Koloniale Rache: Israel massakriert im Libanon

14.06.2026, Lesezeit 7 Min.
1
Foto: mahdi313/shutterstock.com

Mehr als 70 Luftangriffe und über 40 Tote in weniger als 48 Stunden: Während ein Waffenstillstand zwischen dem Iran und Washington näher rückt, rächt sich Israel erneut an der libanesischen Bevölkerung und verübt immer mehr Massaker.

Jedes Mal, wenn sich eine Einigung zwischen den USA und dem Iran abzeichnet, eskaliert Israel den Krieg an der libanesischen Front. Damit versucht der zionistische Staat, Druck auf Trump auszuüben, um den Libanon aus dem Memorandum auszuschließen, das eine allgemeine Waffenruhe an allen Fronten vorsieht. Da Israel keines seiner Ziele im Libanon erreicht hat und die israelische Armee trotz der extremen Brutalität ihrer genozidalen Methoden militärisch in Schwierigkeiten steckt, würde eine durch Verhandlungen mit dem Iran erzwungene Waffenruhe einen strategischen Rückschlag für den Kolonialstaat bedeuten. Eine Perspektive, die Netanjahu um jeden Preis vermeiden möchte.

Am Morgen des 13. Juni intensivierte die israelische Armee ihre kolonialen Operationen im Südlibanon. Im Laufe des Tages erließ Israel zweimal massive Evakuierungsbefehle für vierundzwanzig Ortschaften in den Regionen Nabatiyeh, Jezzine und Saida und forderte die Bewohner:innen auf, ihre Häuser unverzüglich zu verlassen und sich in Richtung des nördlichen Ufers des Flusses Zahrani zu begeben. Zu den betroffenen Ortschaften gehörten insbesondere Nabatiyeh, Kfar Roummane, Deir ez-Zahrani, Harouf, Arab Salim, Jarjouh und Reihan.

Gleichzeitig trafen die Bombardements mehrere Gebiete rund um Nabatiyeh, und insbesondere mehrere Explosionen wurden in der Umgebung von Kfar Roummane und Kfartebnit gemeldet. Die libanesische Armee gab bekannt, dass einer ihrer Soldaten bei einem Angriff einer israelischen Drohne auf die Straße zwischen Kfar Roummane und Nabatiyé schwer verletzt wurde. Erneut wurden auch Rettungskräfte ins Visier genommen: Ein Drohnenangriff richtete sich gegen ein Team der der Amal-Bewegung angehörenden al-Rissala-Pfadfinder im Dorf Siddiqine im Bezirk Tyros, wodurch die Rettungskräfte gezwungen waren, ihren Einsatz abzubrechen. Weiter nördlich wurden mehrere Ortschaften im Bezirk Jezzine, darunter Rihane und Kfarhouna, im Laufe des Tages wiederholt angegriffen. In Rihane wurden ein Bürgermeister und ein ehemaliger Lokalpolitiker getötet.

Auch die West-Bekaa blieb nicht verschont, da die Umgebung von Qlaya und Zilaya ebenfalls von israelischem Beschuss getroffen wurde. Nach Angaben der israelischen Armee wurden allein am 13. Juni mehr als siebzig Angriffe im Libanon durchgeführt. Die Eskalation setzte sich am nächsten Tag mit 29 neuen Evakuierungsbefehlen fort, die mehrere Dörfer in der Region Nabatiye und deren Umgebung betrafen. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums forderten die israelischen Angriffe innerhalb von 48 Stunden 45 Tote und 149 Verletzte. Seit dem 2. März beläuft sich die Bilanz auf 3.756 Tote und 11.632 Verletzte.

Parallel zu dieser Bombardierungskampagne dauerten die Kämpfe vor Ort an. Die Hisbollah bekannte sich zu mehreren Operationen gegen die Besatzungstruppen in den Regionen Nabatiye und Marjeyoun sowie zu einem Angriff auf eine kürzlich errichtete israelische Stellung in Maroun el-Ras. Die israelische Armee ihrerseits meldete mehrfach das Auslösen von Alarmsirenen in den Gebieten Metula, Misgav und Margaliot im Norden Israels, nachdem Flugzeuge, die sie als feindlich bezeichnete, aus dem Libanon eingedrungen waren.

Nach dem Eindringen von Drohnen aus dem Libanon in Richtung Galiläa haben mehrere Persönlichkeiten der israelischen extremen Rechten ihre Forderungen nach einer militärischen Eskalation gegen den Libanon verstärkt. Insbesondere die Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben Gvir forderten die Regierung auf, jegliche Zurückhaltung aufzugeben und eine großangelegte Militäraktion gegen die Hisbollah zu starten, da ihrer Ansicht nach die israelische Abschreckungsfähigkeit direkt auf die Probe gestellt werde.

Smotrich forderte die Anwendung der „Dahieh-Doktrin“, einer Militärstrategie, die auf dem Einsatz überwältigender Gewalt gegen Gebiete basiert, die als Hochburgen der Hisbollah gelten, um massive Zerstörungen anzurichten und die Glaubwürdigkeit der israelischen Abschreckung wiederherzustellen. Auf Seiten der Opposition bildet sich ein Konsens zugunsten eines Völkermords, während sowohl Benny Gantz als auch Yair Lapid Trumps „Einmischung“ in die Fortsetzung des Krieges im Libanon scharf kritisieren und befürchten, dass jeder von Washington und den neuen regionalen Machtverhältnissen nach dem verlorenen Krieg gegen den Iran erzwungene Rückzug Israels Handlungsspielraum im Libanon und in der Region untergraben könnte.

Die iranische Reaktion auf die jüngsten Angriffe auf Beirut ist ein klares Zeichen für die Veränderung der regionalen Machtverhältnisse: Der Iran versucht, eine neue „strategische Gleichung“ durchzusetzen, und zögert nicht mehr, sich zwischen Israel und den angegriffenen Libanon zu stellen. Auch wenn noch abzuwarten bleibt, wie lange die iranische Bourgeoisie diese Linie verfolgen wird, sendet diese Strategie eine klare Botschaft: Israels Handlungsspielraum ist nun eingeschränkt, insbesondere im Libanon.

Die libanesische Delegation setzt ihre Strategie fort, die darauf abzielt, die Libanon-Frage von den laufenden Verhandlungen zwischen Washington und Teheran zu trennen. Diese Ausrichtung wurde vom libanesischen Außenminister Youssef Rajji bekräftigt, der erklärte, dass „die Libanon-Frage von der Iran-Frage getrennt werden muss“. Er lehnte jegliche Verhandlungen im Namen des Libanon durch externe Akteure ab und betonte die Notwendigkeit, die nationale Souveränität und die Unabhängigkeit des Libanon zu wahren. Doch hinter dieser Rhetorik, die darauf hinausläuft, die Fortsetzung des von Israel geführten Krieges in der Hoffnung zu akzeptieren, dass er mit einer Niederlage der Hisbollah endet, versucht die proimperialistische Regierung vor allem, das Land wieder in den israelisch-US-amerikanischen Einflussbereich einzubinden. So begrüßte der Außenminister die Entscheidung von Präsident Joseph Aoun, unter US-Vermittlung direkte Verhandlungen mit Israel aufzunehmen, während sich Beirut darauf vorbereitet, an einer fünften Verhandlungsrunde teilzunehmen, nachdem die vier vorherigen gescheitert sind.

Tatsächlich haben die aufeinanderfolgenden Runden direkter Verhandlungen mit Israel zu keinem greifbaren Fortschritt für den Libanon geführt, sei es in Bezug auf den israelischen Rückzug, die Einstellung der Kämpfe oder das Ende der israelischen Besatzung und der Verletzung der libanesischen Souveränität. Ganz im Gegenteil, sie haben es Israel im Wesentlichen ermöglicht, Zeit zu gewinnen und gleichzeitig seine Militäroperationen gegen den Libanon fortzusetzen und auszuweiten.

Am frühen Nachmittag hat Israel unter dem Vorwand von Hisbollah-Angriffen auf sein Territorium erneut die Dahiyé, einen Vorort im Süden von Beirut, bombardiert, nur eine Woche nach einem ersten Angriff auf dieses Viertel, das es als Hochburg der Hisbollah darstellt. Diese Angriffe hatten die regionalen Spannungen wieder angefacht und eine neue Eskalationsspirale ausgelöst, die durch eine iranische Vergeltungsmaßnahme gekennzeichnet war, auf die israelische und anschließend US-amerikanische Angriffe auf iranischem Gebiet folgten. Indem Israel seine Aggression gegen den Libanon und insbesondere gegen Beirut trotz der vom Iran gesetzten roten Linien fortsetzt, versucht es, das Abkommen zwischen den USA und dem Iran in letzter Minute zu sabotieren, dessen Unterzeichnung laut mehreren Quellen, darunter der pakistanische Präsident Shehbaz Sharif, für heute vorgesehen ist. Da der Iran versprochen hat, auf jeden Angriff auf Beirut zu reagieren, und bereits seinen Willen und seine Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, diese Drohung wahrzumachen, versucht Israel, eine neue iranische Reaktion zu provozieren, die Donald Trump dazu veranlassen würde, auf die Unterzeichnung des Abkommens zu verzichten.

Die nächsten Stunden versprechen schwierig zu werden für die libanesische Bevölkerung, die bereits erschöpft ist von monatelangen Zwangsumsiedlungen, Zerstörungen und der hohen Zahl an Opfern, die immer weiter steigt. In vielen Regionen des Landes äußern weite Teile der Bevölkerung ein tiefes Gefühl der Verlassenheit gegenüber der mitschuldigen Regierung von Joseph Aoun.

Vor diesem Hintergrund erscheint Solidarität mit dem libanesischen Volk notwendiger denn je. Der Aufbau einer internationalen Solidaritätsbewegung, die in der Lage ist, die libanesische Bevölkerung zu verteidigen und sich den von Israel und den Vereinigten Staaten geführten Kriegen zu widersetzen, ist heute dringender denn je.

Dieser Artikel erschien zunächst in Révolution Permanente.

Mehr zum Thema