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Wie die ver.di Bürokratie uns im Stich gelassen hat

In der Ausgabe 07/2020 der Verdi-Mitgliederzeitung steht ein interessanter Bericht, wie Gewerkschaftsführung und Arbeiter:innen den Kampf um die Arbeitsplätze bei Galeria Karstadt/Kaufhof empfunden haben. Die ver.di-Führung versucht dabei ein gutes Bild von sich zu zeichnen. Aber ist es wirklich alles so, wie es dort auch geschildert wird?

Wie die ver.di Bürokratie uns im Stich gelassen hat

Meiner Meinung nach nicht. Das fängt schon am Anfang des Artikels an, indem aufgezeigt wird wie kämpferisch die Gewerkschaftsführung gewesen sein soll. 21 der 64 Filialen, die geschlossen werden sollten, sind „in letzter Sekunde gerettet“ wurden – mit Bestandsschutz über mehrere Jahre. Doch erstens ist der Bestandsschutz nicht einmal das Papier wert, auf dem er vereinbart wurde. Auch Häuser, die jetzt dicht sind, hatten noch Bestandsschutz. Im Artikel aus der ver.di-Zeitung wurde eine Kollegin interviewt, die in einem Haus arbeitet, das noch nicht dicht gemacht wurde. Sie fasst das Problem gut zusammen:

Wenn sich an der Strategie der Eigentümer nichts ändert, weiter gespart wird und das Sortiment nicht dem Ort angepasst wird, werden wir in drei Jahren auch weg sein.

Die Eigentümer haben weiter das Sagen. Vielleicht kam es Benko sogar ganz gelegen, wie es gelaufen ist. Er spart Miete, Löhne und steht trotzdem noch ganz gut da. Das Ganze gleich einer Inszenierung, um weiter Gelder zu sparen und langjährige Arbeiter:innen zur Selbstkündigung zu drängen, weil man nicht ohne weiteres einen seit 40 Jahren beschäftigten kündigen kann.

Und genau diese Masche wird jetzt von der Gewerkschaft genutzt, um sich selbst auch noch zu profilieren, wie gut der Kampf doch gelaufen sei! Dabei kann schon die nächste Krise das Aus für weitere Häuser bedeuten. Selbst die eingerichtete Transfergesellschaft ist nicht für alle Beschäftigten da. Die Arbeiter:innen vom ausgegliederten Karstadt Sport haben nicht einmal diese Möglichkeit. Meine Kolleg:innen, die weiter dort arbeiten, sind somit weiter der Willkür von Benko ausgesetzt. Das als Erfolg zu verkaufen, ist verlogen. Für mich als ehemaliger Arbeitnehmer sehr beschämend.

Aber damit nicht genug. Weiter im Bericht heißt es:

Im Erdgeschoss stoßen Mitarbeiter mit Sekt und Wodka an und machten Selfies vor einer Weihnachtsdeko.

Das ist natürlich sehr wichtig in einen gewerkschaftlichen Bericht einzubringen und es so darzustellen, als hätten sich die Mitarbeiter betrunken und Spaß an der Schließung gehabt. Was die Mitarbeiter taten, die dort standen und was sie getrunken haben, finde ich in dieser Situation, in der man sich befand, irrelevant. Viel wichtiger wäre, dass man stattdessen mal erwähnt hätte, dass die Mitarbeiter kurz vor davor stehen in einer Pandemie und einer Krise vor die Tür gesetzt zu werden und nicht welche Getränke sie zu sich nehmen.

Weiter heißt es im Artikel, dass das Ende für den Kaufhof am Wehrhahn ab dem 19. Juni verkündet wurde und die ver.di-Führung seitdem jeden Samstag eine Kundgebung organisiert hätte, um gegen das Ende und die Ausbeutung zu kämpfen.

Nur schade, dass es nicht die ver.di-Führung war, die jeden Samstag dafür kämpfte und vor der Tür stand, sowie Aktionen durchgeführt hat oder auch einfach da war. Dieser Satz ist einfach nur traurig, wenn man bedenkt, dass sich eine Gewerkschaft mit fremden Federn schmücken muss, um seinen Mitgliedern zu zeigen „wir waren dort, aber leider kein Erfolg“. Es waren die Arbeiter:innen und Betriebsräte, die jeden Samstag selbst Aktionen organisiert haben! Steine wurden bemalt, Schaufensteraktionen organisiert oder eben einfach nur Passant:innen auf die Ausbeutung aufmerksam gemacht. Der Betriebsrat bemühte sich noch jeden Samstag jemanden von der Politik vor die Tür als Unterstützer:in einzuladen und eine Stimme im Stadtrat zu erlangen.

Man hätte sich da auch die Unterstützung, wie ihr es in eurer Gewerkschaftszeitung so schön schreibt, „jeden Samstag“ gewünscht, aber leider kam da nie auf irgendeine Art und Weise ein Arbeitskampf bei raus. Es wurden Westen mit ver.di-Logo für Werbung drauf verteilt oder auch mal Luftballons vorbeigebracht für Werbezwecke, aber ansonsten habt ihr die Arbeiter:innen alleine gelassen. Viele haben sich gewünscht, dass die Gewerkschaft mal präsent ist, viele haben sich gewünscht, dass man auch mal zum Warnstreik aufruft, trotz angeblicher Friedenspflicht, die scheinbar sowieso nur für uns galt. Dass was Benko gemacht hat, war kein Frieden gegenüber uns Arbeiter:innen. Der Gewerkschaftsführung war es wichtiger, einen Deal mit Benko auszuhandeln, statt für alle Arbeitsplätze einen wirklichen Kampf zu führen.

Stattdessen schmückt ihr euch wie gewohnt mit fremden Federn und lasst uns hängen. Es wurden mehrere Versuche unternommen, Telefonate getätigt, Mails geschrieben und Gespräche gesucht, die den Unmut ausdrückten. Nicht nicht nur gegen Rene Benko, sondern mittlerweile auch aus Enttäuschung gegenüber der Gewerkschaftsführung, die nicht gehandelt hat.

Sogar solidarische Unterstützer:innen aus Berlin und München, die sich extra auf den Weg nach Düsseldorf machten, wurden gezielt außen vor gelassen und Anrufe sowie Nachrichten unbeantwortet gelassen. Bis zu letzt musste eine selbstorganisierte, solidarische Unterstützung darum kämpfen, auch auf einer Kundgebung mal das Wort zu erhalten. Dies wurde bis zum Schluss unterbunden. Ich als aktives ver.di-Mitglied frage mich nur wieso? Werden jetzt auch schon bei ver.di in den höheren Sektionen Fäden gezogen, die entscheiden, wer unterstützen darf und wer nicht? Genauso kam es nämlich rüber und ist auch teils durchgedrungen, wenn man so manche Gespräche geführt hat und man nur ein „es tut mir leid, mir sind die Hände gebunden“ entgegnet bekommt. Welches Ziel verfolgt ihr damit? Ich war immer der Meinung, das ver.di für konsequente Arbeitskämpfe der Arbeitnehmer:innen einsteht und nicht für den Kapitalismus, was aber anscheinend langsam Einzug hält.

Ich würde mich über eine Diskussion über all das freuen und werde natürlich weiter aktives Mitglied bei ver.di bleiben in der Hoffnung, dass weitere Kämpfe anders verlaufen und die Arbeiter:innen etwas aus diesen Arbeitskampf bei Galeria Kaufhof/Karstadt mitnehmen und zwar:

Verlasst euch nicht immer nur auf andere. Hört nicht nur auf leere Worte seitens der Politik oder auch anderen. Werdet selbst aktiv und wartet nicht nur darauf, dass andere es für euch machen. Fordert den Arbeitskampf, den ihr euch wünscht, um eure Forderungen oder auch Missstände aufzuzeigen. Fordert eure Gewerkschaftsführungen auf, euch zu unterstützen. Sei es mit Streiks, Demonstrationen oder auch Besetzungen. Es gibt immer Leute, die euch dabei solidarisch unterstützen und helfen, wenn ihr nur auch euch aufmerksam macht!

Und vor allem: Tretet nicht aus ver.di aus! Ich verstehe die Enttäuschung, ich bin selbst auch enttäuscht. Aber wir brauchen mehr aktive Kolleg:innen, die sich einbringen und dagegen kämpfen, von den Gewerkschaftsführungen im Stich gelassen zu werden. Wenn wir austreten, hilft das nur Benko und anderen Kapitalist:innen.

One thought on “Wie die ver.di Bürokratie uns im Stich gelassen hat

  1. Marion sagt:

    Wir Arbeitnehmer müssen handeln, nicht die Gewerkschaften.Die Gewerkschaften unterstützen uns, geben uns Rechtssicherheit,, handeln müssen wir Arbeitnehmer.
    Vor einigen Jahren beobachtete ich einen Streik bei Galeria Kaufhof einen Streik.Während draussen einige Mitarbeiter streikten, ging im Kaufhof der Betrieb normal weiter.
    Ich Frage mich, wie soll von einigen wenigen kampfbereiten Gewerkschaftsmitglieder was erreicht werden, wenn die Kollegen einem in den Rücken fallen und den Betrieb aufrecht erhalten?

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