Unsere Klasse

Erste Demo gegen Schließung bei Bosch: der Kampf beginnt

Etwa hundert Jugendlichen zeigten ihre Solidarität mit den Beschäftigten von Bosch bei Berg am Laim, denen die Schließung ihres Werkes droht. Die anfängliche Solidarität der Klimabewegung ist sehr bekräftigend, doch gegen die Entschlossenheit der Bosse braucht der Kampf vor allem die Geschlossenheit von Arbeiter:innen und starke Verbündete.

Erste Demo gegen Schließung bei Bosch: der Kampf beginnt
Bild von klassegegenklasse.org

Gestern den 3. September waren wir in der Münchener Innenstadt mit zahlreichen Jugendlichen der Klimabewegung, um unsere Solidarität mit den Beschäftigten von Bosch zum Ausdruck zu bringen. Der Kampf, der den Erhalt des Werkes mit der Klimafrage verbindet, inspiriert eine Jugend, die angesichts der Prekarisierung in der Arbeit und ihrem Leben oft eine aussichtslose Zukunftsperspektive hat.

Von der drohenden Schließung erfuhren wir erst letzte Woche nach der Pressekonferenz des Bündnisses Klimaschutz und Klassenkampf. An den Bildern erkannten wir einen Zusammenschluss, der für einen sogenannten Arbeitskampf ungewöhnlich ist: die Verbindung von Arbeiter:innen mit Klimaaktivist:innen. Dies ist deshalb so wichtig, da die Klimabewegung, bei der wir lange Zeit aktiv waren, nach mehr als drei Jahren Protesten unterschiedliche Wege geht. Auf der einen Seite sehen wir öffentliche Figuren von Fridays For Future, wie Luisa Neubauer, die aktiv die Grünen und ihre arbeiter:innenfeindliche Politik unterstützen und selbst Posten im politischen Establishment suchen. Auf der anderen Seite sehen wir jedoch Jugendliche, wie Mia von der Gruppe Klimaschutz und Klassenkampf, die seit Wochen die Beschäftigten von Bosch unterstützt.

Das Vorhaben der Geschäftsführung von Bosch hat uns im ersten Moment nicht schockiert. Die großen Kapitalist:innen der deutschen Industrie haben in den letzten Monaten und Jahren zahlreiche Schließungen vorangetrieben, um ihre profitgierigen Abenteuer der Eroberung neuer Märkte um Elektroautos und Ähnliche zu finanzieren. Während sie von Mobilität der Zukunft sprechen, zerstören sie die Werke und Arbeitsplätze hierzulande, um die Arbeiter:innen in abhängigen Ländern günstiger auszubeuten. Somit war unsere Reaktion Wut, die für uns eine klare solidarische Haltung zu den Kolleg:innen und die Zuversicht im Kampf um die Erhaltung des Betriebs bedeutet. Aus dem Interview mit dem Kollegen Ahmet, der seit 37 Jahren beim Bosch-Werk arbeitet, geht hervor, dass die Bosse von Bosch die Produktion nach China und Brasilien zu verlagern planen, da sie anscheinend günstiger wäre.

Wir waren da, um den Kolleg:innen unsere Zeitung als ein Sprachrohr in die Hand zu geben. Deshalb war es für uns unumgänglich, Interviews mit Beschäftigten wie Ahmet zu führen, der seit 37 Jahren im Betrieb arbeitet und diesen Kampf vor allem als bedeutend für die zukünftigen Generationen sieht.

Wir haben mit dem Betriebsrat gesprochen, der gerade eine Petition herausgegeben hat, um von der Öffentlichkeit eine Rückendeckung zu bekommen bei ihrem Kampf um den Erhalt des Werks.

„Von acht Arbeitsplätzen wird nur einer überleben“ meint Ferhat Kirmizi, stellv. Betriebsratvorsitzender aufgrund des geplanten Umstiegs in die E-Mobilität.

„Wir könnten auch umweltfreundlich produzieren“ meint Guiseppe Ciccone, Betriebsratsvorsitzender.

Aus den Gesprächen und der Demonstration sind mir insbesondere zwei Sachen im Kopf geblieben.

  1. Bei der gestrigen Aktion waren noch zu wenige Kolleg:innen (ca. 5 von über 250) beteiligt. Es ist jetzt eine zentrale Aufgabe, die gesamte Belegschaft in den Kampf zu ziehen.
  2. Wir haben versucht mit unserem Flyer und meiner Rede in der Abschlusskundgebung, den Punkt der Verbindung des Kampfes mit dem Bahnstreik der GDL und der Klimabewegung stark zu machen. Die Antworten der Kollegen, waren demgegenüber recht offen, was ich angesichts der medialen und politischen Hetze gegen den Bahnstreik nicht erwartet hatte. Es zeigte sich, dass die Klimafrage die Kämpfe unmittelbar verbindet, aber eben auch die Probleme bei der Arbeit: die Überbelastung durch hohe Arbeitszeiten und hohen Druck, sowie der mangelnden Entlohnung angesichts der steigenden Inflation.

Nach diesen Gesprächen war mir klar, dass diese Verbindung unumgänglich ist, aber das die Belegschaft in der Aufstellung eines Kampfplans noch weit hinter der Geschäftsführung zurückliegt. Die Schließung des Werkes wird schneller organisiert, als der Kampf der Arbeiter:innen für dessen Erhalt.

Eine solche Situation haben wir ebenfalls zu Beginn des letzten Jahres mitverfolgt, beim Getriebehersteller Voith in Sonthofen. Damals besuchten wir die Kolleg:innen vor Ort und es gab eine entschlossene Haltung, dass das produktive Herz der Kreisstadt nicht verloren gehen darf. Letzten Endes gab es jedoch, nach 33 Streiktagen, einen Kompromiss zwischen den IG-Metall Vorsitzenden und der Familie Voith, der 85. reichsten Familie des Landes. Ein Teil der Belegschaft, bekam ein Recht auf Weiterbildung und ein Teil wurde in die Rente versetzt. Was damals, wie gegenwärtig bei Bosch fehlte, war der kollektive Austausch der Belegschaft darüber, wie der Kampf zu führen ist.

Der Kampf um das Werk bei Berg am Laim ist noch nicht verloren und umso mehr gilt es, sich erfolgreiche Beispiele solcher Kämpfe anzuschauen, durch die wir Pessimismus hinter uns lassen können.

Die erste Erfahrung, die wir uns dabei ansehen sollten, ist der Kampf der Beschäftigten von Total bei der Raffinerie in Grandpuits, Frankreich. Die Situation war damals die gleiche wie jetzt bei Bosch: Das Werk soll schließen um das Unternehmen “grüner” zu machen. Doch die Kolleg:innen organisierten sich und ihre Familien und sie selbst bestimmten tagtäglich gemeinsam über den Ablauf des Kampfes.

Die zweite Erfahrung, die als Vorbild für den Kampf bei Bosch verstanden werden kann, ist die der Druckerei Madygraf in Argentinien. Die Beschäftigten erfuhren von der Schließung und dem Verlust ihrer Arbeitsplätze erst, als sie Montag früh vor dem verriegelten Tor ihres Werkes standen. Doch dies hinderte sie nicht davor ihre Arbeit zu vollziehen, wodurch sie sagten: Unsere Bosse können gehen, aber wir bleiben hier in unserem Werk. Heute ist die Fabrik von Madygraf nicht nur ein Betrieb, welcher ohne eine Chefettage funktioniert und wo die Beschäftigten eigenständig die Produktion vor kurzem auf Papiertüten umstellten, sondern auch ein Ort, sozialer, kultureller und sportlicher Angelegenheiten geworden.

Mit diesen internationalen Erfahrungen unserer Klasse und mit der Zuverfügungstellung unserer Zeitung für die Kolleg:innen wollen wir ein Beitrag in diesem Kampf leisten. Wie der Kampf ausgeht, liegt jedoch bei Belegschaft bei Berg am Laim selbst.

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*Korrektur: In einer ersten Version schreiben wir, Mia sei Aktivistin von Fridays For Future

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