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Eine neue Rezession für die Türkei im Jahr 2023

Interview mit Michael Roberts über die Aussichten der türkischen Wirtschaft. Er ist einer der Unterstützer der Kampagne für die Freilassung von Prof. Şebnem Korur Fincancı und britischer Ökonom, der seit über 40 Jahren in London tätig ist. Er ist Autor mehrerer Bücher: The Great Recession (2009); The Long Depression (2018); World in Crisis (2018) und jetzt Capitalism in the 21st century (2023). Er bloggt regelmäßig unter: thenextrecession.wordpress.com.

Eine neue Rezession für die Türkei im Jahr 2023
Bild: okanozdemir/ shutterstock.com


Vartan Halis Yildirim:
Wie können wir die politische Situation in der Türkei mit ihrer wirtschaftlichen Situation zusammen denken? Die türkische Regierung erklärt optimistisch, dass sie in der ersten Hälfte des nächsten Jahres ihre Probleme lösen wird. Die Diskussionen über die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in der Türkei sind durch einige Hindernisse eingeschränkt wie staatlichen Druck, Exil, Entlassung, Sanktion, Verbot und Gefängnis. Außerdem sind viele Menschen verhaftet worden, wie zuletzt Prof. Şebnem Fincancı.

Micheal Robers:
Als Ökonom weiß ich, dass, wenn ernsthafte Probleme in der Wirtschaft auftauchen – z. B. die in die Höhe schießenden Lebenshaltungskosten, der Wertverlust von Ersparnissen und die Verschlechterung der öffentlichen Dienstleistungen – wird die Regierung keine Kritik an ihrer Politik zulassen und versucht stattdessen, die Opposition zu unterdrücken. Die Wirtschaftskrise in der Türkei und weltweit erfordert mehr Diskussionen und offene Untersuchungen darüber, was zu tun ist, nicht weniger Diskussionen oder die Unterdrückung alternativer Ansichten.


Vartan Halis Yildirim:
Sie haben bereits geschrieben, dass „die Rentabilität des türkischen Kapitals seit dem Ende der Großen Rezession 2008/9 stark zurückgegangen ist“. Wie hat sich das bis heute entwickelt?


Micheal Robers:
Die Rentabilität des türkischen Kapitals ist seit dem Ende der Großen Rezession weiter gesunken, besonders stark während des tiefen Einbruchs der COVID-Pandemie im Jahr 2020. Seitdem ist die Erholung schwach, da die Wirtschaft von einer Inflationsspirale erfasst wird.


Vartan Halis Yildirim:
Die Türkei hat derzeit eine der höchsten Inflationsraten der Welt. Die Regierung führt dies nur auf eine Folge der globalen Entwicklung zurück. Was ist die globale Entwicklung und ist die türkische Inflationsrate nur eine ihrer Folge?


Micheal Robers:
Es stimmt, dass die steigende Inflation alle großen Volkswirtschaften erfasst hat und die Inflationsraten einen 40-Jahres-Hochstand erreicht haben. Ursache für die Inflation ist die unzureichende produktive Erholung in den kapitalistischen Volkswirtschaften angesichts der sich erholenden Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, da sich die Volkswirtschaften nach der Pandemie geöffnet haben. Globale Versorgungsengpässe bei Rohstoffen und Transportlogistik sowie unterbrochene Handelsketten haben die Preise in die Höhe getrieben. Dies hat die Energie- und Lebensmittelversorgung ernsthaft beeinträchtigt, wo die Preise ein Allzeithoch erreicht haben. Und der Krieg in der Ukraine hat die Situation noch verschärft.

Die Inflation hat die meisten Länder schwer getroffen, aber keines hat mehr gelitten als die Türkei mit einer Inflationsrate von über 80 % pro Jahr. In der Türkei ist es noch schlimmer, denn die Regierung hat sich für eine Zinssenkung entschieden, um die Rentabilität auf Kosten des Lebensstandards der Menschen aufrechtzuerhalten. Dies hat dazu geführt, dass ausländische Investoren ihre Investitionen aus der Türkei abgezogen haben und die Lira dadurch abgewertet wurde. Die türkischen Arbeitnehmer:innen zahlen mit ihrem Kaufkraftverlust für den Versuch der Regierung, einen künstlichen Boom aufrechtzuerhalten.


Vartan Halis Yildirim:
Die Türkei sieht in der Zusammenarbeit mit den beiden Kriegspartnern im Ukraine-Russland-Krieg ihre eigene Chance, ihre Gewinne zu steigern. Die Türkei entsendet regelmäßig eigene Truppen in den Nordirak und hält einige in Syrien. Im Krieg/Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien versucht sie, ihren Einfluss auf den Kaukasus auszuweiten. Die Bestrebungen des türkischen Militärs in den aufgelisteten Kriegen und Konflikten und die Kapazitäten der türkischen Wirtschaft klaffen auseinander. Die Türkei versucht, sich aus der Wirtschaftskrise herauszuschleichen. Welche wirtschaftliche Strategie steckt hinter diesen Bemühungen und Maßnahmen?


Micheal Robers:
Wie Sie sagen, versucht die Regierung, ein Gleichgewicht zwischen der NATO (deren Mitglied sie ist) und Russland, mit dem sie in Syrien zusammenarbeitet, herzustellen und ausreichende Energie- und Lebensmittelimporte zu erhalten. Außerdem kann der Krieg für Teile des türkischen Kapitals sehr profitabel sein. Für die arbeitenden Menschen in der Türkei hat dies jedoch keine Vorteile. Die beste Lösung für sie ist ein Ende dieser Grenzkonflikte in der Ukraine, Syrien, Irak, Griechenland und Armenien.


Vartan Halis Yildirim:
Sie bezeichnen die Zeit 2008-9 als eine große Rezession, die zu einer langen Depression wurde. Wie begründen Sie dies?


Micheal Robers:
In meinem Buch The Long Depression habe ich argumentiert, dass im Gegensatz zu „normalen“ Rezessionen, die ein oder zwei Jahre dauern und dann die kapitalistischen Volkswirtschaften sich für eine Weile mit den früheren Wachstumsraten erholen, dies nach der Großen Rezession 2008-9 nicht geschah. Die großen Volkswirtschaften verharrten in einem niedrigen Wachstumstrend bei Produktion, Investitionen und Einkommen. Statt eines durchschnittlichen jährlichen Wachstums von 3 bis 4 % verzeichneten die führenden Volkswirtschaften nur noch ein reales BIP-Wachstum von 1 bis 2 %, während das Wachstum der Arbeitsproduktivität gegen null sank.

Dies lag daran, dass sich das Wachstum der Investitionen in produktive Vermögenswerte (Technologie, Infrastruktur, Logistik, Energie) verlangsamte, während die Unternehmen ihre Gewinne in Spekulationen mit unproduktiven Vermögenswerten (Immobilien und finanzielle Anlagen) umleiteten. Dies geschah, weil die Rentabilität des produktiven Kapitals auf einem historischen Tiefststand verharrte. Anstatt den „Ballast“ schwacher Unternehmen zu beseitigen, hielten die Zentralbanken mit billigen Krediten diese so genannten Zombie-Unternehmen am Leben. Dies drückte die Rentabilität für andere. Und die Unternehmen stellten einfach mehr Arbeitnehmer:innen zu niedrigen Löhnen ein, anstatt in arbeitssparende Technologien zu investieren. Die Arbeitslosenzahlen blieben niedrig, aber die Rentabilität auch.


Vartan Halis Yildirim:
Sie sagen, dass diese lange Depression enden wird, wenn die Rentabilität des Kapitals wiederhergestellt ist. Welche Prognose sehen Sie in einer solchen Situation für die Türkei?


Micheal Robers:
Die Weltwirtschaft verlangsamte sich schon vor der Pandemie und steuerte nach dem „verlorenen Jahrzehnt“ der 2010er Jahre auf einen neuen Einbruch zu. Der Einbruch der Weltwirtschaft durch die Pandemie im Jahr 2020 war sehr heftig, aber relativ kurzlebig. An der grundlegenden Schwäche der Rentabilität und der Investitionen weltweit änderte sich jedoch nichts. Stattdessen führte die wirtschaftliche Erholung zu einer stark steigenden Inflation, die den Lebensstandard vieler Menschen beeinträchtigte.

Es sieht so aus, als würde sich die lange Depression fortsetzen, da sich die allgemeine Rentabilität trotz des Gewinnsprungs im Energiesektor in den Jahren 2020-21 nicht wesentlich erholt hat. Nun droht den Volkswirtschaften im Jahr 2023, nur drei Jahre nach dem letzten Einbruch, ein erneuter Einbruch. Wenn die Rentabilität des Kapitals nicht durch drastische Maßnahmen wiederhergestellt wird, wird sich das Szenario des geringen Wachstums fortsetzen. Die 2020er Jahre könnten für die großen Volkswirtschaften zu einem weiteren „verlorenen Jahrzehnt“ oder sogar noch schlimmer werden.

Die Türkei kann sich diesen globalen Kräften nicht entziehen. Die Rentabilität des Kapitals in der Türkei ist sehr niedrig, und die Unternehmen haben dank der Abwertung der Lira von billigen Krediten und höheren Exporten profitiert. Das wird 2023 nicht mehr funktionieren, wenn die weltweiten Zinssätze steigen, die Kosten der Auslandsverschuldung in Dollar in die Höhe schnellen und das Wachstum des Welthandels verschwindet. Erwarten Sie, dass die Türkei im Jahr 2023 zusammen mit anderen Ländern in eine Rezession gerät.

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