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4.500 beim Left Forum in New York City

Es ist die mit Abstand größte Veranstaltung der US-amerikanischen Linken: Von Freitag bis Sonntag versammelten sich 4.500 Menschen im John Jay College in Manhattan. Insgesamt fanden 390 verschiedene Workshops statt.

4.500 beim Left Forum in New York City

Jede*r Interessierte kann seine*ihre Themen anbieten. „Man braucht lediglich drei Personen“, erklärt Marcus Grätsch von den Organisatoren. Der deutsche Aktivist koordiniert das Programm – aber sein Team greift kaum inhaltlich ein, sondern teilt vor allem Räume zu. Diese uneingeschränkte Offenheit macht eine so große Veranstaltung erst möglich.

Das Forum hat auch einen gewissen Ruf als „Zirkus“ – und in der Tat trifft man Menschen mit Flyern über „Wahrheit“, „elektromagnetische Wellen“ und „9/11 Truth“, die wie Anhänger*innen einer einfallslosen Sekte wirken. Doch die meisten Panels behandelten Kapitalismus, Rassismus, Klimawandel und andere linke Themen. Vor allem die Besucher*innen aus Deutschland kamen ins Stauen, als vor Tausenden Menschen Friedrich Engels zitiert wurde, um gegen den Parlamentarismus und für die Zerschlagung des bürgerlichen Staates zu argumentieren.

#BlackLivesMatter ist die wichtigste Bewegung der USA heute. Beim Left Forum wird viel über den Zusammenhang von Antirassismus und Klassenkampf diskutiert. „Barack Obama hat vielleicht die gleiche Hautfarbe wie ich“, erzählte Kshama Sawant, die sozialistische Stadträtin aus Seattle, auf einem Podium. „Aber er gehört nicht zu unserer Klasse und steht nicht auf unserer Seite.“ Julia Wallace aus Los Angeles rief dazu auf, sich auch als Arbeiter*innen zu verstehen: Man müsse sich nicht nur im Wohnviertel, sondern auch am Arbeitsplatz organisieren.

Nicht links genug

Eine informelle Umfrage beim Eröffnungsplenum ergab, dass rund die Hälfte der Teilnehmer für den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders stimmen wollen – aber viele davon ohne große Begeisterung. Der „demokratische Sozialist“ Sanders steht erstaunlich knapp hinter Hillary Clinton bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei, und sein Konterfei prangt auf vielen Shirts und Buttons.

Doch für viele beim Forum ist Sanders nicht links genug – gerade weil er seit Jahrzehnten in einer der beiden Parteien des US-Kapitals Politik macht. „Die Demokrat*innen sind die Partei der Sklavenbesitzer*innen!“, erinnerte Nnamdi Lumumba. Der Journalist Chris Hedges bemängelte, dass Sanders bereits 1992 Bill Clinton unterstützte und nun, falls er bei den Vorwahlen unterliegt, auch zur Wahl von Hillary Clinton aufrufen werde. Jen Roesch von der International Socialist Organization (ISO) stimmte zu: „Sanders ist Demokrat. Er ist nicht irgendein guter Sozialist, der versehentlich in die falsche Partei hineingestolpert ist.“

Jill Stein, Kandidatin der Green Party USA, sprach auf mehreren Veranstaltungen und hofft auf die Stimmen von enttäuschten Sanders-Anhänger*innen, nachdem die Vorwahlen gelaufen sind. Aber auch ihr „Green New Deal“ gilt manchen als „kleinbürgerlich“ und „prokapitalistisch“.

Generationen

Das Publikum ist größtenteils im Rentenalter, eine Minderheit sind die „Millennials“, die nach 1980 geboren sind – es sieht aus wie ein Parteitag der Linkspartei. Die Generationen dazwischen fehlen fast vollständig. Das liegt nicht nur an Arbeit und Familie, denn das Forum bietet seit vergangenem Jahr eine kostenlose Kinderbetreuung an. Grätsch sieht auch historische Gründe: Die antikommunistische McCarthy-Doktrin sei seit Jahrzehnten in den USA prägend, was Menschen davon abschrecke, sich mit der Linken zu identifizieren. „Die Generation nach 1968 konnte diese Barriere durchbrechen“, erklärt Grätsch, „und nun gibt es wieder eine Radikalisierung.“ Seit der Occupy-Bewegung im Jahr 2011 sei die komplette US-Linke im Aufschwung: Die Teilnehmer*innenzahlen beim Left Forum hätten sich seitdem verdreifacht.

Leider endete die Veranstaltung mit einem Referat des slowenischen Professors Slavoj Zizek, der seit Monaten mit rassistischer Hetze gegen Asylsuchende auf sich aufmerksam macht. „Natürlich gibt es unter den Flüchtlingen Vergewaltiger und Mörder“, sagte Zizek. Liberale Medien würden nicht darüber berichten. Der selbsternannte Kommunist sparte nicht mit rassistischen Äußerungen in seinem Vortrag. Ein Flyer sammelte seine reaktionärsten Zitate und fragte, warum er überhaupt eingeladen wurde. Doch nur sehr wenige Teilnehmer*innen machten Zwischenrufe – Hunderte gingen still und leise, um später auf Twitter zu protestieren.

Eine einheitliche Linie ist beim Forum indes nicht zu erkennen – das ist auch so gewollt, denn die US-amerikanische Linke ist vielfältig: Auf Büchertischen, die nur wenige Meter auseinander liegen, werden Werke zu Trotzki, dem bolschewistischen Revolutionär, und Bücher über Trotzki, den faschistischen Spitzel, verkauft. Und wer hätte gedacht, jemals ein Banner mit Lenin umrahmt von zwei Freiheitsstatuen zu sehen?

Left Voice

Unter den zahlreichen Verlagen, Zeitschriften und politischen Gruppen war auch Left Voice, die englischsprachige Publikation der Trotzkistischen Fraktion. Unterstützer*innen von Left Voice aus Los Angeles, Baltimore und anderen Städten der USA kamen zum Forum, um die erste Ausgabe vom neuen Left Voice Magazine vorzustellen. Dazu gab es fünf verschiedene Sticker, darunter: „Make Trotskyism Great Again!“, eine Anspielung auf den Wahlkampfslogan von Donald Trump.

Left Voice führte drei verschiedene Panels durch, an denen jeweils 25 bis 50 Menschen teilnahmen:

Mit dieser neuen Publikation konnten wir morgens bis abends kontroverse Diskussionen darüber führen, wie eine starke trotzkistische Linke in den USA aufgebaut werden kann. Es gibt noch viel zu tun.

Ausgaben von Left Voice sind für 7 Euro über Klasse Gegen Klasse erhältlich.

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