Unsere Klasse

„Hört auf mich so anzuschauen!“

Unser Autor bekommt jeden Tag auf dem Weg hin und zurück von der Arbeit eine ganz besondere Art von Blicken zugeworfen. Das soll aufhören, meint er.

Ich bin Joseph, 20 Jahre alt und trage eine Latzhose auf der Arbeit, und auch auf dem Weg hin und zurück. Nun sollte sich das nicht anhören wie ein Geständnis, es sollte sich auch nicht anhören wie mein Einleitungssatz in einer Selbsthilfegruppe. Aber es fühlt sich ein wenig so an, wenn ich es schreibe. Schaut, ich muss in zwei Stunden wieder los, aber bevor ich mich umziehe und – in Nacht und Nebel – vor die Tür trete, möchte ich noch etwas loswerden, und zwar: Hört auf mich so anzuschauen!

Ich weiß nicht, wie viele es nachvollziehen können, aber wenn man Arbeitshosen trägt, zieht man – so fühlt es sich an – eine ganz besondere Art von Blicken auf sich. Sie sind nicht hämisch, sie sind nicht bösartig, sie sind… mitleidig. Ganz recht, sie sind mitleidig, so wie Klassenkamerad*innen schauen, wenn man eine schlechte Note bekommen hat, oder mensch ein Kind anschaut, dessen Haustier starb. So wie man halt schaut, wenn man der eigenen Machtlosigkeit bewusst ist, sein Mitleid aber dennoch ausdrücken will. Ob auf der Straße oder in der Bahn: Sobald ich meine Latzhose und meine Warnweste anziehe – Grüße gehen raus an die Kolleg*innen von der Gleisbettreinigung und jeder*m anderen, die*der mit uns da unten hockt! –, schaut man mich an, als hätte ich ein besonderes Übel zu tragen, als wäre es ein besonders schweres Schicksal oder als… ich kann es nicht beschreiben, aber es fühlt sich gar nicht gut an. Es gipfelte jedenfalls darin, dass ich gestern Nacht, als ich in mir bekannte Räume einkehrte, wo ich sonst Genoss*innen und Freund*innen erwarte, von irgendwelchen Potheads ausgelacht wurde, ziemlich deutlich für Weste und Latzhose. Ich wurde traurig, ich bin wieder gegangen, ich war schlichtweg überfordert. Wie reagiert man darauf? Wie reagiere ich auf die Blicke? Ich weiß es noch nicht, aber ich will euch eines sagen:

Ihr habt ja scheinbar irgendeinen Respekt vor der Arbeit. Ich weiß nicht, ob ihr sie als besonders gefährlich, besonders schwer oder sonst was einschätzt, aber die Blicke kommen ja nicht von irgendwoher, aber zeigt uns das anders. Bitte. Ein Nicken, ein Lächeln, irgendwas oder auch nichts, aber schaut uns nicht so an, als wären wir Abschaum oder auf dem Weg zu unseren eigenen Beerdigungen. Es gibt tatsächlich Leute, die freuen sich auf die Arbeit – sei es, weil wir besonders tolle Genoss*innen und Kolleg*innen haben; sei es, weil wir wissen, dass wir was wichtiges tun; sei es warum auch immer. Und natürlich gibt es auch jene (und da kommt jede*r mal hin), die es besonders schwer haben und ihren Job hassen, aber niemandem ist durch mitleidige Blicke geholfen. Spart euch das und taucht bei unseren Streiks auf, taucht auf unseren Plena auf oder macht euch selbst einen Kopf und reflektiert, woher dieses Mitleid kommt.

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