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Interview mit Stefan Stoll von Boycott Qatar

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar sorgt für viel öffentliches Aufsehen. Wir haben uns mit einem Aktivisten der Kampagne #boycottqatar2022 getroffen, um über die Hintergründe der WM, die Gedanken und Gefühle der Fanszene zu sprechen.

Interview mit Stefan Stoll von Boycott Qatar
Foto: fifg / shutterstock.com

Wir begrüßen ganz herzlich Stefan Stoll von der Initiative #boycottqatar2022 zu einem Interview. Stell dich zu Beginn doch gerne mal selbst vor.

Mein Name ist Stefan Stoll, bin aus Karlsruhe und dort innerhalb der Fanszene des Karlsruher SC aktiv bei “Blau-Weiß statt Braun”, sowie seit diesem Jahr eben bei #boycottqatar2022. Letzteres ist eigentlich ein Netzwerk, welches sich gegen die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar richtet, da es unserer Ansicht nach die Spitze des Kommerzes in unserem Sport darstellt. Menschenrechte, menschliche Schicksale und vieles mehr zählen überhaupt nicht. Man könnte sagen, die Vergabe an Katar damals im Jahr 2010 war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Schließen wir dort direkt an: Warum sprecht ihr euch für den Boykott aus? Was sind speziell die Gründe, die Fußballfans betreffen, aber welche Gründe gibt es auch, die jede:n dazu bewegen sollte, eure Initiative zu unterstützen?

Zum einen ist es die Situation in Katar selbst, also zum Beispiel die Verletzung der Menschenrechte in Bezug auf Frauen und die queere Community. Des Weiteren sind es die Umstände der Arbeiter:innen, die so schrecklich sind, dass es Sklaverei nahekommt. Jede:r hat von den mehr als 6.000 Menschen gehört, die beim Bau der Stadien gestorben sind und auch das “Kafala-System” lehnen wir ab. Hinweise aus aller Welt darauf, wurden von den Verantwortlichen stets ignoriert.

In Katar gibt es keinerlei Fußballkultur, was da eine Weltmeisterschaft überhaupt soll, erschließt sich dem Fußballfan überhaupt nicht. Auch der Wahnsinn, dass ein solches Turnier an ein Land vergeben wird, in dem es im Sommer so heiß ist, dass die Austragung in den Winter verlegt werden muss. Trotzdem müssen die Stadien wohl noch um etwa 20 Grad heruntergekühlt werden, um den Sport überhaupt ermöglichen zu können. Wo wir beim nächsten wichtigen Aspekt sind, die Frage der Nachhaltigkeit. Die gebauten Stadien sollen zum Teil nach dem Turnier wieder abgerissen werden, da es für sie nach den vier Wochen keine Verwendung mehr gibt. Außerdem ist mittlerweile auch bekannt, dass Mannschaften und Fans zum großen Teil außerhalb des Landes untergebracht werden müssen, da in Katar selbst nicht genug Platz ist. Dementsprechend müssen sie immer wieder eingeflogen werden.

Von der massiven Korruption, unter die die Vergabe damals ablief, haben wir da noch gar nicht gesprochen. Insgesamt sind es einfach untragbare Zustände. Es zählt nur rein das Geld verdienen in Katar. Die Weltmeisterschaft soll benutzt werden, um das Image von Katar weltweit zu verbessern.

Ist Katar das Ergebnis einer länger existierenden Entwicklung? Welche Parallelen und Unterschiede seht ihr im Hinblick auf die Vergaben der Weltmeisterschaften 2014 in Brasilien und 2018 in Russland, die seinerzeit auch kritisch gesehen wurden?

Also, mit Russland war es mit Sicherheit damals schon kritisch zu sehen, jetzt im Nachhinein sowieso. Brasilien ebenfalls. Leider ist es so, dass die WM in der jüngeren Vergangenheit in Länder vergeben werden mit einem bestimmten Herrschaftssystem. Die FIFA hat halt gewisse Wünsche, wie Steuerfreiheit und ähnliches. In diesen Ländern scheint es wohl einfach leichter Geld zu verdienen. Als die Korruption der FIFA, die lange vermutet, aber nie bewiesen war, im Mai 2015 endgültig entlarvt wurde, warf das nochmal ein anderes Licht auf Katar. Ich denke, Katar brachte das Fass zum Überlaufen durch die Kombination mit den anderen Absurditäten, wie die, dass man das Turnier in den Winter legen musste.

Es ist einfach nicht nachvollziehbar, die WM in ein Land zu vergeben, indem sich das Turnier dem Land anpassen muss, die Fans nichts dürfen und nichts zu melden haben, sondern am besten nur kurz für gute Bilder sorgen und Geld ausgeben. Weiter wird nur in die eigene Tasche gewirtschaftet, die Umwelt wird ignoriert und eine Fußballkultur braucht es auch nicht. Ich denke, das ist der Hauptgrund, warum sich der Protest im Vorfeld von Katar bündelt. Der vollständige Boykott war eine Maximalforderung, dass diese nicht erfüllt werden kann, war eigentlich klar. Ich glaube trotzdem, je weniger Zuschauer dieses Event hat, desto größer wird der Imageschaden für die FIFA. Vielleicht werden sie dann bei der nächsten Vergabe etwas mehr darüber nachdenken, was sie eigentlich tun.

Die Gegenseite ist der Auffassung, die Weltmeisterschaft in Katar würde die Zustände dort verbessern. Die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung hätte einen positiven Effekt auf die Menschenrechtslage und gerade deswegen sollten solche Veranstaltungen in Ländern wie Katar stattfinden. Was antwortet ihr darauf?

Diese Argumentation stimmt einfach von vorne bis hinten nicht. Blickt man in die Vergangenheit, war es immer so, dass der Fokus kurz auf dieses Land gerichtet war. Danach war die Öffentlichkeit wieder weg, die Stadien verfallen einfach und Menschenrechtslagen haben sich nicht verändert. In Russland beispielsweise wurden ganze Bevölkerungsgruppen für die Weltmeisterschaft 2018 umgesiedelt. In Katar wird es im Endeffekt genauso sein. Die Lage wird während des Turniers so sein, dass es nicht eskaliert, für TV-Bilder wird zum Beispiel die ein oder andere Regenbogenflagge toleriert und sobald das Turnier vorbei ist, werden sie wieder ihren alten Stiefel laufen.

Auf eurer Webseite schreibt ihr über einen Beitrag der ARD, wo die Euphorie im Vorfeld des Turniers propagiert wird. Gleichzeitig veröffentlichte die Sportschau vor einigen Tagen eine Dokumentation mit dem Titel “WM der Schande”. Wie ordnet ihr dieses Verhalten der Öffentlich-Rechtlichen, die auch Inhaber der Übertragungsrechte in Deutschland sind, ein? An eben jene Inhaber von Übertragungsrechten, gab die Katarische Regierung vor wenigen Wochen einen Regelkatalog heraus, wie die Berichterstattung vor Ort ablaufen soll bzw. darf. Was erwartet ihr von der Berichterstattung während des Turniers?

Also gerade dieser angesprochene Regelkatalog zeigt ja schon, wie die Regierung Katars die Pressefreiheit mit Füßen tritt und versucht sogar, die internationale Presse in ihre Richtung zu beeinflussen. Bezüglich der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen, die mal für die Stimmung bei einem großen Fußballturnier wirbt, aber dann auch wieder über die Menschenrechtsverletzungen in Katar berichtet: Ich denke, das ist auch der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen, auch kritisch zu berichten. Wir vermuten aber, dass während dem Turnier selbst die Kritik nicht allzu laut sein wird. Zumindest nicht von der Stelle, die die WM überträgt. Weil sie ganz einfach an schönen Bildern interessiert sind. Ich bezweifle jedoch, dass sie die so einfach bekommen werden, weil es ja auch so gut wie kein Public Viewing gibt. Wen wundert es auch? Im Winter habe ich auch keine Lust, draußen zu stehen.

Sie haben vorher schon kurz angesprochen, dass der Boykott die Maximalforderung wäre, die aber nicht realisierbar scheint. Was genau erhofft ihr euch von dem Boykott, welche Größenordnung braucht es, um einen wirklichen Effekt zu erzielen?

Dazu würde ich kurz in die jüngere Vergangenheit blicken. Diese Boykottbewegung hat erst Fahrt aufgenommen. Dazu gehören ja auch Aktionen, wie die der belgischen Nationalmannschaft, die kürzlich bekannt gab, mit schwarzen Trikots sowie schwarzer Werbung auf ebensolchen spielen zu wollen. Oder aber die Kapitänsbinde in Regenbogenfarben, die Manuel Neuer tragen möchte. Ich glaube, das sind alles so kleine Maßnahmen, die erstmal Katar weh tun, weil die das ja überhaupt nicht wollen. Von der Größenordnung des Boykotts geht es, denke ich, darum zu versuchen, dass dieses Event finanziell nicht den erwünschten Erfolg bringt. Weder für die Regierung Katars, noch die FIFA oder teilnehmende Sponsoren und Nationen. Außerdem, dass das Ansehen der WM von Katar nicht dazu genutzt werden kann, sich reinzuwaschen. Ich glaube, es geht wirklich darum, so doof es klingt, finanziellen Schaden zu maximieren. Bedeutet, dass weniger Produkte von Sponsoren, wie Coca-Cola oder McDonalds, konsumiert werden. Bezüglich der Fernsehübertragungsrechte wäre es natürlich schön, wenn einfach keiner zuschauen würde, was sicher utopisch ist. Sollte die Einschaltquote aber spürbar schlechter sein als bei vergangenen Turnieren, hätte es mit Sicherheit einen Effekt und würde die Verantwortlichen bei zukünftigen Vergaben zum Nachdenken bringen.

Viele Ansätze, über die du gesprochen hast, eben ein Zurückziehen aus dem Konsum des Turniers, sind passive Protestmöglichkeiten. Habt ihr darüber hinaus in Erwägung gezogen, auch einen Protest auf die Straße zu bringen? Gab es darüber Austausch in der aktiven Fanszene deutscher Fußballvereine?

Realistisch ist es theoretisch schon, nur ist es schwierig, die ganze Fußballszene unter einen Hut zu bringen. Das letzte Mal, als die Fanszenen mehrerer Vereine gemeinsam für eine Demonstration auf die Straße gingen, war im Jahr 2005 in Frankfurt. Damals ging es gegen die übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen in deutschen Fußballstadien. Diese wurden stetig schlimmer, umso näher die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land rückte. Einfache Polizeikontrollen im Zusammenhang mit Fußballspielen reichten teilweise aus, um in der Datei “Gewalttäter Sport” aufzutauchen. Das “Sommermärchen” war für die Fußballkultur und die Fans der aktiven Szene eine Katastrophe.

Wir schlagen eher vor, alternative Veranstaltungen während der Turnierzeit zu organisieren. Fußballkneipen könnten Podiumsdiskussionen oder Quiz- bzw. Filmabende anbieten. Wir denken daran, Amateurspiele zu bewerben, die während der WM-Spiele stattfinden, die dann von hunderten oder vielleicht sogar tausenden Leuten besucht werden könnten. Es gibt zum Beispiel eine Aktion namens Back2Bolzen, die bundesweit stattfindet. Das ist eine Aktion, die in das Leben gerufen wurde durch Fans des FC Schalke 04. Die Idee ist, dass Hobby-Fußballturniere veranstaltet werden, um den wahren Fußball als Alternativprogramm zur Weltmeisterschaft zu zeigen. Es gab aber auch Kunstaktionen, wie z. B. Fleck der Schande, die in ähnlicher Form nochmal im Westfalenstadion stattfinden soll.

Die letzte Frage schließt direkt daran an. Wie kann man euch unterstützen, sich aktiv bei euch beteiligen?

Wir setzen darauf, dass die Leute, die sich aktiv für einen Boykott entscheiden, sich in ihrer Region, in ihrer Fanszene engagieren und solche Veranstaltungen organisieren. Wir unterstützen dann mit unserer Reichweite dafür, dass mehr Leute davon erfahren. Wir bieten auf unserer Webseite auch Banner und Sticker an, die dann durch Unterstützer:innen den Weg in die Stadien und die Fernsehbilder finden.
Die Leute sollten sich bewusst werden, dass sie auf diese Weltmeisterschaft verzichten können. Weil schön, wird sie mit Sicherheit nicht werden!

 

One thought on “Interview mit Stefan Stoll von Boycott Qatar

  1. SSV Ulm 1846 sagt:

    Danke für das Interview!
    Boykottiert nicht nur die WM in Katar, boykottiert generell den männlichen Profifußball! V.a. WM,EM,CL u.s.w.
    Unterstützt eure (kleineren) Vereine vor der Haustüre, anstatt den Millionenkonzernen Geld hinterherwerfen.
    Mehr Kritik am extrem kapitalistischen System, runter mit den Millionengehältern, runter mit den Eintrittspreisen!

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