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Inter­view: Lok­füh­re­rIn­nen im Streik

Interview: LokführerInnen im Streik

Letzte Woche fand einer der längsten Streiks der Bahngeschichte statt. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer setzte damit ein starkes Zeichen gegen die Hinhaltetaktik des Unternehmens. Ein Interview mit Steve, Mitglied der Ortsjugend und der Streikleitung der GDL Würzburg.

Wie empfindest Du die Bezahlung und Arbeitsbedingungen bei der Bahn?

Ich bin seit drei Jahren Lokführer bei der DB Regio AG Franken in Würzburg. Die Bezahlung ist mit einem Einstiegsgehalt von ca. 2400 Euro brutto an sich in Ordnung. Bei Betrachtung der hohen Verantwortung und dem deutschen Durchschnittsverdienst von circa 3.400 Euro Brutto, ist unser Verdienst jedoch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen und europaweit natürlich zu niedrig, aber dafür kämpfen wir ja nun. Ebenso kämpfen wir um bessere Arbeitsbedingungen. Ich habe regelmäßig eine Sechs-Tage-Woche. Zudem gibt es KollegInnen mit sehr vielen Überstunden, bis zu 500 oder mehr. Im Zugbegleitdienst ist es sogar noch schlimmer.

Die Kernarbeitszeit liegt bei 7:48 Stunden pro Tag, jedoch variieren die Schichtlängen. Es gibt kurze Schichten, längere Schichten, bis hin zur völligen Ausreizung bis auf 11 Stunden 55 Minuten und in anderen Bereichen sogar noch länger. Was jedoch den Beruf so anspruchsvoll macht, und warum es Verbesserungen geben muss, ist der Schichtdienst. Bei einer Frühschicht kommt es vor, um zwei Uhr nachts aufstehen zu müssen und bei Spätschichten bis zwei oder drei Uhr zu arbeiten.

Wie ist die Beteiligung und die Stimmung an der Basis?

Die Streikbeteiligung in Würzburg ist bis auf kleinere Ausnahmen sehr hoch, gerade im Bereich meiner Jugend kann ich eine 100-prozentige Beteiligung verzeichnen. Die Stimmung ist gemischt. Im Streikbüro oder vor dem Bahnhof haben wir immer eine kämpferische Stimmung. Allmählich wird die Wut auf den Vorstand größer und wir wünschen uns natürlich, dass er einlenkt und es einen Tarifabschluss gibt.

Hinzu kommt, dass jeder Streik die Mitglieder Geld kostet und Unmut über längerfristige Aktionen entsteht. Das ist aber normal, denn das Streikgeld kann den Verdienstausfall nicht 100-prozentig ausgleichen. Trotzdem ziehen noch alle mit und zeigen Kampfeswillen.


Wie ist das Verhältnis zu den KollegInnen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)?

Auf der einen Seite gibt es aktive EVG-KollegInnen, die auch die Hetze gegen die GDL mittragen. Ebenso gibt es KollegInnen, die sich von den Medien und der EVG-Propaganda blenden lassen und auf Claus Weselsky schimpfen. Es gibt auch viel Anti-GDL Propaganda, das geht zum Beispiel soweit, dass Azubis gesagt wird, sie dürften nicht in die GDL, sondern nur in die EVG eintreten. Aber der Großteil der EVG-Mitglieder in Würzburg versteht uns, unterstützt die Forderungen und zeigt Solidarität. Nur wechseln sie leider nicht zur GDL! Als gespalten kann die Belegschaft also auf keinen Fall bezeichnet werden!

Wie empfindet Ihr die öffentliche Meinung?

Die öffentliche Meinung hält sich ungefähr bei 50:50. Es gibt natürlich Einige, die sich beschweren. Aber allmählich durchschauen mehr KundInnen, dass die Bahn durch ihre Blockadehaltung die Unruhe stiftet. Ebenso fragen uns viele nach unserer Sicht auf die Dinge, da sie den Medien nicht mehr vertrauen. Nach längeren Gesprächen gibt es dann oftmals doch solidarische Bekundungen. Allgemein gesagt gibt es doch mehr Solidarität von KundInnen, als es durch die Medien dargestellt wird. Die Medienhetze ist natürlich schlimm, es wird vieles verschwiegen, was aufzeigen würde, dass nicht wir die Schuldigen sind.

Es ist sehr schwer die Öffentlichkeit besser zu überzeugen, da die Presse nach dem Willen von Politik und großen Unternehmen wichtige Details auslässt oder falsch darstellt, um die ArbeitnehmerInnen gegeneinander auszuspielen. Klar ließe sich die Informationspolitik der GDL noch verbessern, aber unsere Pressemitteilungen und Internetpräsenz werden von den Medien ignoriert. Dem ist nur entgegenzuwirken, indem wir bei Streiks Präsenz zeigen, mit KundInnen reden und auch Informationsblätter heraus geben!


Welche Chancen würden sich aus der Zusammenarbeit mit Streikenden anderer Sektoren ergeben?

Ich begrüße es sehr, dass immer mehr Berufsgruppen in Arbeitskämpfe gehen und etwas für ihre Arbeitsbedingungen tun, da lange nichts geschehen ist und nur Gewerkschaften wie die GDL oder Cockpit wirklich etwas getan haben. Ich finde es in der heutigen Zeit, in der es oft nur darum geht hohe Gewinne zu erzielen, sogar immens wichtig, dass ArbeitnehmerInnen sich nicht alles gefallen lassen, denn nur vom Meckern wird es nie Verbesserungen geben. Nur leider sind es in Deutschland zu wenige, nur circa 20 Prozent, die noch in einer Gewerkschaft organisiert sind. Da sollten die Gewerkschaften vielleicht noch mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Als Zusammenarbeit zwischen Streikenden fällt mir zum Beispiel der Generalstreik ein, der es möglich machen würde dem kapitalistischen Staat aufzuzeigen, dass es so nicht weiter geht. Nur ist ein Generalstreik in unserem Land ja unerwünscht. Darüber hinaus wird es durch gegenseitige Solidaritätsbekundungen eventuell möglich, die Leute wach zu rütteln und sie dazu zu bewegen auch selbst für ihre Rechte einzustehen! Es gibt schließlich genügend deutlich unterbezahlte Berufsgruppen in Deutschland.


Welche Bedeutung spielt das Tarifeinheitsgesetz für den Streik?

Grundsätzlich spielt das Tarifeinheitsgesetz keine größere Rolle in diesem Streik, da politische Streiks verboten sind und es nicht erlaubt ist, dagegen zu streiken. Dennoch gibt es den Versuch, vor Inkrafttreten des Gesetzes einen Abschluss zu erzielen. Es ist natürlich auch eine gewisse Anspannung bei KollegInnen zu spüren, da das Gesetz darauf abzielt, Gewerkschaften, die wirklich etwas bewegen, einfach „mundtot“ zu machen. Jedoch überwiegt die Zuversicht, da dieses Gesetz ganz klar gegen das Grundgesetz und das darin enthaltene Streikrecht verstößt und somit entweder gar nicht erst verabschiedet wird oder spätestens vor dem Verfassungsgericht nicht stand halten wird.

Wie kann der aktuelle Arbeitskampf gewonnen werden?

Der Arbeitskampf ist mittlerweile zu einem Überlebenskampf geworden, da Bahn und Politik keine Kosten scheuen, um die GDL zu zerschlagen. Der Kampf kann also nur gewonnen werden, wenn jedes Mitglied sich im Klaren darüber ist, um was es wirklich geht, alle stark bleiben, die GDL als Gemeinschaft nah beisammen steht und niemals locker lassen wird. Wir müssen uns immer wieder darauf besinnen für was wir stehen: Stark, unbestechlich und erfolgreich für das Zugpersonal! Trotz aller Schwierigkeiten, die ein Streik mit sich bringt, dürfen wir nicht aufgeben und müssen durchhalten. Dahingehend wäre es wichtig Streiks taktischer auszurichten, indem man anstelle von längeren Aktionen zum Beispiel lieber kleine aber effektive Nadelstiche setzt, um den Druck hochzuhalten.

Der beste und einfachste Weg wäre natürlich, wenn die Deutsche Bahn ihre Hinhaltetaktik und Blockadehaltung endlich ablegt. Nachdem sich die Vorstände selbst ihre Boni um 174 Prozent erhöht haben, sollten sie aufhören das Zugpersonal mit Brot abzuspeisen und es der GDL endlich ohne Vorbedingungen gestatten, für ihre Mitglieder, welche ihr Grundrecht auf Koalitionsfreiheit in Anspruch nehmen, Tarifverträge auszuhandeln!

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