Frauen und LGBTI*

Feministischer Widerstand in Südasien Teil I: Die Why Loiter?- Bewegung in Indien

"Loitering" bedeutet soviel wie "Herumlungern". In Indien ist das Recht auf öffentliches Herumlungern weitgehend Männern vorbehalten. Die Initiative "Why Loiter?" will den öffentlichen Raum auch Frauen zugänglich machen. Erster Teil einer Serie über feministischen Widerstand in Südasien.

Feministischer Widerstand in Südasien Teil I: Die Why Loiter?- Bewegung in Indien

Bild: Why­Loi­ter

Am 28. Novem­ber 2019 erzeugte die Grup­pen­verge­wal­ti­gung und Ermor­dung ein­er 27-jähri­gen Tierärztin in der Nähe von Hyder­abad großes medi­ales Auf­se­hen und löste Proteste in Neu Del­hi, Hyder­abad und Ban­ga­lore aus. 2017 wur­den 32.500 Verge­wal­ti­gungs­fälle von der indis­chen Polizei reg­istri­ert, was durch­schnit­tlich etwa 90 Verge­wal­ti­gun­gen pro Tag in aus­macht. Die Dunkelz­if­fer liegt ver­mut­lich viel höher. Sta­tis­tiken zu sex­u­al­isiert­er Gewalt von queeren Men­schen sind nicht leicht zu find­en und zeigt wie wenig ihre Leben wert­geschätzt wer­den.

Diese Artikelserie hat den Zweck, Frauen und queere Men­schen nicht als pas­sive Opfer von sex­u­al­isiert­er Gewalt zu behan­deln, son­dern aufzuzeigen, wie fem­i­nis­tis­ch­er Wider­stand in Indi­en aussieht. Eine dieser fem­i­nis­tis­chen Bewe­gun­gen, die im ersten Teil dieser Artikelserie als Ein­stieg vorgestellt wer­den soll, ist „Why loi­ter?“

In den Großstädten Indi­ens, Mum­bai, Del­hi und Ban­ga­lore sieht man Män­ner, die lachen, bum­meln, warten, reden und Spaß haben. Sie bewe­gen sich frei auf der Straße, gehen zu Tee­häusern oder zu Imbiss­bu­den ohne jegliche Prob­leme. Frauen hinge­gen, die in der Stadt unter­wegs sind, sehen oft unglaublich beschäftigt aus. Sie sind ver­meintlich in Tele­fonart­ge­spräche ver­wick­elt, haben es sehr eilig und gehen direkt von Ort A zu Ort B. Frauen befind­en sich in der Öffentlichkeit nur in Tran­sit, so Shree­na Thako­re in ihrem Ted Talk „Why is she here?“:

Let­zte Woche war ich also die einzige weib­liche Einzelper­son in einem Bus von Chen­nai nach Thrit­shi. Alle anderen Pas­sagiere waren Män­ner oder ganz sicht­bar die Frauen von Män­nern. Ich ging auf meinen reservierten Platz zu, in der vor­let­zten Rei­he, am linken Fen­ster und traf auf einen leicht aufgeregten, sehr ver­wirrten Bus­fahrer, der mich anhält und sagt: “Mam´, Sie kön­nen hier nicht sitzen, Mam´, Sie sind eine Sin­gle-Lady. Bitte gehen Sie im Bus nach vorne.” Ich gehe, achtzig Augen beobacht­en mich, vierzig Men­schen flüstern laut­stark: “Warum ist sie hier?” Warum ist sie hier – die Frage, die schweigend an jede Frau im öffentlichen Raum gestellt wird.

Shree­na Thokra stellt drei Fra­gen vor, die jede Frau in der Öffentlichkeit impliz­it und expliz­it durch ihr Auftreten, ihre Kör­per­sprache und die Klei­dung beant­wortet.

1. Uhrzeit/Ort: Um welche Uhrzeit und wo hält sich diese Frau auf?
2. Begleitung/Gesellschaft: In welch­er Gesellschaft befind­et sich diese Frau?
3. Auftreten/Kleidung: Was hat diese Frau an?

Jede Frau ist in der Öffentlichkeit damit beschäftigt, diese Fra­gen zufrieden­stel­lend zu beant­worten. Sie muss demon­stra­tiv ihren Gehor­sam zeigen, ihre Akzep­tanz und Ein­ver­ständ­nis mit den sozialen Nor­men. Was kön­nte passieren, wenn eine Frau diese drei Fra­gen nicht kor­rekt beant­wortet und Unge­hor­sam zeigt?

In Del­hi 2012 wurde die 23-jährige Stu­dentin Nirb­haya von sechs Män­nern bru­tal verge­waltigt und gefoltert. Sie starb an ihren schw­eren inneren Ver­let­zun­gen. Dies löste in vie­len Städten Indi­ens mehrtägige Proteste aus sowie nationale und inter­na­tionale Debat­ten um die Sicher­heit der Frau. Was ist hier genau passiert? Beant­wortet man die oben aufge­führten drei Fra­gen bezüglich des Fall­es Jyoti Singh, so sind die Antworten für die indis­che Gesellschaft nicht zufrieden­stel­lend beant­wortet wor­den. 1. Sie war zu spät an einem öffentlichen Ort unter­wegs. 2. Sie war mit einem Mann unter­wegs, mit dem sie nicht ver­heiratet ist und der kein Fam­i­lien­mit­glied ist. 3. Sie war nicht angemessen für eine Frau gek­lei­det. Die Täter recht­fer­tigten ihre Tat, sie woll­ten ihr „eine Lek­tion erteilen“, da sie sich sozialen Nor­men und Geschlechter­rollen demon­stra­tiv wider­set­zt habe.

Bere­its lange vor diesem Fall haben sich zahlre­iche Aktio­nen und Bewe­gun­gen von Frauen und Queers gegen die patri­ar­chalen Nor­men und Geschlechter­rollen her­aus­ge­bildet, deren Ziel es ist, einen Wan­del in der Men­tal­ität und den Diskursen sowie in der materiellen Leben­sre­al­ität von Frauen und Queers in der indis­chen Gesellschaft her­beizu­rufen.

Why Loiter?

Die Frage Why Loi­ter? ist erst­ma­lig in dem im Jahre 2009 erschienen Essay „Why loi­ter? Rad­i­cal pos­si­bil­i­ties for gen­dered dis­sent“ von Shilpa Phad­ke, Shilpa Ranade und Sameera Khan zu find­en, drei Jahre vor dem Del­hi Gang Rape. Zen­trale Auf­forderung des Essays ist es, dass Frauen durch zweck­freies Bum­meln und Herum­lungern im öffentlichen Raum ihre Sicht­barkeit und Rechte als Bürger*innen ein­fordern. Jede Frau soll dabei das Recht haben, Risiken einge­hen zu dür­fen. Zwei Jahre später erschien die drei­jährige Forschung „Why Loi­ter? — Women And Risk On Mum­bai Streets“ (2011) des Gen­der und Space Project, das 14 ver­schiedene Bezirke in Mum­bai unter­sucht. Diese Lek­türe führt aus, dass Män­ner sich unbeir­rt in der Stadt aufhal­ten kön­nen und Spaß haben, während dieses Recht den Frauen genom­men wird. Denn es gelte all­ge­mein in der Gesellschaft, dass eine Frau, die sich herumtreibt, eben keine anständi­ge Frau sei. Entwed­er sei sie ver­rückt, moralisch ver­dor­ben oder gefährlich für die Gesellschaft. Laut dem Buch wird schon jun­gen Mäd­chen beige­bracht, dass ihr Aufen­thalt in der Öffentlichkeit stets an einem konkreten Zweck gebun­den sein sollte und streng von einem Punkt A zum Punkt B ver­laufen muss – zur eige­nen Sicher­heit. Doch die indis­che Gesellschaft entschei­det sich nicht dafür, öffentliche Räume sicher­er für junge Frauen zu machen, son­dern sie sper­rt diese stattdessen ein: zu Hause, in der Schule, im Inter­nat oder bei ein­er Fre­undin. Ein­er der Wege, wie eine Frau die Stadt beanspruchen kann, ist der von Why Loi­ter? vorgeschla­gene Akt des Herum­lungerns in der Stadt, durch „Loi­ter­ing“. So wird Why Loi­ter? von vie­len jun­gen Frauen in Indi­en als Man­i­fest und Auf­forderung zur Hand­lung betra­chtet und geht mul­ti­me­di­al in Sozialen Net­zw­erken wie Twit­ter, Insta­gram oder Face­book um. Sie veröf­fentlichen pro­vokante Fotos, Reporta­gen, Doku­men­tarfilme1 oder Videos, bei denen sie ein­fach nur herum­lungern.

Why Loi­ter? gehört weit­eren fem­i­nis­tis­chen- und Frauen­be­we­gun­gen an. Es gibt eine Vielzahl fem­i­nis­tis­ch­er Proteste, Kam­pag­nen und Social Media Aktivis­mus mit ähn­lichen Forderun­gen für indis­che Queers und Frauen in der Post-Lib­er­al­isierung Indi­ens. Beispiel­sweise Pin­jra Tod (Break the Cage), ein autonomes Frauenkollek­tiv in Del­hi, die gegen Restrik­tio­nen in Student*innenwohnheimen für Stu­dentin­nen kämpfen, Blank Noise in Ban­ga­lore, ein Kun­st­pro­jekt ini­ti­iert von Jas­meen Pathe­ja im Jahr 2003, das gegen sex­u­al­isierte Gewalt ankämpft, die Comicbuch­serie Priya Shak­ti, die Men­schen­han­del und sex­uelle Aus­beu­tung the­ma­tisiert, die Kam­pagne #RapeIs­Rape, die von Trans­men­schen ini­ti­iert wurde usw. Diese einzel­nen Pro­jek­te und Kam­pag­nen sind (queer)feministisch, kämpfen gegen stereo­typ­is­che Geschlechter­rollen und teilen ein all­ge­meines Gefühl von ungerechter Behand­lung.

Ausschluss vom Recht auf Stadt

Why Loi­ter? sieht den Aspekt der Mobil­ität von Frauen im öffentlichen Raum als sehr zen­tral an. Mobil­ität bedeutet Bewe­gung von Men­schen, Dat­en und Infor­ma­tio­nen, Waren, Kap­i­tal und Ressourcen zwis­chen unter­schiedlichen Orten und zu ver­schiede­nen Aus­maßen. Ungle­iche Mobil­ität bedeutet alter­na­tive, umständliche Zugänge zu sozialen Prak­tiken, (sozialen) Infra­struk­turen und/oder öffentlichem Raum. Ungle­iche Mobil­ität ist ein Pro­dukt ein­er Hier­ar­chie von „Rasse“, Klasse, Geschlecht und Sex­u­al­ität. Zum Beispiel sind öffentliche Räume so kon­stru­iert, dass einige prob­lem­los Anschluss find­en und andere aus­geschlossen wer­den. Geschlechter­rollen bee­in­flussen den öffentlichen Raum. Schaut man sich eine tra­di­tionelle indis­che Fam­i­lie an, so erken­nt man, dass es oft Män­ner sind, die sich außer­halb des Haus­es aufhal­ten. Mit ihrer (Lohn)arbeit außer Haus­es sind sie die Brotver­di­ener der Fam­i­lie. Die Ehe­frauen hinge­gen sind an den Haushalt gebun­den. Diese beschriebe­nen Geschlechter­rollen sind sehr stereo­typ­isch, doch real vor allem in der Stadtar­chitek­tur zu find­en und schaf­fen somit geschlechtlich dif­feren­zierte Räume. Öffentliche Orte in der Stadt, oder generell das „Draußen“ wer­den als ein männlich­er Raum betra­chtet, während das „Drin­nen“, das Heim oder das Pri­vate Räume sind, die Frauen zugeschrieben wer­den. So sind Frauen in der Öffentlichkeit aus­geschlossen, ihnen wird das Recht auf Stadt abge­sprochen.

Die unausgedrückte Befürchtung

Die benan­nte drei­jährige Forschung konzen­tri­ert sich auf die Glob­al City Mum­bai in der Hoff­nung, dass ihre Botschaft so leichter in anderen indis­chen und weltweit­en Städten Res­o­nanz find­et und bemüht sich, die aktuelle Rel­e­vanz des Fem­i­nis­mus aufzuzeigen. Fem­i­nis­mus in Indi­en wird mit dem Fehlen von Spaß und Genuss gle­ichge­set­zt: Hass auf Män­ner, Zurück­weisung von Schön­heit­side­alen, gegen die Fam­i­lie eingestellt sein. Diese neg­a­tiv­en Stereo­typen wer­den in dem Man­i­fest Why Loi­ter? nicht unter­stützt. Das Man­i­fest betont deswe­gen, dass die Forderung nach Spaß und das Einge­hen von Risiken dafür fem­i­nis­tis­che Akte mit radikalen Fol­gen sind. Das Man­i­fest will zeigen, wie rel­e­vant fem­i­nis­tis­che Poli­tik ist im Hin­blick auf eine inklu­sive Staatsbürger*innenschaft, beziehungsweise demokratis­che Rechte, die allen Men­schen in Indi­en de fac­to und nicht nur auf dem Papi­er zuste­hen müssten.

Phad­ke erk­lärt in ihrem Ted Talk „Why Loi­ter?“, dass die all­ge­meine Besorg­nis in der indis­chen Gesellschaft die Gewalt gegen Frauen durch fremde Män­ner an öffentlichen Orten sei. Sta­tis­tiken wür­den aber zeigen, dass eine Frau im eige­nen Haushalt deut­lich mehr sex­u­al­isierte Gewalt von Fam­i­lien­mit­gliedern oder Bekan­nten erfahre als im öffentlichen Raum, worüber allerd­ings nicht gesprochen werde. Dies ist ein glob­ales Phänomen aller heutiger patri­ar­chal-kap­i­tal­is­tis­ch­er Gesellschaften und nicht nur in Indi­en der Fall. Frauen wer­den in der indis­chen Tra­di­tion oft an fremde Män­ner ver­heiratet. Die eigentliche unaus­ge­drück­te Befürch­tung liege daher laut dem Man­i­fest darin, dass Frauen mit den falschen Män­nern außer­halb der Ehe oder sog­ar mit Frauen Beziehun­gen führen kön­nten. Es han­delt sich um Män­ner, die mus­lim­isch sind (bei Hin­du Frauen), um Män­ner, die in ein­er niedrigeren Klasse oder Kaste sind, beziehungsweise alle Män­ner, die der Fam­i­lie nicht würdig oder respek­ta­bel erscheinen. Let­z­tendlich geht es also um die Angst, dass Frauen „falsche Män­ner“ auf der Straße ken­nen­ler­nen kön­nten. Um solche Sit­u­a­tio­nen zu ver­mei­den, wer­den ver­meintliche Lösun­gen und Rhetoriken ange­boten, die die Macht­struk­turen und Hier­ar­chien zwis­chen den Geschlechtern ver­stärken: „Zieh keinen kurzen Rock an, son­st wirst du verge­waltigt.“; „Gehe nicht so spät raus, son­st wirst du verge­waltigt.“ Diese ver­meintlichen Sicher­heits­maß­nah­men ver­stärken nur die Macht­struk­turen der existieren­den Geschlechter­rollen und schaf­fen zusät­zlich neue kul­turelle Para­me­ter, aus denen mehr Restrik­tio­nen und Hür­den für die Präsenz von Frauen in der Öffentlichkeit fol­gen. Dies wiederum hat zur Kon­se­quenz, dass neue Recht­fer­ti­gun­gen geschaf­fen wer­den, soll­ten Frauen diese ver­meintlichen Sicher­heits­maß­nah­men mis­sacht­en. Diese Ein­schränkun­gen der räum­lichen Mobil­ität sind struk­turelle Gewalt und wer­den als Sicher­heit, Für­sorge oder Liebe verkauft.

Recht auf Risiko

Sicher­heit ist ver­meintlich nur für bes­timmte Frauen vorge­se­hen, für respek­table Frauen, die es wert sind, beschützt zu wer­den. Weil der Zugang zu öffentlichen Orten bei Frauen immer zufrieden­stel­lend begrün­det sein muss, sei es laut Why Loi­ter? nicht die Sicher­heit, die Frauen benöti­gen, um in der Stadt sein zu kön­nen, son­dern das Recht auf Risiko, das heißt Risiken einge­hen zu dür­fen. „Sicher­heit“ sper­rt die Frau ein, doch das Recht auf Risiko befähigt die Frau, sich in der Stadt zu bewe­gen. Frauen kön­nen frei­willig entschei­den, ob sie öffentliche Orte betreten möcht­en mit dem Bewusst­sein, dass sie Gewalt von Frem­den erfahren kön­nten. Allerd­ings soll­ten Frauen nun nicht mit dem Recht auf Risiko alleine gelassen wer­den, sodass sie es auf das tat­säch­liche Ein­treten all dieser Risiken ankom­men lassen müssen.

Der patri­ar­chale und hege­mo­ni­ale Begriff von „Sicher­heit“ ist offen­sichtlich nicht erstrebenswert. Es muss kri­tisiert wer­den, dass „das Recht auf Risiko“ kein Zweck in sich selb­st ist. Die tat­säch­liche Sicher­heit für Frauen und Queers ist eine legit­ime Forderung, das bedeutet beispiel­sweise das Recht auf kör­per­liche und seel­is­che Unversehrtheit.

Why Loi­ter? fordert, dass Stadt­pla­nung auch Frauen berück­sichti­gen muss, und Infra­struk­tur so konzip­iert wird, dass Frauen sich wohler und sicher­er fühlen. Dazu gehört die Art und Menge des Licht­es der Straßen­later­nen oder bessere öffentliche Trans­port­mit­tel für Frauen; Busse, Züge, öffentliche Toi­let­ten rund um die Uhr. Diese Verän­derun­gen wür­den das Stadtleben kom­plett verän­dern.

Loitering

„Sicher­heit“ für Frauen beruht auf Exk­lu­sion von den „Anderen“ in der Stadt. Diese anderen sind Sexarbeiter*innen, Män­ner niedriger Klasse oder Kaste, Dro­gen­deal­ende, Zuhäl­ter etc. Das Recht auf Stadt sollte deshalb nicht nur für ver­meintlich respek­tablere Men­schen aus der Bour­geoisie gel­ten, son­dern für alle Men­schen aus der arbei­t­en­den Klasse und den armen Massen, auch für diejeni­gen, die möglicher­weise frauen­feindlich sein kön­nten. Why Loi­ter? zeich­net eine Vision von der Stadt, in der alle Men­schen in ihrer Ver­schieden­heit existieren kön­nen. Für gewöhn­lich fühlt man sich in Men­schen­men­gen sicher­er, denn man ist nicht alleine. Wenn also vie­len ver­schiede­nen Men­schen der Zugang zur Stadt gewährt wird, so ist dies sicher­er für Frauen.

„Loi­ter­ing“, der Akt des Herum­lungerns impliziert, sinnlos­es unpro­duk­tives Abhän­gen oder Bum­meln in der Stadt. Durch dieses rebel­lis­che Nicht­stun in der Stadt und die Sicht­bar­ma­chung der Exis­tenz von Frauen, wer­den öffentliche Orte beansprucht, und das Recht auf Stadt aus­geübt. Des Weit­eren wird durch Loi­ter­ing gegen beste­hende stereo­typ­is­che Geschlechter­rollen angekämpft und diese neu definiert. Frauen erobern also öffentliche Orte mit ihren demon­stri­eren­den Kör­pern. Die Stadt kann nur für sich beansprucht wer­den, indem Men­schen physisch in ihr anwe­send sind. Bei Why Loi­ter? geht es nicht nur um Recht auf Stadt und die Ein­forderung demokratis­ch­er Rechte, son­dern auch um das Recht, Spaß zu haben.

Kritik

Der Akt des Loi­ter­ings ist auf ein­er gewis­sen Weise antikap­i­tal­is­tisch. Das aktive Nicht­stun, sich gegen Pro­duk­tiv­ität und Prof­it zu wehren ist eben­so ein Ver­such aus dem kap­i­tal­is­tis­chen patri­ar­chalen Sys­tem auszubrechen. Denn es sind „kap­i­tal­is­tis­che Wege des Prof­its oder Pro­duk­tiv­ität“, also beispiel­sweise der Arbeitsweg oder der Schul­weg, die legit­ime Wege und Motive für Frauen und Queers sind, sich in der Öffentlichkeit aufhal­ten zu dür­fen.

Der Fokus bei Why Loi­ter? liegt jedoch vor allem auf jun­gen cis-Frauen, ide­al­er­weise Hin­du, ohne physis­che und seel­is­che Beein­träch­ti­gung und aus der Mit­telschicht. Real­itäten von beispiel­sweise mus­lim­is­chen queeren Men­schen, Men­schen aus niedriger Klasse und Kaste, oder Arbeiter*innen wer­den gar nicht behan­delt und rück­en somit in den Hin­ter­grund. Queere Men­schen wer­den im Man­i­fest gar nicht erwäh­nt. Why Loi­ter? basiert auf ein­er binären Ord­nung der Geschlechter in Mann und Frau. Wenn sie von Frauen sprechen, dann ist tat­säch­lich auch die binäre Kon­struk­tion von Frau gemeint. Män­ner wer­den als die alleinige Bedro­hung ein­er Frau betra­chtet. Doch queere Men­schen kön­nen eben­so Opfer oder Täter sex­u­al­isiert­er Gewalt sein. Urvashi Butalia erk­lärt, dass Queers und Trans­frauen essen­tiell für den Fem­i­nis­mus in Indi­en sind. Denn es sind queere Men­schen, die bru­tal mar­gin­al­isiert sind, denen ihre Exis­tenz vol­lkom­men abge­sprochen wird und die tagtäglich Repres­sio­nen erlei­den müssen.

Das Recht auf Risiko scheint ein unvoll­ständi­ge Forderung zu sein, denn das Recht, Risiken einge­hen zu dür­fen, ist Mit­tel zum Zweck. Es ist so, als ob man in dieser Sit­u­a­tion, Risiken ständig einzuge­hen, steck­en bleibt und nicht mehr her­auskommt. Doch ändert dies tat­säch­lich etwas an den patri­ar­chalen Struk­turen der indis­chen Gesellschaft? Der eigentliche Zweck ist der Kampf gegen die patri­ar­chale Gesellschaft. Die Stadt mit demon­stri­eren­den Kör­pern einzunehmen, ist eine sehr wichtige Protest­form, doch sie alleine ist nicht aus­re­ichend.
Das Prob­lem ist die patri­ar­chale Men­tal­ität oder Kon­ven­tion, die geän­dert wer­den muss. Hin­ter diesen patri­ar­chalen Kon­ven­tio­nen oder Men­tal­itäten liegt eine materielle Real­ität.

Wie Why Loi­ter? dies schon the­ma­tisiert, müssen die Infra­struk­turen und öffentliche Sicher­heitsvorkehrun­gen frauen­fre­undlich sein. Sie müsse eben­so queer­fre­undlich sein. Das heißt Architekt*innen, Stadtplaner*innen ste­hen in dieser Ver­ant­wor­tung und müssen queere Men­schen und Frauen in ihrer Stadt­pla­nung mitbe­denken.

Real­is­tisch gese­hen wird sich dieses Prob­lem nicht schnell lösen, son­dern es bedarf sicher­lich einen lan­gen sehr notwendi­gen Kampf in Form von Streiks, Proteste und so weit­er, zudem den (Um)bau der Stadtar­chitek­tur für den die indis­che Bürokratie jahre­lang brauchen kann.
Indi­en hat als abhängig gehaltenes Land, das kon­stant weit­er vom Impe­ri­al­is­mus aus­ge­beutet wird, viele grundle­gende Prob­leme, wie man­gel­ndes Müll­re­cy­cling, Luftver­schmutzung, schwach­es Gesund­heitssys­tem, Kor­rup­tion und weit­ere. Es gibt viele Geset­ze im indis­chen Jus­tizsys­tem, aber die Anwen­dung der Geset­ze in der Real­ität sieht anders aus. Es fehlt hier an Infra­struk­tur und Überwachung dieser Geset­ze. In der aktuellen Sit­u­a­tion Indi­ens ist es nicht real­is­tisch, dass die materielle Real­ität der Sicher­heit der Frau und queere Men­schen sich so leicht ändern wird.

“Loi­ter­ing” bietet in dieser Sit­u­a­tion eine etwas abstrak­te und “schnelle” Protest­form, die jed­erzeit und über­all funk­tion­ieren kann. Diese Protest­form kann eben­so eigen­ständig von queeren Men­schen angeeignet wer­den. Sie ist jedoch, wie oben erwäh­nt neben ihrem Fokus auf die Hin­du Mit­telschicht Frau und eben­so wegen ihrer Abstrak­theit unvoll­ständig.

Sicher­heit für Frauen und Queers ist von vielem Materiellem abhängig, wie bere­its gesagt die Stadtar­chitek­tur, aber auch Leben­squal­itäten wie Bil­dung und Gesund­heit, gle­ich­es Einkom­men für alle Geschlechter, bessere Arbeits­be­din­gun­gen – etwas abstrak­ter gese­hen – die im indis­chen patri­ar­chalen Sys­tem, die ökonomis­che Unab­hängigkeit von Frauen und queeren Men­schen bee­in­flusst. Bedeutet mehr Unab­hängigkeit von Frauen und Queers mehr Sicher­heit? Unab­hängigkeit und Sicher­heit von Frauen und Queers hängt sicher­lich zusam­men, aber ist zu tren­nen. Denn jede Frau und queere Men­schen kön­nen – platt aus­ge­drückt – verge­waltigt wer­den, egal was deren Einkom­men, Bil­dung oder ihre Arbeits­be­din­gun­gen sind. Patri­ar­chale Kon­ven­tio­nen liegen nicht nur ein­er materiellen Real­ität zugrunde, son­dern eben­so nicht fass­bare, all­ge­me­ingültig gewor­dene Denkmuster.

Ein­er der wichtig­sten Aspek­te der Sicher­heit für Frauen und queere Men­schen, ist der grundle­gende Respekt und Akzep­tanz für sie. Wie kann “Respekt” materiell irgend­wo ver­ankert sein? Es gibt in Zügen in Indi­en getren­nte Bere­iche oder Abteile nur für Frauen. Bedeutet diese physis­che Tren­nung von Mann und Frauen und queere Men­schen, Respekt in der materiellen Real­ität? Eine Tren­nung zwis­chen allen Geschlechtern ist keine Gewährung von Respekt, son­dern vielmehr eine vor­läu­fige Vor­beu­gung – eine soge­nan­nte Sicher­heitsvorkehrung – denn was passiert außer­halb, sobald die Geschlechter nicht mehr getren­nt sind? Es gibt keine Garantie. Sicher­heitsvorkehrun­gen sind wichtig, doch es ist der grundle­gende Respekt für Frauen und queere Men­schen, der Bestandteil und Garantie für die Sicher­heit ist. Wie kann sich dieser Respekt in der materiellen Real­ität und in den Köpfen der Men­schen man­i­festieren?

 

Fußnoten (Auwahl von Doku­men­tarfil­men):

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