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Renen Raz (1988-2016): Ein richtiges Leben im Falschen

Der israelische Aktivist Renen Raz ist am Montag gestorben. Er wurde nur 27 Jahre alt. Aber dieses kurze Leben war geprägt von Kämpfen gegen Ungerechtigkeit. Viele Aktivist*innen in Israel/Palästina und der ganzen Welt werden sich an Renen erinnern. Ein Gastbeitrag von Dror Dayan.

Renen Raz (1988-2016): Ein richtiges Leben im Falschen

Auf dem Gelände des Festivals gegen Rassismus 2015 in Berlin standen drei im „antideutschen“ Manier schwarz bekleidete junge Menschen und haben sich nervös umgeschaut. Mit einer Staffel Flugblätter in der Hand wollten sie die Festivalbesucher*innen vor einem antisemitischen Workshop warnen. Auf diesem Workshop – „Das andere Israel“ – sprach ein ebenso schwarz bekleideter und ebenso nervös aussehender junger Mann. Da hörten die Ähnlichkeiten jedoch auf.

Der junge Mann war Renen Raz aus Israel, ein Antizionist und Aktivist der LGBTQI*- und Tierrechtsbewegungen. Renen kam damals nach Berlin, um von seinen Kämpfen gegen zionistischen Nationalismus und Pinkwashing zu erzählen. Seinen letzten und privatesten Kampf könnte er aber nicht gewinnen. Am letzten Montag erlag er nach langen Monaten einem schweren Gehirntumor.

Renen war eine bekannte Figur in den Dörfern des Westjordanlandes, wo Israelis praktische Solidarität zeigen und sich den Protesten der Palästinenser*innen anschließen. Vor allem in den Dörfern Bil’in und Nabi Saleh war er ein oft gesehener und geliebter Gast. Sein Tod war ein harter Schlag für die Aktivist*innen dort. Aber hinter seinem großen Herz und Sensibilität für jegliches Unrecht verbarg sich auch eine gepeinigte Seele. Als Mizrachi-Jude, Antizionist und LGBT wurde Renen aus der israelischen Gesellschaft oft ausgegrenzt, lange Zeit auch von seiner eigenen Familie, die wegen seiner politischen Ansichten keinen Kontakt zu ihm haben wollte.

Geboren wurde Renen im Kibbutz Dorot in der Nähe des Gazastreifens. In Interviews erzählte er, wie er als Jugendlicher bemerkte, dass manche Häuser im Umfeld des Kibbutz andere Bausteine hatten und anderes aussahen. Auf seine Fragen wollten die Lehrer*innen nicht eingehen, Renen musste selbst recherchieren. So lernte er von der ethnischen Säuberung Palästinas im Jahr 1948, der Nakba. Er fing an, kritische Fragen zu stellen, hat den Militärdienst verweigert und sich antizionistischen Gruppen angeschlossen.

Als Mitglied von „Anarchists against the Wall“ kam er auf die Demonstrationen im Westjordanland. Als Teil der israelischen BDS-Gruppe „Boycott from Within“ hat er sich laut und mutig für den palästinensischen Boykottaufruf ausgesprochen, unter anderem auch in Deutschland im Sommer 2015. Auch in der Tierrechtsbewegung und in LGBTIQ*-Kämpfen war er stets aktiv.

Mehrmals in den letzten Jahren hat mich Renen nach den Einzelheiten eines Umzugs nach Berlin gefragt. Lange Zeit hat er sich überlegt, nach Europa zu ziehen, hier vielleicht Tierarzt zu werden, hier vielleicht glücklicher zu werden. Aber er könnte sich nicht dazu bringen, das Land zu verlassen. Seine letzten Monate verbrach er mit seiner Familie. Sie konnten sich auch wieder etwas zueinander zurückfinden. Einige Genoss*innen standen ihm auch bei.

Renens 27 Jahre auf dieser Erde beinhalteten auch Ausschluss, Zweifel, Depression und Gewalt. Aber viel mehr waren sie voller Solidarität und Mut. In einer Mail an seinen engen Freund, den israelischen Aktivisten Ronnie Barkan, schrieb Renen in Bezug auf seine Krankheit: „Ich fühle mich stark im Inneren, wie so oft in meinem Leben bisher. Ich bin stark, weil ich mich selbst herausfordere, ein besserer Mensch zu sein“. Die Solidaritätsbewegung mit Palästina hat einen teuren Mitstreiter verloren. Aber der Kampf geht weiter.

One thought on “Renen Raz (1988-2016): Ein richtiges Leben im Falschen

  1. Josef P. sagt:

    “That was the moment I realized something wasn’t right. I decided to become a conscientious objector:.. I started to help those who had to leave their houses because of us. It caused great antipathy within the community …”
    Ihm wurde bewusst, dass etwas nicht stimmt. Renen hat es riskiert, die richtigen Fragen zu stellen – als ihm die Etablierten Antworten verweigerten, und so konnte er die Ungerechtigkeit durchschauen lernen und mit seinem Engagement was tun dagegen.
    Ein ähnlicher Umlernprozess steht eigentlich allen offen, die den status quo zu hinterfragen bereit sind. Jedenfalls das schöne Zeugnis von Renen ermutigt sie dazu.

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