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Wo fühlen sich palästinensische Flüchtlinge zu Hause? [Fotoreportage]

Rund fünf Millionen Palästinenser*innen gelten als Flüchtlinge. Aber manche fragen, ob es wirkliche Flüchtlinge sein können, wenn die Vertreibung fast 70 Jahre zurück liegt. Clara Sarras hat mit vielen Bewohner*innen eines Flüchtlingscamps in Bethlehem gesprochen. Sie wollte wissen: Wo fühlen sie sich zu Hause?

Wo fühlen sich palästinensische Flüchtlinge zu Hause? [Fotoreportage]

Es gibt viele verschiedene Gruppen von palästinensischen Flüchtlingen: Die Binnenflüchtlinge in Israel; die Generationen von Flüchtlingen in Jordanien, Syrien und im Libanon; die 90.000 neuen Flüchtlinge in Gaza seit dem letzen Krieg; oder die Familien, die fast wöchentlich aus ihren Häusern in Jerusalem getrieben werden und sich in der Westbank ein neues Zuhause suchen müssen.

Jede Gruppe von palästinensischen Flüchtlingen hat eine spezifische Situation und ihre eigenen Probleme. Detaillierte Berichte über die rechtliche und humanitäre Situation der verschiedenen Gruppen bietet zum Beispiel Badil.

Aber für alle diese Gruppen gilt: Ja, sie sind wirklich Flüchtlinge. So richtige Flüchtlinge unter internationalem Recht. Zwar sagt Benjamin Netanyahu „Das sogenannte Recht auf Rückkehr ist nicht korrekt, nicht berechtigt und nicht legitim“. Aber vielleicht sollte Netanyahu die Resolution 194 der UN-Generalversammlung lesen. Denn tatsächlich ist ihr Recht auf Rückkehr genau das: korrekt, berechtigt und legitim.

Das Recht auf Rückkehr verfällt nicht mit der Zeit – egal, ob man Nachfahre von 1948 Vertriebenen ist, oder ob man vor wenigen Wochen aus seinem Haus in Hebron geräumt wurde. Das Recht auf Rückkehr ist nicht an den Ort gebunden, an dem man lebt. Egal ob man in Yarmouk, Deheishe oder Kuwait geboren ist.

„Recht auf Rückkehr“ bezeichnet nicht nur das Recht darauf, an den Ort zurückzukehren, von dem man selbst oder die eigenen Vorfahren vertrieben wurden. Das Recht bedeutet auch, frei entscheiden zu können, ob man zu seiner eigentlichen Heimat zurückkehren, im Gastland leben, oder in ein drittes Land umsiedeln möchte. Außerdem umfasst das Recht auf Rückkehr das Recht auf Entschädigung für materielle und immaterielle Verluste, sowie die Rückgabe von Haus und Eigentum.

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Widerstand wird in den Camps geboren

Das Deheishe Camp ist das größte Flüchtlingscamp in Bethlehem. Die meisten Familien flohen 1948 nach Deheishe. Sie lebten vorher in den Dörfern um Jerusalem und Hebron. Heute leben mehr als 14.000 bei den Vereinten Nationen registrierte Flüchtlinge im Camp.

Wie in den meisten Flüchtlingscamps in der Westbank, stehen in Deheishe schon lange keine Zelte mehr. Auf den ersten Blick ist der einzige Unterschied zwischen dem Camp und dem übrigen Bethlehem nur die extreme Enge. Die meisten Straßen sind zu schmal, um mit einem Auto durchzufahren, und an fast jeder Ecke wird eine neue Etage auf ein Haus gestapelt.

Auch die größere Armut zeigt sich ziemlich schnell: Die Kinder spielen mit leeren Flaschen statt Fußbällen, ein Falafel-Sandwich kostet 50 Cent, halb so viel wie im Rest der Stadt. Viel öfter als im Rest von Bethlehem fällt das Wasser aus. Dafür sind die Dächer voll mit Feigen und Orangenbäumen, die Wände sind vollgemalt mit Gedichten und Bildern. Die meisten Wandgemälde widmen sich jungen Märtyrer*innen aus dem Camp.

Man merkt schnell, wie politisch dieser Ort ist. Palästinensische Flüchtlinge sind der lebende Beweis für den Schmerz und die Gewalt der Besatzung und Kolonialisierung. Die Armut ist hoch, das Bewusstsein ist hoch, die Repression ist höher. Jede Woche gibt es Angriffe und Verhaftungen durch die israelische Armee. Seit Januar wurden über 30 Jugendliche aus Deheishe in das Bein oder Knie geschossen.„Captain Nidal“, der Befehlshaber der Israeli Defense Forces für Deheishe, soll gesagt haben: „Ich mache die eine Hälfte von euch behindert, und lasse die andere Hälfte die Rollstühle schieben“.

Denn Deheishe war immer ein widerspenstiger Ort. Während der ersten Intifada hatte das Israelische Militär einen Stacheldrahtzaun um das Camp gebaut. Es war der Versuch, jeden einzigen Eingang und Ausgang vom Camp zu kontrollieren.

Der Widerstand, nicht nur in Bethlehem sondern in der ganzen Westbank, wird meistens in den Camps geboren. Die Menschen aus Deheishe sind der Widerstand gegen Vertreibung und Besatzung, indem sie darauf beharren, das zu sein, was sie sind: Flüchtlinge. Mit klarem Recht auf Schutz und Rückkehr.

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Rückkehr, aber wohin?

Ich habe Palästinenser*innen, die im Deheishe-Camp leben, gefragt, wohin sie zurückkehren würden, wenn sie könnten. Für manche ist Rückkehr eine abstraktere Idee und nicht an einen Ort gebunden, andere haben eine genaue Vorstellung davon, wo sie hinziehen würden. Manchmal ist diese Vorstellung das Meer, manchmal der genaue Ort von dem ihre Familie vor fast 70 Jahren vertrieben wurde.

Einige, besonders Frauen, fühlen sich im Camp zu Hause. (Die schlechte Frauenquote bei den Fotos liegt daran, dass die meisten Frauen, mit denen ich gesprochen habe, nicht fotografiert werden wollten.) Das bedeutet jedoch nicht, dass sie weniger entschlossen oder bewusst sind – es ist kein Widerspruch, auf sein Recht auf Rückkehr zu beharren und selbst nicht zurückziehen zu wollen. Recht auf Rückkehr bedeutet Freiheit sich zu bewegen, zu entscheiden und zu leben.

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Abdullah Abu Kane, 98, Ruhestand

Geboren in: Beit ’Itab (بيت عطاب)

Zu Hause in: Beit ’Itab

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Wenn ich könnte, würde ich zurück nach Beit ’Itab! Als wir 1948 vertrieben wurden, war ich 30 Jahre alt. Wir hatten ein Stück Land im Tal, das wir selber bestellt haben. Wir hatten genug frische Tomaten, Auberginen, Feigen, Orangen, Oliven… Wir brauchten kein Geld und konnten vom Land leben. Hier im Camp schmeckt mir nichts, das Essen vom Markt hier ist nicht gut! Natürlich möchte ich zurück, ich lebe in Deheishe, aber mein zu Hause ist Beit ’Itab.“

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Aysar Al Saifi, 28, Assistant Manager bei UNRWA

Familie vertrieben aus: Al Walaja (الولجة )

Zu Hause in: Da wo meine Zukunft ist. Der Ort an dem ich frei denken kann und entscheiden kann, wo ich hingehen möchte

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Mein Traum ist es, am Meer zu sein. Einfach die Möglichkeit zu haben, am Strand zu sitzen, auf das Wasser zu schauen und dort ein Bier zu trinken. Das ist wahrscheinlich das erste, das ich machen würde. Dann möchte ich den Ort entdecken, wo ich eigentlich herkomme. Ich will herausfinden was die Beziehung zwischen mir und diesem Land ist, ich will wissen, ob es das alles wert ist.“

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Shrooq Abu Hadeed, 19, Studentin

Familie vertrieben aus: Jarash (جرش)

Zu Hause in: Deheishe Camp

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich bin in Beit Sahour geboren und in Deheishe aufgewachsen. Wenn ich das Recht auf Rückkehr hätte, würde ich im Camp bleiben. Die Bevölkerung von Jarash wurde komplett vertrieben, jetzt stehen dort nur noch die leeren Häuser.“

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Murad Odeh, 28, Sozialarbeiter

Familie vertrieben aus: Deir Aban (دير آبان)

Zu Hause in: Deheishe Camp

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich glaube daran, dass es mein Recht ist, selbst zu entscheiden, wo ich hingehen und leben möchte. Wenn ich das Recht auf Rückkehr hätte, würde ich in Haifa oder Akko leben. Erstens weil ich das Meer liebe. Unsere Vorfahren haben mehrheitlich am Mittelmeer gelebt und ich glaube es ist ein natürliches Bedürfnis von uns, am Meer zu sein und die Sonne zu fühlen. Mich würde es als Mensch einfach glücklich machen. Für mich ist es nicht erlaubt, ans Mittelmeer zu gehen. Zweitens haben diese Städte große historische Bedeutung für Palästina. Schon for tausenden von Jahren hatten sie eine große Bedeutung in diesem Land und ich fände es spannend die Geschichte meiner Vorfahren weiter zu schreiben.

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Sami, 6, Erstklässler

Familie vertrieben aus: Zakaria (زكرية)

Zu Hause in: Deheishe Camp

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich liebe Deheishe. Aber ich will auch mal nach Zakaria!“

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Haithem Zahran, 34

Familie vertrieben aus: Sar’a (صرعة)

Zu Hause in: Doha

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich bin in Kuwait geboren, aber wenn ich zurückkehren könnte, würde ich nach Sar’a gehen. Es ist nicht mehr viel davon übrig geblieben außer ein paar zerstörte Gebäude. Im Moment darf ich nicht dorthin gehen, aber ich möchte zu meinem Land zurückkehren.“

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Alai Jafar, 23, Besitzer eines Falafel-Ladens

Familie vertrieben aus: Rafat (رافات)

Zu Hause in: Deheishe Camp

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Mein zu Hause ist Deheishe! Natürlich würde ich gerne den Ort sehen, von dem meine Familie vertrieben wurde. Aber selbst wenn ich die Wahl hätte, würde ich in Deheishe bleiben. Ich lebe hier.“

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Reyda Dawoud, 19, Studentin

Familie vertrieben aus: Al Walaja (الولجة)

Zu Hause in: Al Walaja

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Al Walaja ist in der Nähe von Beit Jala, also nur ein paar Kilometer von Deheishe entfernt, trotzdem durfte ich nie dorthin. Wir haben immer noch den Schlüssel von unserem alten Haus. Wenn ich zurückkehren dürfte, würde ich natürlich zu meiner eigentlichen Heimat, nach Walaja.“

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Naji Odeh, 55, Sozialarbeiter bei Laylac

Familie vertrieben aus: Deir Aban (دير آبان)

Zu Hause in: Deheishe

Wohin würdest du gehen, wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich würde nach Akko gehen. Ich will am Meer leben, dort ein kleines Haus haben. Ich würde gerne im Meer schwimmen, Fisch essen und frische Luft atmen.“

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Muhannad Abu Fadi, 58, Reinigungskraft

Familie vertrieben aus: Beit Jibrin  (بيت جبرين‎‎)

Zu Hause in: Deheishe

Wohin würdest du gehen, wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Ich würde in Deheishe bleiben. Rückkehr hat für mich nicht so viel damit zu tun, wo ich lebe, sondern dass ich mich wieder zu Hause fühle, und selbst über mich bestimmen kann statt der Willkür der Besatzer*innen ausgesetzt zu sein.“

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Ahmed Brahim, 73, Ruhestand

Familie vertrieben aus: Beit Jibrin  (بيت جبرين‎‎)

Zu Hause in: Palästina

Wohin würdest du gehen wenn du das Recht auf Rückkehr hättest?

„Während der Nakba war ich ein Kind, heute kann ich mich kaum noch an Beit Jibrin erinnern. Heute ist dort ein Nationalpark und ein Kibbutz, unser Haus steht nicht mehr. Jetzt reden wir von Träumen: Am liebsten würde ich zurück in unser Haus und auf unser Land.“

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