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Venezuela – über 72 Stunden ohne Strom

Was bleibt nach über drei Tagen seit dem Zusammenbruch der Stromversorgung im ganzen Land?
Es ist fünf Tage her, seit die Regierung in der Lage war, die Strom- und Wasserversorgung auf einer stabilen Basis wiederherzustellen. Krankenhäuser und Patient*innen sind betroffen. Das soziale Drama im Land verschärft sich.

Venezuela – über 72 Stunden ohne Strom

Kurz vor 17.00 Uhr am Don­ner­stag, dem 7. März, wurde das Land von einem drastis­chen “Black­out” heimge­sucht, der noch nicht über­wun­den ist und auch die Verteilung von Wass­er und Ben­zin, sowie U‑Bahnen, den Betrieb von Kranken­häusern, die lokale Lebens­mit­telver­sorgung, das Mobil­funknetz, Bank­di­en­stleis­tun­gen und teil­weise sog­ar den Flugverkehr und die Funküber­tra­gung bet­rifft. Die Regierung führte dies umge­hend auf Sab­o­tage und “Cyber­at­tack­en” zurück. Die Oppo­si­tion nen­nt als Gründe den Man­gel an Wartung und Inef­fizienz der Regierung. Die “human­itäre” US-Regierung nutzte die Gele­gen­heit, um sich über das Dra­ma zu freuen und eine Putschbotschaft zu veröf­fentlichen. Das Einzige, was bish­er sich­er ist, sind die Fol­gen für das Leben der Bevölkerung.

Guaidó nutzt die Sit­u­a­tion bere­its, um die Idee ein­er “human­itären Inter­ven­tion” zu erneuern und ver­wen­det das Argu­ment, dass “das Volk” ihn auf­fordert, Artikel 187 der Ver­fas­sung anzuwen­den, der ihn ange­blich dazu ermächtigt, die Inter­ven­tion aus­ländis­ch­er Stre­itkräfte im Land zu genehmi­gen. Egal, ob es sich nun um Sab­o­tage han­delt, wie die Regierung sagt, oder um die Ver­ant­wor­tungslosigkeit der Staats­führung, die jahre­lang die Infra­struk­tur und das elek­trische Sys­tem unter­fi­nanziert hat — wir dür­fen nicht zulassen, dass das immer schreck­lichere Leid des vene­zolanis­chen Volkes genutzt wird, um ein­er impe­ri­al­is­tis­chen Inter­ven­tion im Land Platz zu machen.

Die unmittelbaren Folgen

Es wer­den bald fünf volle Tage nach Beginn dieser Sit­u­a­tion sein, in denen, abge­se­hen von eini­gen Stun­den zeitweiliger Stromver­sorgung in Gebi­eten von Cara­cas oder manch ein­er Stadt im Inneren, die Stromver­sorgung brach liegt. Auch die Wasserverteilung wurde nicht wieder­hergestellt, weswe­gen es mit­tler­weile üblich ist, in den Häusern von Ver­wandten, in impro­visierten Wasser­dosen oder sog­ar in Con­tain­ern mit­ten auf der Straße nach Wass­er zu suchen.

Ohne Strom kann die über­wiegende Mehrheit der offe­nen Geschäfte nur mit Bargeld bezahlen. Dadurch wird das Prob­lem des Bargeld­man­gels, das sich bere­its vor einiger Zeit wieder auf die Wirtschaft des alltäglichen Lebens auswirkt, nochmal ver­schärft hat. Selb­st wenn der Strom wieder­hergestellt ist, funk­tion­ieren Zahlungs­di­en­ste oder Banküber­weisun­gen nur mit Schwierigkeit­en.

In und um die Haupt­stadt des Lan­des sind die U‑Bahnen von Cara­cas und Los Teques, die Metro­ca­ble Seil­bah­nen, sowie die Bahn­strecke Cara­cas-Cúa seit Don­ner­stag nicht mehr in Betrieb. Die Regierung hat auf eini­gen der betrof­fe­nen U‑Bahnstrecken einen Schienen­er­satzverkehr mit Bussen ein­gerichtet. Auch die Tankstellen haben den Betrieb unter­brochen und reak­tivieren ihn für einige Stun­den, wenn es Strom gibt. Vor den Zapf­säulen bilden sich lange Warteschlangen.

Am Sam­stag vere­it­elte die Polizei von Cara­cas einen Plün­derungsver­such im Zen­trum der Haupt­stadt, um schließlich selb­st die zu sein, die das Gelände plün­derten. Dabei reagierten sie mit Trä­nen­gas und Schrotkugeln auf die protestieren­den Anwohner*innen. In Car­icuao gaben einige Geschäfte teil­weise Lebens­mit­tel ab, die durch die man­gel­nde Küh­lung beschädigt wur­den. Grup­pen des Son­dere­in­satzkom­man­dos FAES bewacht­en die Liefer­ung.

An vere­inzel­ten Orten kam es in der Stadt zu kleinen Protes­tak­tio­nen, die von der Boli­varischen Nation­alpolizei (PNB) schnell erdrückt und gestoppt wur­den.

Das Drama der Krankenhäuser und der chronisch Kranken

Die schw­er­wiegend­sten Fol­gen für die Bevölkerung sind die Fol­gen für Gesund­heit und Leben. Laut Bericht­en sind bere­its Dutzende von Patient*innen an den Fol­gen von Kranken­hausver­sagen gestor­ben. Seit Don­ner­sta­gnach­mit­tag wer­den Not­fälle gemeldet, die auf die man­gel­nde Sauer­stof­fver­sorgung in eini­gen Kranken­häusern zurück­zuführen sind. Aus Man­gel an Dial­yse wur­den bis Sam­stag 15 Men­schen tot gemeldet, verteilt auf die Staat­en Zulia, Maturín und das Miguel Pérez Car­reño Kranken­haus in Cara­cas. Einige Kinder und/oder Neuge­borene haben das gle­iche Schick­sal in den Kliniken J. M. De los Ríos und im Kinderkranken­haus “Coman­dante Supre­mo Hugo Chávez Frías” in El Valle erlit­ten. Im let­zten Fall wurde berichtet dass von Don­ner­stag bis Fre­itag vier Kranken­schwest­ern und zwei Ärzte die Nacht damit ver­bracht haben, den Kindern, die sich auf der Inten­sivs­ta­tion befan­den, manuelle Beat­mung zu geben. Trotz­dem star­ben zwei Kinder. Als zwei Kranken­schwest­ern die Sit­u­a­tion angeprangerten wur­den sie fest­ge­hal­ten.

Men­schen, die Chemother­a­piebe­hand­lun­gen erhal­ten, deren Vor­räte gekühlt wer­den müssen, waren gezwun­gen (in vie­len Fällen in Dol­lar) an pri­vate Gesund­heit­szen­tren oder Kraftwerks­be­treiber Geld zu zahlen, um diese Medika­mente auf der richti­gen Tem­per­atur zu hal­ten. Diejeni­gen, die täglich auf Hämodial­yse angewiesen sind, befan­den sich in ein­er ähn­lichen Sit­u­a­tion. Wer nicht über die Mit­tel ver­fügt, um sich dies zu leis­ten, muss mit den tragis­chen Fol­gen leben.

Einige Berichte bez­if­fern die Zahl der Todes­fälle im ganzen Land durch Kranken­hausaus­fälle von Don­ner­stag bis Son­ntag auf mehrere hun­dert. Es han­delt sich jedoch um Dat­en, die von Journalist*innen in ihren sozialen Net­zw­erken indi­vidu­ell zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, sodass es vor­erst keine Möglichkeit gibt, die Richtigkeit dieser Dat­en zu beweisen.

Maduro: „Das ist die Folge mehrerer Angriffe.“

Kurz nach­dem der Mega-Black­out am Don­ner­stag begann, erk­lärte die Nation­al­regierung Sab­o­tageak­te seien für die Sit­u­a­tion ver­ant­wortlich. An diesem Sam­stag, bei der von der Regierung aufgerufe­nen Kundge­bung anlässlich des vierten Jahrestags des berüchtigten Dekrets von Oba­ma, das Venezuela als “ungewöhn­liche und außeror­dentliche Bedro­hung” für die Vere­inigten Staat­en definiert, welch­es auch von Trump bstätigt wurde, bestand Maduro auf dieser Erk­lärung. Er wies darauf hin, dass es vier Angriffe gab, zwei kyber­netis­che, einen elek­tro­mag­netis­chen und ein Feuer in ein­er Umspannsta­tion.

Maduros Erk­lärung wies darauf hin, dass sie am Don­ner­stag damit die began­nen die Stromver­sorgung wieder­herzustellen. Als um 19:00 Uhr die Reper­atur anfin­gen, habe es plöt­zlich einen inter­na­tionalen Cyberan­griff auf das Gehirn des Elek­triz­ität­sun­ternehmens gegeben, dann sei das Sys­tem Gegen­stand neuer Angriffe und sog­ar eines Bran­dan­schlags in einem Umspan­nwerk gewe­sen. So sagte er, dass am Sam­stag, als sie “70% des Sys­tems wieder­hergestellt hat­ten […] es einen weit­eren Cyberan­griff gab”. Seine Geschichte fuhr fort: “Wir ent­deck­ten, dass sie wis­senschaftliche High­tech-Angriffe durch­führen, so genan­nte elek­tro­mag­netis­che Angriffe, um den Wieder­her­stel­lung­sprozess zu sabotieren.“

Er sprach von “Ein­drin­glin­gen” inner­halb des Unternehmens. Diese wolle er find­en und mit der ganzen Härte des Geset­zes bestrafen, was ihm, so sagte er, erlauben würde, “die Indus­trie zu säu­bern”. Er ver­sprach, dass “in den näch­sten Stun­den” der Dienst wieder­hergestellt wer­den würde. Er wies darauf hin, dass Mar­co Rubio, Mike Pom­peo und Juan Guaidó hin­ter den Angrif­f­en stün­den. Er lancierte den Slo­gan “Liebe und Wider­stand” und kündigte für Mon­tag, den 11. März, Son­dertage für die Verteilung von Lebens­mit­tel­paketen und Wass­er mit öffentlichen Tankwa­gen an.

Abge­se­hen von der gerin­gen Glaub­würdigkeit dieser Ver­sion war es äußerst schock­ierend, dass auf der Kundge­bung des Präsi­den­ten riesige LED-Bild­schirme einge­set­zt wur­den, während ein großer Teil der Bevölkerung unter den Fol­gen des Stro­maus­falls lei­det. Ein weit­er­er Moment, in dem sich die Dekadenz des Regimes und seine Ver­ach­tung für das Elend der Massen zeigt.

Trumps Außen­min­is­ter Mike Pom­peo nutzte die Sit­u­a­tion, um die Regierung Maduros ver­bal anzu­greifen. Er sagte, dass die Siti­a­tion auf Maduros Inef­fizienz zurück­zuführen sei, und dass es — so wie es keine Lebens­mit­tel, Medika­mente oder Elek­triz­ität gibt — bald keinen Maduro mehr geben wird. Juan Guaidó und die rechte Oppo­si­tion war­fen der Regierung man­gel­nden Instand­hal­tung und Kor­rup­tion vor.

In der gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion, in der eine obszöne impe­ri­al­is­tis­che Aggres­sion, die den Sturz Maduros durch einen Mil­itär­putsch oder andere Gewalt­mit­tel, ein­schließlich wirtschaftlich­er Erstick­ung und der ständi­gen Dro­hung ein­er mil­itärischen Inter­ven­tion, offen ver­fol­gt, kann die Möglichkeit nicht aus­geschlossen wer­den, dass die Vere­inigten Staat­en hin­ter ein­er Sab­o­tageak­tion der öffentlichen Stromver­sorgung ste­hen. Es gibt nicht wenige Fälle von krim­ineller Sab­o­tage aller Art seit­ens der Vere­inigten Staat­en in ihrer lan­gen Geschichte impe­ri­al­is­tis­ch­er Inter­ven­tio­nen. Sie sind eher eine Nor­mal­ität in ihrem inter­ven­tion­is­tis­chen Lebenslauf.

Es kann jedoch auch nicht als unmöglich ange­se­hen wer­den, dass die Ursachen auf den Zusam­men­bruch des nationalen Strom­net­zes selb­st zurück­zuführen sind. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um die Real­ität han­delt, die die Men­schen im Land tagtäglich erleben, wenn sich das Sys­tem zunehmend ver­schlechtert, wenn es ständi­ge Stro­maus­fälle gibt, wenn Städte oder Gebi­ete des Lan­des Tage oder sog­ar Wochen ohne Strom ver­brin­gen. Das ist die Real­ität, in der das Land seit Jahren lebt. Auf diese Real­ität haben auch die Arbeiter*innen des Elek­triz­itätssek­tors seit langem hingewiesen, von denen einige dafür sog­ar mit Gefäng­nis bezahlt haben, weil sie vor der schw­eren Krise der Infra­struk­tur des Elek­triz­itätssys­tems gewarnt haben.

Hinzu kom­men die tausenden Kündi­gun­gen von Facharbeiter*innen in den let­zten Jahren, auf der Flucht vor Hunger­löh­nen und dem Autori­taris­mus der Regierung selb­st, die seit Jahren Betrieb­sver­samm­lun­gen im staatlichen Energiekonz­ern Cor­po­elec ver­bi­etet. Diese Sit­u­a­tion hat die tech­nis­chen und betrieblichen Kapaz­itäten der Branche stark geschwächt.

Die Bevölkerung darf ihre eige­nen poli­tis­chen Ziele nicht zugun­sten inter­es­sen­ge­laden­er Erk­lärun­gen fall­en lassen, seien sie von der nationalen Regierung oder der aus Wash­ing­ton ges­teuerten Oppo­si­tion. Ander­er­seits gibt es keinen Man­gel an neolib­eralen Ideolog*innen, die auf der recht­en Seite herum­schwirren und die Gele­gen­heit nutzen, um die Pri­va­tiserung der Stromver­sorgung als einzige “Lösung” zu fordern. Die Erhal­tung des Strom­net­ztes als Teil der öffentlichen Daseinsver­sorgung und seine Über­gabe in die Hände der Arbeiter*innen und Techniker*innen selb­st, sowie die damit ein­herge­hende Ver­drän­gung der kor­rupten und arbeiter*innenfeindlichen “ziv­il-mil­itärischen” Bürokratie, die die Cor­po­elec in den gegen­wär­tig katas­trophalen Zus­tand geführt hat, ist die einzige wirk­lich fortschrit­tliche Lösung für die katas­trophale Sit­u­a­tion der Stromver­sorgung in Venezuela. In kein­er Hand wäre die Stromver­sorgung bess­er aufge­hoben als in den Hän­den der Arbeiter*innen, die die Indus­trie täglich am Laufen hal­ten.

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