Hintergründe

Good for Something: Depressive Erfahrungen als politische Fragestellung

Zum Tod von Mark Fisher schreibt Gastautor David Doell über den Zusammenhang von Depression und Kapitalismus.

Good for Something: Depressive Erfahrungen als politische Fragestellung

Vor drei Wochen hat sich der Autor, Kul­tur­wis­senschaftler und Hauntologe Mark Fish­er das Leben genom­men. Bekan­nt ins­beson­dere durch das Konzept des „kap­i­tal­is­tis­chen Real­is­mus“, der The­o­retisierung der „Alter­na­tivlosigkeit“ in der neolib­eralen Epoche des Kap­i­tal­is­mus, set­zte sich Fish­er auch mit dem Phänomen der Depres­sion und dessen poli­tis­ch­er Ver­fass­theit auseinan­der. In dem nach seinem Suizid vielfach geteil­ten Text „Good for Noth­ing“ [1] beschreibt er seine depres­siv­en Phasen ein­drück­lich als zugle­ich indi­vid­u­al­isierte Lei­der­fahrun­gen und Aus­druck von sozialen Kräftev­er­hält­nis­sen. Damit untern­immt Fish­er einen per­for­ma­tiv­en Akt, der in Klasse­nau­seinan­der­set­zun­gen inter­ve­niert, indem er anhand von eige­nen Erfahrun­gen das (immer noch) tabuisierte The­ma der Depres­sion als poli­tis­ches Kampf­feld ausweist. Das Mutige seines Ein­satzes liegt in der scho­nungslosen Aussprache über sich selb­st, welche wed­er in Selb­st­mitleid umschlägt noch ver­sucht Ver­ant­wor­tung wegzuschieben, wenn er die soziale Dimen­sion sein­er Erfahrun­gen erläutert. Im Fol­gen­den möchte ich Mark Fish­ers Ein­satz aufnehmen, in einem selb­stre­flex­iv­en Dreis­chritt das Phänomen der Depres­sion an eige­nen Erfahrun­gen in den sozialpoli­tis­chen Kon­text der Zeit ein­bet­ten und Per­spek­tiv­en für die poli­tis­che Prax­is aufzeigen.

Das individuierte Phänomen

Depres­sio­nen wer­den teil­weise von ein­er höh­nis­chen „inneren“ Stimme erzeugt, die dich anklagt, zu nachgiebig gegen dich selb­st zu sein – du bist nicht depres­siv, du bemitlei­dest dich nur selb­st, reiß dich zusam­men – und diese Stimme ist anfäl­lig, davon aus­gelöst zu wer­den, dass du mit dein­er Lage an die Öffentlichkeit gehst. Natür­lich ist diese Stimme über­haupt keine „innere“ – es ist der inter­nal­isierte Aus­druck tat­säch­lich­er sozialer Kräfte, von denen manche ein per­sön­lich­es Inter­esse daran haben, jede Verbindung von Depres­sion und Poli­tik zu leug­nen. Meine Depres­sion war immer mit der Überzeu­gung ver­bun­den, dass ich wortwörtlich zu gar nichts zu gebrauchen war. [2]

Es gibt vielfältige Aus­prä­gun­gen von depres­siv­en Erkrankun­gen, sowohl was die Dauer ein­er depres­siv­en Episode als auch deren spez­i­fis­che Aus­prä­gun­gen und Inten­sitäten anbe­langt. Die „Deutsche Gesellschaft für Psy­chi­a­trie, Psy­chother­a­pie und Ner­ven­heilkunde (DGPPN)“ gibt drei Haupt­symp­tome an: 1. Stim­mung­seinen­gung bis zu einem Gefühl der Gefüh­llosigkeit, 2. Inter­essen­ver­lust und Freud­losigkeit und 3. Antrieb­s­man­gel und erhöhte Ermüd­barkeit. Als Zusatzsymp­tome gel­ten: 1. ver­min­derte Konzen­tra­tion und Aufmerk­samkeit, 2. ver­min­dertes Selb­st­wert­ge­fühl und Selb­stver­trauen, 3. Schuldge­füh­le und Gefüh­le von Min­der­w­er­tigkeit, 4. neg­a­tive und pes­simistis­che Zukun­ftsper­spek­tiv­en, 5. Suizidgedanken oder ‑hand­lun­gen, 6. Schlaf­störun­gen, 7. ver­min­dert­er Appetit [3]. Wer­den drei der Haupt­symp­tome und fünf oder mehr der Zusatzsymp­tome fest­gestellt, wird von ein­er „schw­eren Depres­sion“ gesprochen. Zusät­zlich kann ein „soma­tis­ches Syn­drom“ ein­treten, was sich unter anderem in 1. Inter­essen­ver­lust oder Ver­lust von Freude, 2. man­gel­nder Fähigkeit emo­tion­al zu reagieren, 3. früh­mor­gendlichem Erwachen, und 4. einem all­ge­meinen Mor­gen­tief äußern kann.

Mit dieser Liste erhebe ich keinen Anspruch auf Voll­ständigkeit – vielfältige depres­sive Lei­der­fahrun­gen (die sich mit anderen Unter­drück­ungsver­hält­nis­sen über­schnei­den) wer­den darin wahrschein­lich nicht abge­bildet –, son­dern möchte viel eher einen Ein­blick in das teil­weise undurch­dringliche Labyrinth des depres­siv­en Lebens geben. Sobald ich mich selb­st in ein­er „schlecht­en Phase“ befinde, in der sich die depres­sive Erkrankung zus­pitzt, bin ich in der Regel nicht in der Lage meine Lei­der­fahrun­gen in dieser Weise aufzuschlüs­seln. Wenn ich Freund*innen schreibe, dass es mir „nicht so gut geht“, tre­f­fen in der Regel alle Haupt- und Zusatzsymp­tome zu, manch­mal über mehrere Monate. Für mich ist eine depres­sive Episode dabei in jeden Fall auch immer mit soma­tis­chen Symp­tomen ver­bun­den, und vielle­icht sog­ar grundle­gend (und zuerst) ein „Gefühl der Gefüh­llosigkeit“, eine Ent­frem­dung von meinen kör­per­lich­er Wahrnehmungs- und Bewe­gungsmöglichkeit­en. Es gibt während dieser lan­gan­hal­tenden Phasen natür­lich bessere und schlechtere Tage, Momente in denen ich Lesen oder Lachen kann, struk­turell dominiert aber eine sich über­lagernde Abfolge von Ermat­tungser­schei­n­un­gen, Kör­per­schmerzen und Ver­sagens­ge­fühlen, mit einem mal ener­getisch, mal hoff­nungs­los geführten Abwehrkampf.

Oft­mals spitzen sich die Lei­der­fahrun­gen für mich in ein­er Weise zu, dass sie in ein­er all­ge­meinen Erstar­rung und Hand­lung­sun­fähigkeit mün­den. An dieser Stelle bin ich oft tage­lange nicht in der Lage etwas zu essen oder meine Woh­nung zu ver­lassen. Ich habe das – teil­weise auch soma­tis­che – Gefühl zu „ster­ben“, was sich – metapho­risch gesprochen – so anfühlt, als ob mein Kör­p­er keine Kraft mehr für grundle­gende vitale Funk­tio­nen auf­brin­gen kann, und sich eine unmit­tel­bare und pro­jek­tive Exis­ten­zangst ein­stellt. Spätestens an diesem Punkt wer­den exzes­sive Selb­st­mord­phan­tasien zu ein­er tagträumerischen Alter­na­tivwelt, die das erlebe „Ster­bens­ge­fühl“ immer­hin in der Hin­sicht pos­i­tiv übertr­e­f­fen, als dass sie eine „Eige­nak­tiv­ität“ simulieren (der Suizid ist eine Tat), und eine Aus­sicht auf ein Ende der unerträglich gewor­de­nen Exis­tenz bieten. Unerträglich scheint diese Exis­tenz nicht nur als aktualer Schmerz, son­dern auch als soziale Posi­tion­ierung, näm­lich als Scham vor dem eige­nen Ver­sagen.

In Zeit­en in denen Scham als poli­tis­ches Gefühl – ins­beson­dere im Zuge der Eri­bon-Rezep­tion – (wieder) einen gesellschaft­skri­tis­chen Gehalt zu bekom­men scheint, möchte ich ins­beson­dere auf diesen Aspekt einge­hen, da er auch für die weit­erge­hende Betra­ch­tung der „Depres­sion als sozialen Fragestel­lung“ wichtig sein wird. Scham scheint mir eine der zen­tralen Gefühlsla­gen zu sein, die mit der Freiset­zung des „neuen Geist des Kap­i­tal­is­mus“ und der Ver­ant­wortlich­machung des Indi­vidu­ums und der hyper­indi­vid­u­al­isierten Leis­tungs­ge­sellschaft ein­herge­ht. Ich ver­mute, dass die oft beschworene Rede vom „abge­hängten und prekarisierten Leben“ in der Fig­ur der „depres­siv­en Per­son“ einen Kul­mi­na­tion­spunkt erre­icht. Für nichts schäme ich mich mehr als dafür „depres­siv“ zu sein, wed­er für meine Herkun­ft noch für meine Bil­dung, wed­er für meinen Man­gel an ökonomis­chen noch an sozialem Kap­i­tal: Das Gefühl nichts zu kön­nen – nicht nur keine Pro­duk­tion­s­mit­tel zu besitzen, son­dern de fac­to (tem­porär) auch keine Arbeit­skraft – ist das ulti­ma­tive Schamer­leb­nis ein­er Epoche, die ver­spricht, dass jede*r zu allem in der Lage sei. Keine poli­tis­che Arbeit machen zu kön­nen, nicht sprechen zu kön­nen (Angst davor haben ange­sprochen zu wer­den, Angst vor anderen Men­schen zu haben), nicht studieren zu kön­nen, nicht (lohn)arbeiten zu kön­nen, keine Beziehung und keine Fre­und­schaften führen zu kön­nen, nicht nach draußen gehen zu kön­nen (noch nicht ein­mal zum eige­nen Ther­a­peuten), nicht fra­gen zu kön­nen, ob meine Mit­be­wohn­er mir etwas zu essen kaufen kön­nen, keine E‑Mails schreiben zu kön­nen, keinen pos­i­tiv­en Gedanken find­en zu kön­nen, nichts zu kön­nen – das ist die Wirkung ein­er depres­siv­en Erkrankung.

Die Exis­tenz in der Depres­sion als zuge­spitztes Versagen(sgefühl) bedeutet die ewige Wiederkehr des Scheit­erns an der Banal­ität des Alltäglichen. Die Exis­tenz des*der Depres­siv­en ist in diesem Sta­di­um nicht mehr absurd, son­dern vor allem ver­sagend: Mein Leben kommt mir nicht sinn­los vor, son­dern wie ein Tod, ein emo­tionales und soziales Ster­ben, das den physis­chen Tod in Schmerz und Selb­sthass wahrschein­lich ungle­ich über­trifft. In dieser Verzwei­flungslage und Erstar­rung war für mich nichts hil­fre­ich­er als eine Reflex­ion über Depres­sio­nen, deren Ursachen und Wirkun­gen, zu lesen. Ein­mal weil es „den Feind“ benen­nt, aus der Sprachlosigkeit her­aushil­ft und das Gefühl der Ver­lassen­heit und Ein­samkeit aufhebt. Und dann weil es als Analyse das Prob­lem als gesellschaftlich­es fasst, und ein Dis­tanzver­hält­nis zu dem eige­nen Erleben ermöglicht.

Die gesellschaftliche Fragestellung

Im Fol­gen­den sollen einige sozi­ol­o­gis­che und sozial-philosophis­che Analy­seschema­ta her­aus­gear­beit­et wer­den, um das Phänomen der Depres­sion als Zeichen unser­er Epoche und Stand der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise (in dessen Zen­tren) zu deuten. Die Fragestel­lung nach dem Zus­tandekom­men von Depres­sio­nen, die sich auf ein­er indi­vidu­ellen wie auf ein­er kollek­tiv­en Ebene stellen lässt, soll deswe­gen ins­beson­dere auch sozial-his­torisch behan­delt wer­den.

Die Sozi­olo­gie begrün­dete sich als eigen­ständi­ge Fachdiszi­plin im aus­ge­hen­den 19. Jahrhun­dert unter anderem mit Durkheims Forschun­gen zum Suizid und dessen sozialer Bed­ingth­eit. Deswe­gen möchte ich zunächst kurz auf die Suizidrate in Deutsch­land einge­hen: Es wird angenom­men, dass heute die Hälfte aller Men­schen, die sich das Leben nehmen, an Depres­sio­nen lei­den, 2010 etwa 7.000 [4]. Damit ist eine depres­sive Erkrankung eine der häu­fig­sten „Todesur­sachen“ in Deutsch­land. Wenn wir für 2016 eine ver­gle­ich­bare Zahl an Suiziden in Folge von Depres­sion annehmen, dann war es damit let­ztes Jahr übri­gens 400 Mal wahrschein­lich­er in Folge ein­er Depres­sion zu ster­ben als bei einem Ter­ro­ran­schlag.

Die Rel­e­vanz dieser Zahlen möchte ich zunächst in der Hin­sicht poli­tisieren, dass ich nicht von ein­er „neu­tralen“, „natür­lichen“ oder „überzeitlichen“ Krankheit spreche, nicht von „der Depres­sion“ über­haupt, son­dern von der ganz spez­i­fis­chen depres­siv­en Erkrankung im Spätkap­i­tal­is­mus. An dieser Stelle scheint es mir unumgänglich auf einige Konzepte der kap­i­tal­is­muskri­tis­chen The­o­riebil­dung – ins­beson­dere der im Frankre­ich der zweit­en Hälfte des 20. Jahrhun­derts – (sehr) kur­sorisch einzuge­hen, die den Wan­del von Pro­duk­tions­be­din­gun­gen, Ide­olo­gien und Sub­jek­tierungsweisen im neolib­eralen Kap­i­tal­is­mus beschreiben.
Den Wech­sel vom „fordis­tis­chen“ zum „post­fordis­tis­chen“ Pro­duk­tion­s­mod­ell des Kap­i­tal­is­mus beschreibt Deleuze in Anschluss an Fou­cault und Hin­blick auf „die Regierung von Indi­viduen“ mit dem Über­gang von „Diszi­pli­nar- zur Kon­trollge­sellschaften:

Die Kon­trollge­sellschaften sind dabei die Diszi­pli­narge­sellschaften abzulösen. ‚Kon­trolle‘ ist der Name, den Bur­roughs vorschlägt, um das neue Mon­ster zu beze­ich­nen, in dem Fou­cault unsere nahe Zukun­ft erken­nt. Auch Paul Vir­i­lo analysiert per­ma­nent die ultra-schnellen Kon­troll­for­men mit frei­heitlichem Ausse­hen, die die alten – noch inner­halb der Dauer eines geschlosse­nen Sys­tems operieren­den – Diszi­plin­ierun­gen erset­zen. [5]

In dem kurzen aber viel­rezip­ierten Text geht Deleuze auch auf die verän­derten Pro­duk­tions­be­din­gun­gen des Kap­i­tal­is­mus ein:

In der aktuellen Sit­u­a­tion ist der Kap­i­tal­is­mus [in den Zen­tren] jedoch nicht mehr an der Pro­duk­tion ori­en­tiert, die er oft in die Periph­erie der Drit­ten Welt aus­lagert […] Dieser Kap­i­tal­is­mus ist nicht mehr für die Pro­duk­tion da, son­dern für das Pro­dukt, das heißt Verkauf oder Markt. Daher ist sein wesentlich­es Merk­mal die Streu­ung, und die Fab­rik hat dem Unternehmen Platz gemacht. Fam­i­lie, Schule, Armee, Fab­rik sind keine unter­schiedlichen analo­gen Milieus mehr, die auf einen Eigen­tümer kon­vergieren, Staat oder pri­vate Macht, son­dern sind chiffrierte, deformier­bare und trans­formier­bare Fig­uren ein und des­sel­ben Unternehmens, das nur noch Geschäfts­führer ken­nt. [6]

Die Krise der alten Zen­tralin­sti­tu­tio­nen des Kap­i­tal­is­mus fordis­tis­ch­er Prä­gung „Fam­i­lie, Schule, Armee, Fab­rik“ wird in der Weise aufgelöst, dass das Par­a­dig­ma des „Ein­schlusses“ auf die Periph­erie aus­ge­lagert wird und in den Zen­tren neue Pro­duk­tion­sweisen entste­hen, die ger­ade auf die „Freiset­zung“ des Indi­vidu­ums angewiesen sind. Die Frage, ob dieser Wan­del eher „marx­is­tisch“ mit der Verän­derung von Pro­duk­tionsver­hält­nis­sen oder eher „post­struk­tu­ral­is­tisch“ mit der Verän­derung von Dis­pos­i­tiv­en aus Prak­tiken, Mech­a­nis­men und Strate­gien von Macht- und Wis­sensver­hält­nis­sen zu erk­lären ist, kann ich (an dieser Stelle) nicht beant­worten, sie scheint aber dur­chaus von Bedeu­tung und soll im Prax­is­teil zumin­d­est ansatzweise ver­han­delt wer­den.

Die ide­ol­o­gis­che Rück­endeck­ung des Wan­dels in der Pro­duk­tion­sweise hin zum „cre­ative cap­i­tal“ arbeit­en Boltan­s­ki und Chi­a­pel­lo in ihrer – mit­tler­weile als ein­schlägig anzuse­hen­den – Studie zum „neuen Geist des Kap­i­tal­is­mus“ her­aus. Ihre zen­trale Fragestel­lung lautet, wie eine Lebens­form beschaf­fen sein muss, um den Anforderun­gen der gegen­wär­ti­gen Akku­mu­la­tion­sregime des Kap­i­tal­is­mus gerecht zu wer­den und diese (zumin­d­est pas­siv) zu beja­hen. In Bezug auf den his­torischen Wan­deln argu­men­tierte die Autor*innen, dass es dem kap­i­tal­is­tis­chen Geist möglich war bes­timmte Aspek­te der Kap­i­tal­is­muskri­tik, ins­beson­dere solch­er der „Künstler*innenkritik“ aufzunehmen, umzuwan­deln und zu neu­tral­isieren:

In gle­ich­er Weise lässt sich nun die Entwick­lung des flex­i­blen Neo-Kap­i­tal­is­mus als das Ergeb­nis der auf­grund wirtschaftlich­er Inter­essen stat­tfind­en Koop­er­a­tion von Ele­menten der ’Künstler*innenkritik’ betra­cht­en (Indi­vid­u­al­isierung der Bew­er­tung von Leis­tun­gen und von Kar­ri­eren, Reduzierung direk­ter hier­ar­chis­ch­er Kon­trolle usw.). Diese Koop­tion galt den Arbeit­ge­bern als real­is­tis­che Strate­gie zur Bewäl­ti­gung der Ver­wal­tungskrise in den siebziger Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts. [7]

Entschei­dende ide­ol­o­gis­che Frag­mente, wie die Forderun­gen nach mehr Kreativ­ität und Autonomie, kon­nte sozusagen aus dem kri­tis­chen Block der 68er-Kon­stel­la­tion her­aus­ge­brochen und von der Kap­i­tal­seite re-absorbiert wer­den:

Die Inko­r­po­ra­tion von The­men der ’Künstler*innenkritik’ in den kap­i­tal­is­tis­chen Diskurs ist inzwis­chen nur zu offen­sichtlich. Die Man­age­mentlit­er­atur wird nicht müde zu erk­lären, dass Lohnarbeiter*innen mit den Verän­derun­gen der Arbeitswelt zwar ihre Arbeit­splatzsicher­heit ver­loren haben mögen, dafür aber heute kreati­vere, abwech­slungsre­ichere und autonomere Tätigkeit­en aus­führen, die eine größere Nähe zur Lebens­form der Künstler*innen aufweisen. [8]

Ich möchte hier nicht auf die von Boltan­s­ki und Chi­a­pel­lo diag­nos­tizierte Dialek­tik von Kap­i­tal­is­mus und Kri­tik und deren Prob­leme einge­hen, son­dern viel eher die sozial-psy­chol­o­gis­chen Auswirken auf „das Indi­vidu­um“ näher betra­cht­en.

Die Aus­bre­itung des „Autonomiepar­a­dig­mas“ in kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­buch­sta­bierung ist ger­ade die Bedin­gung für das Auf­tauchen der Depres­sion als gesellschaftlich zen­trale Krankheit, jene das „Abfall­pro­dukt“ der indi­vid­u­al­isierten Leis­tungs­ge­sellschaft. Der franzö­sis­che Sozi­ologe Alain Ehren­berg diag­nos­tiziert in dieser Hin­sicht den von Deleuze beschriebe­nen Über­gang zu „Kon­trollge­sellschaften“ mit den ide­ol­o­gis­chen Inhal­ten des „neuen Geist des Kap­i­tal­is­mus“ auch als Auf­tauchen eines neuen Typs von Indi­viduen:

Die Geschichte der Depres­sion ver­läuft par­al­lel zum Nieder­gang jenes Typus diszi­plin­iert­er Indi­viduen, der das Erbe des späten 19. Jahrhun­derts gewe­sen ist und der sich bis in die 1950er und 1960er Jahre erhal­ten hat. […] Schrit­tweise wurde eine auf Diszi­plin, mech­a­nis­chen Gehor­sam, Kon­for­mität und Ver­boten grün­dende Gesellschaft durch eine Gesellschaft ver­drängt, die auf Autonomie, das heißt per­sön­liche Leis­tung, Wahl­frei­heit, Eigen­ver­ant­wor­tung und die Ini­tia­tive des Einzel­nen set­zt. [9]

Die Absorp­tion und Neuaus­rich­tung des Autonomiegedanken, weg von ein­er poli­tis­chen Forderung, hin zu ein­er Ver­ant­wortlich­machung des Indi­vidu­ums und Verpflich­tung zur kreativ­en Eigen­leis­tung bringt eine ganz neue Anforderung an die Einzel­nen her­vor. Die Kehr­seite dieser Anforderun­gen beste­ht in Über­forderun­gen, Insta­bil­ität und Ein­samkeit. Laut Ehren­berg löst die Depres­sion ana­log zum Wan­del von den „Diszi­pli­nar- zu den Kon­trollge­sellschaften“ deswe­gen die Neu­rose als zen­trale Krankheit der Zeit ab:

Wenn nach Freud die Neu­rose die eine Krankheit der Schuld ist, dann scheint die Depres­sion als Krankheit der Ver­ant­wortlichkeit zu sein, hier herrscht gegenüber dem Schuldge­fühl ein Gefühl des Ungenü­gens vor. Die Depres­sion, als deren Haupt­merk­mal man einen Ver­lust an Selb­stach­tung aus­machen kann, ist eine Patholo­gie der Größe: die deprim­ierte Per­son ist der Auf­gabe der Selb­st­wer­dung nicht gewach­sen; sie zer­mürbt sie vielmehr. [10]

Die Ausweitung der ide­ol­o­gis­chen For­ma­tion des neuen Geist des Kap­i­tal­is­mus von der Arbeitswelt auf alle Bere­iche des Lebens kon­sti­tu­iert den hyper-indi­vid­u­alver­ant­wor­lichen Men­sch und die depres­sive Krankheit. Ent­ge­gen der For­mulierung von Ehren­berg, dass die Depres­sion eine Patholo­gie der Größe sei, in der die deprim­ierten Per­so­n­en der Auf­gabe der Selb­st­wer­dung (an sich) nicht gewach­sen sind, halte ich es für eben­so zen­tral, ob und in welch­er Weise „poten­tiell deprim­ierte Per­so­n­en“ im Kap­i­tal­is­mus Erfahrun­gen von Zunei­gung, Ver­trauen oder Sol­i­dar­ität machen kön­nen. Das gegen­wär­tige Phänomen der Depres­sion ist meines Eracht­ens keine anthro­pol­o­gis­che Grun­dreak­tion auf zu viel „Frei­heit“, son­dern viel eher eine spez­i­fisch Reak­tion auf zu viel „Indi­vid­u­alver­ant­wor­tung, Leis­tungs­druck und Abstiegsäng­ste“ bei ein­er gle­ichzeit­i­gen Schwäche von verbinden­den Kämpfen gegen über­mächtig erscheinende Unter­drück­ungsver­hält­nisse..

Zusam­menge­fasst kor­re­lieren das Auf­tauchen des „neuen Geist des Kap­i­tal­is­mus“ und das des hyper-ver­ant­wortlichen Indi­vidu­ums mit der Depres­sion als spez­i­fisch kap­i­tal­is­tis­che Krankheit. Der Wan­del von Ide­olo­gie und Men­schen tritt allerd­ings nicht ex nihi­lo als Verän­derung des Bewusst­seins auf, in ein­er Gesellschaft, die nun „freier“ andere Ide­ale und Ziele for­muliert – wie das Ehren­berg zu sug­gerieren scheint –, son­dern auch als Pro­dukt ander­er (Re-)Produktionsbedingungen (in den kap­i­tal­is­tis­chen Zen­tren). Das heißt schließlich, dass auch (und ger­ade) in mein­er „indi­vidu­ell­sten“ Krankheit­ser­fahrung im Bewusst­sein das gesellschaftliche Signum der Zeit als mate­ri­ales Kräftev­er­hält­nis liegt. Und ich muss nicht erst die von Mark Fish­er so akku­rat beschrieben depres­sive Stimme in meinem Kopf hören, die mir sagt, dass ich die Miete für mein Zim­mer eigentlich nicht bezahlen kann und ich es nicht ver­di­ene, inner­halb des Berlin­er Innen­stadtrings zu wohnen, um mich daran zu erin­nern, dass mein Erleben auch der ver­mit­telte Aus­druck der Krisen­er­schei­n­un­gen des Kap­i­tal­is­mus ist.

Die politische Perspektive

Ich möchte mich bei euch bedanken, wenn ihr den Text bis hier­hin gele­sen habt, ins­beson­dere wenn ihr selb­st ger­ade depres­sive Phase erlebt und/oder ihr aus ver­schiede­nen Grün­den der Unter­drück­ung einen schwieri­gen Zugang zu dominieren­den For­men der sozialthe­o­retis­chen Abstrak­tion­s­mod­elle habt. Für mich war der Text von Mark Fish­er auch deswe­gen so ansprechend, weil er auf ein­er basalen Ebene depres­sive Erfahrun­gen mit gesellschaft­s­an­a­lytis­chen Hin­ter­grün­den verbinden kon­nte.

Ich denke, dass in dieser Abstrak­tion und Dis­tanz­nahme der eige­nen Krankheit­ser­fahrun­gen ein anti-indi­vid­u­al­isieren­des Poten­tial steckt, dass es schaf­fen kann sich auch in depres­siv­en Phase einiger­maßen „okay“ zu fühlen. Ich erin­nere mich noch daran, wie ich bei der ersten richti­gen Zus­pitzung ein­er depres­siv­en Phase fast wahnsin­nig gewor­den wäre, weil ich die „depres­sive Stimme“ nicht als Aus­druck von gesellschaftlichen Kräftev­er­hält­nisse son­dern als mich selb­st wahrgenom­men hat­te . Natür­lich wird es immer wieder Momente geben, in denen Schmerzen und Erschöp­fung die end­lose Spi­rale aus Exis­ten­zäng­sten, Schamge­fühlen und Suizidgedanken auszulösen und alles andere über­la­gen. Aber ich bin davon überzeugt, dass in der Auseinan­der­set­zung mit der eige­nen Depres­sion als gesellschaftlich­es Ver­hält­nis eine Möglichkeit liegt, sich immer wieder von seinen depres­siv­en Gedanken zu dis­tanzieren und den Kampf um eine Verbesserung aufzunehmen.

Dieser Kampf ist aus der Logik der Depres­sion her­aus zunächst ein indi­vid­u­al­isiert­er, mithin schlicht ein­er um basale vitale Funk­tio­nen, aber auch ein­er der kollek­tiviert wer­den kann, in gemein­samer Reflex­ion und Aus­tausch von Erfahrun­gen eben­so wie in Auseinan­der­set­zung um Pflegeein­rich­tun­gen und Ther­a­piemöglichkeit­en, Forschungs­geldern und gesellschaftlich­er Anerken­nung. Wie bei fast jedem gesellschaftlichen Kon­flikt muss die von Leid und Aus­gren­zung betrof­fene Seite ihre Vere­inzelung über­winden, kollek­tive Sprech­fähigkeit erlan­gen und zur Änderung der Gesellschaft auch deren materielle Grund­la­gen verän­dern. Ich denke, dass eine beson­dere Sen­si­bil­ität gegenüber Depres­siv­en und deren Bedürfnis­sen sehr wichtig ist, dass sie beson­dere Zuwen­dung brauchen dür­fen, ohne sich deswe­gen schä­men zu müssen, und auch ein Recht auf Rück­zug und Freiräume haben. Diese in Man­gel eines besseren Wortes „iden­ty depres­sion pol­i­tics“ würde ich als wichti­gen Schritt der Auseinan­der­set­zung anse­hen (um das Prob­lem über­haupt bewusst zu machen), der allerd­ings zugle­ich mit dem all­ge­meinen Prinzip der Bedürfnisori­en­tierung ver­bun­den wer­den sollte.

Ich hielte es für unzure­ichend, nur eine „depres­sive Inter­na­tionale“ aufzu­rufen, die in teil­weise radikalen Kämpfen das Prob­lem der Depres­sion gesellschaftlich ver­mit­telt und in Lob­b­yarbeit die Lebens­be­din­gun­gen für Depres­sive verbessert. Damit will ich über­haupt nicht sagen, dass diese Arbeit nicht abso­lut lebensentschei­dend sein kann: Ich war nur ein­mal kurz in ein­er klin­is­chen Ein­rich­tung und ver­ste­he die unmit­tel­bare Wichtigkeit ein­er poli­tis­chen Prax­is im Feld der Anti-Psy­chi­a­trie [12]. Worauf ich hier viel eher hin­aus möchte, ist die soziale Situ­iertheit von depres­siv­en Per­so­n­en. Jede*r kann von Depres­sio­nen betrof­fen sein, aber ich ver­mute, dass Depres­sio­nen mit anderen For­men von sozialem Auss­chluss, Unter­drück­ung und Schamer­leb­nis­sen kor­re­lieren und in ohne­hin schon von Erniedri­gun­gen betrof­fe­nen Milieus häu­figer auftreten. Außer­dem sind die Depres­sio­nen von „Papier­losen*“ nicht mit der von Staatsbürger*innen iden­tisch oder die von Nicht-Cis-Per­so­n­en mit der von Män­nern. Es muss unglaublich schlimm sein, ohne­hin schon mit all seinen Erfahrun­gen im Wider­spruch zur gesellschaftlichen Norm zu ste­hen, unter Aus­beu­tungsver­hält­nis­sen zu lei­den, keinen Zugang zur medi­zinis­chen Ver­sorgung zu haben, und sich gle­ichzeit­ig in der Depres­sion für all das vielfach schuldig und „zu schlecht für alles“ fühlen.

Ich ver­mute weit­erge­hend, dass trotz aller Het­ero­gen­ität der Depres­sion­ser­fahrun­gen, die von mir im zweit­en Teil her­ausstellte spez­i­fisch kap­i­tal­is­tis­che Depres­sion struk­turell für die Zurich­tung des arbei­t­en­den Sub­jek­ts charak­ter­is­tisch ist. In marx­is­tis­chem Vok­ab­u­lar sind Depres­sive Pro­duk­tivkräfte, die mit den Pro­duk­tions­be­din­gun­gen in einem unver­söhn­lichen Kon­flikt gegenüber ste­hen – und kein*e von Burnout betroffene*r Bour­geois* kön­nen jemals die exis­ten­zielle Angst ein­er dro­hen­den „Lumpen­pro­le­tarisierung“ nachempfind­en. Ent­ge­gen der „marx­is­tis­chen Hoff­nun­gen“, sind Depres­sive allerd­ings Pro­duk­tivkräfte, die nicht nur von den Pro­duk­tions­be­din­gun­gen, son­dern auch von ihrer eige­nen Arbeit­skraft ent­fremdet sind – hierin vol­len­det sich sozusagen die Abhängigkeit der Arbeiter*innen von den Arbeits­be­din­gun­gen. Weil diese zum Teil weit­er in das arbei­t­ende Sub­jekt „hinein“ ver­legt wer­den kon­nten, ist eine antag­o­nis­tis­che Klasse­nau­seinan­der­set­zung ungle­ich schwieriger. Die depres­sive Per­son ist ein*e passivierte*r Arbeiter*in: die depres­sive Per­son streikt nicht, sie ist krankgeschrieben, die depres­sive Per­son spricht nicht, sie lei­det.

Hat damit lediglich der „Pro­duku­tion­sprozess“ eine Möglichkeit erhal­ten, Arbeiter*innen durch ein Dis­pos­i­tiv von psy­chosozialem Druck gefügsam zu machen? Ich denke nicht. Ich ver­mute, dass die Lei­der­fahrun­gen von Depres­siv­en eben­so neue Wege von radikalen Gesellschaft­skri­tik und gren­zen­los­er Sol­i­dar­ität ermöglichen kön­nen. Ich denke, dass die Erfahrung ein zutief­st ver­let­zlich­es, lei­den­des, ent­fremdetes und indi­viduiertes Wesen zu sein, viel dazu beitra­gen kann sich zu poli­tisieren und sich anders und für­sor­glich­er mit den Prob­le­men von Anderen zu beschäfti­gen. Ich denke wed­er, dass es darin eine Notwendigkeit gibt, noch von Depres­sio­nen betrof­fene Men­schen ein kom­mendes rev­o­lu­tionäres Sub­jekt kon­sti­tu­ieren. Ich bin allerd­ings davon überzeugt, dass Depres­sio­nen als gesellschaftlich­es Phänomen eine zunehmend wichtige Bedeu­tung spie­len wer­den und es wichtig ist, Depres­sio­nen auch als Klassen­frage zu poli­tisieren. In Deutsch­land waren 2009 schätzungsweise vier Mil­lio­nen Men­schen von ein­er depres­siv­en Erkrankung betrof­fen – das sindweit mehr als in allen poli­tis­chen Parteien zusam­mengenom­men organ­isiert sind. Auf ein­er per­sön­lichen Ebene würde ich mir auch wün­schen, mehr Texte von Men­schen zu lesen, die sich mit rev­o­lu­tionär­er The­o­rie und Prax­is beschäfti­gen und sich gle­ichzeit­ig mit depres­siv­en Erkrankun­gen auseinan­der­set­zen, im Sinne ein­er „Ver­ständi­gung“ über „eine Ethik von depres­siv­en Revolutionäre*innen“.

Die Ein­schränkun­gen des depres­siv­en Lebens und die Scham davor machen vor der Arbeit als poli­tis­ches Sub­jekt nicht halt. Das Gefühl der Unzulänglichkeit „eigentlich gar keine poli­tis­che Arbeit machen zu kön­nen“ stellt sich beispiel­sweise bei mir eben­so ein wie der Ein­druck für meine Genoss*innen, „nur eine Last“ zu sein. Ich sage das als Aktivist, dem poli­tis­che Arbeit auf ein­er grundle­gen­den Ebene sehr viel Kraft und Zuver­sicht gibt. . Es ist mir vol­lkom­men klar, dass auch rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tio­nen den gle­ichen Machtver­hält­nisse und Ent­frem­dung­sprozessen unter­liegen wie die Gesellschaft selbst,es kein „ein­fach­es Außen“ gibt, son­dern dieses imma­nent erkämpft wer­den muss. Aber ich denke nicht, dass eine kap­i­tal­is­muskri­tis­che Organ­i­sa­tion sich als Selb­sthil­fe­gruppe ver­ste­hen sollte oder sich für gute Prax­is mit den „schlimm­sten Lei­der­fahrun­gen“ auseinan­der­set­zen müsste.

Viel eher müsste es um einen Modus des Sprechen-Kön­nens über Ver­let­zlichkeit und Bedürfnisse gehen, welch­es in die poli­tis­che Arbeit inte­gri­ert wer­den kann.Allgemeiner gilt es die Fra­gen nach dem „Ein­schluss der Aus­geschlossen“ auch in der eige­nen Organ­i­sa­tion immer mit zu stellen, wobei beispiel­sweise die Inklu­sion von „Papier­losen*“ – so unvoll­ständig das mit Unterstützer*innenkreisen auch sein mag – als einen unglaublich­er Fortschritt ange­se­hen wer­den kann. Deswe­gen ist es wichtig nach den Voraus­set­zun­gen für poli­tis­ches Han­deln zu fra­gen und für rev­o­lu­tionäre Poli­tik intrin­sisch auch ver­schiede Mod­elle der Par­tizipa­tion zu entwick­eln, ins­beson­dere für Grup­pen, denen es um die Verän­derung aller gesellschaftlich­er (Re-)Produktionsverhältnisse geht, und die poten­tiell Mehrheit­en organ­isieren wollen. Wie ist die Teil­nahme als Eltern möglich, als behin­derte Per­son, als Per­son mit ganz anderen Bedürfnis­sen?

Zulet­zt ist es dabei zen­tral, Modi der Inter­sub­jek­tiv­ität zu erproben, die das Sprechen über Bedürfnisse und Erfahrun­gen von gren­zen­los­er Sol­i­dar­ität und kollek­tiv­er Autonomie ermöglichen, um schließlich auch die Frage nach dem „sub­jek­tiv-rev­o­lu­tionären“ des „rev­o­lu­tionären Sub­jek­ts“ aufzuw­er­fen. Inwiefern gehe ich auf andere ein und habe nicht nur teil an inter­nen Hege­moniekämpfen für die Aneig­nung von materiellen (Re-)Produktionsbedingungen, son­dern arbeite auch in den inter­nen Auseinan­der­set­zun­gen auf eine ganze andere gesellschaftliche Prax­is hin?

Die Fra­gen gel­ten auch über die eigene Organ­isierung hin­aus: Wie finde ich eine gute Prax­is mit (ganz) anderen sol­i­darisch umzuge­hen, die nicht das leis­ten kön­nen, was ich leis­ten kann, die Kriegstrau­ma­ta durch­lit­ten haben, die unter Angstzustän­den lei­den, die an dieser Gesellschaft kaputt gehen? Diese Fragestel­lun­gen ergeben sich nicht nur aus ein­er depres­siv­en Per­spek­tive, und kön­nen natür­lich auch nicht von dort aus beant­worten wer­den. Ich glaube aber, dass es etwas Wun­der­bares wäre, mit seinen Genoss*innen das Leis­tungspar­a­dig­ma in all seinen Facetten zu demolieren, sich in sein­er Sprachlosigkeit zu unter­stützen und auch in sozialen Rela­tio­nen auf den Bruch oder die Brüche mit allen gesellschaftlichen Ver­hal­tensweisen zu ori­en­tieren, in denen Men­schen geknechtet, erniedrigt und deprim­iert wer­den.

 

Endnoten

[1] Es han­delt sich bei diesem Text wed­er um einen Nachruf noch um eine The­o­retisierung, die Anspruch auf Wis­senschaftlichkeit erhebt. Vielmehr stellt es einen Ver­such da sich mit der eige­nen Ver­fass­theit, der hyper­indi­vid­u­al­isierten Depres­sion­ser­fahrung und deren sozialer Bed­ingth­eit, auseinan­derzuset­zen. In Zeit­en, in denen ich nicht gesprochen haben wer­den kann, wer­den mir immer die Texte von anderen helfen, die eigene Sprachlosigkeit zu über­brück­en. Mark Fish­er hat dafür ein ein­drück­lich­es Beispiel gegeben, sein Text ist „good for some­thing“.

[2] https://theoccupiedtimes.org/?p=12841, Orig­i­nal auf Englisch: „Depres­sion is part­ly con­sti­tut­ed by a sneer­ing ‘inner’ voice which accus­es you of self-indul­gence – you aren’t depressed, you’re just feel­ing sor­ry for your­self, pull your­self togeth­er – and this voice is liable to be trig­gered by going pub­lic about the con­di­tion. Of course, this voice isn’t an ‘inner’ voice at all – it is the inter­nalised expres­sion of actu­al social forces, some of which have a vest­ed inter­est in deny­ing any con­nec­tion between depres­sion and pol­i­tics. My depres­sion was always tied up with the con­vic­tion that I was lit­er­al­ly good for noth­ing.“

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Depression, darin: „Depres­sive Erkrankun­gen gehen gele­gentlich mit kör­per­lichen Symp­tomen ein­her, soge­nan­nten Vital­störun­gen, Schmerzen in ganz unter­schiedlichen Kör­per­re­gio­nen, am typ­is­chsten mit einem quälen­den Druck­ge­fühl auf der Brust. Während ein­er depres­siv­en Episode ist die Infek­tion­san­fäl­ligkeit erhöht. Beobachtet wird auch sozialer Rück­zug, das Denken ist ver­langsamt (Denkhem­mung), sinnlos­es Gedankenkreisen (Grü­belzwang), Störun­gen des Zeit­empfind­ens. Häu­fig beste­hen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Hinzukom­men kann eine Überempfind­lichkeit gegenüber Geräuschen.“

[4] Ebd.

[5] Deleuze, Post­skip­tum über die Kon­trollge­sellschaften, S. 14. In: Christoph Menke/ Juliane Reben­tisch (Hrsg), Kreation und Depres­sion. Frei­heit­en im gegen­wär­ti­gen Kap­i­tal­is­mus. Frank­furt 2012.

[6] Ebd.

[7] Chi­a­pel­lo, Evo­lu­tion und Koop­tion, S. 49. In: Christoph Menke/ Juliane Reben­tisch (Hrsg), Kreation und Depres­sion. Frei­heit­en im gegen­wär­ti­gen Kap­i­tal­is­mus. Frank­furt 2012.

[8] Ebd.

[9] Ehren­berg, Depres­sion: Unbe­ha­gen in der Kul­tur oder neue For­men der Sozial­ität, S. 53. In: Christoph Menke/ Juliane Reben­tisch (Hrsg), Kreation und Depres­sion. Frei­heit­en im gegen­wär­ti­gen Kap­i­tal­is­mus. Frank­furt 2012.

[10] Ebd., S. 54.

[11] In „ein­blogvon­vie­len“ wird Psy­chi­a­trie beispiel­sweise fol­gen­der­maßen definiert: „die Psy­chi­a­trie ist mein­er Ansicht nach ein Mit­tel der Gesellschaft ™ um Gewalt an Men­schen auszuüben, die bere­its diskri­m­iniert und exk­ludiert sind. Die Mit­tel der Psy­chi­a­trie, Macht und ergo Gewalt auszuüben sind mein­er Mei­n­ung nach Stig­ma­tisierung, Deutungshoheit/ Def­i­n­i­tion­s­macht, die legal­isierte Vergif­tung mit Psy­chophar­ma­ka und die Beschnei­dung der Grun­drechte von soge­nan­nten Erkrank­ten.
Diese Insti­tu­tion und ihr Macht­bere­ich, wird von mir radikal kri­tisiert und lässt keine Aus­nah­men zu, da ich die Gesellschaft ™ in der Pflicht sehe, sich mit allen Men­schen in ihr ohne Gewalt oder der Dro­hung dazu, auseinan­derzuset­zen.“, siehe https://einblogvonvielen.org/faq/

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