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Rauswurf aus der Familie?

SIEMENS AG: Viele Siemen­sianer­In­nen ver­standen sich lange Zeit als Teil ein­er großen Fam­i­lie. Doch der Vor­stand will erneut tausende „Fam­i­lien­ange­hörige” auf die Straße set­zen.

Rauswurf aus der Familie?

// SIEMENS AG: Viele Siemen­sianer­In­nen ver­standen sich lange Zeit als Teil ein­er großen Fam­i­lie. Doch der Vor­stand will erneut tausende „Fam­i­lien­ange­hörige” auf die Straße set­zen. //

Im Feb­ru­ar wur­den 7.800 Ent­las­sun­gen angekündigt. Nun legt Siemens-CEO Joe Kaeser mit neuen Umstruk­turierungsplä­nen nach: Am 4. Mai verkün­dete er den Abbau weit­er­er 4.500 Stellen in der ehe­ma­li­gen Divi­sion „Ener­gy“. Kaeser ist inter­na­tion­al nun für mehr als 12.000 ver­lorene Jobs ver­ant­wortlich. Und trotz steigen­der Gewinne set­zt der Vor­stand mit seinen erneuten Umbau­plä­nen – „Vision2020“ und „Pow­er and Gas2020“ – zu weit­eren Angrif­f­en auf die Arbei­t­erIn­nen an. So wer­den die bei­den Pro­gramme zu ein­er Hor­rorvi­sion für die Belegschaft.

Auch im Berlin­er Gas­tur­binen­werk sollen mas­siv Arbeit­splätze abge­baut wer­den. Von den 3.700 Beschäftigten in Pro­duk­tion, Verkauf und Ser­vice soll jed­eR Vierte das Werk ver­lassen. Die Stim­mung ist anges­pan­nt. Am 8. Mai informierte die Unternehmensleitung die Belegschaft über das ver­meintlich notwendi­ge Trans­for­ma­tion­spro­gramm am Stan­dort. Obwohl die Pro­duk­tion­szahlen steigen und die Auf­trags­büch­er sich füllen, möchte die Unternehmensleitung die Pro­duk­t­palette ein­schränken. Die Indus­triegew­erkschaft Met­all (IGM) kri­tisiert die so sink­ende Flex­i­bil­ität und damit die sink­ende Konkur­ren­zfähigkeit. Kol­legIn­nen äußern die Befürch­tung, dass nun das gesamte Werk und nicht mehr nur einzelne Abteilun­gen auf ihre Schließung vor­bere­it­et wer­den.

Aussicht: Befristung

Um die Per­spek­tive vor allem für Auszu­bildende, Werksstudierende und Dual-Studierende im Werk ste­ht es schlecht. Sie bekom­men die Angriffe der Chefs schon jet­zt zu spüren. Unbe­fris­tete Über­nah­men gibt es kaum noch. Fast alle Auszu­bilden­den bekom­men nur noch Verträge für ein Jahr. Die Angst, die durch diese Ankündi­gun­gen geschürt wird, ent­mutigt viele Auszu­bildende. Ver­gan­gene Aktio­nen der IGM für bessere Über­nah­mebe­din­gun­gen der Lehrlinge scheit­erten. Zwar kon­nte die Leitung nach der Kam­pagne „Oper­a­tion Über­nahme“ zur Auf­nahme der garantierten unbe­fris­teten Über­nahme verpflichtet wer­den. Eine Klausel befre­it das Unternehmen jedoch von dieser Regelung bei schlechter wirtschaftlich­er Lage. Das legt klar die Heuchelei der Gew­erkschafts­bürokratie offen.

Auch die Kol­legIn­nen in Mühlheim an der Ruhr sind von den Kürzun­gen betrof­fen: 950 Beschäftigte von Pow­er & Gas müssen hier gehen. Das steigert die Sol­i­dar­ität unter den Kol­legIn­nen deutsch­landweit und kann eine Chance für eine gemein­same Kam­pagne gegen Ent­las­sun­gen wer­den, die alle Stan­dorte mit ein­schließt.

Auslagerungen

Vom Berlin­er Gas­tur­binen­werk soll die End­mon­tage ganz­er Tur­binen nach Sau­di-Ara­bi­en und St. Peters­burg ver­legt wer­den. Fer­ti­gung und Zukauf von Bauteilen sollen nach Budapest und Brünn aus­ge­lagert wer­den. Zwar wür­den so 100 neue Stellen im Aus­land entste­hen, doch was bringt diese Zahl angesichts der mas­siv­en Stre­ichun­gen? Allein in Deutsch­land wird Siemens 6.800 Men­schen weniger beschäfti­gen. Die IGM plädiert in ihren Stel­lung­nah­men nur für den Erhalt dieser Arbeit­splätze. Dass weltweit über 12.000 Arbei­t­erIn­nen ent­lassen wer­den sollen, scheint für sie neben­säch­lich zu sein.

Der Betrieb­srat reagierte am 12. Mai mit ein­er Betrieb­sver­samm­lung auf offen­em Gelände des Gas­tur­binen­werks. Dazu wurde die Arbeit für eine Stunde niedergelegt. Der Andrang war sehr groß und die Stim­mung kämpferisch. Es kamen Kol­legIn­nen sowie Betrieb­sräte aus dem Berlin­er Schalt- und Mess­gerätew­erk. Diese außeror­dentliche Betrieb­sver­samm­lung wurde nicht been­det. Damit behält sich die IGM das Recht vor, sie jed­erzeit wieder einzu­berufen. Für den 9. Juni wurde die Fort­set­zung im Rah­men eines Aktion­stages angekündigt.

Widerstand

„Men­sch vor Marge“ hat sich die IGM seit Jahren auf die Fah­nen geschrieben. Gegen die Ent­las­sungspläne jedoch geht der Betrieb­srat bish­er nur vor, indem er fre­undliche Briefe ver­fasst und Gespräche mit CDU-Abge­ord­neten sucht. Er ver­tritt immer wieder stan­dort­na­tion­al­is­tis­che Posi­tio­nen, statt für alle ent­lasse­nen Kol­legIn­nen einzutreten. Um dem „Sozial­part­ner“ ent­ge­gen zu kom­men, ruft der Betrieb­srat sog­ar die Belegschaft dazu auf, sel­ber Kürzungsvorschläge im Rah­men von kostensenk­enden Maß­nah­men zu machen. Let­z­tendlich stellt also auch die IGM die Inter­essen der Kap­i­tal­istIn­nen über die der Arbei­t­erIn­nen. Diese Strate­gie kann nicht zum Erfolg führen.

Wir wollen, dass keine Kol­le­gin und kein Kol­lege gehen muss. Die Arbei­t­erIn­nen dür­fen sich nicht ein­schüchtern lassen und müssen sich auch gegen den Willen der Gew­erkschafts­bürokratie betrieblich und über­be­trieblich organ­isieren. Wir brauchen einen Kampf­plan, um gegen die Ent­las­sun­gen vorzuge­hen. Die Umstruk­turierung darf nicht auf dem Rück­en der Belegschaft aus­ge­tra­gen wer­den. Wir wollen uns nicht von der Gier der Kap­i­tal­istIn­nen ver­schlin­gen lassen!

Gün­ter Heu ist Arbeit­er bei der Siemens AG in Berlin.

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