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Tote und Verletzte in Gaza: “Die israelische Antwort war komplett mörderisch”

Interview mit Sergio Yahni, Leiter des Palästinensischen Zentrums für Alternative Informationen über den "Marsch der Rückkehr", der vergangenen Freitag begann und welcher brutal durch das israelische Militär niedergeschlagen wurde.

Tote und Verletzte in Gaza:

La Izquier­da Diario, unsere Schwest­er­seite im gle­ich­nami­gen Net­zw­erk, unter­hielt sich mit Ser­gio Yah­ni, Leit­er des Zen­trums für Alter­na­tive Infor­ma­tio­nen (AIC, Alter­na­tive Infor­ma­tion Cen­ter) über die mas­siv­en Mobil­isierun­gen, die am ver­gan­genen Fre­itag in Gaza und dem West­jor­dan­land began­nen und die bru­tal durch das israelis­che Mil­itär niedergeschla­gen wur­den. Min­destens 17 Demon­stri­erende wur­den dabei getötet, weit­ere 1.400 zum Teil schw­er ver­let­zt.

Yah­ni lebt in Jerusalem und das IAC hat Büros sowohl dort als auch in Bait Sahur, im West­jor­dan­land. Wir geben an dieser Stelle das Inter­view wieder über den Begin der Proteste, seine Bedeu­tung und Organ­isierung, die Antwort Israels und die möglichen Szenar­ien, die sich eröff­nen.

Was ist der “Marsch der Rück­kehr”, der ver­gan­genen Fre­itag in Palästi­na begann?

His­torisch gese­hen feiert das palästi­nen­sis­che Volk am 30. März den “Tag des Bodens”. Es ist der Tag des Kampfes um das Land und für die Rück­kehr auf den gestohle­nen Grund und Boden. Die erste Demon­stra­tion für den Tag des Bodens fand im Jahr 1976 statt als Antwort auf eine große Beschlagnah­mung von Grund­stück­en in Galiläa durch den Israelis­chen Staat. Von diesem Moment an ereignen sich bis heute mas­sive Mobil­isierun­gen an jedem 30. März.

Es ist ein Tag, an dem die Palästinenser*innen nicht nur das eigene Land gegenüber der Besatzung und Beschlagnah­mung durch Israel vertei­di­gen, son­dern auch ein Tag der Erin­nerung an das Recht auf die Rück­kehr des palästi­nen­sis­chen Volkes auf sein Land und darüber hin­aus auch ein Tag der Ein­heit des palästi­nen­sis­chen Volkes.

In diesem Jahr ist der der “Tag des Bodens” sehr viel bedeut­samer, weil sich gle­ichzeit­ig auch zum 70sten Mal die Nak­ba (Katas­tro­phe auf Ara­bisch) jährt, also der Moment der Grün­dung des Israelis­chen Staats. Aus diesem Grund haben die Volk­skomi­tees entsch­ieden, eine Massen­mo­bil­isierung vom 30. März an bis hin zum 15. Mai zu organ­isieren, dem 70. Jahrestag der Nak­ba. Die Idee ist es, dass ab ver­gan­genem Fre­itag bis zum 15. Mai die Volk­skomi­tees dann die gesamte Bevölkerung aufrufen und Events organ­isieren gegen die israelis­che Besatzung, sowohl inner­halb Israels, im West­jor­dan­land, als auch im Gaza­s­treifen.

Wie wur­den die Mobil­isierun­gen organ­isiert?

Die Mobil­isierun­gen, die am Fre­itag began­nen, wur­den durch die Volk­skomi­tees organ­isiert. Diese Komi­tees sind sowohl ein Instru­ment des Wider­standes, als auch der Selb­stor­gan­isierung gegenüber der der israelis­chen Besatzung. In bes­timmten Momenten des Kampfes wach­sen die Volk­skomi­tees über die poli­tis­chen Parteien und die Palästi­nen­sis­che Autorität (PA) hin­aus. In dem Fall dieses Gedenk­tages hat sich ganz klar gezeigt, dass sich die Komi­tees über die Entschei­dun­gen der wichtig­sten Parteien hin­weg geset­zt haben, welche lieber stärk­er insti­tu­tion­al­isierte Ver­anstal­tun­gen organ­isiert hät­ten. Im Falle der Fatah wäre dies irgend eine große Ver­anstal­tung in Ramal­lah (West­jor­dan­land) gewe­sen, während die Hamas eine Mobil­isierung im Zen­trum von Gaza Stadt bevorzugt hätte, um ihre Feuerkraft zur Schau zu tra­gen, um nicht nur Israel, son­dern auch die interne Opo­si­tion einzuschüchtern.

Die Volk­skomi­tees haben den poli­tis­chen Führun­gen ein weit­erge­hen­des Pro­gramm aufgezwun­gen, welche let­z­tendlich die Aktion mit­tra­gen mussten, die darin bestand, an die Gren­zen zu marschieren und die Rück­kehr der ver­triebe­nen Palästinenser*innen zu fordern.

Was war die Antwort Israels?

Aus tak­tis­chen und strate­gis­chen Grün­den will Israel die Sit­u­a­tion in Gaza (obwohl es auch Demon­stra­tio­nen im West­jor­dan­land gibt) so darstellen, als sei es eine Ini­tia­tive der Hamas – und das selb­st in dem Moment, wo wie bere­its erwäh­nt die Ini­tia­tive über­haupt nicht von der Hamas aus­ging. Nichts­destotrotz würde dies Israel erlauben, die Mobil­isierun­gen als einen Akt des Krieges aufz­u­fassen, was ihnen die Möglichkeit böte, auf die Demon­stri­eren­den zu schießen. Wir haben über den Fre­itag hin­weg seit dem Mor­gen zumin­d­est 17 Tote gese­hen – und das, obwohl die Mobil­isierun­gen kom­plett friedlich ver­liefen, weit weg von den israelis­chen Kräften. Es gab nicht ein­mal Ver­suche, die Grenz­zäune einzureißen.

Die israelis­che Antwort war kom­plett mörderisch. Aus weit­er Ent­fer­nung schossen Scharf­schützen ent­lang der Gren­ze auf Protestierende. Es gab sog­ar Panz­eran­griffe. Israel will diesen Prozess der Massen­mo­bil­isierung in einen bewaffneten Kampf ver­wan­deln. Sie bevorzu­gen, dass es als ein bewaffneter Kampf ange­se­hen wird, ein­fach weil sie dann eine viel bessere Reak­tions­fähigkeit haben. Demge­genüber wis­sen sie nicht, wie sie son­st mit Zehn­tausenden von Men­schen umge­hen sollen, die friedlich marschieren. Doch trotz der Morde und trotz Israels Ver­such, den Kon­flikt zu mil­i­tarisieren, haben wir gese­hen, dass die Mobil­isierung der Palästinenser*innen vor­erst anhält.

Wie sind die Aus­sicht­en?

Das wird davon abhän­gen, wie die Volk­skomi­tees die Aktio­nen am ver­gan­genen Fre­itag bew­erten. Auf der einen Seite kann das, was geschieht, ein Schub für diese mas­sive Mobil­isierung sein, die sich auf die großen Städte des West­jor­dan­lan­des aus­bre­it­et. Die andere Möglichkeit ist, dass das Blut­bad so groß wird, dass die Volk­skomi­tees beschließen wer­den, sich zurück­zuziehen. Schließlich beste­ht die Möglichkeit, dass sowohl die Fatah als auch die Hamas dies nutzen, um ihre eige­nen Meth­o­d­en durchzuset­zen. Für die Fatah heißt das, an die inter­na­tionalen Organ­i­sa­tio­nen zu appel­lieren, während sie intern die Demon­stra­tio­nen eben der­sel­ben Palästinenser*innen unter­drück­en. Die Hamas kön­nte sich entschei­den, den Prozess zu mil­i­tarisieren, um zu demon­stri­eren, dass sie der “bewaffnete Arm des Kampfes” sind.

Let­zteres würde mein­er Mei­n­ung nach zu Las­ten der Mobil­isierun­gen gehen. Es sei daran erin­nert, dass die israelis­che Regierung bis zum Hals in Kor­rup­tion­sskan­dalen steckt und den Schw­er­punkt der Nachricht­en lieber auf “Gewalt in Gaza” als auf die Skan­dale ihrer Regierung legt.

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