Israel: Mobilisierung für die Freilassung der Geiseln, die zum Völkermord schweigt
Am Sonntag fanden in Israel massive Mobilisierungen statt, die den Völkermord in Palästina weitgehend ignorierten. Die Ausnahme bildete eine kleine Minderheit mutiger Aktivist:innen, über die die Presse nicht berichten will.
Nachdem die Bewegung der Familien der Geiseln zu Mobilisierungen in Israel aufgerufen hatte, demonstrierten am Sonntag, dem 17. August, mehrere hunderttausend Menschen im ganzen Land. Währenddessen fanden in einigen hundert Unternehmen Teilstreiks statt. Zu einem Generalstreik kam es nicht, da Histadrut, der wichtigste Gewerkschaftsverband des Landes, sich geweigert hatte, sich dem Aufruf der Familien anzuschließen.
Obwohl es sich um die größte Mobilisierung seit September 2024 handelt – bevor die von der Bevölkerung weitgehend befürwortete israelische Aggression gegen den Libanon die nationale Einheit wiederherstellte –, vermittelt die internationale Presse ein verzerrtes Bild des Mobilisierungstages, indem sie ihn als Generalstreik gegen den Krieg in Gaza darstellt.
Zwar ist es unbestreitbar, dass der vom Kriegskabinett vorgeschlagene Plan zur vollständigen Besetzung des Gazastreifens der Auslöser für den Aufruf der Familien war. Doch die Bewegung für die Geiseln kritisiert weniger den Krieg als vielmehr die taktische Entscheidung Netanjahus, die ihrer Meinung nach die noch von der Hamas festgehaltenen Gefangenen gefährdet. Während ein Teil der Familien der Geiseln, die sich im Forum Tikva zusammengeschlossen haben, Demonstrationen verurteilt, „die nur der Hamas dienen“, und zu einer Verstärkung des militärischen Drucks aufruft, kritisiert der andere Teil die Regierungskoalition, die ihrer Meinung nach bereit ist, die Gefangenen in Gaza zu opfern.
Hinter der taktischen Opposition gegen die Regierung besteht jedoch weiterhin Konsens über den Völkermord. Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv bezeichnete Einav Zangauker, eine der führenden Vertreterinnen der Bewegung, die Völkermordoperationen der israelischen Armee in Gaza als „gerechten Krieg“ und warf der Regierung vor, ihn unnötig zu verlängern: „Die Regierung hat nie eine echte Initiative für ein umfassendes Abkommen und die Beendigung des Krieges vorgeschlagen. Sie haben den gerechtesten Krieg in einen sinnlosen Krieg verwandelt.“
An der Seite der Familien standen prominente Mitglieder des Militärstabs wie Yoav Gallant, der vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen verfolgt wird, und der politischen Elite Israels wie Präsident Isaak Herzog. Die Histadrut hatte sich zwar geweigert, sich der Bewegung anzuschließen, doch ihr Vorsitzender Arnon Bar-David war dennoch anwesend, zusammen mit mehreren Oppositionsführern wie Yaïr Lapid. Dieser hatte Netanjahu im vergangenen Herbst dazu aufgerufen, in den Libanon einzumarschieren.
Während Benjamin Netanjahu weiter vorprescht, um sich den Gerichtsverfahren in mehreren Korruptionsfällen zu entziehen, stellen diese Demonstrationen einen neuen Widerspruch für seine extrem rechte Koalition dar. Die Spannungen zwischen Generalstab und Regierung verschärfen sich und Finanzminister Bezalel Smotrich kündigte an, eine neue Siedlungslinie zu errichten, um das Westjordanland in zwei Teile zu teilen.
Unter den Redner:innen waren mehrere ehemalige Hamas-Häftlinge, die Trump aufforderten, sich für einen Waffenstillstand einzusetzen. Iaïr Horn erklärte, Trump habe „die Macht, in die Geschichte einzugehen, als der Präsident, der Frieden geschaffen, den Krieg beendet und das Leiden beendet hat, auch das meines kleinen Bruders“. Während die US-Regierung weiterhin offiziell ihren Vorschlag zur ethnischen Säuberung Gazas unterstützt und die Verhandlungen zwischen Israel und mehreren anderen Ländern über die Deportation von mehreren hunderttausend Palästinenser:innen überwacht, sieht die Bewegung für die Geiseln in Trump einen Schutzpatron.
Tatsächlich sind die Leiden des palästinensischen Volkes für die Bewegung der Familien der Geiseln, die weder die Besatzung noch die Aktionen der Armee in Gaza in Frage stellt, kein Thema. Diese Meinung wird in der Öffentlichkeit weitgehend geteilt, wie das Medienunternehmen Yaani unter Berufung auf mehrere Umfragen hervorhebt: 76,5 Prozent der israelischen Juden:Jüdinnen sind laut dem Israel Democracy Institute der Meinung, dass das Leiden der Palästinenser nicht berücksichtigt werden sollte; 64 Prozent der Israelis sind der Meinung, dass es in Gaza keine Unschuldigen gibt (laut einer Umfrage von Accord vom Juni 2025); während mindestens 70 Prozent der Bevölkerung die Vertreibung der Palästinenser aus Gaza unterstützen (laut einer Umfrage von Haaretz vom Mai).
Eine wichtige Erinnerung, da die europäische Presse eine weitere Tatsache von entscheidender Bedeutung verschweigt: Eine Minderheit von Aktivist:innen nutzte die Mobilisierung am Sonntag, um andere Losungen hochzuhalten, insbesondere durch die Bildung eines kleinen Zuges gegen den Völkermord. Mehrere Demonstrant:innen hielten Plakate mit der Aufschrift „Palestinian Lives Matter“ hoch. Dutzende junger Demonstrant:innen versammelten sich ebenfalls zur Unterstützung von Yona Rosman, die von einem Militärgericht wegen ihrer Weigerung, in der IDF zu dienen, vor Gericht gestellt wurde, und sangen auf Hebräisch: „Vom Fluss bis zum Meer wird Palästina frei sein.“ Auch versuchten einige Protestierende, bestimmte Tunnel oder Straßen zu blockieren. Schließlich fanden am Vorabend, am Samstagabend, mehrere Mobilisierungen mit weitaus radikaleren Parolen statt, bei denen beispielsweise Soldat:innen aufgefordert wurden, „die Massaker zu verweigern“, und Plakate mit der Aufschrift „Stop the genocide“ hochgehalten wurden.
Diese deutlich progressiveren Mobilisierungen sind die Speerspitze einer Bewegung, die mit aller Kraft wachsen muss, unabhängig von der liberalen Opposition gegen Netanjahu und der zionistischen Labour-Partei, indem sie die israelischen Palästinenser:innen und die Flügel der Arbeiter:innenbewegung, die mit dem Zionismus brechen, hinter sich versammelt. Während der Völkermord in Gaza weitergeht, ist der Mut der jungen Kriegsdienstverweiger:innen und der israelischen Antizionist:innen ein Vorbild, dem man folgen sollte. In den Nachbarländern spielen die Mobilisierungen der Arbeiter:innen und Unterdrückten eine entscheidende Rolle, um die bedingungslose Unterstützung ihrer reaktionären Regimes für den Völkermord in Gaza zu beenden, beispielsweise in Ägypten, wo al-Sissi gerade ein Abkommen über den Import von durch Israel gestohlenem palästinensischem Gas im Wert von 35 Milliarden Dollar unterzeichnet hat. In den imperialistischen Metropolen ist es mehr als dringend, dass die Gewerkschaftsführungen ihre Passivität aufgeben und die Kräfte der Arbeiter:innenbewegung in den Kampf gegen die sich beschleunigende Völkermordpolitik werfen.
Dieser Artikel erschien zunächst am 19. August in unserer französischen Schwesterzeitung Révolution Permanente.