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Lear: Ein Kampf der Geschichte schreibt

Lear: Ein Kampf der Geschichte schreibt

Der Konflikt bei Lear vertieft sich von Tag zu Tag. Die Angriffe, die die Geschäftsführung und die SMATA (Gewerkschaft der Automobilindustrie) unter der Aufsicht der Repressivkräfte ausführen wollen. Während die Regierung komplizenhaft dazu schweigt, werden diese durch neue Aktionen der ArbeiterInnen und der sie unterstützenden Organisationen beantwortet. Gemeinsam mit den ArbeiterInnen kämpfen sie für ihre Wiedereinstellung. In der letzten Woche zeigte sich neuerlich und mit größerer Schärfe einer der größten Kämpfe der vergangenen Jahre. Er hat sich schon in eines der wichtigsten Geschehnisse der nationalen Politik verwandelt, da sich die ArbeiterInnen mit Festigkeit und Entschlossenheit einem mächtigen imperialistischen Unternehmen entgegenstellen und dies zu einem Symbol des Kampfs gegen die Entlassungen und die Kurzarbeit wurde, die schon heute Tausende von ArbeiterInnen betreffen.

Die Delegierten müssen rein!

Für die ArbeiterInnen gibt es nicht einmal die minimalste gewerkschaftliche Demokratie. Auf den Druck auf die ArbeiterInnen innerhalb der Fabrik und die Ankündigung des Unternehmens, dass wenn die Delegierten rein gingen, sie das Land verlassen würden (das heißt, die Geschäftsführung möchte bestimmen, wer DelegierteR ist) folgte am Donnerstag den 17.7. eine betrügerische Versammlung der SMATA in Übereinkunft mit dem Unternehmen, die die Abberufung der Delegierten „abstimmte“. Morgens stiegen die ArbeiterInnen in den Bus ein, der sie zur Fabrik bringen sollte. Drinnen warteten „Jungs“ von der Gewerkschaft und sagten ihnen, dass sie zum Gewerkschaftshaus in Buenos Aires fahren würden, zu einer Versammlung um die Delegierten abzusetzen. Wer sich weigern sollte, würde entlassen werden. Die „Geiseln“ wurden so zu einer „Versammlung ohne Debatte“ gefahren, wie Pignanelli (Vorsitzender von SMATA) selbst sagte, die mit zwei Rednern (ihm und Manrique) begann, bei der die ArbeiterInnen inmitten der Verbrecherbande zur Abstimmung gezwungen wurden. Nicht der geringste satzungsgemäße Schritt der SMATA wurde eingehalten, wie das grundlegende Recht der Verteidigung der Delegierten. Sie ließen sich sogar zu dem Manöver herab, die „Einladungs“briefe mit den Dokumenten so zu verschicken, dass die Delegierten sie erst am nächsten Tag erhielten. Deshalb wurde diese skandalös undemokratische und illegale „Versammlung“ von Menschenrechtsorganisationen und von Dutzenden von AnwältInnen und JournalistInnen verurteilt. Selbst Verbitsky (Leiter der regierungsnahen Menschenrechtsorganisation CELS) von Página 12 griff Pignanelli an und der gewerkschaftliche Leitartikel von Ricardo Cárpena im Clarín (oppositionelle Tageszeitung) bemerkte das Irrsinnige an dieser „Versammlung“. Die ArbeiterInnen antworteten: Diese Versammlung gilt nicht und fochten sie vor dem Ministerium an.

Unterstützung der Bevölkerung und „solidarische Militanz”

Die Sonne des Samstags kündigte einen warmen Tag vor der Fabrik an. Kurz vor Mittag begannen die Vorbereitungen für das Soli-Festival, das mehr als 1.000 ArbeiterInnen und Studierende vor der Fabrik zusammenbringen sollte. Musikbands und Filme, Ballspiele für die Kleinen, ein Solibuffet und Interventionen der ArbeiterInnen von Lear und der Organisationen, die mit ihnen kämpfen, sollten Teil dieses Tages sein, der in entspannter Atmosphäre die Unterstützung für den Kampf der GenossInnen zeigen sollte. Dies zeigte sich besonders an den Delegationen aus verschiedenen Fabriken und Einrichtungen, die nach und nach kamen, alle stolz auf die vorangehende Aktion, die die Streikkasse mit der Kampagne „Einen Millionen Pesos für Lear“ vorangebracht hatte. Schnell wurde eine Versammlung begonnen, damit jede Delegation oder Persönlichkeit, die zur Unterstützung kam, inmitten der AktivistInnen unter Applaus ihren Beitrag verkünden konnte. Der Tag schloss mit mehr als 250.000 Pesos (ungefähr 20.000 Euro) für die Streikkasse. Wir können voll Stolz sagen, dass dieser Kampf nicht durch Hunger gebrochen werden wird.

Ein weiterer Streik, ein weiterer Schlag fürs Unternehmen

Montagmorgens um 6 fand eine erneute Kundgebung vor dem Tor der Fabrik statt. Es wurde in der Versammlung der Kämpfenden diskutiert, dass ein Teil des Kampfplanes der Woche daraus bestehen sollte, dass niemand in die Fabrik reingehen sollte, wenn die nicht Delegierten reingelassen würden. Es gelang erneut ein Vollstreik bei Lear. So begann die Woche mit einem Schlag der ArbeiterInnen gegen das Yankee-Unternehmen.

Pressekonferenz und Strafanzeige gegen Pignanelli

Eine neue Nachricht ging durch die Medien. Pignanelli würde strafrechtlich angezeigt werden wegen Nötigung der ArbeiterInnen, aufgrund der betrügerischen Versammlung am Donnerstag den 17. zu der die ArbeiterInnen gegen ihren Willen gefahren wurden. Auf der Pressekonferenz im Nationalkongress, auf der diese Maßnahme verkündet wurde, waren Dutzende von Persönlichkeiten anwesend, wir zum Beispiel Nora Cortiñas (Mitgründerin der „Mütter von Plaza de Mayo“) und Friedensnobelpreisträger Pérez Esquivel. Im Arbeitsministerium würde der Betriebsrat die Versammlung rechtlich anfechten. Der Ausdruck „Versammlung ohne Debatte“ sickerte zu den Medien durch und, gemeinsam mit der Anprangerung durch verschiedene ArbeiterInnen, bringen diese den groben Totalitarismus, der innerhalb der SMATA herrscht, ans Licht. Die Geschäftsführung und die Bürokratie kämpfen darum, die Diktatur der Bosse zu vertiefen. Die ArbeiterInnen und ihr Kampfplan wiederum zeigen die enorme Unterstützung für die Verteidigung der grundlegenden demokratischen Rechte, wie das Recht von den ArbeiterInnen selbst gewählte VertreterInnen zu haben.

Dritter Nationaler Kampftag

„Streikposten aus Autos“ titelten erstaunt einige Medien. Das würde die „farbige Note“ eines neuen nationalen Kampftags gegen die Entlassungen bei Lear und überall im Land sein. Die Überraschung der Gendarmerie und der Medien, als sie feststellten, dass hinter ihrem Rücken um die Hundert Autos die beiden Seiten der Panamericana (wichtigste Autobahn des Landes und Verbindung zwischen dem Industriegebiet im Norden von Buenos Aires und der Stadt) blockiert hatten, kannte keine Grenzen. Der Erfindungsgeist besiegte die Politik von Sicherheitsminister Berni, die daraus besteht, jede Straßenblockade zu reprimieren und zu räumen. Alle Tageszeitungen, das Radio und das Fernsehen zeigten in Echtzeit den Beginn des Tages, der weit entfernt davon nur aus einer Straßensperrung mit Autos zu bestehen, von einer großen Mobilisierung um 6 Uhr morgens vor dem Tor der Fabrik mit 500 Menschen und Aktionen in verschiedenen Provinzen begleitet wurde.

An diesem Mittwoch stand die Fabrik wieder still. „Ohne die Delegierten funktioniert die Fabrik nicht“ rief der Aktivismus. Um 11 Uhr morgens waren all die hinterhältigen Manöver von Pignanelli besiegt, der auf verschiedene Arten die diversen Kampfmethoden der ArbeiterInnen zu schlagen versuchte – eine Gruppe von KollegInnen ging sogar zu Bussen des Unternehmens, die von der SMATA beaufsichtigt wurden, und umzingelten sie.

Mittags verwandelten sich die „Streikposten der Autos“ in eine Karawane, die bis zur Avenida General Paz zog um die ArbeiterInnen von EMFER (Zugunternehmen) in ihren Kampf um die Bezahlung ihrer Löhne und gegen die Kündigung von 40 ArbeiterInnen zu unterstützen.

Zur gleichen Zeit, aber auf der Plaza de Mayo, gab Elisa Espen von den Müttern des Plaza de Maya den ArbeiterInnen ihr Kopftuch als Ehrenauszeichung für ihren Kampf. Nachmittags kamen dann mehr als 1.500 ArbeiterInnen und Studierende zusammen zum Obelisken im Zentrum von Buenos Aires um vor dem Arbeitsministerium zu demonstrieren. Der Kampftag gipfelte in einer wichtigen Kundgebung vor dem Ministerium, wo die Delegierten, die Kolleginnen der Frauenkommission, KollegInnen von EMFER und AnführerInnen der Parteien, die den Kampf unterstützen, Reden hielten.

Dieser neuerliche Kampftag hatte ein größeres Medienecho als die vorhergegangenen. Er skandalisierte den Angriff des Unternehmens, der mehr als 200 ArbeiterInnen auf die Straße setzte, ebenso wie die Rolle der SMATA und die von ihnen organisierte betrügerische Versammlung, und forderte die Regierung dazu auf, dafür zu sorgen, dass die grundlegenden demokratischen Rechte gewährleistet werden, indem der Betriebsrat an den Anhörungen im Ministerium teilnehmen darf. Die große Unterstützungswelle und die Beharrlichkeit der AktivistInnen, mit Dutzenden Initiativen und Aktionen, hält diesen Kampf, der sich der Allianz zwischen Geschäftsführung, Regierung und Gewerkschaftsbürokratie entgegenstellen muss, am Leben.

Sehr bedeutsam waren außerdem die verschiedenen Formen der Unterstützung der ArbeiterInnen, denen nicht gekündigt wurde, gegenüber den Delegierten und den Kämpfenden. Sie reichten von Grußworten, Aufnahmen der betrügerischen Versammlung der SMATA, rebellischen Gesten gegenüber den Änderungen der Arbeitszeiten und den willkürlichen Transporten, die das Unternehmen und ihre Clique organisieren um die Streikposten zu umgehen. Die Bedrohungen und die Kündigungen haben es nicht geschafft, die Basis des Aktivismus zu brechen.

Neue Anhörung: Der Kampf für „Alle Drinnen“ geht weiter

Heimlich, wie es schon Gewohnheit ist, fand eine neue Anhörung im Ministerium statt: über die ArbeiterInnen von Lear diskutieren, in Abwesenheit der ArbeiterInnen von Lear. Dort „vereinbarte“ man die Wiedereinstellung von weiteren 30 ArbeiterInnen und es wurde eine neue Anhörung für Mittwoch nächster Woche festgesetzt. Niemand kennt bis jetzt die Namen der „Wiedereingestellten“, und es sind neue Manöver der SMATA und des Unternehmens zu erwarten, nicht nur um die AktivistInnen draußen zu halten (keineR der Wichtigsten wurden in die Fabrik rein gerufen), sondern es gibt sogar keine Möglichkeit zu wissen, ob die Menge der Wiedereinstellungen, von der geredet wird, real ist. Und über das Verbot, dass die Delegierten daran hindert in die Fabrik zu gehen, wurde überhaupt nicht geredet. Es ist ein Verdienst des Kampfes der ArbeiterInnen, dass die SMATA und das Unternehmen, die „Verhandlungen“ weiterführen müssen, aber die Losung ist klar: „Nie wieder Familien auf der Straße“. Bis jetzt bleibt die große Mehrheit der ArbeiterInnen draußen, indem eine gesamte Schicht entlassen wurde und die Kämpfenden und die Delegierten nicht reingelassen werden. Wie die ArbeiterInnen am Ende der Kundgebung vor dem Ministerium sagten: „Dieser Kampf hört erst auf, wenn alle KollegInnen zurück an ihren Arbeitsplätzen sind und die Delegierten drin sind“. Eine neue Versammlung der kämpfenden ArbeiterInnen wird heute, Donnerstag, die weiteren Schritte beschließen.

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