Unsere Klasse

“Unsere Kampfbereitschaft für bessere Arbeitsbedingungen steckt die Kolleg*innen an”

Zweite Verhandlungsrunde beim TVöD, immer noch kein Angebot vom Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV). Die Konsequenz: Warnstreik. Aufgerufen dazu haben die Gewerkschaften ver.di und GEW. In München gingen Tausende auf die Straße. Wir sprachen darüber mit Bettina Rödig, Krankenpflegerin im städtischen Klinikum Schwabing und Vorstand der ver.di-Jugend Bayern.

Wir kom­men ger­ade von der erfol­gre­ichen Umzin­gelung des Gebäudes des Kom­mu­nalen Arbeit­ge­berver­bands. Was ist dein Faz­it soweit?

Fürs Erste bin ich mit unserem Ein­satz heute und die let­zten Monate zufrieden. Wir haben mehrere hun­dert Azu­bis aus unter­schiedlichen Bere­ichen der städtis­chen Betriebe mobil­isieren kön­nen. Es war ein kämpferisch­er und sol­i­darisch­er Warn­streik. Wir sind bis in die Haar­spitzen motiviert.

Gab es außer der Umzin­gelung des KAV auch weit­ere Aktio­nen heute?

Ja. Alle Wert­stoffhöfe waren heute geschlossen. Auch die Betrieb­shöfe der Stadt im Süden und Osten blieben heute in Sol­i­dar­ität mit dem Streik geschlossen. Dazu kamen mehrere Kitas und Schwimm­bäder.

Die Gew­erkschaften haben unter anderem die Angestell­ten des öffentlichen Dien­stes aufgerufen, an den Warn­streiks teilzunehmen. Warum sind die Warn­streiks in diesem Sek­tor dein­er Mei­n­ung nach notwendig?

Wir hal­ten das öffentliche Leben dieser Stadt am Laufen, aber unser Leben in dieser Stadt läuft nur unter enormem Aufwand. Die Kosten für den ÖPNV steigen regelmäßig an, die Mieten sind kaum bezahlbar und der Per­sonal­man­gel ist in allen Bere­ichen spür­bar. Das trifft uns alle. Während der let­zten Grippewelle kon­nte beispiel­sweise der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmit­tel kaum aufrechter­hal­ten wer­den. Aber auch in anderen Sek­toren gibt es kaum noch Puffer bei Aus­fällen. Viele Angestellte kön­nen es sich nicht leis­ten, bei Krankheit ein­fach zu Hause zu bleiben. Und ger­ade weil unsere Arbeit auch immer einen sozialen Aspekt hat, will man seine Kolleg*innen nicht im Stich lassen. Die Arbeits­be­las­tung und die Ver­ant­wor­tung, die wir tra­gen, sind enorm hoch. Es ist daher Zeit für den Tarif deluxe.

Worin drück­en sich die prekären Arbeitsver­hält­nisse aus?

Viele Azu­bis müssen auf Grund des Per­sonal­man­gels Vol­lzeit­stellen aus­füllen. In der Pflege führen sie in weit­en Teilen leben­snotwendi­ge Maß­nah­men ohne Anleitung durch. Das wirkt sich auf die Qual­ität der Aus­bil­dung aus. Und auf die Gesund­heit der Patient*innen. Solche Zustände sind untrag­bar. Ger­ade jun­gen Men­schen fehlt die Per­spek­tive in diesen wichti­gen Berufen. Wir wollen nicht weit­er zuschauen, wie man uns unser­er Zukun­ft beraubt.

Unter dem Kam­pag­nenslo­gan Tarif deluxe mobil­isiert ihr vor allem die Auszu­bilden­den in München für den Streik. Was sind eure Forderun­gen?

Wir fordern die unbe­fris­tete Über­nahme nach der Aus­bil­dung. Das gibt Pla­nungssicher­heit. Für die Aus­bil­dungszeit sel­ber brauchen Auszu­bildende auch ein­fach mehr Lohn. Wir wollen uns unser Leben leis­ten kön­nen, ohne dabei jeden Cent zwei Mal umdrehen zu müssen. Außer­dem sollen die Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen der bish­er nicht tar­i­fierten Aus­bil­dungs- und Prak­tikumsver­hält­nisse tar­i­fiert wer­den. Daneben erwarten wir aber auch noch, dass über Lern­mit­telzuschüsse, Fahrtkosten­er­stat­tung, Nahverkehr­stick­ets und mehr Urlaub ver­han­delt wird.

Wie seid ihr über­haupt auf diese Forderun­gen gekom­men?

Als ver.di-Jugend haben wir im Novem­ber 2017 mit der soge­nan­nten Forderungs­find­ung begonnen. Wir sind mit Frage­bö­gen bewaffnet in die Betriebe gegan­gen und haben die Azu­bis gefragt: Was braucht ihr? Wir woll­ten keine Stellvertreter*innenpolitik. Das führt aktuell dazu, dass sich die Azu­bis über­durch­schnit­tlich mit uns als ver.di-Jugend und den Streiks iden­ti­fizieren. Es ist ihr Streik gewor­den.

Und wie waren die Gespräche mit den Auszu­bilden­den?

Es gab sehr viele pos­i­tive Reak­tio­nen. Die Kolleg*innen sehen viele Möglichkeit­en, ihre Arbeits­be­din­gun­gen zu verbessern. Allerd­ings merkt man vie­len eine gewisse Verun­sicherung an. Zum Einen sind dafür die Spar­maß­nah­men in den Kom­munen ver­ant­wortlich. Die „Schwarze Null“ der Bun­desregierung wirkt sich oft in Form von befris­teten Arbeitsver­hält­nis­sen aus. Ander­er­seits üben die Arbeitgeber*innen oft recht offen Druck auf die Jugend aus. Wer sich gew­erkschaftlich organ­isiert, Forderun­gen stellt, der bekommt bei Per­son­alge­sprächen gerne mal mehrere Abmah­nun­gen auf ein­mal über den Tisch geschoben.

In den let­zten Monat­en sank die Zahl der gew­erkschaftlich Organ­isierten unter die sechs Mil­lio­nen­marke. Wie ste­hen die Azu­bis gegenüber dem gew­erkschaftlichen Engage­ment?

Das ist natür­lich unter­schiedlich. In München bemerken wir allerd­ings einen gegen­läu­fi­gen Trend. Wir haben bei den Azu­bis die 1000er-Marke gek­nackt. Allein am heuti­gen Warn­streik­tag haben wir mehr als 20 Neu­mit­glieder aufgenom­men. Das freut uns wahnsin­nig und zeigt uns: unsere Kampf­bere­itschaft für bessere Arbeits­be­din­gun­gen steckt die Kolleg*innen an.

Pflege, Kinder­be­treu­ung, Lehre. In vie­len sozialen Bere­ich arbeit­en über­pro­por­tion­al viele Frauen. Der Warn­streik trug weit­ge­hend ein weib­lich­es Gesicht. Wie wirkt sich das auf euer Engage­ment als Gew­erkschaft­sju­gend aus?

Ich war sehr begeis­tert, dass heute so viele Frauen mit mir auf der Straße waren. Sie sind in vie­len Berufen des öffentlichen Dien­stes das Rück­grat der Betriebe. Allerd­ings würde ich mir wün­schen, dass wir Frauen ein stärk­eres Bewusst­sein für unsere Sit­u­a­tion entwick­eln. Aber um das zu erre­ichen, dür­fen wir uns beim TVöD auch nicht ein­fach so abspeisen lassen von den Arbeit­ge­bern.

Wie geht es jet­zt in den näch­sten Wochen weit­er?

Am 16. Und 17. April find­et die dritte Ver­hand­lungsrunde statt. Wir sind ges­pan­nt, ob sich das Ver­trags­blatt bis dahin etwas gefüllt hat. Damit wir mehr Druck auf­bauen kön­nen, rufen wir die Gew­erkschaftsmit­glieder am 10. April zum näch­sten Warn­streik auf. Der wird mega! Die Kolleg*innen aus dem gesamten süd­bay­erischen Raum wer­den dafür nach München kom­men. Die Arbeit­ge­ber­seite darf sich auf was gefasst machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.