP) am Anfang eine ultra­linke Phase: Bei den ersten Wahlen nach dem Krieg rief sie zu einem (erfol­glosen) Boykott auf:[1] „Mit der ganzen Glut der neu Kon­vertierten ergriff sie die Rev­o­lu­tion und wies grim­mig die par­la­men­tarischen Tak­tiken der alten Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung zurück.“[2] In den Jahren danach, als Kuusi­nen in den finnis­chen Unter­grund zurück­ging, stellte er fest, dass die finnis­che Arbei­t­erIn­nen­klasse nach der schw­eren Nieder­lage nicht kurz vor einem bewaffneten Auf­s­tand stand. Dadurch wurde er zu einem Befür­worter der Ein­heits­front­tak­tik beim 3. und 4. Kom­intern-Kongress und ver­fasste die Organ­i­sa­tion­sres­o­lu­tion des 3. Kom­intern-Kon­gress­es. Beim 4. Kom­intern-Kongress wurde er in das Sekre­tari­at des Exekuk­tivkomi­tees der Kom­intern gewählt.

Er war in den höch­sten Kreisen der Kom­intern und auch der Sow­je­tu­nion aktiv, ab 1952 sog­ar im Polit­büro des Zen­tralkomi­tees der KPdSU. Er entkam den stal­in­is­tis­chen Säu­berun­gen, aber auch der „Entstal­in­isierung“: Er war ein­er von weni­gen Funk­tionärIn­nen, die sowohl unter Stal­in als auch unter Chr­uschtschow Kar­riere macht­en. Trotz­ki schrieb Ende der 1920er Jahre über Kuusi­nen: In der Kom­intern „riskiert er nichts. Er schwimmt mit dem Strom, wie die, die ihn befehlen. Aus dem klein­lichen Logik­er wurde ein großar­tiger Intri­g­ant.“[3]

Als die Sow­je­tu­nion im Win­ter 1939 Finn­land angriff, diente er als Regierungschef der „Demokratis­chen Repub­lik Finn­land“, die als Feigen­blatt für den Angriff­skrieg Stal­ins dienen sollte. Da der Krieg schlep­pend ver­lief, blieb diese Regierung auf ein kleines Dorf an der rus­sis­chen Gren­ze beschränkt und wurde bald wieder aufgelöst, weswe­gen Kuusi­nen im heuti­gen Finn­land als Ver­räter gilt. In seinen let­zten Wochen bat er die finnis­che Regierung um Erlaub­nis, seine Heima­tre­gion ein let­ztes Mal besuchen zu dür­fen, aber dies wurde abgelehnt. Otto Kuusi­inen starb 1964.

[1]. Hodg­son. S. 82. [2]. Kir­by. S. 171 [3]. Leo Trotz­ki: Who Is Lead­ing The Com­intern Today?, http://www.marxists.org/archive/trotsky/1928/03/comintern.htm.

Der Generalstreik im November

Ein Zen­trales Rev­o­lu­tion­skomi­tee wurde von den Vorstän­den der Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen gewählt. Dieses beschloss am Abend des 13. Novem­bers 1917 einen Aufruf zum Gen­er­al­streik. Der Streik war, ger­ade angesichts der kaum exis­ten­ten Vor­bere­itung, ein unmissver­ständlich­es Zeichen der Entschlossen­heit der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung: Über 80.000 von 110.000 Arbei­t­erIn­nen im Land beteiligten sich am Streik, und die Macht im ganzen Land ging in die Hände von Rev­o­lu­tion­skomi­tees über. Auch hier blieb das Prob­lem der Bewaffnung: zum Beispiel bekam die Garde in Helsin­ki 3.000 Gewehre von den rus­sis­chen Sol­datIn­nen geliehen, aber viele Ein­heit­en der Roten Garde hat­ten kaum Waf­fen oder Muni­tion.

Die Bour­geoisie ver­fügte kaum über Mit­tel, die sie den Straßen­pa­trouillen der Roten Garde hätte ent­ge­genset­zen kön­nen, abge­se­hen von embry­onalen paramil­itärischen Ein­heit­en der Schutzko­rps in den ländlichen Gebi­eten. So war nahezu ganz Finn­land von einem Tag auf den anderen in Arbei­t­erIn­nen­hand. Die bürg­er­lichen Kräfte hat­ten das bürg­er­liche Par­la­ment und die Regierung, mit denen sie wütende Prokla­ma­tio­nen ver­fassen kon­nten, aber die Arbei­t­erIn­nenkomi­tees und die Roten Gar­den kon­trol­lierten die Straßen – es war eine Sit­u­a­tion der Dop­pel­macht. Eine Res­o­lu­tion aus Tam­pere, die an das zen­trale Rev­o­lu­tion­skomi­tee gerichtet war, brachte diese Tat­sache auf den Punkt: „Wir kön­nen keine zwei Regierun­gen haben.“[16] Es gab aber tat­säch­lich zwei Regierun­gen, und die eine musste über kurz oder lang die andere beseit­i­gen. Kuusi­nen argu­men­tierte ein Jahr später, dass es während des Gen­er­al­streiks eine rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion gegeben hat­te, in der die Macht auf der Straße lag.[17]

Die SDP hat­te die Forderun­gen des Streiks im Man­i­fest „Me vaadimme“ („Wir fordern“) zusam­menge­fasst. Neben einem Sofort­pro­gramm gegen die Hungerkrise und der Auflö­sung der Weißen Garde, die kon­se­quent als „Schlächter-Garde“ (lahtarikaar­ti[18]) beze­ich­net wurde, ging es auch um die Anerken­nung des Autoritäts­ge­set­zes. Gegenüber ihrer Basis sagte die SDP-Führung, dass der Streik erst been­det wer­den würde, wenn eine Arbei­t­erIn­nen­regierung (also eine SDP-Regierung) die Macht innehabe. Das heißt, die SDP forderte nicht weniger als die völ­lige Kapit­u­la­tion der Bour­geoisie, obwohl sie sich ein­bildete, noch eine gewalt­same Auseinan­der­set­zung ver­mei­den zu kön­nen.

Einst­weilen war es in Rus­s­land zu ein­er Ver­schiebung der Kräftev­er­hält­nisse gekom­men. Nach dem gescheit­erten Putsch des Gen­er­als Kornilow wur­den die Bolschewi­ki, die wesentlich an der Vere­it­elung des Putsches beteiligt waren, immer stärk­er und kon­nten im Sep­tem­ber in wichti­gen Städten die Mehrheit in den Räten erlan­gen. Am 7./8. Novem­ber[19] schließlich führten die Bolschewi­ki den Okto­ber­auf­s­tand durch. Es ist unklar, wie schnell diese Ereignisse in Finn­land bekan­nt wur­den, doch klar ist, dass die Ver­schiebung nach links über den gesamten Sep­tem­ber und Okto­ber nicht unbe­merkt blieb. Am 16. Novem­ber, spät in der Nacht, beschloss das Zen­trale Rev­o­lu­tion­skomi­tee, mit ein­er Mehrheit von 14 zu 11, die poli­tis­che Macht zu ergreifen. Doch das Unterkomi­tee, das mit der Vor­bere­itung des Auf­s­tandes beauf­tragt wurde, ver­lor nach eini­gen Stun­den seinen Mut – es meinte, eine solche Aktion nicht ohne die Min­der­heit durch­führen zu kön­nen. So wurde am 17. Novem­ber der ganze Streik abge­brochen. Offiziell hieß es, dass durch den Streik eine Arbei­t­erIn­nen­regierung entste­hen würde. Doch die SDP wusste selb­st nicht, wie das passieren sollte: Die bürg­er­liche Par­la­mentsmehrheit wollte ganz sich­er keine SDP-Regierung wählen, und die SDP wollte das Par­la­ment nicht umge­hen. So war das Ergeb­nis des Streiks für die Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung: nichts. Aber die finnis­che Bour­geoisie hat­te gese­hen, was für eine Macht ihr gegenüber­stand, und in den kom­menden Wochen begann sie fieber­haft mit der Vor­bere­itung eines Bürg­erIn­nenkrieges.

Die Unabhängigkeit Finnlands

Die Okto­ber­rev­o­lu­tion am 7./8. Novem­ber 1917 änderte die poli­tis­che Sit­u­a­tion in Rus­s­land – und in Finn­land – schla­gar­tig. Die Mehrheit der finnis­chen Bour­geoisie hat­te eine sofor­tige Unab­hängigkeit­serk­lärung bis dahin abgelehnt, weil sie weit­er­hin den rus­sis­chen Staat­sap­pa­rat zur Aufrechter­hal­tung ihrer Ord­nung braucht­en; die finnis­che Sozialdemokratie war für die sofor­tige Lostren­nung, weil sie eben diesen Staat­sap­pa­rat weg haben woll­ten. Doch plöt­zlich war dieses Ver­hält­nis auf den Kopf gestellt: Am 6. Dezem­ber 1917 beschloss die knappe bürg­er­liche Mehrheit im finnis­chen Par­la­ment, ein­seit­ig die Unab­hängigkeit Finn­lands von Rus­s­land zu erk­lären[20] – die sozialdemokratis­che Frak­tion hat­te einen eige­nen Antrag zur Unab­hängigkeit einge­bracht, der Ver­hand­lun­gen mit der Sow­je­tregierung vor­sah. Die finnis­che Regierung lehnte es jedoch ab, auch nur zur Über­mit­tlung der Unab­hängigkeit­serk­lärung Kon­takt zur Sow­je­tregierung aufzunehmen, denn sie hoffte auf den baldigen Sturz der Bolschewi­ki. Doch Deutsch­land, Frankre­ich und Eng­land lehn­ten alle eine diplo­ma­tis­che Anerken­nung Finn­lands ab, bis die Sache mit Rus­s­land gek­lärt war. Deswe­gen ging die finnis­che Regierung doch noch auf die Sow­je­tregierung zu.

Eine Del­e­ga­tion der finnis­chen Regierung, ein­schließlich des Regierungschefs Svin­hufvud, reiste nach Pet­ro­grad. Ihre am 30. Dezem­ber ein­gere­ichte Unab­hängigkeit­serk­lärung wurde aus for­malen Grün­den abgelehnt, weil sie an die „Rus­sis­che Regierung“ und nicht an den „Rat der Volk­skom­mis­sare“ gerichtet war. Aber am näch­sten Tag bekam die Del­e­ga­tion die offizielle Antwort auf ihre kor­rigierte Erk­lärung, dass „in Übere­in­stim­mung mit dem Prinzip des Rechts der Selb­st­bes­tim­mung der Völk­er (…) die poli­tis­che Unab­hängigkeit der finnis­chen Repub­lik anerkan­nt wer­den sollte.“ Am 4. Jan­u­ar 1918 wurde diese Entschei­dung vom Zen­tralen Exeku­tivkomi­tee der Sow­jets rat­i­fiziert. Ein finnis­ch­er Diplo­mat schlug vor, dass bei einem solchen Anlass der Ratsvor­sitzende Lenin in den Warter­aum kom­men sollte, damit bei­de Staatschefs sich tre­f­fen wür­den. Doch Lenin antwortete: „Was soll ich diesen Bour­geois denn sagen?“ Auch Trotz­ki lehnte ab, und der Volk­skom­mis­sar für Jus­tiz, Isaac Stein­berg, erk­lärte: „In mein­er offiziellen Funk­tion kann ich sie höch­stens fes­t­nehmen.“ Schließlich ging Lenin doch hin­aus. Es gab einen kurzen Wortwech­sel, in dem Lenin fragte „Sind Sie jet­zt zufrieden?“ und sein Gegenüber verse­hentlich als „Genosse“ beze­ich­nete. Trotz­ki meinte daraufhin: „Nicht so schlimm. Wenn wir später in ihre Hände fall­en soll­ten, wer­den sie dich sicher­lich dafür belohnen.“[21]

Die Bolschewi­ki waren also bere­it, die Unab­hängigkeit Finn­lands auch unter ein­er bürg­er­lichen Regierung anzuerken­nen: nicht nur, weil sie über keine mil­itärischen Mit­tel ver­fügten, um die Unab­hängigkeit zu ver­hin­dern, son­dern auch, weil es dem Pro­gramm Lenins zur nationalen Frage entsprach. Die Bolschewi­ki beton­ten, dass sie lieber mit ein­er finnis­chen Arbei­t­erIn­nen­regierung über die Unab­hängigkeit ver­han­delt hät­ten, aber sie macht­en das nicht zur Bedin­gung. Nach­dem das finnis­che Par­la­ment ein­stim­mig für die Unab­hängigkeit Finn­lands votiert hat­te (es gab ent­ge­genge­set­zte Anträge von den bürg­er­lichen und sozialdemokratis­chen Frak­tio­nen, aber diese unter­schieden sich nur in der Form, wie die Unab­hängigkeit zu erlan­gen war), waren die Bolschewi­ki schon aus demokratis­chen Grün­den[22] bere­it, diesem Ver­lan­gen der finnis­chen Nation Rech­nung zu tra­gen.

War das nur ein Pro­pa­gan­da­trick? War es nur ein The­ater­spiel: die Gewährung der Unab­hängigkeit vorzutäuschen, um anschließend dem Land mit den Bajonet­ten der Roten Armee ein „kom­mu­nis­tis­ches“ Regime zu aufzuzwin­gen? Später wurde das zu ein­er Stan­dard­prax­is des stal­in­is­tis­chen Regimes, so etwa 1939 in den baltischen Staat­en oder ab 1945 in Osteu­ropa – 1939 wurde es auch erfol­g­los in Finn­land ver­sucht. Doch 1918 war die Sit­u­a­tion grundle­gend anders: Die Rote Armee war erst im Entste­hen begrif­f­en, und die Sow­jet­führung vertei­digte vehe­ment das Recht unter­drück­ter Völk­er auf Selb­st­bes­tim­mung – auch als ein Mit­tel, um das Pro­le­tari­at unter­drück­ter Län­der für die sozial­is­tis­che Wel­trev­o­lu­tion zu gewin­nen. Durch die bedin­gungslose Anerken­nung dieses Recht­es durch das rev­o­lu­tionäre Rus­s­land soll­ten unter­drück­te Natio­nen überzeugt wer­den, dass es nicht ein­fach „die RussIn­nen“ waren, die – jet­zt mit roten Fah­nen aus­ges­tat­tet – wie schon unter dem Zaris­mus andere Län­dern erobern und rus­si­fizieren woll­ten. Lenin erk­lärte die generelle Bere­itschaft des rev­o­lu­tionären Rus­s­lands, Ter­ri­to­rien abzutreten, um die Ein­heit der Arbei­t­erIn­nen­klasse zu erre­ichen: „Das Wichtig­ste für uns ist nicht, wo die staatliche Gren­ze ver­läuft, son­dern ob die Völk­er aller Natio­nen zusam­men­hal­ten im Kampf gegen die Bour­geoisie, unab­hängig von der Nation­al­ität.“[23] Denn erst aus einem Zus­tand der Gle­ich­berech­ti­gung her­aus, ohne Ressen­ti­ments über ter­ri­to­ri­ale Eroberun­gen, könne eine wirk­lich frei­willige, ehrliche und gegen­seit­ig nüt­zliche Föder­a­tion freier Natio­nen entste­hen.

Lenin hat­te bere­its vor sein­er Wiederkehr nach Rus­s­land im März 1917 die Anerken­nung des finnis­chen Selb­st­bes­tim­mungsrechts von seinen ParteigenossIn­nen gefordert: „Wir sind dafür, dass Finn­land die volle Frei­heit bekommt, denn dadurch wird es größeres Ver­trauen in die rus­sis­che Demokratie geben, und die FinnIn­nen wer­den sich nicht lostren­nen.“[24] Gle­ichzeit­ig betonte eine bolschewis­tis­che Kon­feren­zres­o­lu­tion zur finnis­chen Frage, dass eine rev­o­lu­tionäre Partei des Pro­le­tari­ats nicht die Lostren­nung von jed­er gegebe­nen Nation in jedem gegebe­nen Moment befür­worten würde, son­dern die Frage „vom Stand­punkt der Inter­essen des Kampfes des Pro­le­tari­ats für den Sozial­is­mus entsch­ieden“ wer­den müsse.[25] So war die bolschewis­tis­che Posi­tion zu Finn­land, wie der Nation­al­itätenkom­mis­sar Stal­in sie auf einem SDP-Parteitag Ende Novem­ber 1917 vorstellte, dichotom[26]: auf der einen Seite wurde die Unab­hängigkeit Finn­lands sofort anerkan­nt, aber auf der anderen wurde Druck auf die SDP-Führung aus­geübt, auch vor der finnis­chsprachi­gen Öffentlichkeit, dass diese endlich die Macht ergreifen würde.[27] Stal­in ver­sprach im Namen der Sow­je­tregierung jed­wede Hil­fe, die die finnis­chen Sozial­istIn­nen für eine Rev­o­lu­tion für nötig hiel­ten, forderte aber auch „Kühn­heit, Kühn­heit, und aber­mals Kühn­heit!“ von den FinnIn­nen.[28] Wenig später soll Trotz­ki gegenüber einem Jour­nal­is­ten seine Ver­wun­derung zum Aus­druck gebracht haben, dass die FinnIn­nen immer noch keine Rev­o­lu­tion gemacht hat­ten.

Carl Gustav Emil Mannerheim

Man­ner­heim war der Sohn ein­er aris­tokratis­chen, schwedis­chsprachi­gen Fam­i­lie in Finn­land, die ursprünglich deutsch­er Abstam­mung war. Nach ein­er „rebel­lis­chen“ Jugend begann er im Jahr 1887 seine Aus­bil­dung in der zaris­tis­chen Armee.

Die Weiße Regierung suchte ihn als Oberkom­mandieren­den aus, weil er ein­er der weni­gen FinnIn­nen war, die über Kom­man­do­er­fahrung mit großen Armeen unter mod­er­nen Bedin­gun­gen ver­fügten. Die Trup­pen waren teil­weise recht unzufrieden mit ihm, denn der Gen­er­al­stab der finnis­chen Weißen funk­tion­ierte auss­chließlich auf Schwedisch, und die bäuer­lich-patri­o­tis­chen Trup­pen beschw­erten sich immer wieder über das Ver­hal­ten der „rus­sis­chen“ oder „schwedis­chen“ Offiziere. Man­ner­heim per­son­ifizierte gle­ichzeit­ig die zwei Feind­bilder, die die finnis­chen Nation­al­istIn­nen bekämpfen woll­ten: die schwedis­che Aris­tokratie und den rus­sis­chen Staat­sap­pa­rat.

Er stand, im Ver­gle­ich zur Mehrheit der Weißen Führung, in einem fre­undlicheren Ver­hält­nis zur Entente und war dis­tanziert­er gegenüber dem Deutschen Reich. Er hat­te selb­st jahre­lang in ein­er Armee der Entente gedi­ent und erwartete eine Nieder­lage Deutsch­lands im Krieg, weswe­gen er eine zu große Abhängigkeit Finn­lands vom deutschen Kaiser ablehnte. Wegen zunehmender Kon­flik­te zwis­chen ihm und der Regierung – über die Beziehun­gen zu Deutsch­land, aber auch über die Macht der Armee im neuen Sys­tem – trat er einen Monat nach dem Ende des Bürg­erIn­nenkriegs von seinen Ämtern zurück. Das sicherte ihm seine zukün­ftige Rolle, denn nach der Nieder­lage Deutsch­lands war er ein­er der weni­gen Poli­tik­erIn­nen in Finn­land, die nicht mit Deutsch­land ver­strickt waren. Er wurde vorüberge­hend Regent, unter­lag aber bei der ersten Präsi­dentschaftswahl.

Im heuti­gen Finn­land gilt er als Nation­al­held und, laut ein­er Fernse­hum­frage, als „größter Finne aller Zeit­en“. Genau 30 Jahre lang diente er in der Armee des ange­blichen „Tra­di­tions­fein­des“ Rus­s­land, wo er es bis zum Gen­er­alleut­nant schaffte, und sprach deswe­gen akzent­freies Rus­sisch. Und er kam als „größter Finne“ über rudi­men­täre Finnis­chken­nt­nisse nie hin­aus. Bei seinem 75. Geburt­stag im Jahr 1942 war Adolf Hitler per­sön­lich zu Gast, obwohl Man­ner­heim später meinte, dass er ihn gar nicht ein­ge­laden hat­te… 1944 bis 1946 Staat­spräsi­dent Finn­lands, starb Man­ner­heim 1951.

Der Rubikon überschritten

Am 12. Jan­u­ar 1918 beschloss das finnis­che Par­la­ment, auf Antrag der Svin­hufvud-Regierung, die Schaf­fung von neuen staatlichen Sicher­heit­skräften. Der Beschluss lief auf die Anerken­nung der Weißen Garde als nationale Armee hin­aus, auch wenn dieser Schritt erst mit dem Aus­bruch des Bürg­erIn­nenkrieges for­mal erfol­gte. Die knappe bürg­er­liche Mehrheit im Par­la­ment set­zte diese Entschei­dung ohne jegliche Kom­pro­misse mit der Sozialdemokratie durch, daraufhin rief ein SDP-Abge­ord­neter: „Finn­lands bürg­er­liche Regierung hat eine Armee des Klassenkrieges gegen die arbei­t­ende Bevölkerung geschaf­fen.“ Ein ander­er warnte vor einem „bluti­gen Bürg­erIn­nenkrieg“, den die Bour­geoisie jet­zt ein­geleit­et habe. Für bei­de Lager zeich­nete sich die kom­mende Auseinan­der­set­zung ab; doch selb­st in dieser Sit­u­a­tion ergriff die SDP-Parteiführung keine Ini­tia­tive, denn am näch­sten Tag beschloss ihre Exeku­tive: „Wir wer­den warten, bis der rev­o­lu­tionäre Moment kommt, aber wir wer­den ihn nicht anstreben oder gar wün­schen.“[29]

Für den Aus­bruch der Kämpfe, die in der Geschichtss­chrei­bung oft als Pro­dukt von Missver­ständ­nis­sen inter­pretiert wur­den, waren drei Ereignisse ver­ant­wortlich, die weit­ge­hend unab­hängig voneinan­der stat­tfan­den:

In Viipuri (heute das rus­sis­che Wyborg) began­nen die bewaffneten Auseinan­der­set­zun­gen am 19. Jan­u­ar 1918, als die Rote Garde eine Fab­rik beset­zte, in der Waf­fen für die Weißen lagerten. Die Weiße Garde mobil­isierte Ein­heit­en aus dem Umland, die die Stadt beset­zten. Diese wur­den von rus­sis­chen Sol­datIn­nen ver­trieben, die unter Befehl standen, alle FinnIn­nen (ob rot oder weiß) in der Stadt zu ent­waffnen. Schließlich hat­ten die Rote Garde und die rus­sis­che Gar­ni­son in ein­er inof­fiziellen Allianz die Macht in der Stadt in ihren Hän­den. Es han­delte sich um eine rein lokale Angele­gen­heit, die aber weit­ere Aktio­nen ans­pornte.

In Vaasa und in der Region Poh­jan­maa (an der oberen West­küste Finn­lands) begann die Weiße Garde unter ihrem neuen Oberkom­mandieren­den Carl Gus­tav Emil Man­ner­heim mit der Ent­waffnung der rus­sis­chen Gar­ni­son. In weni­gen Tagen kon­nte sie Hun­derte Sol­datIn­nen fes­t­nehmen und tausende Gewehre erbeuten. Kurz danach kon­nte sie auch die einzige Indus­tri­es­tadt in der Region, Oulu, nach ein­er bluti­gen Schlacht mit der Roten Garde ein­nehmen.

In Helsin­ki wurde am 27. Jan­u­ar um 23 Uhr eine rote Lat­er­ne im Turm der Arbei­t­erIn­nen­halle gezeigt, um den Beginn des Auf­s­tandes zu sig­nal­isieren. Ohne jeglichen Wider­stand wur­den öffentliche Gebäude, auch das Regierung­shaus, beset­zt. Die befoh­lene Ver­haf­tung der Regierung – die bis 22 Uhr im Regierung­shaus getagt hat­te! – miss­lang, erstaunlicher­weise, und die Kabi­nettsmit­glieder ver­steck­ten sich in der Stadt.

Wenige Tage zuvor war auf Anweisung Lenins ein Zug mit 15.000 Gewehren für die Rote Garde Finn­lands von Pet­ro­grad Rich­tung Helsin­ki aufge­brochen. Um diesen Zug zu schützen, war es notwendig, die Rote Garde ent­lang der ganzen Süd­küste zu mobil­isieren und zu diesem Zweck einen Gen­er­al­streik auszu­rufen. So war der Auf­s­tand für die SozialdemokratIn­nen unver­mei­dlich gewor­den. Men­sch kön­nte sagen, dass die finnis­che Rev­o­lu­tion wegen ein­er Entschei­dung der Sow­jet­führung aus­ge­brochen ist, obwohl diese Episode natür­lich wenig mit der Vorstel­lung eines aus Pet­ro­grad ges­teuerten Auf­s­tandes zu tun hat!

Der finnis­che Rubikon wurde also fast gle­ichzeit­ig an drei Orten weit­ge­hend unab­hängig voneinan­der über­schrit­ten – Man­ner­heim bedi­ente sich auch des entsprechen­den Spruchs von Cae­sar: „Die Wür­fel sind gefall­en“.

Das Rote Finnland

Nach dem Auf­s­tand in Helsin­ki wurde ein Volks­deputierten­rat (Kansan­val­tu­uskun­ta) mit 14 Deputierten[30] als Regierung Finn­lands proklamiert – im Wesentlichen war es das SDP-Exeku­tivkomi­tee, abzüglich von zwei recht­en SozialdemokratIn­nen, die die Machtüber­nahme ablehn­ten, plus zwei Vertrete­terIn­nen des Gew­erkschaftsver­ban­des SAJ. Die Regierung fand es, auch nach der Machtüber­nahme, bedauer­lich, dass sie zu einem solchen Schritt gezwun­gen wor­den war. Ihre rev­o­lu­tionäre Regierung sollte nur bis zur Ein­beru­fung ein­er kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung im Amt bleiben, wo eine Arbei­t­erIn­nen­regierung auf dem bevorzugten par­la­men­tarischen Weg entste­hen kön­nte. Yrjö Siro­la, der zum link­eren Teil der SDP gehörte, nan­nte als Ziel „eine bessere demokratis­che Ord­nung im ganzen Land“.[31]

Das Wirtschaft­spro­gramm der Roten Regierung war auf die Schaf­fung eines reg­ulierten kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems mit einem staatlichen Sek­tor aus­gerichtet. So gab es keinen Aufruf an die Arbei­t­erIn­nen­klasse, die Fab­riken unter ihre Kon­trolle zu nehmen – nach ein­er Woche im Amt beschloss der Deputierten­rat, dass Arbei­t­erIn­nen in Betrieben, die keine Löhne zahlten oder geschlossen wur­den, sich an die Rev­o­lu­tion­stri­bunale wen­den mussten. Erst nach einem Rich­terIn­nen­spruch kon­nten sie die staatliche Über­nahme dieser Betriebe beim Deputierten­rat beantra­gen. Die Fes­t­nahme von kon­ter­rev­o­lu­tionären UnternehmerIn­nen und Man­agerIn­nen, wie Radikale aus Tam­pere vorschlu­gen, wurde expliz­it abgelehnt.

Über­haupt gab es kaum Appelle für eigen­ständi­ge Ini­tia­tiv­en der Arbei­t­erIn­nen: die bürokratis­che Funk­tion­sweise der SDP, die sich über Jahre bewährt hat­te, wurde prob­lem­los auf den neuen Staat­sap­pa­rat über­tra­gen. Nur in staatlichen Unternehmen, wo das Ver­wal­tungsper­son­al nach einem Aufruf der alten Regierung geschlossen die Arbeit ver­weigerte, ent­standen Räte aus BelegschaftsvertreterIn­nen und einem Regierungskom­mis­sar. Unter Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung kon­nte während des gesamten Krieges die Post und die Eisen­bahn weit­er funk­tion­ieren.

Doch die Banken blieben unan­tast­bar: Alle Banken macht­en sofort nach dem Auf­s­tand zu. Der Deputierten­rat beschloss, dass sie wieder auf­machen mussten, aber die BankerIn­nen reagierten über­haupt nicht darauf. Die SozialdemokratIn­nen schreck­ten davor zurück, die Banken zu ver­staatlichen; nur die finnis­che Staats­bank wurde wieder in Gang geset­zt. Im gesamten Ver­lauf des finnis­chen Bürg­erIn­nenkrieges gab es im Gegen­satz zur rus­sis­chen Rev­o­lu­tion keine Szenen, wo BankerIn­nen ver­haftet oder Tre­sore gesprengt wor­den wären. Die rev­o­lu­tionäre Regierung hat­te einen zu starken Drang zu finanzieller Ortho­dox­ie: der Direk­tor der finnis­chen Staats­bank unter dem Deputierten­rat, Edvard Gylling, war auch schon vor der Rev­o­lu­tion der Par­la­mentsvertreter bei der Bank gewe­sen!

Die Regierung ver­stand sich selb­st als nichts mehr als die demokratis­che Regierung der Repub­lik Finn­land – der Begriff „Finnis­che Sozial­is­tis­che Arbeit­er­re­pub­lik“ tauchte nur im Ver­trag mit der Sow­je­tregierung vom 1. März auf, und laut finnis­ch­er Seite nur auf Drän­gen Lenins. Auch der Ver­fas­sungsen­twurf, der im Wesentlichen von Kuusi­nen erar­beit­et und vom Deputierten­rat angenom­men wurde, sah ein par­la­men­tarisches Sys­tem ohne rät­edemokratis­che Ele­mente vor – der Text wurde zu großen Teilen der Schweiz­er Ver­fas­sung entlehnt!

Für die offizielle Geschichtss­chrei­bung war das Rote Finn­land vom Roten Ter­ror geprägt. Doch im Gegen­satz zur Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, wo die Führung den Roten Ter­ror (zum Beispiel die Geisel­nahme von Ver­wandten promi­nen­ter Kon­ter­rev­o­lu­tionärIn­nen) offiziell anord­nete und poli­tisch vertei­digte, war der „Rote Ter­ror“ in Finn­land im Wesentlichen ein Pro­dukt der Pro­pa­gan­da der Weißen.[32] Offiziell gin­gen 1.500 Tote aufs Kon­to der Roten, doch die über­wiegende Mehrzahl waren Bauern/Bäuerinnen oder kleine Ladenbe­sitzerIn­nen: In den ländlichen Gebi­eten bedeutete der Zusam­men­bruch jeglich­er staatlich­er Autorität, dass alte Kon­flik­te in der Bevölkerung nun mit einem Mord been­det wer­den kon­nten. In großen Städten dage­gen gab es solche Morde kaum.

Es gab Fälle, wo Rot­gardis­tIn­nen ihre Gefan­genen umge­bracht haben; kurz vor der Nieder­lage haben abziehende Ein­heit­en der Roten Gar­den ins­ge­samt bis zu 100 weiße Gefan­gene getötet. Doch solche Morde waren meist Ergeb­nis lokaler Zwistigkeit­en oder übereifriger Ein­heit­en. Es gibt keinen einzi­gen Nach­weis, dass offizielle Stellen der Regierung, der SDP oder der Roten Garde die Tötung von Gefan­genen anord­neten oder über­haupt bil­ligten; im Gegen­teil meinte die Regierung – die nicht mal über einen Geheim­di­enst ver­fügte! – dass ihre „moralis­che Über­legen­heit“ gegenüber der Bour­geoisie über kurz oder lang zum Sieg führen würde! So kon­nte Sophie Man­ner­heim, Schwest­er des Weißen Oberkom­mandieren­den, während des gesamten Krieges ungestört in Helsin­ki wohnen.

Die „moralis­che Über­legen­heit“ hat­te die Rote Seite auf jeden Fall. Der Oberkom­mandierende der Weißen befahl Ende Feb­ru­ar 1918,[33] ver­meintliche Rote AgentIn­nen hin­ter den Lin­ien sofort zu erschießen. Auf der anderen Seite soll es Fälle gegeben haben, dass weiße AgentIn­nen auf Rotem Gebi­et, die Infor­ma­tio­nen an die Weißen weit­er­gaben und Telegraphen­leitun­gen sabotierten, nach einem vorschriftsmäßi­gen Prozess vor einem Rev­o­lu­tion­stri­bunal für schuldig befun­den wur­den – und mit ein­er Geld­strafe davonka­men! Über­haupt müssen die meis­ten rev­o­lu­tionären Bewe­gun­gen Härte erst von ihren kon­ter­rev­o­lu­tionären Geg­ner­In­nen ler­nen. Die finnis­che Rev­o­lu­tion entwick­elte diese Härte nicht: „Trotz des Bürg­erIn­nenkrieges kamen [die SDP-FührerIn­nen], die alle prinzip­i­en­feste Athe­istIn­nen waren, dem christlichen Ide­al nah, ihre FeindIn­nen zu lieben – ein Gefühl, das von ihren christlichen Geg­ner­In­nen sicher­lich nicht erwidert wurde.“[34] Zum Beispiel bat eine christliche Frauenor­gan­i­sa­tion Man­ner­heim lediglich darum, dass Rote Gefan­gene einen Priester sehen dür­fen soll­ten – bevor sie erschossen wur­den.

Rote Frauen

Weiße und rote His­torik­erIn­nen sind sich einig, dass viele Frauen in den Rei­hen der Roten Garde kämpften. Die finnis­che Wirtschaft, die tra­di­tionell auf Fam­i­lien­bauern­höfen basierte, bezog Frauen sehr früh als voll­w­er­tige Arbeit­skräfte ein. (Auch in der finnis­chen Sprache gibt es keine männlichen oder weib­lichen Wörter – nicht mal „er“ und „sie“!) Die arbei­t­ende Bevölkerung Finn­lands war daran gewöh­nt, Frauen schuf­tend auf dem Feld und in der Fab­rik zu sehen. Frauen wur­den auch selb­stver­ständlich in die Rote Garde aufgenom­men. In Tam­pere zum Beispiel waren etwa ein Drit­tel der Gardis­tIn­nen Frauen, während bei den Weißen über­haupt keine Frauen dien­ten.

Der Verlauf des Krieges

Bis Anfang Feb­ru­ar 1918 hat­te sich das Land klar geteilt: die Weißen kon­trol­lierten über drei Vier­tel des Ter­ri­to­ri­ums, aber nur knapp die Hälfte der Bevölkerung und keine der großen Städte. Die Roten hat­ten alle Indus­triezen­tren, da es aber in Finn­land kaum Kriegsin­dus­trie gab, war das kein allzu großer mil­itärisch­er Vorteil. Ein riesiger Nachteil war allerd­ings, dass die Roten kaum Agrarge­bi­ete hat­ten, sodass Getrei­deliefer­un­gen aus Rus­s­land notwendig wur­den, um eine kom­plette Hungerkatas­tro­phe zu ver­mei­den. Die Kampfhand­lun­gen fan­den zwis­chen Feb­ru­ar und April statt, als das ganze Land mit Schnee bedeckt war, sodass große Trup­pen­be­we­gun­gen nur über Schiene stat­tfind­en kon­nten. Vor allem die Roten baut­en Panz­erzüge (ase­ju­na) und set­zten diese mit großem Erfolg ein.

Das Schutzko­rps (suo­jeluskun­ta — auch mit „Heimat­garde“ oder „Vertei­di­gungs­gilde“ zu über­set­zen) bestand bei Kriegsaus­bruch aus kaum bewaffneten und kaum mobilen Bauern­milizen. Doch es ver­fügte über eine pro­fes­sionelle mil­itärische Führung, die alles auf die Aus­bil­dung ein­er Armee set­zte. Die Kom­mandieren­den der Weißen, wie Man­ner­heim selb­st, waren Beruf­s­sol­dat­en mit jahre­langer Erfahrung in der rus­sis­chen oder der schwedis­chen Armee. Das aus Deutsch­land zurück­kehrende Jäger­batail­lon gab den Weißen zweitausend finnis­che Sol­dat­en mit ein­er Unterof­fizier­saus­bil­dung und auch begren­zter Kriegser­fahrung.

Die Rote Garde dage­gen litt unter ein­er per­ma­nen­ten Führungss­chwäche. Ein einziger Kom­mandieren­der im Roten Gen­er­al­stab, Ali Aal­to­nen, ver­fügte über eine Offizier­saus­bil­dung, und auch das nur als Leut­nant. Die Prob­leme waren unüberse­hbar: Während die SDP immer die Pro­hi­bi­tion von Alko­hol gefordert hat­te, waren zen­trale Kom­mandierende der Roten Garde wie Aal­to­nen oder Eero Haa­palainen (ein früher­er Vor­sitzen­der des Gew­erkschafts­dachver­ban­des) immer wieder bei offiziellen Funk­tio­nen betrunk­en oder ver­schwan­den tage­lang. An der Basis sah es kaum bess­er aus: Da es seit 1901 keinen Mil­itär­di­enst für Bürg­erIn­nen Finn­lands gegeben hat­te, waren die wenig­sten Rot­gardis­tIn­nen an mil­itärische Diszi­plin gewöh­nt. Sie gin­gen mor­gens zur Front und abends wieder nach Hause, wie sie es aus ihrem Fab­rikall­t­ag kan­nten, und fol­gten nur Befehlen, die sie selb­st nachvol­lziehen kon­nten. Das basis­demokratis­che Pro­cedere in der Roten Garde schwächte ihre Kampfkraft, denn Ein­heit­en beri­eten oft mehrere Tage, ob sie drin­gende Befehle vom Gen­er­al­stab umset­zen soll­ten oder nicht.

Die rus­sis­chen Trup­pen nah­men – ent­ge­gen der Weißen Geschichtss­chrei­bung – nur spo­radisch am Bürg­erIn­nenkrieg teil. Selb­st in Orten wie Viipuri, wo rus­sis­che Ein­heit­en mit der Roten Garde zusam­men kämpften, waren die nation­al­is­tis­chen Vorurteile oft stärk­er als der Inter­na­tion­al­is­mus. Für viele FinnIn­nen waren die RussIn­nen der „Tra­di­tions­feind“ (periv­i­holli­nen) und die his­torischen Unter­drück­erIn­nen, dazu Ange­hörige ein­er min­der­w­er­ti­gen Rasse; für viele RussIn­nen waren die FinnIn­nen nur igno­rante Bauern/BäuerInnen, deren Rev­o­lu­tion ziem­lich belan­g­los war. Diese wech­sel­seit­i­gen Vorurteile macht­en auch vor den Ange­höri­gen der Arbei­t­erIn­nen­parteien nicht halt. Selb­st an der Front kam es immer wieder zu Reibereien.

Nach dem 3. März 1918 war durch den Ver­trag von Brest-Litowsk zwis­chen dem Deutschen Reich und Sow­jetrus­s­land eine rus­sis­che Inter­ven­tion in Finn­land ver­boten. Die Geg­ner­In­nen des Ver­trags in der bolschewis­tis­chen Partei war­fen Lenin vor, die Rev­o­lu­tio­nen in der Ukraine und in Finn­land im Stich zu lassen. Doch Lenin kon­nte eine Mehrheit für seine Posi­tion gewin­nen, dass Sow­jetrus­s­land um jeden Preis eine Atem­pause vom Krieg brauchte, was wohl eine real­is­tis­che Ein­schätzung war. Außer­dem kön­nte der Ver­trag ja immer noch gebrochen wer­den – „Wir haben ihn schon 30–40 Mal gebrochen“, meinte Lenin in Bezug auf die Tat­sache, dass sie trotz der Ver­trags­be­din­gun­gen die finnis­che Rev­o­lu­tion unter­stützt haben[35] – was im Umgang mit den impe­ri­al­is­tis­chen Mächt­en dur­chaus legit­im war.

Die Sow­jet­führung ver­sprach immer wieder mil­itärische Hil­fe, doch wurde diese nur in beschei­den­em Aus­maß real­isiert. Den­noch kamen immer wieder Hil­f­s­liefer­un­gen: Sie schick­te zum Beispiel den bere­its erwäh­n­ten Zug voller Gewehre für die Rote Garde. Die rus­sis­che Gar­ni­son, die bei ein­er Vollbe­set­zung 40.000 Sol­datIn­nen gezählt hätte, war noch in Finn­land sta­tion­iert, doch sie löste sich wie die restliche zaris­tis­che Armee zügig auf. Poli­tisch ver­lässliche Ein­heit­en wur­den von der Sow­je­tregierung nach Pet­ro­grad abkom­mandiert, und die verbliebe­nen Sol­datIn­nen waren nach den Jahren des Weltkriegs schw­er demor­al­isiert: Zu Tausenden gin­gen sie nach Hause bzw. kamen nicht vom Dien­sturlaub zurück. Lediglich die rus­sis­chen Sol­dat­en, die sich frei­willig dafür melde­ten, kämpften auf Seit­en der finnis­chen Roten Garde, und davon gab es nicht mehr als 1.000.[36] Auch wenn alle rus­sis­che Ein­heit­en mit­gezählt wer­den, die auch nur einige Tage auf dem Land­streifen zwis­chen Viipuri und Pet­ro­grad, also nahe der rus­sis­chen Gren­ze, einge­set­zt wur­den, steigt diese Zahl nicht über 3.000 bis 4.000.[37]

Die Trup­pen Man­ner­heims kon­nten die bedeu­tende Indus­tri­es­tadt Tam­pere („das finnis­che Man­ches­ter“) Ende März 1918 einkreisen. Die Stadt ver­fügte über keine Befes­ti­gung, und obwohl tausende Rot­gardis­tIn­nen in Tam­pere waren, waren die meis­ten nach den Nieder­la­gen im Umland in Panik ger­at­en. So gab es keine zen­tral organ­isierte Vertei­di­gung. Den­noch wehrten sich die Arbei­t­erIn­nen tapfer: Beim Ein­drin­gen der Weißen in die Stadt gab es tage­lan­gen, grim­mi­gen Wider­stand: Die Weißen mussten von Haus zu Haus kämpfen und macht­en die meis­ten Gebäude dem Erd­bo­den gle­ich. Der Rote Kom­mandierende, ein Arbeit­er aus einem Sägew­erk namens Hugo Salmela, ver­fügte über mil­itärisches Tal­ent und hohes Anse­hen, doch er starb bei einem Unfall kurz vor der Schlacht. Tam­pere fiel am 6. April. Die „BefreierIn­nen“ Tam­peres hin­ter­ließen fast nur Ruinen. Die Weißen ermorde­ten noch am gle­ichen Tag bis zu 200 Men­schen: nicht nur Rote „Agi­ta­torIn­nen“, son­dern auch alle RussIn­nen, die sie find­en kon­nten (ein­schließlich rus­sis­ch­er Sym­pa­thisan­tInnen der Weißen).

Die „aktivis­tis­chen“ Teile der Bour­geoisie hat­ten schon seit dem Aus­bruch des Weltkrieges das Deutsche Reich um eine Inter­ven­tion gegen Rus­s­land und die „Anar­chie“ gebeten. Am 3. April 1918 war ein deutsches Expe­di­tion­sko­rps unter Gen­er­al Rüdi­ger von der Goltz bei Han­ko, west­lich von Helsin­ki, gelandet. Fast 12.000 deutsche Sol­dat­en marschierten auf die finnis­che Haupt­stadt zu, und die Rote Garde war angesichts der mil­itärischen Über­legen­heit des Geg­n­ers völ­lig demor­al­isiert. Als die deutschen Trup­pen am 12. April in Helsin­ki ein­marschierten, gab es lediglich in eini­gen Arbei­t­erIn­nen­bezirken Wider­stand. Schon am 6. April hat­te der Deputierten­rat die Flucht von Helsin­ki nach Viipuri beschlossen. Jet­zt war das Rote Finn­land ständig im Rück­zug. Bere­its Mitte April begann die Führung mit der Pla­nung für ihre Flucht nach Rus­s­land – obwohl sie der Bevölkerung noch erzählte, dass ein mil­itärisch­er Sieg oder gar eine Ver­hand­lungslö­sung (!) möglich sei. Am 30. April eroberten die Weißen nach tage­lan­gen Kämpfen die let­zte Rote Stadt, Viipuri, und sie beg­in­gen in den fol­gen­den Tagen wieder Mas­sak­er an Hun­derten Rot­gardis­tIn­nen und RussIn­nen. Ein Weißer erin­nerte sich später, wie die Gefan­genen­züge „eine trau­rige 1.Mai-Demonstration“ darstell­ten. Man­ner­heim kon­nte seine Sieges­pa­rade in Viipuri am inter­na­tionalen Arbei­t­erIn­nenkampf­tag abhal­ten.

Die Weißen Mas­sak­er hat­ten mit dem Kriegsende ger­ade erst begonnen. Im Laufe des Jahres wur­den 67.000 Rote wegen Lan­desver­rates und Aufruhr verurteilt und einges­per­rt. 265 Men­schen wur­den nach einem Todesurteil hin­gerichtet – aber bis zu 8.500 fie­len dem Weißen Ter­ror unmit­tel­bar zum Opfer. Den Über­leben­den ging es nicht viel bess­er, denn die Weiße Regierung ver­fügte über keine Infra­struk­tur, um zehn­tausende Gefan­gene festzuhal­ten, geschweige denn zu ver­sor­gen. Die Regierung errichtete Konzen­tra­tionslager,[38] aber vor dem Hin­ter­grund der Hungerkrise im ganzen Land über­ließ sie die Gefan­genen ihrem Schick­sal. In den näch­sten vier Monat­en star­ben rund 12.000 Gefan­gene an den Fol­gen von Hunger und Krankheit­en.

Interpretationen des BürgerInnenkrieges

Um etwas über das Geschichts­be­wusst­sein eines Lan­des her­auszufind­en, ist es oft ein guter Weg, Kinder zu befra­gen, die wiedergeben, was sie in der Schule gel­ernt haben. Ein dem Autor bekan­nter achtjähriger Schüler wurde gefragt, wer im finnis­chen Bürg­erIn­nenkrieg gekämpft hat. Er wusste, dass der Krieg zwis­chen Weißen und Roten aus­ge­tra­gen wurde. Und wer waren die Weißen? „Die Finnen.“ Und wenn die Weißen die Finnen waren, wer waren denn die Roten? „Die Russen.“

Tat­säch­lich gehörte zum offiziellen Selb­stver­ständ­nis des „Weißen Finn­lands“, dass im Jahr 1918 ein Befreiungskrieg (Vapaus­so­ta) gegen Rus­s­land stat­tfand. Deutschsprachige LeserIn­nen kön­nen diese These z.B. in der „Poli­tis­chen Geschichte Finn­lands“ vom Helsinki­er Pro­fes­sor Lau­ri Adolf Pun­ti­la nach­le­sen, die zulet­zt im Jahr 1980 gedruckt wurde. Er beschreibt einen Kon­flikt zwis­chen ein­er „legit­i­men Regierung“ und „Auf­ständis­chen“, die die seit fast hun­dert Jahren angestrebte Lostren­nung von Rus­s­land ver­hin­dern woll­ten. Der Pro­fes­sor kann bei den Roten keine anderen Motive erken­nen als die man­is­che Ablehnung der Unab­hängigkeit, was die son­st friedlichen Weißen zur Gewal­tan­wen­dung gezwun­gen habe: „Der Wille [der Nation] zur Selb­st­ständigkeit war nicht so stark, dass die Unab­hängigkeit allein mit rechtlichen Mit­teln erre­ich­bar war.“[39]

Diese These ist schw­er mit den Fak­ten vere­in­bar. Das Zen­trale Exeku­tivkomi­tee der Sow­jets in Pet­ro­grad rat­i­fizierte die Anerken­nung der Unab­hängigkeit Finn­lands am 4. Jan­u­ar 1918, ganze vier Wochen vor dem Aus­bruch des „Befreiungskrieges“. Obwohl nur ein Bruchteil der KämpferIn­nen auf der Roten Seite RussIn­nen waren, ist bei Weißen His­torik­erIn­nen von einem „rus­sis­chen Wolf in finnis­chem Schaf­spelz“ die Rede. Aber auch andere Fak­ten passen nicht so richtig ins Bild. Pun­ti­la prangert den „Roten Ter­ror“ an, der für die Eskala­tion der Gewalt ver­ant­wortlich gewe­sen sei. Aber laut seinen eige­nen Zahlen waren im Laufe des Krieges die Roten für 1.500, die Weißen für 8.500 Tote ver­ant­wortlich.[40] Während des Gen­er­al­streiks im Novem­ber 1917 wur­den 34 Tote gezählt, wovon 27 auf das Kon­to von Rot­gardis­tIn­nen gegan­gen sein sollen. Doch in den Konzen­tra­tionslagern, die die Weißen nach dem Krieg errichteten, star­ben – selb­st nach Pun­ti­las Angaben – bin­nen eines hal­ben Jahres fast 10.000 wirk­liche oder ver­meintliche Rote.

Die Veröf­fentlichung der Romantrilo­gie „Unter dem Nord­stern“ (Tääl­lä Poh­jan­täh­den alla) des finnis­chen Nation­alau­tors Väinö Lin­na Anfang der 1960er Jahre trug durch eine lit­er­arische Aufar­beitung zum Durch­brechen dieses Geschichts­bilds bei. Lin­nas Mikro­geschichte stellt Finn­lands Werde­gang zwis­chen der Mitte des 19. Jahrhun­derts und den 1950er Jahren anhand eines kleinen fik­tiv­en Dor­fes dar. Der Junge aus der zweit­en Gen­er­a­tion der Pro­tag­o­nistIn­nen­fam­i­lie, Akseli Koskela, kämpft als Kom­man­deur der Roten Garde und wird in einem Konzen­tra­tionslager inhaftiert, was zum ersten Mal ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit einen Ein­blick in die Motive der Roten gab.

In der Zeit danach set­zte sich allmäh­lich der Begriff des Bürg­erIn­nenkrieges oder des Nation­alkrieges (Kansalais­so­ta) durch. In jün­ger­er Zeit ist auch vom inter­nen Krieg (Sisäl­lis­so­ta) oder Krieg von 1918 die Rede, um den vor­wiegend finnis­chen Charak­ter des Krieges zu beto­nen.[41] Doch auch diese mod­erne Inter­pre­ta­tion mit zwei finnis­chen Kriegsparteien, die jew­eils von aus­ländis­chen Mächt­en unter­stützt wur­den,[42] wird den Tat­sachen nicht gerecht. 12.000 reg­uläre deutsche Trup­pen unter­stützten die Weißen, und diese deutschen Ein­heit­en eroberten am 12. April 1918 Helsin­ki. Während die „BefreierIn­nen“ Finn­lands sich nur mit deutsch­er Hil­fe durch­set­zen kon­nten, bat­en die „ver­rä­ter­ischen“ SozialdemokratIn­nen immer wieder um den Abzug der rus­sis­chen Trup­pen, weil ihr wichtig­stes poli­tis­ches Ziel tat­säch­lich in der voll­ständi­gen Unab­hängigkeit Finn­lands bestand. Um die deutsche Hil­fe zu bekom­men, unterze­ich­neten VertreterIn­nen der Weißen Regierung umfan­gre­iche Verträge in Berlin, die Deutsch­land nach dem Krieg die mil­itärische und wirtschaftliche Kon­trolle über Finn­land gegeben hätte (z.B. hätte Deutsch­land alle Exporte und Importe kon­trol­liert und auf dem gesamten finnis­chen Ter­ri­to­ri­um Mil­itär­basen erricht­en kön­nen).[43] Am Ende beschloss das Rumpf­par­la­ment (die bürg­er­lichen Abge­ord­neten unter Auss­chluss der SozialdemokratIn­nen), einem neuen finnis­chen König, dem deutschen Prinzen Friedrich Karl von Hes­sen, die Macht des Zaren zu über­tra­gen. Nur der Zusam­men­bruch des Deutschen Reich­es und die Ablehnung des Prinzen zwan­gen die Weißen dazu, erst einen vorüberge­hen­den Regen­ten zu wählen und dann eine Repub­lik zu etablieren.[44]

Erklärungen für die Niederlage

Die Machter­grei­fung der Sozialdemokratie in Südfinn­land ver­lief fast ohne Wider­stand. Das wirft die Frage auf, warum die finnis­chen SozialdemokratIn­nen nicht in der Lage waren, die Macht für mehr als ein paar Monate zu hal­ten. Hier­für gibt es ver­schiedene Erk­lärun­gen:

Die finnis­che Gesellschaft entwick­elte sich ohne härtere offene Klasse­nau­seinan­der­set­zun­gen zwis­chen 1809 und 1917. Die Peti­tion für finnis­che Autonomie und selb­st der „Große Streik“ von 1905 wur­den von bürg­er­lichen und sozialdemokratis­chen Kräften gemein­sam organ­isiert – es gab zwar Span­nun­gen zwis­chen den bei­den Seit­en (die Arbei­t­erIn­nen­vertreterIn­nen bemän­gel­ten, nicht genug in die Organ­isierung dieser Aktio­nen einge­bun­den zu sein), aber grund­sät­zlich waren es klassenüber­greifende Aktio­nen. So war die auf die Erlan­gung der finnis­chen Unab­hängigkeit aus­gerichtete sozialdemokratis­che Strate­gie trotz des „Klassenkrieg“-Dogmas auch durch Zusam­me­nar­beit mit der „patri­o­tis­chen“ Bour­geoisie geprägt. Die SDP war also trotz der Abschot­tung der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung von der Bour­geoisie in erster Lin­ie „finnisch“ und in zweit­er Lin­ie sozial­is­tisch: vor allem nach 1906 hat­te sie viele bürg­er­liche Intellek­tuelle in ihre Führung aufgenom­men, die in der SDP die kon­se­quenteste Ver­fech­terin der Unab­hängigkeit sahen. Weit­er­hin waren die finnis­chen SozialdemokratIn­nen daran gewöh­nt, dass der Unter­drück­ungsap­pa­rat, dem sie gegenüber­standen, aus RussIn­nen oder schwedis­chsprachi­gen FinnIn­nen bestand. Ihre Pro­pa­gan­da prangerte an, dass „finnis­che Arbei­t­erIn­nen im eige­nen Land von frem­den Trup­pen ange­grif­f­en“ wur­den. Ein finnis­ch­er Repres­sion­sap­pa­rat war für sie the­o­retisch vorstell­bar, aber den­noch gewöh­nungs­bedürftig.

Die Partei hat­te seit ihrer Grün­dung 1899 immer wieder Debat­ten erlebt, aber kaum die Bil­dung von harten Frak­tio­nen oder zumin­d­est klar definierten Flügeln wie etwa in der deutschen oder der rus­sis­chen Sozialdemokratie zur gle­ichen Zeit. Das „Klassenkrieg“-Dogma reichte, um die recht­esten SozialdemokratIn­nen von ein­er Regierungs­beteili­gung abzuhal­ten (zumin­d­est bis 1917, als die gesamte Partei diesen Schritt eher halb­herzig ging) und auch die Nicht-Beteili­gung Finn­lands am Weltkrieg ver­hin­derte eine Zus­pitzung der poli­tis­chen Dif­feren­zen in der Partei. So war für alle Strö­mungen – ange­fan­gen von den gemäßigtesten bis zu den radikalen – ein inner­parteilich­er Bruch nicht nur mit allen Mit­teln zu ver­mei­den, son­dern sog­ar jen­seits aller poli­tis­chen Über­legun­gen. Die radikaleren Kräfte, nach­dem sie die Abstim­mung über die Machter­grei­fung im Novem­ber 1917 gewon­nen hat­ten, bliesen ihre Pläne wieder ab, weil die reformistis­che Min­der­heit nicht mit­zog. Aber auch die ReformistIn­nen gin­gen bei der Machter­grei­fung und der Bil­dung der Roten Regierung, die sie vehe­ment ablehn­ten, ent­täuscht und zögernd, aber let­ztlich doch mit. (Erst nach dem Krieg kam es mit der Grün­dung der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Finn­lands im Jahr 1918 in Moskau zu organ­isatorisch-poli­tis­chen Dif­feren­zierun­gen inner­halb der finnis­chen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung.)

Während der Rev­o­lu­tion fehlte eine organ­isierte Oppo­si­tion zur SDP- und SAJ-Führung. Auf Massenkundge­bun­gen, in Arbei­t­erIn­nenkomi­tees, bei den Partei- und Gew­erkschaft­skon­gressen und vor allem in den Roten Gar­den hagelte es Kri­tik an der Führung, die aus ReformistIn­nen und schwank­enden Ele­menten bestand. Und obwohl es auch immer wieder Zurufe gab, dass men­sch sich eine „neue Führung“ aus­suchen würde, gab es kaum Ver­suche, eine alter­na­tive Führung zur SDP zu bilden. Die Rote Garde vere­inigte die entschlossen­sten Ele­mente aus der Partei und den Gew­erkschaften, und vielle­icht auch ger­ade weil sie nicht über annäh­ernd genug Waf­fen für ihre Mit­glieder ver­fügte, entwick­elte sie ein eigenes poli­tis­ches Pro­fil. Die Rote Garde wurde zu ein­er Organ­i­sa­tion, die – trotz ihres primär mil­itärischen Ansatzes – nicht nur der Kon­trolle der Parteiführung über lange Zeit ent­zo­gen war, son­dern auch als poten­zielle Alter­na­tive auf poli­tis­ch­er Ebene erscheinen kon­nte. Die Rot­gardis­tIn­nen beschränk­ten immer wieder den Zugriff der Partei auf ihre Struk­turen: Der Stab jed­er Roten Ein­heit sollte zu drei Fün­fteln aus ernan­nten ParteivertreterIn­nen beste­hen, doch dort, wo die Rote Garde stark war, wie in Helsin­ki oder Tam­pere, wur­den diese Stäbe durch eigen­ständig in den Trup­pen gewählte Komi­tees erset­zt. Da die Rot­gardis­tIn­nen der Kon­fronta­tion mit den bürg­er­lichen Kräften viel stärk­er aus­ge­set­zt waren, radikalisierten sie sich und akzep­tierten die Unver­söhn­lichkeit von bürg­er­lichen und pro­le­tarischen Inter­essen. Doch let­ztlich war die Rote Garde auf­grund ihres Charak­ters als paramil­itärische Organ­i­sa­tion nur in Ansätzen in der Lage, eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie für die gesamte Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung zu entwer­fen – ihre Lösun­gen waren immer radikal, aber blieben auch immer auf mil­itärische Aspek­te konzen­tri­ert.

Die Räte, die in Finn­land ent­standen, waren kaum geeignet, um der sich entwick­el­nden (und sich radikalisieren­den) Stim­mung in der Arbei­t­erIn­nen­klasse Aus­druck zu ver­lei­hen. Die Räte, die während des Gen­er­al­streiks im Novem­ber 1917 über­all im Land ent­standen, um das Macht­vaku­um zu füllen, waren nicht viel mehr als Streikkomi­tees, die sich nach dem Abbruch des Streiks selb­st wieder auflösten. Die meis­ten Räte, die länger existierten, wie der Helsinki­er Arbei­t­erIn­nen­rat, waren Zusam­men­schlüsse aus den beste­hen­den Führun­gen der ver­schiede­nen Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen. So bestand der Zen­trale Rev­o­lu­tion­srat, der den Gen­er­al­streik im Novem­ber 1917 organ­isierte, lediglich aus den Vorstän­den von SDP und SAJ plus drei VertreterIn­nen der SDP-Par­la­ments­frak­tion. Dieser Rat kon­nte sich sog­ar selb­st umbilden und unter­stand höch­stens der Kon­trolle des SDP-Parteitages. Und der „Ober­ste Rat der Arbei­t­erIn­nen“, das höch­ste Organ der Macht im Roten Finn­land, set­zte sich aus 40 Delegierten zusam­men: 15 der SDP, 10 des Gew­erkschaftsver­ban­des SAJ, 10 der Roten Garde und 5 des Helsinki­er Arbei­t­erIn­nen­rates. Selb­st der aus der Machter­grei­fung her­vorge­gan­gene Volks­deputierten­rat war im Wesentlichen eine Ver­längerung des sozialdemokratis­chen Parteivor­standes. Ein Rätekongress, der in Rus­s­land die Grund­lage der Arbei­t­erIn­nen­regierung bildete, wurde in Finn­land nicht abge­hal­ten und war auch nicht vorge­se­hen. So waren die tra­di­tionellen sozialdemokratis­chen FührerIn­nen von Partei und Gew­erkschaften während der gesamten Rev­o­lu­tion einiger­maßen fest im Sat­tel, ohne dass sie sich rät­edemokratis­chen Entschei­dun­gen hät­ten beu­gen müssen.

Revolutionäre Organisation?

Die oppo­si­tionelle Stim­mung in den Rei­hen der Roten Garde konkretisierte sich so auch nicht zu ein­er organ­isierten Oppo­si­tion. Aber auch Lenin und die Bolschewi­ki scheinen sich nur am Rande für die finnis­che Rev­o­lu­tion, beson­ders für die Her­aus­bil­dung ein­er rev­o­lu­tionären Oppo­si­tion in Finn­land, inter­essiert zu haben. Lenin ver­brachte die Zeit zwis­chen Juli und Okto­ber 1917 in Helsin­ki und Viipuri (in den Jahren davor hat er sich mehr als ein Dutzend Male in Finn­land aufge­hal­ten), teil­weise in der Woh­nung eines führen­den finnis­chen Sozialdemokrat­en. Den­noch kan­nte er die Sit­u­a­tion inner­halb der SDP kaum. So adressierte er einen Brief an mehrere FinnIn­nen mit den Worten: „Ihr seid an der Spitze des rev­o­lu­tionären Flügels der Finnis­chen Sozialdemokratis­chen Arbei­t­erIn­nen­partei und führt einen Kampf für die Sache der pro­le­tarischen sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion“. Aber kein­er sein­er Adres­sat­en war für eine Rev­o­lu­tion, wie sie in Rus­s­land ger­ade stattge­fun­den hat­te, und einige unter ihnen, z.B. Karl Wiik, gehörten zu den recht­en Mit­gliedern der Parteiführung, die die Machter­grei­fung kat­e­gorisch ablehn­ten. Lenin mag während sein­er Zeit in Finn­land mit den Vor­bere­itun­gen des Auf­s­tandes oder der Fer­tig­stel­lung von „Staat und Rev­o­lu­tion“ beschäftigt gewe­sen sein, aber auf jeden Fall scheint er die Gele­gen­heit nicht für eine sys­tem­a­tis­che Inter­ven­tion in die SDP genutzt zu haben.

Von den Bolschewi­ki gab es immer wieder Appelle an die finnis­chen Arbei­t­erIn­nen, um eine Rev­o­lu­tion durchzuführen – der Volk­skom­mis­sar für Nation­al­itäten, Stal­in, sprach in diesem Sinne vor dem SDP-Parteitag kurz vor dem Gen­er­al­streik im Novem­ber 1917 – aber kaum konkrete Arbeit, um ein poli­tis­ches Instru­ment in diesem Sinne zu schaf­fen. Mehrere Bolschewi­ki waren in der finnis­chen Rev­o­lu­tion an führen­der Stelle aktiv (vor allem finnis­che Arbei­t­erIn­nen, die sich in Pet­ro­grad den Bolschewi­ki angeschlossen hat­ten), aber diese agierten weit­ge­hend autonom und ohne Anweisun­gen vom Zen­tralkomi­tee. Zu den Bolschewi­ki, die 1917 in Finn­land agierten, gehörten u.a.:

Wladimir Antonow-Owsse­jenko ging kurz nach der Feb­ru­ar­rev­o­lu­tion nach Finn­land, um die bolschewis­tis­che Organ­i­sa­tion dort aufzubauen, aber seine Arbeit war auss­chließlich auf die rus­sis­che Gar­ni­son in Finn­land aus­gerichtet, die bis Okto­ber 1917 voll­ständig für die Bolschewi­ki gewon­nen wer­den kon­nte.[45]

Juk­ka Rah­ja war ein finnis­ch­er Bolschewik, der als Verbindungs­mann zwis­chen den Bolschewi­ki und der SDP agierte. Er hat­te, zusam­men mit Alexan­dra Kol­lon­tai, auf dem SDP-Parteitag im Juni 1917 für den Anschluss an die Zim­mer­wald-Inter­na­tionale plädiert, und berichtete im Anschluss nach Pet­ro­grad weit­er, dass die Partei sich fest in den Hän­den von Revi­sion­istIn­nen befinde.[46] Er war es auch, der die erste große Waf­fen­liefer­ung der Sow­je­tregierung für die Rote Garde organ­isierte. Sein Brud­er Eino Rah­ja, eben­falls Bolschewik, gehörte zur Führung der Roten Garde und war eine Zeit­lang de fac­to Oberkom­mandieren­der.

Adolf Tai­mi war ein finnisch-rus­sis­ch­er Bolschewik, der vor allem in der Roten Garde aktiv war. Er wurde zum Sprech­er des radikalen Flügels, der vor allem in Helsin­ki tonangebend war und eine größere Selb­ständigkeit der Roten Garde von der Partei ver­focht. Sein Kalkül bestand darin, dass die radikale Min­der­heit der Garde (etwa 500 KämpferIn­nen in Helsin­ki) mit kon­fronta­tiv­en Aktio­nen wie der Beset­zung des Regierungs­ge­bäudes die Parteiführung zwin­gen würde, sich ein­er Kon­fronta­tion mit der Bour­geoisie zu stellen und die Macht zu ergreifen. Es gibt kein­er­lei Hin­weise, dass er für diese Arbeit Anweisun­gen aus Pet­ro­grad bekam.

Die Bolschewi­ki respek­tierten in der Anfangszeit im All­ge­meinen den alten Grund­satz der Zweit­en Inter­na­tionale, wonach jede Partei für die Führung des Klassenkampfes in ihrem eige­nen Land allein zuständig sei: sie kon­nten die SDP auf­fordern, die Macht zu ergreifen, aber wenn diese nein sagte oder zögerte, kon­nten sie nur die Entschei­dung kri­tisieren. Erst nach dem Krieg, mit der Grün­dung der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale im Jahr 1919, began­nen die Bolschewi­ki mit dem Auf­bau ein­er inter­na­tionalen rev­o­lu­tionären Partei, die auch die Möglichkeit ein­schloss, die Schei­dung zwis­chen ReformistIn­nen und Rev­o­lu­tionärIn­nen in anderen Län­dern zu fördern. Im August 1918 kam es dann in Moskau zur Grün­dung der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Finn­lands (Suomen Kom­mu­nisti­nen Puolue, SKP).

Die politischen Lehren

Der finnis­che Bürg­erIn­nenkrieg stellte immer wieder die Frage der Dik­tatur des Pro­le­tari­ats. Im ver­meintlich „ortho­dox­en“ Marx­is­mus der Zweit­en Inter­na­tionale und auch der SDP war der Gedanke fest ver­ankert, dass der Sozial­is­mus auf dem Weg der „Demokratie“, also der Erweiterung der par­la­men­tarisch-demokratis­chen Rechte, zu erre­ichen sei. Dabei hat­te Marx selb­st immer wieder betont, dass eine sozial­is­tis­che Gesellschaft nur über die „rev­o­lu­tionäre Dik­tatur des Pro­le­tari­ats“ entste­hen kön­nte, d.h. eine Arbei­t­erIn­nen­regierung, die sich nur auf die Arbei­t­erIn­nen­klasse und ihre Organe stützt, und alle Geset­zte, Ver­fas­sun­gen und Insti­tu­tio­nen der kap­i­tal­is­tis­chen Ord­nung über Bord wirft.

Dage­gen predigte die finnis­che Sozialdemokratie nur eine „demokratis­che Rev­o­lu­tion“. Dies war ein ern­sthafter Ver­such, die The­o­rie der „demokratis­chen Dik­tatur der Arbei­t­erIn­nen und Bauern/Bäuerinnen“, die Lenin vor dem ersten Weltkrieg vertei­digt hat­te, in die Prax­is umzuset­zen. Diese The­o­rie besagte, die schwache und feige Bour­geoisie in einem unter­en­twick­el­ten Land (wie Rus­s­land oder Finn­land) zwinge die Arbei­t­erIn­nen­klasse dazu, die Macht zu übernehmen, um die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion durchzuführen. Dabei müsse sich die Arbei­t­erIn­nen­regierung auf bürg­er­liche Refor­men beschränken, da das Land in der „bürg­er­lichen Etappe“ und deswe­gen für eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion „unreif“ sei.[47]

Der finnis­che Ver­such zeigte die Wider­sprüche dieser The­o­rie in aller Deut­lichkeit. Die finnis­che Bour­geoisie hat­te tat­säch­lich zu viel Angst vor dem Pro­le­tari­at, um die Auf­gaben ein­er bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion kon­se­quent durchzuführen. Doch die Arbei­t­erIn­nen­regierung, die an ihrer Stelle ver­suchte, ein mod­ernes, bürg­er­lich-demokratis­ches (und damit auch kap­i­tal­is­tis­ches) Land zu schaf­fen, wurde von der Bour­geoisie nicht akzep­tiert, die mit Aussper­run­gen, wirtschaftlich­er Sab­o­tage, Repres­sion und schließlich auch mit dem Bürg­erIn­nenkrieg ver­suchte, diese „demokratis­che Rev­o­lu­tion“ zu stop­pen (weshalb auch etwa die reformistis­chen Machter­oberungskonzep­tio­nen etwa der „Aus­tro­marx­istIn­nen“ im Öster­re­ich der Zwis­chenkriegszeit Illu­sio­nen bleiben mussten). Die Rote Regierung hätte ener­gis­che Maß­nah­men wie die Ver­staatlichung der Banken und die Arbei­t­erIn­nenkon­trolle in der Indus­trie umset­zen müssen, um ihre Rev­o­lu­tion zu schützen – aber solche Maß­nah­men gin­gen weit über ihr demokratis­ches Pro­gramm hin­aus. Solche Maß­nah­men hät­ten bedeutet, dass die Rev­o­lu­tion direkt von ein­er bürg­er­lichen in eine sozial­is­tis­che Etappe überge­gan­gen wäre – genauer gesagt hätte es solche getren­nten Etap­pen nicht gegeben. Es wäre eine pro­le­tarische Dik­tatur gewe­sen – nicht im Sinne der unkon­trol­lier­baren Befehls­ge­walt eines Mannes, son­dern im Sinne der uneingeschränk­ten Herrschaft ein­er Klasse.

Die Idee ein­er län­geren bürg­er­lichen „Etappe“, die ein unter­en­twick­eltes Land durch­laufen müsste, bevor eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion in Frage käme, hat­te Lenin bere­its mit seinen April-The­sen von 1917[48] ver­wor­fen, in denen er die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion als unmit­tel­bares Ziel für Rus­s­land definierte. Die finnis­chen SozialdemokratIn­nen haben diesen Wan­del kaum zur Ken­nt­nis genom­men, geschweige denn ver­standen. Für sie war eine Dik­tatur des Pro­le­tari­ats in Finn­land eine Frage der fer­nen Zukun­ft, früh­estens nach sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tio­nen in den fort­geschrit­te­nen Indus­trielän­dern Europas. Doch durch den Ver­lauf des Bürg­erIn­nenkrieges waren sie gezwun­gen, weit­er zu gehen, als in ihrem the­o­retis­chen Instru­men­tar­i­um vorge­se­hen: Einzelne Kap­i­tal­istIn­nen wur­den enteignet und schließlich im April 1918, als nur noch die Stadt Viipuri unter Rot­er Kon­trolle stand, Kuller­vo Man­ner zum „Dik­ta­tor“ ernan­nt, um ihre let­zten, verzweifel­ten Kriegsanstren­gun­gen zu zen­tral­isieren. So sahen schließlich viele SozialdemokratIn­nen, die Gewal­tan­wen­dung auch während des Bürg­erIn­nenkrieges abgelehnt hat­ten, erst durch die Dynamik der Kämpfe die Notwendigkeit ein­er pro­le­tarischen Dik­tatur ein.

Für diesen radikalen Bruch mit der ver­meintlich „marx­is­tis­chen“ Ortho­dox­ie der Zweit­en Inter­na­tionale hat­te schon 13 Jahre früher Leo Trotz­ki mit sein­er The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion die Begrün­dung geliefert. In den unter­en­twick­el­ten Län­dern ist wed­er die Bour­geoisie noch eine bürg­er­liche Arbei­t­erIn­nen­regierung in der Lage, die Auf­gaben der bürg­er­lichen Rev­o­lu­tion zu vol­len­den. Die Arbei­t­erIn­nen­klasse muss die Macht übernehmen, um die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion zu Ende zu führen. Sie wird bei diesen Auf­gaben jedoch nicht ste­hen bleiben kön­nen, son­dern mit der Dynamik der Klassenkämpfe immer mehr Ele­mente ihres eige­nen Pro­gramms umset­zen müssen. In diesem Sinne wird die bürg­er­liche Rev­o­lu­tion direkt zu ein­er Dik­tatur des Pro­le­tari­ats (gestützt auf die Bauern­schaft) geführt wer­den.[49]

Die Nieder­lage der SDP war let­ztlich, so absurd das auf den ersten Blick auch klin­gen mag, vor­rangig the­o­retis­chen Prob­le­men geschuldet. Mil­itärisch wäre die Sit­u­a­tion dur­chaus gewinnbar gewe­sen, denn die organ­isierte pro­le­tarische Bewe­gung hat­te alle Indus­triezen­tren ohne Schwierigkeit­en über­nom­men und etwa 100.000 Arbei­t­erIn­nen mil­itärisch mobil­isiert. Den Weißen waren sie zahlen­mäßig über­legen und waf­fen­tech­nisch ihnen zumin­d­est eben­bür­tig – die ern­sthaften Prob­leme der fehlen­den mil­itärischen Kad­er hät­ten durch eine entschlossene Führung gelöst wer­den kön­nen. Ihre The­o­rie jedoch, dass Finn­land nur für eine „demokratis­che Etappe“ reif sei, hielt sie von den Maß­nah­men zurück, die für die Zer­schla­gung der Kon­ter­rev­o­lu­tion notwendig gewe­sen wären: unter anderem die Arbei­t­erIn­nenkon­trolle in der Indus­trie, die Unter­drück­ung der bürg­er­lichen Kon­ter­rev­o­lu­tion und die sofor­tige, selb­stor­gan­isierte Verteilung des Lan­des unter den Päch­terIn­nen und dem land­losen Agrarpro­le­tari­at. Die Radikalen in ihren Rei­hen kon­nten diese Zurück­hal­tung end­los anprangern (die Bour­geois aßen in Restau­rants in Helsin­ki, während Rot­gardis­tIn­nen an der Front ver­hungerten!), aber let­z­tendlich kon­nten sie dem Konzept der Führung nichts ent­ge­gen­stellen. Und auch die finnis­chen Bolschewi­ki predigten einen ster­ilen „Rev­o­lu­tion­is­mus“, ohne erk­lären zu kön­nen, wie im Agrar­land Finn­land der Sozial­is­mus aufge­baut wer­den sollte.

Dabei lag die bolschewis­tis­che Strate­gie wörtlich vor ihren Augen, nur wenige Kilo­me­ter hin­ter der Gren­ze: die Machtüber­nahme der Arbei­t­erIn­nen in Rus­s­land war ein Glied in der Kette der Wel­trev­o­lu­tion und sollte die Rev­o­lu­tion in den Indus­trielän­dern vorantreiben. Die Etap­penthe­o­rie, die für die finnis­chen SozialdemokratIn­nen entschei­dend war (und die genau­so von den Men­schewi­ki wie später von der stal­in­isierten Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale vertreten wurde), führt Rev­o­lu­tio­nen in unter­en­twick­el­ten Län­dern immer wieder in die Sack­gasse: sie beschränk­ten sich selb­st auf bürg­er­liche Refor­men, ver­spiel­ten damit die Begeis­terung ihrer Basis und brachen schließlich zusam­men. Auch die finnis­che Rev­o­lu­tion liefert einen neg­a­tiv­en Beweis – mit dem Preis des Todes von über 20.000 finnis­chen Arbei­t­erIn­nen – für die zen­trale Bedeu­tung der The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion im Zeital­ter des Impe­ri­al­is­mus.

Die Geschichte der finnis­chen Rev­o­lu­tion kann unendlich deprim­ierend wirken. Doch Lenin soll den geflo­henen finnis­chen SozialdemokratIn­nen bei ihrer Ankun­ft in Pet­ro­grad gesagt haben: „Ihr dürft keineswegs euer Selb­stver­trauen ver­lieren oder euch deprim­ieren lassen. Wir müssen die Sache bei näch­ster Gele­gen­heit bess­er vor­bere­it­en und kon­trol­lieren.“ [50]

Heute ist Finn­land ein Indus­trieland und ein fes­ter Teil der Europäis­chen Union. Eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion wird heute ganz andere Fra­gen aufw­er­fen als vor 90 Jahren. Den­noch gilt es, aus der finnis­chen Rev­o­lu­tion wichtige Lehren für Rev­o­lu­tionärIn­nen von heute zu ziehen, damit wir die Sache bei näch­ster Gele­gen­heit bess­er machen.

Quellen und Literatur:[51]

Büch­er:

John Hodg­son: Com­mu­nism in Fin­land. A His­to­ry and Inter­pre­ta­tion.
Prince­ton 1967.

Osmo Jus­si­la, Sep­po Hen­tilä, Juk­ka Nevakivi: From Grand Duchy to a Mod­ern State. A Polit­i­cal His­to­ry of Fin­land since 1809. Car­bon­dale 2000.

David Kir­by: A Con­cise His­to­ry of Fin­land. Cam­bridge 2006.

Otto Wil­helm Kuusi­nen: Die Rev­o­lu­tion in Finn­land. Eine Selb­stkri­tik. Wien 1920.

Väinö Lin­na: Under the North Star. Beaver­ton 2001.

ebd.: The Upris­ing. Under the North Star 2. Beaver­ton 2002.

L.A. Pun­ti­la: Poli­tis­che Geschichte Finn­lands 1809–1971. Helsin­ki 1980.

Vic­tor Serge: Year One of the Russ­ian Rev­o­lu­tion. Chica­go 1972.
http://www.marxists.org/archive/serge/1930/year-one/index.htm.

Fred Sin­gle­ton: A Short His­to­ry of Fin­land. Cam­bridge 1998.

Antho­ny Upton: The Finnish Rev­o­lu­tion 1917–1918. Min­neapo­lis 1980.

Artikel und Son­stiges

W.I. Lenin: Finn­land und Rus­s­land. Praw­da. Nr. 46. 15. Mai 1917. LW 24. S. 329–332.

Josef Stal­in: Rede auf dem Parteitag der Sozialdemokratis­chen Arbeit­er­partei Finn­lands in Hels­ing­fors. 14. Novem­ber 1917. SW 4. S. 1ff.

ebd.: Über die Unab­hängigkeit Finn­lands. Refer­at in der Sitzung des All­rus­sis­chen Zen­tralex­eku­tivkomi­tees. 22. Dezem­ber 1917. Zeitungs­bericht. SW 4. S. 9ff.

http://en.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Emil_Mannerheim

http://en.wikipedia.org/wiki/Otto_Wille_Kuusinen

Die ständi­gen Ausstel­lun­gen im Lenin-Muse­um in Tam­pere.

Land­karte

http://en.wikipedia.org/wiki/File:FinnishCivilWarMapBegin.svg (über­ar­beit­et)

Fußnoten

[1]. “The Union of Sovi­et Social­ist Republics won but the small and gut­sy Fin­land fin­ished a good sec­ond.” Väinö Lin­na: The Unknown Solid­er. 1957. [2]. Der Autor muss sich bei zwei Men­schen bedanken: bei Anki, die sein Inter­esse für Finn­lands Geschichte weck­te und Über­set­zun­gen bere­it­stellte, und bei Joonas, der alle möglichen Fra­gen über den Bürg­erIn­nenkrieg beant­wortete. [3]. Danke auch an Min­na, die den Titel über­set­zte. [4]. David Kir­by: A Con­cise His­to­ry of Fin­land. Cam­bridge 2006. S. 147. [5]. Fred Sin­gle­ton: A Short His­to­ry of Fin­land. Cam­bridge 1998. S. 104. [6]. Die Bour­geoisie „redet von ihren eige­nen Angele­gen­heit­en als wären sie die Angele­gen­heit­en von Finn­land. (…) Unser nationaler Wohl­stand kann die Arbeit­szeitverkürzung nicht erlauben. Egal, was sie wollen, ist es immer im Inter­esse des Lan­des, im Inter­esse des Volkes, es ist doch unsere Gesellschaft. Da haben sie Recht. Es ist ihre Gesellschaft und ihr Finn­land. (…) Manch­mal kann ich kaum atmen, so sehr has­se ich sie!“ – Akseli Koskela, in: Väi­no Lin­na: The Upris­ing. Under the North Star 2. S.7. [7]. John Hodg­son: Com­mu­nism in Fin­land. A His­to­ry and Inter­pre­ta­tion. Prince­ton 1967. S. viii. [8]. W.I. Lenin: Finn­land und Rus­s­land. Praw­da. Nr. 46. 15. (2.) Mai 1917. LW 24. S. 329–332. Siehe Anhang. [9]. Vom 5.–8. Sep­tem­ber 1915 fand eine inter­na­tionale sozial­is­tis­che Kon­ferenz im Schweiz­er Dorf Zim­mer­wald statt, um die beim Aus­bruch des ersten Weltkrieges zer­broch­ene Sozial­is­tis­che Inter­na­tionale wieder aufzubauen. Die Parteien, die das von Leo Trotz­ki ver­fasste „Zim­mer­walder Man­i­fest“ gegen den Krieg unterze­ich­neten, gal­ten in der Fol­gezeit als „Zim­mer­walder Bewe­gung“ oder auch „Zim­mer­walder Inter­na­tionale“. Zwei Jahre später schloss sich die SDP dieser Inter­na­tionale an, aber eher aus dem prag­ma­tis­chen Grund, dass sie irgen­dein­er Inter­na­tionale ange­hören wollte. [10]. Sin­gle­ton. S. 104. [11]. Svin­hufvud bedeutet auf Schwedisch „Schweinekopf”. Nomen est omen. [12]. Zit. nach: Antho­ny Upton: The Finnish Rev­o­lu­tion 1917–1918. Min­neapo­lis 1980. S. 130–131. [13]. Deter­min­is­mus geht davon aus, dass alles vorherbes­timmt ist und fes­ten und unabän­der­lichen Abläufen fol­gt. [14]. Zit. nach: Upton. S. 131. [15]. Zit. nach: Upton. S. 156. [16]. Zit. nach: Upton. S. 154. [17]. Allerd­ings hat­te er sich im Zen­tralen Rev­o­lu­tion­skomi­tee bei der entschei­den­den Abstim­mung am 16. Novem­ber 1917 der Stimme enthal­ten, weil er um die Ein­heit der Partei fürchtete. [18]. Im dama­li­gen Finnisch hieß lahtari ein­fach „Schlächter“ oder „Met­zger“, aber heutzu­tage ist es ein link­er Kampf­be­griff für Weiße oder Reak­tionäre. [19]. In Rus­s­land galt noch der gre­go­ri­an­is­che Kalen­der, nach diesem fand die Rev­o­lu­tion am 25./26. Okto­ber 1917 statt. [20]. Bis heute gilt der 6. Dezem­ber als finnis­ch­er Unab­hängigkeit­stag. [21]. Upton. S. 197ff. Wir soll­ten uns an die Ablehnung diplo­ma­tis­ch­er Gepflo­gen­heit­en durch die frühe Sow­je­tregierung erin­nern, wenn wir zum Beispiel hören, dass der „sozial­is­tis­che“ Präsi­dent Venezue­las Hugo Chávez „keine andere Wahl“ habe, als den noch von Fran­co ernan­nten spanis­chen König zu umar­men! [22]. „Ich muss jedoch auf das kat­e­gorischste erk­lären, dass wir keine Demokrat­en wären (ich spreche schon gar nicht vom Sozial­is­mus!), wenn wir den Völk­ern Rus­s­lands nicht das Recht auf freie Selb­st­bes­tim­mung zuerken­nen wür­den.“ Josef Stal­in: Rede auf dem Parteitag der Sozialdemokratis­chen Arbeit­er­partei Finn­lands in Hels­ing­fors. 14. Novem­ber 1917. SW 4. S. 3. Für heutige LeserIn­nen kön­nte es über­raschend sein, dass Stal­in, dessen Regime später viele Volks­grup­pen unter­warf, damals noch das bedin­gungslose Selb­st­bes­tim­mungsrecht unter­drück­ter Völk­er vertei­digte. (Siehe auch Fußnote 26.) [23]. Zit. nach: Upton. S. 186. [24]. Zit. nach: Upton. S. 43. [25]. Zit. nach: Upton. S. 43. [26]. Zweit­eilig. [27]. Genau genom­men unter­schied sich Stal­ins Posi­tion doch einiger­maßen von der Lenins und Trotzkis. Stal­in argu­men­tierte etwa in seinem Artikel „Über die Unab­hängigkeit Finn­lands“, dass das Selb­st­bes­tim­mungsrecht bis hin zur Lostren­nung nicht bedin­gungs­los gewährt, son­dern die Macht nur an eine finnis­che Arbei­t­erIn­nen­regierung übergeben hätte wer­den sollen. Stal­in übte damit eine implizite Kri­tik an der Prax­is des bolschewis­tis­chen Selb­st­bes­tim­mungsrechts. (Stal­in: Über die Unab­hängigkeit Finn­lands. Refer­at in der Sitzung des All­rus­sis­chen Zen­tralex­eku­tivkomi­tees. 22. Dezem­ber 1917. Zeitungs­bericht. SW 4. S.19ff.) [28]. Anscheinend ein Lieblingsspruch in der dama­li­gen Sozialdemokratie, über­nom­men von Dan­ton über Marx: „…il faut de l‘audace, encore de l‘audace, tou­jours de l‘audace et la France est sauvée.“ Vgl. dazu auch Rosa Lux­em­burgs Rede vom 27. Mai 1913 über die welt­poli­tis­che Lage: „Wir müssen jenen Mut, jene Entschlossen­heit und Rück­sicht­slosigkeit in der Ver­fol­gung unsr­er Auf­gaben zeigen, die von den bürg­er­lichen Rev­o­lu­tionären aufge­bracht wurde, die Dan­ton zusam­men­fasste, als er sagte, in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen brauche man als Parole nur drei Worte: Kühn­heit, Kühn­heit und noch ein­mal Kühn­heit!“ [29]. Zit. nach: Upton. S. 127ff. [30]. Es waren auss­chließlich Män­ner. [31]. Zit. nach: Upton. S. 304. [32]. Auch der „Rote Ter­ror“ in Rus­s­land muss aber in die Sit­u­a­tion des Lan­des einge­fügt wor­den. Zu Beginn gin­gen die Bolschewi­ki äußerst nobel mit ihren Geg­ner­In­nen um, zaris­tis­che Gen­eräle etwa wur­den „auf Ehren­wort“ freige­lassen. Erst als der weiße Ter­ror dro­hte, die Rev­o­lu­tion zu erdrosseln, antworteten die Bolschewi­ki mit dem roten Ter­ror. Siehe Anhang von Vic­tor Serge. [33]. Diese Befehlslage wurde mehrere Wochen später rev­i­diert. [34]. Upton. S. 303. [35]. Zit. nach: Upton. S. 414. [36]. Hodg­son. S. 72. [37]. Upton. S. 121. [38]. Im All­ge­meinen wird die Erfind­ung des Konzen­tra­tionslagers auf die britis­che Poli­tik im BurIn­nen-Krieg in Südafri­ka oder die spanis­che im kuban­is­chen Unab­hängigkeit­skrieg zurück­ge­führt. Von manchen AutorIn­nen wer­den aber auch die FinnIn­nen als dessen Erfind­erIn­nen beze­ich­net. [39]. L.A. Pun­ti­la: Poli­tis­che Geschichte Finn­lands 1809–1971. Helsin­ki 1980. S. 119. [40]. Pun­ti­la. S. 119ff. [41]. Osmo Jus­si­la, Sep­po Hen­tilä, Juk­ka Nevakivi: From Grand Duchy to a Mod­ern State. A Polit­i­cal His­to­ry of Fin­land since 1809. Car­bon­dale 2000. S. 113ff. [42]. Sin­gle­ton. S. 111. [43]. Kir­by. S. 200. [44]. Sin­gle­ton. S. 111. [45]. Antonow-Owsse­jenko wurde Mitte der 20er Jahre Unter­stützer der Linksop­po­si­tion rund um Leo Trotz­ki, machte dann aber seinen Frieden mit Stal­in und spielte im spanis­chen Bürg­erIn­nenkrieg in den Jahren 1936/37 eine wesentliche Rolle für die Stal­in­istIn­nen. Während der großen Säu­berun­gen Ende der 30er Jahre wurde er den­noch erschossen. [46]. Upton. S. 53–54. [47]. Siehe: Eric Weg­n­er: Marx­is­tis­che Rev­o­lu­tion­s­the­o­rie in der Arbeit­er­be­we­gung der let­zten 150 Jahre. In: Rev­o­lu­tio­nen nach 1945. Marx­is­mus Nr. 13. Wien 1998. [48]. Siehe: Wladek Flakin: „Die Aprilthe­sen“. In: Okto­ber im Novem­ber. Berlin 2007. http://www.revolution.de.com/zeitung/zeitung24/aprilthesen.html [49]. Siehe: Leo Trotz­ki: Die Per­ma­nente Rev­o­lu­tion. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/index.htm. [50]. Zit. nach: Upton. S. 517. [51]. Für Men­schen, die der finnis­chen Sprache nicht mächtig sind, gibt es wenige Infor­ma­tio­nen zum finnis­chen Bürg­erIn­nenkrieg. Der Autor war – bis auf wenige Aus­nah­men, wie z.B. die deutschsprachig vor­liegende Kor­re­spon­denz zwis­chen Lenin und Kuusi­nen – auf englisch- und deutschsprachige Sekundär­lit­er­atur angewiesen. Neben all­ge­meinen Geschichts­büch­ern ist vor allem auf das mon­u­men­tale Werk „The Finnish Rev­o­lu­tion“ von Antho­ny Upton zu ver­weisen. Obwohl es schon vor 30 Jahren veröf­fentlicht wurde, bietet es eine bis heute nicht übertrof­fene Schilderung der Rev­o­lu­tion, fast im Tagesver­lauf. Die sehr genaue Darstel­lung der bolschewis­tis­chen Posi­tio­nen und die offene Ver­ach­tung der finnis­chen SozialdemokratIn­nen („wretched“, „mis­er­able“, „deceit­ful“) lassen mehr Sym­pa­thie für Lenin erken­nen als unter Akademik­erIn­nen üblich. Den­noch ver­tritt Upton die These, dass der Bürg­erIn­nenkrieg im End­ef­fekt ein Unfall war – dass weit­sichtigere Führun­gen in der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung und im bürg­er­lichen Lager eine gewalt­same Auseinan­der­set­zung ganz hät­ten ver­mei­den kön­nen. Alle Stellen, die sich nicht expliz­it mit Fußnoten auf andere Werke beziehen, basieren auf dem Werk von Upton.

Anhang:
W.I. Lenin: Finnland und Rußland

Die Frage des Ver­hält­niss­es Finn­lands zu Ruß­land ist zu ein­er bren­nen­den Frage gewor­den. Die Pro­vi­sorische Regierung hat es nicht ver­standen, das finnis­che Volk, das einst­weilen noch nicht die Lostren­nung, son­dern lediglich weit­ge­hende Autonomie fordert, zufrieden­zustellen.

Die undemokratis­che, annex­ion­is­tis­che Poli­tik der Pro­vi­sorischen Regierung wurde dieser Tage von der “Rabotscha­ja Gase­ta” for­muliert und “vertei­digt”. Sie hat das in ein­er Art und Weise getan, daß sie ihren Schüt­zling gar nicht bess­er hätte “herein­le­gen” kön­nen. Diese Frage ist wirk­lich eine Grund­frage, eine Frage, die für den ganzen Staat von Bedeu­tung ist, und es ist daher notwendig, mit größter Aufmerk­samkeit auf sie einzuge­hen.

“Das Organ­i­sa­tion­skomi­tee ist der Ansicht”, schreibt die “Rabotscha­ja Gase­ta” Nr.42, “daß die Frage der gegen­seit­i­gen Beziehun­gen zwis­chen Finn­land und dem Rus­sis­chen Staat als Ganzes nur durch ein Übereinkom­men zwis­chen dem Land­tag Finn­lands und der Kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung gelöst wer­den kann und soll. Bis dahin aber müssen die finnis­chen Genossen” (das Organ­i­sa­tion­skomi­tee hat mit den finnis­chen Sozialdemokrat­en eine Besprechung gehabt) “dessen einge­denk sein, daß ein Erstarken der sep­a­rat­en Ten­den­zen in Finn­land die zen­tral­is­tis­chen Bestre­bun­gen der rus­sis­chen Bour­geoisie stärken kön­nte.”

Das ist der Stand­punkt der Kap­i­tal­is­ten, der Bour­geoisie, der Kadet­ten, aber keines­falls des Pro­le­tari­ats. Das Pro­gramm der Sozialdemokratis­chen Partei, namentlich seinen § 9, der allen dem Staate ange­hören­den Natio­nen das Selb­st­bes­tim­mungsrecht zuerken­nt, haben die men­schewis­tis­chen Sozialdemokrat­en über Bord gewor­fen. Sie haben sich in Wirk­lichkeit von diesem Pro­gramm los­ge­sagt und sind fak­tisch genau­so wie in der Frage der Erset­zung des ste­hen­den Heeres durch die all­ge­meine Volks­be­waffnung usw. auf die Seite der Bour­geoisie über­ge­treten.

Die Kap­i­tal­is­ten, die Bour­geoisie, und darunter auch die Partei der Kadet­ten, haben die poli­tis­che Selb­st­bes­tim­mung der Natio­nen, d.h. ihr Recht auf Lostren­nung von Ruß­land, niemals anerkan­nt.

Die Sozialdemokratis­che Partei hat in § 9 ihres im Jahre 1903 angenomme­nen Pro­gramms dieses Recht anerkan­nt.

Wenn das Organ­i­sa­tion­skomi­tee die finnis­chen Sozialdemokrat­en auf ein “Übereinkom­men” zwis­chen dem Land­tag Finn­lands und der Kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung “vertröstet”, so heißt das eben, daß es in dieser Frage auf die Seite der Bour­geoisie überge­gan­gen ist. Um sich davon rest­los zu überzeu­gen, genügt es, sich die Stel­lung aller Haup­tkI­assen und ‑parteien deut­lich vor Augen zu führen.

Der Zar, die Recht­en, die Monar­chis­ten sind nicht für ein Übereinkom­men zwis­chen dem Land­tag und der Kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung, son­dern für die direk­te Unter­w­er­fung Finn­lands unter die rus­sis­che Nation. Die repub­likanis­che Bour­geoisie ist für ein Übereinkom­men zwis­chen dem Land­tag Finn­lands und der Kon­sti­tu­ieren­den Ver­samm­lung. Das klassen­be­wußte Pro­le­tari­at und die ihrem Pro­gramm treu gebliebe­nen Sozialdemokrat­en sind für das Recht der Lostren­nung Finn­lands wie aller anderen nicht voll­berechtigten Völk­er­schaften von Ruß­land. Das ist das unbe­stre­it­bare, klare, präzise Bild der Lage. Unter der Losung eines “Übereinkom­mens”, die rein gar nichts entschei­det – denn was soll geschehen, wenn ein Übereinkom­men nicht zus­tande kommt? – betreibt die Bour­geoisie dieselbe zaris­tis­che Unter­w­er­fungspoli­tik, dieselbe Annex­ion­spoli­tik.

Schließlich wurde doch Finn­land von den rus­sis­chen Zaren annek­tiert auf Grund von Abmachun­gen mit Napoleon, dem Würg­er der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion usw. Wenn wir wirk­lich gegen Annex­io­nen sind, müssen wir sagen: Recht auf Lostren­nung für Finn­land! Wenn wir das gesagt und ver­wirk­licht haben, dann – und nur dann! – wird ein “Übereinkom­men” mit Finn­land ein wirk­lich frei­williges, freies Übereinkom­men, d. h. wirk­lich ein Übereinkom­men und kein Betrug sein.

Übereinkom­men tre­f­fen kön­nen nur Gle­iche. Damit ein Übereinkom­men ein wirk­lich­es Übereinkom­men sei und nicht eine durch Worte getarnte Unter­w­er­fung, ist die wirk­liche Gle­ich­berech­ti­gung bei­der Seit­en notwendig, d.h. sowohl Ruß­land als auch Finn­land müssen das Recht haben, nicht ein­ver­standen zu sein. Das ist son­nen­klar.

Nur das “Recht auf Lostren­nung” bringt dies zum Aus­druck: nur ein Finn­land, das die Frei­heit hat, sich loszutren­nen, ist wirk­lich imstande, mit Ruß­land darüber “übere­inzukom­men”, ob es sich lostren­nen soll. Wer ohne diese Voraus­set­zung, ohne Anerken­nung des Recht­es auf Lostren­nung, über ein “Übereinkom­men” Phrasen drischt, der betrügt sich und das Volk.

Das Organ­i­sa­tion­skomi­tee hätte den Finnen klipp und klar sagen müssen, ob es das Recht auf Lostren­nung anerken­nt oder nicht. Es hat diese Frage nach Art der Kadet­ten ver­wis­cht und sich damit von dem Recht auf Lostren­nung los­ge­sagt. Es hätte die rus­sis­che Bour­geoisie angreifen müssen, weil sie den unter­drück­ten Natio­nen das Recht auf Lostren­nung ver­weigert, was gle­ichbe­deu­tend ist mit Annex­ion­is­mus. Das Organ­i­sa­tion­skomi­tee greift aber statt dessen die Finnen an, indem es sie warnt, daß “sep­a­rate” (es müßte heißen: sep­a­ratis­tis­che) Ten­den­zen die zen­tral­is­tis­chen Bestre­bun­gen stärken wür­den!! Mit anderen Worten, das Organ­i­sa­tion­skomi­tee dro­ht den Finnen mit einem Erstarken der annex­ion­is­tis­chen großrus­sis­chen Bour­geoisie – ger­ade das haben die Kadet­ten stets getan, ger­ade unter dieser Flagge betreiben die Roditschew und Co. ihren Annex­ion­is­mus.

Da haben wir eine anschauliche prak­tis­che Erläuterung zur Frage der Annex­io­nen, von denen heute “alle” reden, wobei sie sich aber fürcht­en, die Frage unumwun­den und präzis zu stellen. Wer gegen das Recht auf Lostren­nung ist, der ist für Annex­io­nen.

Die Zaren betrieben die Annex­ion­spoli­tik plump und ungeschminkt, indem sie im Ein­vernehmen mit anderen Monar­chen ein Volk gegen ein anderes aus­tauscht­en (die Teilung Polens, das Abkom­men mit Napoleon über Finn­land usw.), genau­so wie die Guts­be­sitzer untere­inan­der die leibeige­nen Bauern aus­tauscht­en. Die repub­likanisch gewor­dene Bour­geoisie betreibt genau dieselbe Annex­ion­spoli­tik, aber raf­finiert­er und ver­steck­ter, indem sie ein “Übereinkom­men” ver­spricht, jedoch die einzige reale Garantie wirk­lich­er Gle­ich­berech­ti­gung bei einem Übereinkom­men, näm­lich das Recht auf Lostren­nung, voren­thält. Das Organ­i­sa­tion­skomi­tee trot­tet im Schlepp­tau der Bour­geoisie ein­her und stellt sich prak­tisch auf ihre Seite. (Die “Bir­showka”, die alles Wesentliche aus dem Artikel der “Rabotscha­ja Gase­ta” nach­druck­te und die Antwort des Organ­i­sa­tion­skomi­tees an die Finnen lobte, hat daher vol­lkom­men recht, wenn sie diese Antwort als eine den Finnen erteilte “Lek­tion in rus­sis­ch­er Demokratie” beze­ich­net. Die “Rabotscha­ja Gase­ta” hat diesen Brud­erkuß der “Bir­showka” ver­di­ent.)

Die Partei des Pro­le­tari­ats (“Bolschewi­ki”) hat auf ihrer Kon­ferenz – in der Res­o­lu­tion zur nationalen Frage – erneut das Recht auf Lostren­nung bestätigt.

Die Grup­pierung der Klassen und Parteien ist klar.

Die Klein­bürg­er lassen sich durch das Schreck­ge­spenst der erschrock­e­nen Bour­geoisie ins Bock­shorn jagen – darin liegt der ganze Kern der Poli­tik der men­schewis­tis­chen Sozialdemokrat­en und der Sozial­rev­o­lu­tionäre. Sie “fürcht­en” die Lostren­nung. Die klassen­be­wußten Pro­le­tari­er fürcht­en sie nicht. Sowohl Nor­we­gen wie Schwe­den haben gewon­nen, als Nor­we­gen sich 1905 auf Grund freier Entschei­dung von Schwe­den lostren­nte: gewach­sen ist das Ver­trauen bei­der Natio­nen zueinan­der, sie haben sich frei­willig einan­der genähert, ver­schwun­den sind die unsin­ni­gen und schädlichen Rei­bun­gen, erstarkt ist die Anziehungskraft zwis­chen bei­den Natio­nen in wirtschaftlich­er, poli­tis­ch­er und kul­tureller Beziehung wie im täglichen Leben, fes­ter gewor­den ist das brüder­liche Bünd­nis der Arbeit­er bei­der Län­der.

Genossen Arbeit­er und Bauern! Find­et euch nicht ab mit der Annex­ion­spoli­tik der rus­sis­chen Kap­i­tal­is­ten, der Gutschkow, Miljukow, der Pro­vi­sorischen Regierung gegenüber Finn­land, Kur­land, der Ukraine usw.! Fürchtet euch nicht, das Recht auf Lostren­nung für alle diese Natio­nen anzuerken­nen. Nicht durch Gewalt soll man die anderen Völk­er für einen Bund mit den Großrussen gewin­nen, son­dern nur durch ein wirk­lich frei­williges, wirk­lich freies Übereinkom­men, das ohne das Recht auf Lostren­nung unmöglich ist.

Je freier Ruß­land sein wird, je entsch­ieden­er unsere Repub­lik das Recht auf Lostren­nung für die nicht großrus­sis­chen Natio­nen anerken­nt, desto stärk­er wer­den die anderen Natio­nen nach einem Bünd­nis mit uns streben, desto weniger Rei­bun­gen wird es geben, desto sel­tener wird es zu ein­er tat­säch­lichen Lostren­nung kom­men, desto kürz­er wird die Zeitspanne sein, für die sich einige Natio­nen lostren­nen wer­den, desto enger und fes­ter wird im Endergeb­nis das brüder­liche Bünd­nis der pro­le­tarisch-bäuer­lichen Repub­lik Ruß­land mit den Repub­liken beliebiger ander­er Natio­nen sein.

Aus: Praw­da. Nr. 46. 15. (2.) Mai 1917. LW 24. S. 329–332. Tran­skrip­tion: Dieter Elken und Wladek Flakin.

Anhang:
Victor Serge: Der Weiße Terror in Finnland

Man kann ohne Übertrei­bung sagen, dass die Zahl der finnis­chen Arbei­t­erIn­nen, die durch den Weißen Ter­ror niedergeschla­gen wur­den (ob getötet oder zu lan­gen Gefäng­nis­strafen verurteilt) über 100.000 lag: rund ein Vier­tel des gesamten Pro­le­tari­ats. (…) Mit dieser Tat­sache kön­nen wir wichtige the­o­retis­che Schlussfol­gerun­gen über das Wesen des Weißen Ter­rors ziehen, die in der Zwis­chen­zeit durch die Erfahrun­gen in Ungarn, Ital­ien, Bul­gar­ien usw. bestätigt wur­den. Der Weiße Ter­ror ist nicht zu erk­lären durch den Rausch der Schlacht, die Gewalt des Klassen­has­s­es oder irgen­deinen anderen psy­chol­o­gis­chen Fak­tor. Die Psy­chose des Bürg­erIn­nenkrieges spielt eine kom­plett zweitrangige Rolle. Der Ter­ror ist in Wirk­lichkeit ein Pro­dukt des Kalküls und der his­torischen Notwendigkeit. Die siegre­ichen besitzen­den Klassen wis­sen ganz genau, dass sie ihre eigene Herrschaft nach ein­er sozialen Schlacht nur sich­ern kön­nen, in dem sie ein Blut­blad an der Arbei­t­erIn­nen­klasse aus­richt­en, das grausam genug ist, um sie jahrzehn­te­lang zu schwächen. Und da diese Klasse zahlen­mäßig so viel stärk­er ist als die reichen Klassen, muss die Zahl der Opfer sehr groß sein.

Die voll­ständi­ge Aus­rot­tung aller fortschrit­tlichen und bewussten Ele­mente des Pro­le­tari­ats ist, kurz gesagt, das rationelle Ziel des Weißen Ter­rors. In diesem Sinn wird eine besiegte Rev­o­lu­tion – unab­hängig von ihrer Ten­denz – dem Pro­le­tari­at immer viel mehr kosten als eine siegre­iche Rev­o­lu­tion, egal welche Aufopfer­un­gen und Anstren­gun­gen let­ztere fordern mag.

Eine let­zte Bemerkung: Das Blut­bad in Finn­land fand im April 1918 statt. Bis dahin hat­te die Rus­sis­che Rev­o­lu­tion fast über­all große Nach­sicht gegenüber ihrer FeindIn­nen gezeigt. Sie hat keinen Ter­ror ange­wandt. Wir haben einige blutige Episo­den im Süden beschrieben, aber diese waren die Aus­nah­men. Die siegre­iche Bour­geoisie ein­er kleinen Nation, die zu den aufgek­lärtesten Gesellschaften Europas gehörte, erk­lärte dem Rus­sis­chen Pro­le­tari­at als erste das erste Gesetz des sozialen Krieges: Wehe dem Besiegten!

Aus: Vic­tor Serge: Year One of the Russ­ian Rev­o­lu­tion. Chica­go 1972. Kapi­tel 6. Über­set­zung: Wladek Flakin.

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