Epstein Files: Die Korruption und Straffreiheit der internationalen Eliten

08.02.2026, Lesezeit 10 Min.
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Foto: Christopher Penler/shutterstock.com

Die neuen Enthüllungen aus den Epstein-Akten zeigen das Ausmaß der Verbindungen zwischen dem Geschäftsmann, der im Zentrum eines gigantischen Sexhandels steht, und wirtschaftlichen und politischen Eliten aus aller Welt.

Die neuen Enthüllungen aus den Epstein-Akten zeigen das Ausmaß der Verbindungen zwischen dem Geschäftsmann Jeffrey Epstein, der im Zentrum eines gigantischen Sexhandels stand, und Persönlichkeiten aus aller Welt. Gleichzeitig offenbaren sie die Straffreiheit der Bourgeoisie und die endemische Korruption des kapitalistischen Systems.

Am Freitag, dem 30. Januar, veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als 3 Millionen zusätzliche Seiten aus den Akten zu Jeffrey Epstein, darunter mehr als 2.000 Videos und etwa 180.000 Bilder. Diese neue Welle von Dokumenten, die auf Geheiß des US-Kongresses veröffentlicht wurden, gibt noch mehr Aufschluss über das Ausmaß des Netzwerks des Finanziers, in das unzählige Persönlichkeiten der internationalen Bourgeoisie verwickelt sind. Die Existenz dieses Netzwerks, das durch den von Epstein organisierten Sexhandel mit Minderjährigen aufrechterhalten wurde, zeigt klar die Korruption und Straffreiheit der herrschenden Klasse.

Epstein, der zeitlebens den politischen und wirtschaftlichen Führungskräften nahestand, wurde 2019 wegen Sexhandels mit Minderjährigen angeklagt. Er starb wenige Wochen später in seiner Gefängniszelle, offiziell durch Selbstmord, aber die Umstände bleiben ungeklärt. Der von ihm aufgebaute Menschenhandel umfasste die Anwerbung junger Teenagerinnen, die zu „Partys“ auf Epsteins Privatgrundstücken (in Manhattan, Palm Beach oder auf seiner Karibikinsel) eingeladen wurden, wo sie von Epstein selbst und seinen Gästen sexuell missbraucht wurden. Dieses System war als regelrechte Dienstleistung konzipiert, den Epstein seinen Bekannten zur Verfügung stellte, manchmal auch bei privaten Treffen. Ein Teil von Epsteins riesigem Netzwerk wurde gerade dank dieses Sexhandels aufgebaut, obwohl die derzeit veröffentlichten Dokumente keine eindeutigen Rückschlüsse darauf zulassen, wer tatsächlich daran beteiligt war.

Seit mehreren Monaten hatten aufeinanderfolgende Freigaben (E-Mail-Korrespondenz, Nachrichten, Fotos, Videos) den Fall bereits wiederbelebt, die Wut eines Teils der Öffentlichkeit geschürt, einschließlich der MAGA-Anhänger:innen, und Trumps Position geschwächt. Die Veröffentlichung vom Freitag trägt jedoch keineswegs zur Klärung bei, sondern sorgt mit einer willkürlichen Auswahl von Dokumenten und deren wenig transparenter Schwärzung durch das Justizministerium eher für Verwirrung. Die Informationen in dieser neuen Veröffentlichungswelle stellen jedoch einen Sprung dar, da sie den eindeutig internationalen Charakter des Epstein-Netzwerks offenbaren: Der Fall beschränkt sich nicht mehr auf einige New Yorker Finanziers oder amerikanische Eliten, sondern enthüllt nun Verbindungen zu Teilen der herrschenden Klassen vieler imperialistischer Länder.

Rücktritte in Folge einer Internationalisierung der politischen Krise

Die politischen Folgen ließen nicht lange auf sich warten: In Europa kam es nach der Veröffentlichung zu einer Reihe von Rücktritten. In der Slowakei legte der ehemalige Außenminister Miroslav Lajčák sein Amt als Berater von Premierminister Robert Fico nieder, nachdem bekannt geworden war, dass er 2018 Nachrichten mit Epstein ausgetauscht hatte, in denen dieser ihm Zugriff auf Frauen in Aussicht stellte.

Auch im Vereinigten Königreich wuchs der Druck auf mehrere zentrale Akteure. Premierminister Keir Starmer zufolge habe Peter Mandelson, seinerseits ehemaliger EU-Kommissar, Minister unter Tony Blair und früherer Botschafter in Washington, sein Land „verraten“ und „im Stich gelassen“. Anlass waren veröffentlichte E-Mails, die belegten, dass Mandelson auch nach Epsteins erster Verurteilung im Jahr 2008 weiterhin regelmäßig Kontakt zu ihm hielt und dabei vertrauliche Informationen der britischen Regierung weitergab. Weitere Enthüllungen, darunter ein Foto von Mandelson in Unterwäsche sowie Dokumente, aus denen hervorgeht, dass er 75.000 Pfund Sterling (86.775 Euro) von Epstein erhalten haben soll, führten schließlich zu seinem Austritt aus der Labour-Partei.

Auch die britische Monarchie ist unmittelbar betroffen: Prinz Andrew, Mountbatten-Windsor, der bereits aufgrund seiner Verbindungen zu Epstein seines königlichen Titel enthoben wurde, geriet nach der Veröffentlichung eines Fotos erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Ein Bild zeigt ihn in einer kompromittierenden Situation über einer jungen Frau oder einem Mädchen, das auf dem Boden liegt. Auch seine Ex-Frau Sarah Ferguson steht in der Kritik: Ihr wird vorgeworfen, Geld von Epstein angenommen und trotz dessen Verurteilung weiterhin freundschaftliche Beziehungen zu ihm gepflegt zu haben.

In Norwegen haben die Enthüllungen ebenfalls ein politisches Erdbeben ausgelöst: Kronprinzessin Mette-Marit, deren Name mindestens tausend Mal in den Dokumenten auftaucht, entschuldigte sich öffentlich für ihre, wie sie es nannte, „peinliche Freundschaft“ mit Epstein. Laut einer Umfrage lehnt nun fast die Hälfte der Norweger es ab, dass sie Königin wird.

Auch der ehemalige Labour-Premierminister Thorbjørn Jagland sowie Børge Brende, ehemaliger Außenminister und derzeitiger Präsident des Weltwirtschaftsforums in Davos, mussten sich öffentlich zu ihren Verbindungen mit dem Finanzier äußern. In Schweden führten die Epstein-Akten auch zum sofortigen Rücktritt von Joanna Rubinstein, Präsidentin von Sweden for UNHCR.

Auch in Frankreich sind mehrere Figuren betroffen. Der bekannteste und besonders beispielhafte Fall ist der von Caroline Lang, der Tochter des ehemaligen Kulturministers Jack Lang. Sie ist nach der Veröffentlichung von Dokumenten, die direkte Geschäftsbeziehungen zu Epstein belegen, vom Vorsitz des Industrieverbands Unabhängiger Produzenten zurückgetreten. Diese beinhalten insbesondere die Gründung einer Gesellschaft in einer Steueroase und Offshore-Immobiliengeschäfte zum Zwecke der Steueroptimierung. Auch hier entstanden die Verbindungen zwischen Caroline Lang und Epstein nach der ersten Verurteilung Epsteins, der sich der Anwerbung und Prostitution von Minderjährigen schuldig bekannt hatte.

In den Dokumenten werden auch der ehemalige Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, Bankerin Ariane de Rothschild, der Mathematiker und ehemalige Abgeordnete Cédric Villani, Olivier Colom, ehemaliger diplomatischer Berater von Nicolas Sarkozy, erwähnt.

Auch hier gilt die bloße Nennung dieser Namen nicht als Beweis für kriminelle Handlungen, aber insgesamt ergibt sich ein Bild: das Bild von Teilen der französischen Bourgeoisie und der Eliten, die perfekt in die Einflussnetzwerke von Epstein eingebunden sind.

Diese Verbindungen zu den europäischen Eliten kommen zu den bereits bekannten Informationen über die engen Beziehungen zwischen Epstein und israelischen oder amerikanischen Politikern hinzu.

Ein Dorn im Auge für Trump

In den Vereinigten Staaten geraten Donald Trump und sein Umfeld durch diese Affäre erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Sein Name taucht in den neuen Dokumenten direkt oder indirekt zehntausende Male auf, während mehrere seiner Berater während seiner gesamten politischen Karriere enge Beziehungen zu Epstein unterhielten. Steve Bannon, eine zentrale Figur im MAGA-Universum und Stratege der internationalen extremen Rechten, taucht ebenfalls immer wieder auf und offenbart eine enge Verbindung zu Epstein. 

Auch wenn Trump behauptet, dass diese Anschuldigungen ihn bloß politisch diskreditieren sollen, kommt dieses erneute Aufbranden der Epstein-Affäre zu einem für ihn ungünstigsten Zeitpunkt inmitten von historischen Unruhen in Minneapolis gegen die ICE. Diese wirken sich schon jetzt auf das gesamte politische Leben in den USA aus, zum Beispiel in Form einer Wahlniederlage in einer republikanischen Hochburg.

Elon Musk, der bereits in früheren Freigaben erwähnt wurde, taucht erneut in den am Freitag veröffentlichten Dokumenten auf, aus denen hervorgeht, dass er entgegen seinen Aussagen mehrfach erwägt hatte, 2012 Epsteins Insel zu besuchen, und sich erkundigte, wann „die Party am wildesten“ sein würde. 

Im weiteren Sinne zeigen die Dokumente jedoch auch Epsteins Fähigkeit, Persönlichkeiten aus politisch gegensätzlichen Lagern zusammenzubringen: Die Anwesenheit von Noam Chomsky, einem Intellektuellen der amerikanischen Linken, der Epstein in Bezug auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des Sexhandels beruhigt, aber auch in Gesprächen mit Steve Bannon zu finden ist, veranschaulicht diese Querverbindungen. Andere Namen, wie Michael Jackson, Bill Clinton oder Larry Summers, waren bereits in früheren Dokumenten bekannt geworden. Bill und Hillary Clinton haben sich nach langem Widerstand jetzt bereit erklärt, vor einem Kongressausschuss unter Eid zu diesem Fall auszusagen

Nur eine unabhängige Untersuchung kann die quer durch die Bourgeoisie verlaufende Korruption ans Licht bringen

Einer der wichtigsten Beiträge der Enthüllungen vom Freitag besteht darin, dass sie den eindeutig internationalen Charakter des Epstein-Netzwerks aufzeigen: Weit entfernt von einem Skandal, der auf New York oder einige amerikanische Persönlichkeiten beschränkt ist, offenbart die Affäre die engen Verbindungen zwischen Teilen der Bourgeoisie der wichtigsten imperialistischen Länder. Dass dieses Netzwerk eine solche Größe erreichen konnte, liegt nicht nur an Epsteins Vermögen, sondern auch daran, dass dieser Reichtum ihm dauerhaft Zugang zu Kreisen verschaffte, in denen gegenseitiger Schutz herrscht.

Obwohl seit 1996 öffentliche Anschuldigungen gegen ihn vorlagen und seine Verurteilung wegen Sexualdelikten im Jahr 2008 eindeutig festgestellt und bekannt war, führten diese Tatsachen nie zu einem Bruch seiner sozialen Beziehungen. Bis zu seinem Tod blieb Epstein vollständig in die gesellschaftlichen Kreise der herrschenden Klassen integriert und wurde weiterhin von europäischen Politiker:innen, Mitgliedern königlicher Familien, Leiter:innen internationaler Institutionen, Tech-Milliardär:innen, Banker:innen und Medienintellektuellen empfangen, eingeladen und frequentiert. Sie alle waren und sind durch Geschäftsbeziehungen und undurchsichtige Finanzierungen und soziale Verflechtungen miteinander verbunden. 

In den herrschenden Klassen ist Straffreiheit keine Anomalie, sondern ein normales Produkt der Klassensolidarität. Es ist weder eine geheime Verschwörung noch eine satanistische Sekte, die das Ausmaß des Epstein-Skandals erklärt, sondern die Funktionsweise des Kapitalismus, in dem die Anhäufung von Reichtum durch eine Minderheit es ihr ermöglicht, sich Immunität zu kaufen und schlimmsten Sexhandel zu organisieren oder zu genießen.

Der Fall Epstein ist ein extremes Beispiel für die grenzüberschreitende Korruption der Bourgeoisie auf internationaler Ebene und für die Straffreiheit ihrer Mitglieder im kapitalistischen System. Der vom Finanzier organisierte Sexhandel war eines der Mittel, mit denen er neue Milliardäre und andere Bourgeois anlockte, um sein Netzwerk zu erweitern. Dank dieses Netzwerks war es Epstein gelungen, zu einem unverzichtbaren Vermittler in Finanz-, Diplomaten- und Kunstkreisen zu werden: Die von ihm organisierten „Partys“ und anderen Treffen waren damals ein wichtiger Ort der Geselligkeit, des Austauschs von Gefälligkeiten und der Regelung von Geschäften für bestimmte Schichten der weltweiten herrschenden Klassen.

Vor diesem Hintergrund kann die Untersuchung der von Epstein und seinem Umfeld begangenen Verbrechen nicht in den Händen eines Staates bleiben, der von eben dieser Bourgeoisie kontrolliert wird. Weit davon entfernt, das Bedürfnis der Opfer nach Gerechtigkeit zu befriedigen, waren die jüngsten Veröffentlichungen eine erneute Gewaltanwendung: Hunderte von ihnen prangerten die Veröffentlichung ihrer Namen, persönlicher Identifikationsdaten und Nacktfotos, teilweise unzensiert, ohne ihre Zustimmung und ohne angemessene Schutzmaßnahmen an. Etwa vierzig Fotos von nackten jungen Frauen, möglicherweise Teenagern, aus einer „persönlichen Sammlung“ von Epstein wurden so veröffentlicht. Diese Zurschaustellung kommt zu den erlittenen sexuellen Gewalttaten hinzu und zeigt einmal mehr, dass staatliche Institutionen der politischen Bewältigung des Skandals Vorrang vor dem Schutz der Opfer einräumen.

Genau hier stellt sich die Frage nach Formen der Gerechtigkeit, die mit dieser Logik brechen können und nicht von Institutionen abhängig sind, die von und für die herrschenden Klassen konzipiert wurden und diese historisch mit der systematischen Straffreiheit geschützt haben. In diesem Sinne müssen wir staatlich unabhängige Untersuchungskommissionen fordern, die von den Arbeiter:innen und den unteren Schichten organisiert werden und die nicht nur die einzige Lösung sind, um die Wahrheit herauszufinden, sondern auch die Opfer wieder in den Mittelpunkt des Prozesses stellen, indem sie direkt in die Ermittlungen einbezogen werden.

Dieser Artikel erschien zunächst am 4. Februar in Révolution Permanente.

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