20 Jahre nach dem Einmarsch in den Irak: Ein Krieg mit Millionen Toten

20.03.2023, Lesezeit 8 Min.
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Foto: Salma Bashir Motiwala / Shutterstock.com

Vor zwei Jahrzehnten führte die größte Macht der Welt einen Krieg gegen das arabische Land, der sich zu einem militärischen Sumpf und einem durchschlagenden politischen Misserfolg entwickelte.

Am Abend des 19. März 2003 wandte sich US-Präsident George W. Bush Jr. vom Oval Office des Weißen Hauses aus an die US-Amerikaner. „In diesem Moment befinden sich die Streitkräfte der USA und der Koalition in der Anfangsphase der militärischen Operationen, um den Irak zu entwaffnen, sein Volk zu befreien und die Welt vor einer großen Gefahr zu schützen“. Das Argument Washingtons für seine Militäroffensive waren die Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden und der Vorwand, dass die Iraker Massenvernichtungswaffen besäßen, wofür es keine Beweise gab und was sich später als völlig falsch herausstellte.

Weltweite Antikriegs-Demonstrationen

Nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme am 11. September 2001 war der Hurra-Patriotismus in den USA noch frisch, um nach der Invasion und Besetzung Afghanistans einen weiteren Krieg zu führen. Zusätzlich zu den falschen Vorwänden ließ Bush die US-Bevölkerung glauben, dass der Irak-Krieg mit der Unterstützung des irakischen Volkes schnell zu gewinnen wäre. Doch es war der Beginn eines ewigen Krieges, der Tausende von US-amerikanischen Opfern forderte und zeitweise an das Scheitern von Vietnam erinnerte. Im Gegensatz zu Afghanistan, wo er von einem Großteil der „internationalen Gemeinschaft“ unterstützt wurde, wurde der Irak-Krieg von der Weltbevölkerung abgelehnt, mit historischen Mobilisierungen von Millionen von Menschen in der ganzen Welt.

Aufgrund der massiven Demonstrationen konnten sich die mit den USA befreundeten Regierungen auf diesen neuen und zutiefst unpopulären Krieg nicht einlassen, und die USA konnten ihn nur mit der Unterstützung ihres historischen Verbündeten, des Vereinigten Königreichs, führen. Der wahre Zweck des US-Militarismus, der vom Weißen Haus verheimlicht wurde, bestand darin, die militärische Macht einzusetzen, um den wirtschaftlichen und politischen Niedergang der führenden Weltmacht auszugleichen und ihren Monopolen die Ausplünderung des irakischen Öls zu ermöglichen.

Erinnern wir uns daran, dass Bush und die so genannten Neokonservativen nicht allein gehandelt haben. Sie wurden von einem großen Teil des Establishments unterstützt, sowohl von den Republikanern als auch von den Demokraten, darunter auch von Persönlichkeiten wie dem „Sozialisten“ Bernie Sanders und dem jetzigen Präsidenten Joe Biden, die damals Senatoren waren und dafür gestimmt haben.

Der 19. März 2003, als die Tomahawks der US-Bourgeoisie auf Bagdad zu regnen begannen, sollte den Beginn des „Irak-Sumpfes“ markieren, in dem sich die militärische Macht als völlig unfähig erweisen würde, ein neues politisches Regime im Einklang mit den Interessen Washingtons aufzubauen. Im Gegenteil, die gesamte Region würde schnell in eine Situation schwerwiegender politischer und sozialer Instabilität abgleiten, die letztlich die mit den USA rivalisierenden Mächte, wie den Iran, stärken würde.

Die Operation Freedom Iraq dauerte einen Monat und zehn Tage und war ein taktisch-militärischer Erfolg, bei dem es fast keinen Widerstand gab. Teile der Bevölkerung (vor allem Kurd:innen und Schiit:innen) sahen die Amerikaner als Befreier von Husseins diktatorischem Regime, und die irakische Armee war durch den ersten Krieg Anfang der 1990er Jahre schwer angeschlagen. Der irakische Staat wurde zerstückelt. Die Verwaltung zog sich in die ummauerte Stadt zurück, die später als „Grüne Zone“ bekannt wurde. Dorthin wandten sich die hungernden Massen, die nicht nur den Zusammenbruch der politischen und sozialen Strukturen und Institutionen erlebten, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen des irakisch-iranischen Krieges von 1980, des ersten Golfkrieges von 1991 und der anschließenden internationalen Sanktionen der USA, die das Land strangulierten. Es war ein wahrer Dampfkochtopf.

Terror gegen Terror

Doch schon bald waren die US-Truppen in einen blutigen Krieg zur Aufstandsbekämpfung verwickelt. Seit den Invasionen in Vietnam, Laos und Kambodscha in den 1960er und 1970er Jahren sowie in Mittelamerika in den 1980er Jahren war dies nicht mehr der Fall. Der Widerstand gegen die USA fand zunächst sowohl in mehrheitlich sunnitischen Städten wie Mosul und Falludscha als auch in schiitischen Städten wie Nadschaf, Basra und Kerbela statt. Trotz ihrer Unterschiede kämpften sie gemeinsam gegen die Invasoren: „Heute sind wir alle Iraker gegen die USA“, sagten die Aufständischen.

Doch später begannen die US-Medien eine vom Pentagon geführte Terrorkampagne. Darin gaben sie dem Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, dem Anführer von Al-Qaida im Irak, Sendezeit, um den Aufstand einzudämmen und das irakische Volk zu spalten. Doch es kam viel schlimmer als erwartet.

Al-Zarqawis Kämpfer verübten Terroranschläge in schiitischen Städten und trugen dazu bei, dass der Konflikt zunehmend konfessionell-religiös geprägt wurde. Außerdem begannen sie, die Wirtschaftskrise und die institutionelle Diskriminierung der Sunnit:innen auszunutzen. Vor diesem Hintergrund verhandelten die USA 2005 mit den politischen und religiösen Gruppierungen über ein Regierungssystem, das den ethnischen Gegebenheiten des Landes Rechnung tragen sollte, indem sie im Wesentlichen der Vorherrschaft der Schiit:innen zustimmten, nachdem diese während Saddams Regime unterdrückt und aus dem politischen Leben verdrängt worden waren. Im Rahmen dieses Plans erhielten die sunnitischen und kurdischen Minderheiten einen Anteil an der Macht, der ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. Gleichzeitig wurde die Baath-Partei (Saddams sunnitische Partei) verboten und alle ihre Mitglieder, einschließlich der Angehörigen der Streitkräfte, verfolgt, wodurch eine tickende Zeitbombe gezündet wurde.

Durch den Widerstand etablierten sich neue Kriegsherren, wie der schiitische Geistliche Muqtadah al-Sadr, der durch den Aufbau eines Unterstützungsnetzes in den Vororten von Bagdad und in heiligen Städten wie Nadschaf und Kerbala stark wurde. Auch andere bewaffnete Gruppen wie die mit dem Iran verbundene Badr-Brigade tauchten auf. Diese Gruppen spielten eine wichtige Rolle bei der politischen Unterstützung der Verfassung von 2005 und der Niederschlagung des Aufstands gegen die USA. Das Land wurde ethnisch, religiös und territorial geteilt: Sunnit:innen in der Mitte und im Osten, Schiit:innen in der Mitte und im Süden, Kurd:innen im Norden, geschützt durch US-Flugzeuge.

Ein zerstörtes Land

Die schiitische Machtübernahme führte jedoch zu neuen Widersprüchen, die im Rahmen der neuen, unter US-Besatzung entworfenen Verfassung nicht gelöst werden konnten. Auf regionaler Ebene wurde der Iran gestärkt, da das Regime der Ajatollahs seit jeher gegen die USA eingestellt ist, und im Inland lösten terroristische Anschläge von Brigadistengruppen bald einen konfessionellen Bürgerkrieg aus, der den Irak bis 2007 ausblutete. Die Stabilisierung des Irak ist seither eine Utopie geblieben. Die dschihadistischen Gruppen (für den „Heiligen Krieg“) wurden aufgrund ihres ideologisch-politischen Charakters nie besiegt, und die Invasion von 2003 zeigte bald ihren wahren Charakter: Sie waren weit davon entfernt, das Volk zu „befreien“, sondern versuchten, die regionale Landkarte gemäß den Interessen Washingtons neu zu zeichnen.

Mit dem Arabischen Frühling 2011 und dem anschließenden Zusammenbruch von Staaten wie Syrien, Libyen und Jemen erreichte die Instabilität in der Region ein unvorstellbares Ausmaß. Die reaktionäre Situation, die auf die Ablenkung und Niederschlagung der Volksaufstände folgte, führte in Verbindung mit der stillschweigenden Unterstützung der saudischen Monarchie, die die Macht des Iran untergraben wollte, zum Aufstieg und zur Ausbreitung des Islamischen Staates im Irak und in Syrien.

Für die USA bedeutete das Scheitern im Irak die Vertiefung ihres hegemonialen Niedergangs, den Obama mit einem stärkeren Multilateralismus aufzuhalten versuchte, ohne jedoch die imperiale Kriegstreiberei aufzugeben, mit der er als „Herr der Drohnen“ für den massiven Einsatz dieser Geräte in Afghanistan mit hohen Kosten für die Zivilbevölkerung bekannt wurde. Eine Strategie, die nach den Folgen der 2008 ausgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmend an Kraft verlor.

Für den Irak war die Invasion eine echte Tragödie, die mehr als eine Million Tote und Millionen von Vertriebenen hinterließ und seit langem bestehende ethnische und kulturelle Unterschiede vertiefte. Sie hat aber auch das geopolitische Schachbrett in der Region neu geformt, wo das Land in gewisser Weise zu einem umkämpften Feld zwischen dem Einfluss der USA und dem des Irans wurde und dessen geopolitische Folgen noch immer andauern.

Dieser Artikel erschien zuerst am 19. März 2023 auf LaIzquierdadiario.com.

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