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Revolutionärer Arbeiter nach Wahlkampf entlassen

INTERVIEW: In den Vorwahlen zur Präsidentschaft und den Exekutiven in Argentinien feierte die FIT mit 730.000 Stimmen einen großen Erfolg. Sie bildet damit in den Präsidentschaftswahlen die größte Kraft links von der Regierung. Auf der Liste der PTS, die sich für die FIT bei den Vorwahlen durchsetzte, kandidierten landesweit 1.800 ArbeiterInnen. Einer von ihnen ist Mauro Vargas, Chemie-Arbeiter aus Bahía Blanca. Eine Woche nach der Wahl wurde er entlassen.

Revolutionärer Arbeiter nach Wahlkampf entlassen

// INTERVIEW: In den Vorwahlen zur Präsidentschaft und den Exekutiven in Argentinien feierte die FIT mit 730.000 Stimmen einen großen Erfolg. Sie bildet damit in den Präsidentschaftswahlen die größte Kraft links von der Regierung. Auf der Liste der PTS, die sich für die FIT bei den Vorwahlen durchsetzte, kandidierten landesweit 1.800 ArbeiterInnen. Einer von ihnen ist Mauro Vargas, Chemie-Arbeiter aus Bahía Blanca. Eine Woche nach der Wahl wurde er entlassen. //

Mauro, bei den Präsidentschaftsvorwahlen in Argentinien bist du auf der Liste der Partei Sozialistischer ArbeiterInnen (PTS) in der Front der Linken und ArbeiterInnen (FIT) angetreten. Danach wurdest du entlassen. Warum?
Bei den landesweiten Vorwahlen trat ich als Kandidat bei den Bürgermeisterschaftswahlen in Bahía Blanca auf der Liste der FIT an, die von Nicolás del Caño angeführt wurde. Bei den Wahlen 2013 kandidierte ich als Abgeordneter im Provinzparlament und bekam bei den entscheidenden Wahlen 8,35 Prozent. Damals arbeitete ich outgesourcet im Petrochemie-Werk von Dow Chemical. Seitdem ich meinen politischen Aktivismus öffentlich machte wurde mehrmals versucht, mich deshalb zu entlassen. Wir glauben, dass die Entlassungen damit zu tun haben, dass wir die prekären Arbeitsbedingungen verurteilen, die die ArbeiterInnen an ihren Arbeitsplätzen erleben. Die letzte Entlassung kam eine Woche nach den Wahlen und war ebenfalls „ohne Grund“.

Kannst du uns etwas über deinen Betrieb erzählen und seit wann du dort arbeitest?
Das petrochemische Zentrum befindet sich etwas außerhalb von Bahía Blanca und verbindet drei Industriegewerbe: die Öl-Industrie, die petrochemische Industrie und die chemische Industrie. Zusammen mit dem naheliegenden Hafen ist dies eine enorme Industrie- und Exportkonzentration. Die Mehrheit der Konzerne sind multinational: Dow Chemical (USA), Solvay Indupa (Belgien), Profertil (Kanada, Spanien), ADM Töpfer (USA, Deutschland), Cargill (USA) und weitere. Es gibt Millionengewinne und an den Häfen werden täglich Millionen an Dollar verschifft, während die Stadt zu den größten Zentren der Arbeitslosigkeit und Prekarisierung gehört.

Seit fünf Jahren arbeite ich auf diesem Zentrum, die ersten vier bei Dow. Im März dieses Jahres gab es den dritten Versuch der unbegründeten Entlassung, was wir als Diskriminierung meiner politischen Aktivität entlarvten. Die Geschäftsleitung von Dow hat das zurückgewiesen, doch dank des Systems des Outsourcing, das sich die multinationalen Konzerne in Argentinien zunutze machen, haben sie keine Verantwortung für die Entlassung übernommen. Zwei von drei ArbeiterInnen im Petrochemischen Zentrum von Bahía Blanca sind vom Outsourcing betroffen.

Durch die letzte Entlassung konnte mich die Geschäftsleitung von Dow aus der Fabrik schmeißen und hat mir Aufgaben im Gebiet des Industrieparks zugeteilt, auf dem viele kleine bis mittlere Unternehmen vor allem dem petrochemischen Zentrum zuarbeiten.

Bist du in der Gewerkschaft und im Betrieb politisch aktiv? Was sagt deine Gewerkschaft zu dem Vorfall?
Wir haben die Entlassung von einem Unternehmen, das prekarisiert, diskriminiert und dazu noch entlässt, öffentlich verurteilt. Die Medien berichteten darüber. Es ist offensichtlich, dass ich entlassen wurde, weil ich ein linker Aktivist bin und für die Verteidigung der Lebensbedingungen, vor allem der prekär Beschäftigten, die zumeist jung und weiblich sind, eingetreten bin. Wir wollen weiterhin aktiv Solidarität bei gewerkschaftlichen, sozialen, politischen und Menschenrechtsorganisationen suchen, da es hierbei auch um das demokratische Recht der ArbeiterInnen geht, Politik betreiben zu können. Meine Entlassung macht den realen Unterschied zwischen ArbeiterInnen und bürgerlichen PolitikerInnen deutlich. Wir ArbeiterInnen wollen Politik für unsere Interessen machen, im Gegensatz dazu wollen die bürgerlichen PolitikerInnen nur die Interessen der KapitalistInnenklasse verteidigen. Wir wollen auch auf juristischem Weg für meine Wiedereinstellung kämpfen.

Welche Aufgabe haben die Wahlen deiner Ansicht nach für RevolutionärInnen? Wie sind die Wahlen mit den Kämpfen in den Betrieben verbunden?
Die Aufgabe der RevolutionärInnen ist es, innerhalb der ArbeiterInnen das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir unseren Kampf auch auf der politischen Ebene führen und die Klassenunabhängigkeit von bürgerlichen Projekten erringen müssen. Dem gegenüber steht auch das versöhnlerische Bewusstsein der Gewerkschaftsbürokratien, die kapitalistische KandidatInnen unterstützen.

Wir müssen nicht nur für die Freiheit gewerkschaftlicher Organisierung kämpfen, sondern unsere Kräfte vereinen, um eine politische Alternative aufzubauen, die sich gegen die Kürzungspläne der Regierungen stellt und einen eigenen Ausweg aus der aktuellen kapitalistischen Krise aufzeigt. Das ist die Herausforderung, der wir uns als PTS stellen und für die wir seit 2013 mit unseren Parlamentsabgeordneten der FIT kämpfen.

Im Oktober findet die Präsidentschaftswahl statt. Für die FIT tritt der 35-jährige Nicolas del Caño von der PTS an. Wie unterscheidet er sich aus Sicht der ArbeiterInnen von Scioli, Macri oder Massa?
Es ist ein Klassenunterschied. Sowohl der Regierungsvertreter Scioli als auch die oppositionellen Macri und Massa verteidigen die Interessen der KapitalistInnen. Nach ihren Plänen dürfen die ArbeiterInnen die Krise bezahlen: Durch die Abwertung des argentinischen Peso wird die Inflation zunehmen, Preissteigerungen in der öffentlichen Versorgung, Entlassungen und andere Angriffe auf unsere Lebensbedingungen. Nicolás del Caño hat durch seine Rolle als Abgeordneter bewiesen, dass er Politik für unsere Klasse macht, indem er im Nationalen Kongress alle Projekte verurteilte, die die Geschäfte der UnternehmerInnen bevorteilen. Außerdem hat er gemeinsam mit ArbeiterInnen, Frauen und Jugendlichen auf der Straße zahlreiche Proteste verteidigt. Er lehnt die Privilegien der StaatsfunktionärInnen ab, die wie Millionäre verdienen. Er spendet 80 Prozent seines Abgeordnetengehalts an Arbeitskämpfe und verdient damit das gleiche wie einE LehrerIn. Für breite Schichten der argentinischen Gesellschaft, die die von den Leiden der Massen weit entfernte politische Kaste satt haben, wird er als ihr Vertreter wahrgenommen. Nico erweckt Sympathie für eine Opposition der ArbeiterInnen der Linken inmitten einer wirtschaftlichen Krise.

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