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200.000 Studierende gegen Schlägertrupps: Schlacht um Mexikos Universitäten

Über 40 Schulen und Unis der Nationalen Universität von Mexiko UNAM) sind im Streik. Entsteht eine neue Bewegung? Von Joss Espinosa und Claudio Escobar, Studierende der UNAM.

200.000 Studierende gegen Schlägertrupps: Schlacht um Mexikos Universitäten

Wir heißen Joss und Clau­dio und wir sind Studierende in UNAM in Mexiko-Stadt. Vor eini­gen Tagen gehörten wir zu den 200.000 Men­schen, die gegen die Angriffe der „Por­ros“ auf die Straße gegan­gen sind– ange­heuerte Schläger, die von der Uni­ver­sität bezahlt wer­den. Clau­dio war ein­er der Studieren­den, die am Mon­tag von Por­ros ange­grif­f­en wur­den, während er und andere gegen die Uni­ver­sität­spoli­tik protestierten.

Zwei Studierende liegen nach diesen bru­tal­en Angrif­f­en immer noch im Kranken­haus und schweben in Lebens­ge­fahr. Die aktuellen Mobil­isierun­gen der UNAM sind die größten seit 18 Jahren. Es gab sehr große Ver­samm­lun­gen, die von Studieren­den ange­führt wer­den und die zu ein­er zwei-tägi­gen Schließung der Uni­ver­sität führten.

Während der fün­fzig­ste Jahrestag des Mas­sak­er von Tlatelol­co (ein Massen­mord an 200 bis 300 friedlich demon­stri­eren­den Studieren­den in Mexiko) näher rückt, schreiben wir ein neues Kapi­tel in der Geschichte stu­den­tis­ch­er Organ­isierung an der UNAM.

Was ist die UNAM?

Die Nationale Autonome Uni­ver­sität von Mex­i­co (UNAM aus dem spanis­chen Akro­nym) ist die größte und wichtig­ste Uni­ver­sität in Lateinameri­ka. An der UNAM studieren 350.000 Studierende und der größte Cam­pus „Uni­ver­sitätsstadt“ (CU im Spanis­chen) liegt im Süden von Mexiko-Stadt, wo die meis­ten Schulen liegen und wo ein Großteil der Studieren­den sich aufhält.

Obwohl die UNAM eine Uni­ver­sität ist, gibt es auch 150.000 Schüler*innen, die an der UNAM Kurse bele­gen. Diese Schüler*innen sind zwis­chen 15 und 19 Jahre alt.

Die UNAM hat eine lange Tra­di­tion link­er Mobil­isierun­gen. Im Jahr 1968 führten die Studieren­den der UNAM und der Poly­tech­nis­chen Uni­ver­sität eine Bewe­gung gegen Polizeige­walt an. Diese Bewe­gung wurde bru­tal unter­drückt und am 2. Okto­ber des­sel­ben Jahres wur­den 400 Studierende im Stadt­teil Tlatelol­co von der Armee mas­sakri­ert.

Im Jahr 1999 trat­en Studierende für neun Monate gegen Pri­vatisierungsver­suche der Uni­ver­sitäten in den Streik. Seit­dem gab es keine mas­sive Mobil­isierun­gen an der UNAM mehr.
Bis die Angriffe der Por­ros Anfang der Woche alles änderten…

Wer sind die „porros“?

In Mexiko ist „Por­ro“ im stu­den­tis­chen Milieu eine umgangssprach­liche Beze­ich­nung für eine*n Schläger*in, der*die von der Uni­ver­sität und den bürg­er­lichen Parteien bezahlt wird. Der Name kommt von „por­ra“ (spanisch für „Jubel“). Diese Grup­pen lassen sich bis in die 1930er Jahre zurück­ver­fol­gen, als die mexikanis­che Regierung und die PRM (Partei der Mexikanis­chen Rev­o­lu­tion, der Vorgänger der PRI, Partei der insti­tu­tion­al­isierten Rev­o­lu­tion) anfin­gen, Jugendliche anzuheuern, um die Studieren­den unter Kon­trolle zu hal­ten. Viele dieser Jugendlichen waren in Sportarten wie Wrestling oder Fußball aktiv. In den 1950er Jahren fin­gen diese Grup­pen an, Cheer­lead­ing-Grup­pen für die uni­ver­sitären Fußball­mannschaften zu grün­den, somit wur­den neue Men­schen rekru­tiert und Schlägertrup­ps gebildet, um die wach­sende Linke an den Uni­ver­sitäten zu unter­drück­en.

Ab den 1990er Jahren haben Por­ros sich in zahlre­ichen staatlichen Uni­ver­sitäten, wie der Poly­tech­nis­chen Uni­ver­sität, ver­bre­it­et und haben ihre eigene Gang-Sub­kul­tur entwick­elt. Sie haben die Lehrer*innen unter Druck geset­zt und auf­grund ihrer Verbindung zu den Dro­genkartellen, an den Uni­ver­sitäten den Dro­gen­han­del organ­isiert, während sie weit­er­hin an den Uni­ver­sitäten offiziell imma­trikuliert blieben.

Immer wenn Kämpfe der Studieren­den ange­fan­gen haben, das poli­tis­che Sys­tem zu hin­ter­fra­gen, haben die „Por­ros“, als paras­taatliche Söldner*innen, die Studieren­den und ins­beson­dere linke Organ­i­sa­tio­nen gewalt­tätig ange­grif­f­en. Por­ros ver­wen­den dazu üblicher­weise Stöcke, Mess­er und manch­mal sog­ar Schuss­waf­fen. Sie sind mit den poli­tis­chen Parteien des Kap­i­tals und den Uni­ver­sität­sleitun­gen eng ver­bun­den.

Jahre­lang haben die mexikanis­chen Studieren­den die Uni­ver­sität­sleitun­gen, die PRI und PRD dafür denun­ziert, dass sie die Por­ros finanziell unter­stützen, ihre Führer*innen akademisch bevorzu­gen, sowie ihnen Posten an den Uni­ver­sität oder in anderen öffentlichen Insti­tu­tio­nen besorgt haben.


Bild: Eine Ver­samm­lung von Studieren­den, die für den Streik abstim­men.

Angriffe der „Porros“ entzünden die Wut von Studierenden

Am ver­gan­genen Mon­tag fand eine Demon­stra­tion statt, gegen einen Angriff der „Por­ros“ auf die Schüler*innen von CCH-Azcapotzal­co – eine der Schulen der UNAM. Viele der Protestieren­den waren zwis­chen 16 und 18 Jahre alt. Die Proteste kri­tisierten sowohl die Stre­ichung von Kursen in CCH-Azcapotzal­co auf­grund der Spar­poli­tik, als auch den Fem­izid an Miran­da Men­doza, eine Stu­dentin der UNAM, und forderten Mei­n­ungs­frei­heit an den Schulen, weil die Leitung von CCH-Azcapotzal­co beschlossen hat­te, mehrere poli­tis­che Wandgemälde über­stre­ichen zu lassen. Eins der Gemälde erin­nerte an die 43 ver­schwun­de­nen Studieren­den von Ayotz­i­na­pa, die 2014 ver­schwan­den und bis heute ver­schollen geblieben sind.

Als die Kundge­bung vor dem Gebäude der Uni­ver­sitätleis­tung ankam, grif­f­en die Por­ros der CCH Azcapotzal­co, zusam­men mit dem Sicher­heitsper­son­al der UNAM, die Demonstrant*innen an. Dabei kamen Molo­tow-Cock­tails, Böller, zer­broch­ene Flaschen, Bam­bus-Stöcke, Plas­tikrohre und Mess­er zum Ein­satz. Als Ergeb­nis des bru­tal­en Angriffs waren 14 ver­let­zte Studierende zu bekla­gen – zwei davon liegen weit­er­hin im Kranken­haus und befind­en sich im kri­tis­chen Zus­tand.

Dies ent­fachte eine mas­sive Wut seit­ens der Studieren­den und Ver­samm­lun­gen mit Hun­derten von Beteiligten, die ihren Höhep­unkt am Mittwoch mit der Mobil­isierung von über 200.000 Studieren­den erre­ichte. In diesen Ver­samm­lun­gen beschlossen die Studieren­den, in einen 48-stündi­gen Streik zu treten. Bis jet­zt wer­den 38 Fakultäten und Schulen inner­halb des UNAM-Net­zw­erkes bestreikt, zwei weit­ere außer­halb davon. Es streiken sog­ar die Rechtswis­senschaften und die Medi­zin, die tra­di­tionell eher dem recht­en Spek­trum zuzuord­nen sind.


Arbeiter*innen der UNAM sol­i­darisierten sich mit den Studieren­den und unter­stützen die Demon­stra­tio­nen und die Streiks gegen die Por­ros.

Entsteht eine neue Studierendenbewegung in Mexiko?

In Mexiko war der Kampf gegen die „Por­ros“ und ihre Grup­pierun­gen immer mit der Infragestel­lung des Uni­ver­sität­sregimes ver­bun­den. Es geht um den Man­gel an demokratis­ch­er Mitbes­tim­mung an der UNAM. Diesel­ben Per­so­n­en, die die Por­ros finanzieren und vertei­di­gen, sind genau die Per­so­n­en, die von den Studieren­den Geld ver­lan­gen, obwohl das Studi­um eigentlich kosten­los sein sollte, und die Lehrer*innen unter­bezahlt sind. Diejeni­gen, die Por­ros finanzieren und vertei­di­gen, sind diejeni­gen, die für Kanzler*innen und Dekan*innen höhere Löhne bere­it­stellen, während sie an der öffentlichen Bil­dung sparen und die Pri­vatisierung der UNAM vorantreiben.

Als Studierende der UNAM wis­sen wir, dass wir eine Massen­be­we­gung unter den Studieren­den, Arbeiter*innen und Lehrer*innen auf­bauen müssen. Wir wis­sen auch, dass wir dabei nicht alleine sind. Wir ste­hen an der Seite der Studieren­den in Argen­tinien, die die öffentliche Bil­dung gegen die Kürzungspoli­tik des Inter­na­tionalen Währungs­fonds vertei­di­gen, und der nicaraguanis­chen Studieren­den, die der Repres­sion von Daniel Orte­ga trotzen. Wir haben die Lehren aus dem Kampf der Studieren­den von 1968 gezo­gen, die eben­falls gegen die Unter­drück­ung der PRI gekämpft haben und die in Tlatelol­co mas­sakri­ert wur­den. Wir ziehen eben­so die Lehren aus dem his­torischen UNAM-Streik, der 1999 stat­tfand und uns als ermuti­gen­des Beispiel dient.

Wir wis­sen, dass wir nur dann eine demokratis­che Uni­ver­sität erkämpfen kön­nen, wenn wir das Uni­ver­sität­sregime her­aus­fordern und für die Vertei­di­gung der öffentlichen Bil­dung kämpfen. Unser Kampf ist mit dem Kampf der Arbeiter*innen für mehr Lohn, der Lehrer*innen gegen die Kürzun­gen in der Bil­dung, der Frauen gegen die Fem­izide und für kosten­lose, sichere und legale Abtrei­bung ver­bun­den, sowie mit dem Kampf aller Men­schen, die sich der Mil­i­tarisierung und dem „War on drugs“ ent­ge­gen­stellen, ver­bun­den. Wir wollen eine Uni­ver­sität, die den Bedürfnis­sen unser­er Gesellschaft entspricht und wir ste­hen Seite an Seite mit den Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten in Mexiko.

Dieser Artikel bei Left Voice.

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