Geschichte und Kultur

Fliegender Teppich ins Ungewisse – Wurden die Kinder von Jüd*innen aus dem Jemen in Israel entführt?

Die Operation „fliegender Teppich“ im Jahr 1949 brachte viele jüdischen Migrant*innen aus dem Jemen nach Israel. Dort lebten sie in Übergangslagern. Es gibt immer mehr Hinweise, dass ihre Babys entführt wurden. Ein Verein fordert jetzt Gerechtigkeit. Ein Gastbeitrag von Dror Dayan.

Fliegender Teppich ins Ungewisse – Wurden die Kinder von Jüd*innen aus dem Jemen in Israel entführt?

Während des Pessah-Festes 1994 hat sich Uzi Meshulam, ein jüdischer Rabbi jemenitischer Herkunft, mit einer großen Gruppe bewaffneter Anhänger*innen auf seinem Grundstück in der Stadt Jahud verbarrikadiert. Mit großen Transparenten und vielen Flugblättern, aber auch mit Sturmgewehren und Molotow-Cocktails wollte er auf eine Affäre aufmerksam machen, die bis dahin in der breiten israelischen Öffentlichkeit nur bedingt bekannt war – die „Entführung der Kinder aus Jemen, dem Orient und den Balkan“.

Nach jahrelanger Arbeit hatte Meshulam eine Unmenge an Dokumenten, Zeug*innenaussagen und Beweismaterial gesammelt, die ein weiteres dunkles Kapitel in der Geschichte der jüdischen Migration nach Palästina ans Licht bringen sollte: das Verschwinden von hunderten oder gar tausenden Kindern, meistens jüdische Einwander*innen aus Jemen, in den Übergangs- und Ankunftslagern in Jemen und Israel.

Die Belagerung hielt mehrere Wochen an. Am 10 Mai wurde Meshulam zu Verhandlungen mit dem Polizeichef in ein leer stehendes Hotel eingeladen, mit der schriftlichen Versprechung, es würde ihm dabei nichts passieren. Bei seiner Ankunft im Hotel wurde er festgenommen und zur gleichen Zeit das Grundstück von der Polizei bestürmt. Elf seiner Anhänger*innen wurden verhaftet und einer davon, ein desertierter Soldat, von der Polizei erschossen. Meshulam selbst wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Aus dem Jemen nach Palästina

Die jüdische Migration aus dem Jemen war in vieler Hinsicht anders als die Migration aus anderen nahöstlichen Ländern, noch mehr als die Migration europäischer Jüd*innen. Die jüdische Gemeinde in Jemen war eine der ältesten der Welt, und jüdische Migration von Jemen nach Palästina fand schon hunderte Jahre vor dem Zionismus statt. Während der 1920er Jahre, der sogenannten „zweiten Migrationswelle“ des Zionismus nach Palästina, wurden zionistische Funktionär*innen in den Jemen geschickt, um die lokale Gemeinde für eine stärkere Einwanderung zu gewinnen.

Zu der Zeit hat sich die zionistische Bewegung in Palästina sehr um die „Besatzung der Arbeit“ bemüht: die Verdrängung palästinensischer Arbeitskräfte aus den Arbeitsplätzen und deren Ersetzung durch jüdische Arbeiter*innen. Dafür hat sich, nach der Sicht des europäischen Zionismus, die jüdische Bevölkerung Jemens hervorragend geeignet – David Ben-Gurion sagte Ende der 1940er Jahre dazu:

Wir brauchen Menschen, die als Arbeiter geboren sind. Wir müssen uns an den lokalen Elementen der orientalischen Juden wenden, der Jemeniten und Sepharadim [auch „Mizrachim“ genannt, also Jüd*innen aus muslimischen Ländern], deren Lebensstandard und Forderungen niedriger sind als die des europäischen Arbeiters, und die dann erfolgreich mit den Arabern konkurrieren können.

Um die jüdische Arbeiter*innenklasse in Palästina mit Land- und Fabrikarbeiter*innen zu verstärken, wurde die politische Instabilität und die schlechte wirtschaftliche Lage der jüdischen Gemeinde in Jemen genutzt, um 1949 mit der Operation „fliegender Teppich“ der Jewish Agency circa 50.000 jemenitische Jüd*innen ins Land zu bringen. Die Migrant*innen wurden in Übergangslagern in Jemen untergebracht, wie z.B. dem Lager Khashad in Aden. Diese Lager waren extrem überfüllt und unhygienisch. Viele Migrant*innen erkrankten, verhungerten und starben.

Aus den Übergangslagern wurden die Migrant*innen in Lager in Israel geschickt, die Militärkasernen ähnelten. Dort waren die Umstände nicht viel besser. Besonders hoch war die Sterberate unter Kindern und Säuglingen. Aus diesen Lagern wurden die Migrant*innen weiter in neu gebaute Arbeiter*innenstädte, in Fabriken und auf die Felder geschickt.

Erste Zeichen der Affäre

Schon Anfang der 50er Jahre tauchten die ersten Zeichnen einer merkwürdigen Affäre auf. Mehr und mehr Aussagen kamen ins Licht, denen zufolge jemenitische Babys durch Krankenpfleger*innen oder Ärzt*innen von ihren Eltern zur angeblichen Behandlung genommen wurden, nur um danach plötzlich für tot erklärt zu werden, ohne dass die Eltern die Leichen sehen dürften. Ende der 60er haben mehrere Eltern, deren Kinder angeblich im Lager gestorben sind, vom Militär Einberufungsbefehle für ihre „toten“ Kinder bekommen. Ein Verdacht drängte sich auf.

Bürger*inneninitiativen wurden organisiert, die Druck auf die Regierung ausübten. In den 60er, 80er und 90er Jahren wurden verschiedene Vermittlungsausschüsse einberufen, meistens aber mit begrenzten Befugnissen. Da viele Akten aus der Zeit entweder auf unerklärte Weise zerstört oder einfach zensiert wurden, könnten die Ausschüsse keine geplante Absicht feststellen. Die Ergebnisse des parlamentarischen Ausschusses von 2001 sind beispielsweise bis 2066 zensiert.

Über die Jahren tauchten mehr und mehr Personen auf, die in Ashkenazi (also jüdisch-europäischen) Familien groß wurden, aber jemenitischer Herkunft sind. So wurde der Verdacht mehr und mehr belegt, dass jemenitische Kinder wurden von ihren Familien entführt und an kinderlose Ashkenazi-Familien gegeben. Nach Angaben von Aktivist*innen und Vereinen handelt es sich um hunderte oder tausende Kinder, die ohne Erklärung verschwunden sind. Mit der Zeit wurde auch klar, dass darunter auch Kinder anderer Herkunft waren, z.B. aus dem Iran oder dem Balkan. In erster Linie ging es jedoch um jemenitische Kinder.

Forderungen heute

Als der Rabbi Uzi Meshulam Juni 2013 gestorben ist, hat ein Verein namens „Amram“ seinen Todestag als Anlass genommen, um die Affäre wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Der Verein fing an, ein öffentliches und unabhängiges Archiv von Interviews und Zeug*innenaussagen aufzubauen, sowie ein DNA-Archiv zur Findung der vermissten Kinder. In den letzten Monaten gab es viel Unterstützung und mediale Aufmerksamkeit für diese Initiative.

Tom Mehager, Mitarbeiter des Vereins, glaubt, dass heute dank der sozialen Medien einen Punkt erreicht ist, an dem die Affäre nicht mehr ignoriert werden kann. „Jemenitische Gemeinden, und Mizrachi-Gemeinden allgemein, waren hier im Lande lange vor dem europäischen Zionismus. Als der Zionismus anfing, sich im Lande anzusiedeln, begann die rassistische Begegnung zwischen Mizrachi- und europäischen Gemeinden“, sagt er im Gespräch mit Klasse gegen Klasse. „Die Entführungen sind Resultat rassistischer Annahmen und Auffassungen über schlechte Hygiene, inadäquate Erziehung oder eine zu hohe Geburtsrate“.

Er findet, das Regime sei auch heute in vieler Hinsicht befangen zugunsten europäischer Jüd*innen. Deswegen ist es ihm wichtig, langfristige Arbeit aufzubauen, die sich mit dem Unrecht an den jemenitischen und Mizrachi-Jüd*innen befasst. „Ich hoffe persönlich, wir können verschiedene Themen über Rassismus und Gerechtigkeit an die Öffentlichkeit bringen, da ich das nicht nur wichtig finde, sondern auch entscheidend – für uns alle hier“.

Ein Video der Jewish Agency, circa aus dem Jahr 1948, zeigt die Migration und Ankunft jemenitischer Jüd*innen.

2 thoughts on “Fliegender Teppich ins Ungewisse – Wurden die Kinder von Jüd*innen aus dem Jemen in Israel entführt?

  1. radikarl sagt:

    Wollt ihr zu einer Querfront hinarbeiten oder seid ihr nur so stumpf antisemitisch um FOR palestine eine Plattform zu geben? Ihr kritisiert(zurecht) Sahra Wagenknecht für ihr fischen am rechten Rand und selber arbeitet ihr mit Antisemit*innen und Faschist*innen zusammen. BDS ist hier das über schneidende Fachwort oder es an einen Namen als Beispiel zu klammmern Marc kluge. Ihr haltet es für sinnvoll offen antisemitische Gruppierungen in der Partei die linke als revolutionär zu bezeichnen. Immer weiter die Szene spalten bis die Revolution kommt, allerdings keine linksradikale, ihr idiot*innen!
    Setzt euch 2 Minuten mit Antisemitismus Forschung auseinander und über legt was ihr da provoziert.

  2. Karl K. sagt:

    @ radikarl

    In der Geschichte des Zionismus gibt es mehr als vielen lieb sein kann, was an den Rassismus der Nationalsozialisten erinnert, wie auch dieser Bericht hier (und andere) an deren Aktion „Heim ins Reich“. Muss man deswegen gleich ein Antisemit sein, wenn man auch die dunklen Seiten einer Bewegung beschreibt, die einem vielleicht näher steht, weil man mehr Verständnis dafür hat angesichts der von Christen in die Welt gebrachten Judenfeindschaft, aus der sich dann der abendländische Antisemitismus mit seinen fatalen Auswirkungen entwickelte?

    Der Kern des Zionismus lag nicht darin, verfolgten Juden eine Heimstatt zu bieten – die in dem unsicheren Palästina schlechter war als in den meisten Staaten der Erde – er wollte die Juden in einem Judenstaat vor der grassierenden „Assimilation“ bewahren, nachzulesen im Baseler Programm des 1. Zionistenkongresses 1897: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“ Und auch diese Angst besteht noch immer: „Assimilation of Diaspora Jews Fulfills Hitler’s Vision. Justice Minister Yaakov Neeman compares ‚horrific‘ overseas assimilation to Hitler’s plans in panel on conversion policy at President’s Conference in Jerusalem.” (Yair Ettinger, Haaretz, 26.6.2011)

    Es gab auch eine bekannte „Querfront“ hinsichtlich der volklichen Einstellung von Nationalsozialisten und Zionisten, auch das ist ein Teil der Geschichte des Zionismus. Der Zionismus ist nicht nur eine schützenswerte Organisation von Opfern und seine Förderer stehen nicht außerhalb der Kritik, auch wenn Kritik gern mit dem Argument „Antisemitismus“ abgewehrt wird.

    Soll der auch dem Zionismus innewohnende Rassismus überwunden werden, dann ist das nur möglich, wenn sich Menschen, die dem Zionismus positiv gegenüberstehen auch bereit sind, offen über die dunklen Seiten dieser Bewegung in Geschichte und Gegenwart zu sprechen, einer Bewegung, die das einst weltoffene Diaspora-Judentum als Mainstream abgelöst hat und nicht aus Angst vor „Beifall von der falschen Seite“ schweigen.

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