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Eine Bilanz von 100 Tagen Trump und was uns erwartet

Trumps Wahlsieg und das Chaos der ersten Monate nach seinem Amtsantritt werfen viele Fragen nach der Ursache dieses unerklärlichen historischen Phänomens auf. Ist Trump ein Faschist, wurde er gar durch eine russische Megaverschwörung ins Amt gehievt? Wie konnten Rechtsextreme in Großbritannien, Frankreich und den USA so schnell so erfolgreich werden? Dieser Artikel versucht die Mächte zu umreißen, die hinter Trump stehen und untersucht mögliche Verläufe für seine Präsidentschaft in den kommenden Monaten und Jahren.

Dieser Artikel erschien zuerst am 19. April 2017 auf Left Voice.
Übersetzung: Emal Ghamsharick

Eine Bilanz von 100 Tagen Trump und was uns erwartet

Vom Neoliberalismus zum neuen Nationalismus

Drei Jahrzehnte regierte der Frei­han­del uneingeschränkt. Die EU, NAFTA, zahllose bilat­erale Abkom­men mit Chi­na; Repub­likan­er, Demokrat­en, die europäis­che Sozialdemokratie, Kon­ser­v­a­tive und Kommunist*innen ran­nten dieser Ide­olo­gie hin­ter­her. Doch let­ztes Jahr gab es zwei grundle­gende Erschüt­terun­gen dieser Ord­nung: Der Brex­it und Don­ald Trump. Die andauernde Weltwirtschaft­skrise und Man­gel an wirk­lichen Alter­na­tiv­en von Links stärk­ten Wirtschaftsnationalist*innen, die damit dro­ht­en, sich aus den großen Frei­han­delsabkom­men zurück­zuziehen – oder sie wenig­stens zu ihren Gun­sten neu zu ver­han­deln. Trumps Wahlsieg und der Auf­stieg der UKIP waren die größten Siege der Recht­en, aber auch in Aus­tralien und den Nieder­lan­den wur­den Nationalist*innen stark, so auch in Frankre­ich. Ver­bun­den sind sie durch zunehmende Angriffe gegen Asylbewerber*innen und andere Migrant*innen sowie die Ablehnung neolib­eraler Han­del­spoli­tik.

Diese drama­tis­che Wende ist das direk­te Ergeb­nis der Nieder­lage des Neolib­er­al­is­mus. Die herrschende Wirtschaft­side­olo­gie seit Rea­gan kann nicht mehr diesel­ben Gewinne abw­er­fen wie früher. Viele reden zwar von Reko­rd­kursen auf den Aktien­märk­ten, doch seit Ende der Krise 2009 ist die US-Wirtschaft im Schnitt lediglich um 2,1 Prozent gewach­sen. So langsam ver­lief keine Erhol­ung seit dem zweit­en Weltkrieg. Auch die Pro­duk­tiv­ität hat noch nicht das Vorkrisen­niveau erre­icht. 2016 beze­ich­nete Janet Yellen, Chefin der US-Noten­bank FED, das durch­schnit­tliche Fün­f­jahres-Pro­duk­tiv­itätswach­s­tum von lediglich 0,5 Prozent als „mis­er­abel“. Anleger*innen sind abgeschreckt durch anhal­tend niedrige Zin­sen, hohe Risiken und ein kriechen­des Wach­s­tum, daher sank auch die Investi­tion­srate erhe­blich.

In Europa, Südameri­ka und ander­norts läuft es ähn­lich. Angesichts dieser kap­i­tal­is­tis­chen Weltkrise und ein­er noch unor­gan­isierten Arbeiter*innenklasse siegte Trump und die Brit*innen entsch­ieden sich für den EU-Aus­tritt, begleit­et von Het­zkam­pag­nen gegen Migrant*innen, ins­beson­dere Muslim*innen.

Trumps wackliger Anfang

Durch Trumps Wahlsieg kon­trol­lieren die Repub­likan­er nun nicht nur das Weiße Haus, son­dern auch bei­de Kam­mern des Kon­gress­es, die meis­ten Gou­verneursämter und wahrschein­lich auch bald den Supreme Court. Allerd­ings stößt Trump auf bre­ite Ablehnung. Die Fron­ten ver­härten sich, selb­st inner­halb der herrschen­den Klasse, und Trump kann auch inner­halb sein­er eige­nen Partei keine sta­bilen Allianzen schmieden, sodass die Recht­en ihre Vorherrschaft noch nicht behaupten kon­nten.

Trumps Zus­tim­mungsrate ist einzi­gar­tig schlecht. Laut ein­er aktuellen Umfrage liegt sie bei ger­ade mal 37 Prozent, ein his­torisches Tief für einen Präsi­den­ten im drit­ten Amtsmonat. Nicht nur Trump, son­dern auch seine Poli­tik stößt auf bre­ite Ablehnung. Laut Umfra­gen der Wash­ing­ton Post sind zwis­chen 51 und 55 Prozent der Amerikaner*innen gegen das Ein­rei­se­ver­bot für Muslim*innen. Laut Gallup sind 66 Prozent gegen die Abschiebung aller undoku­men­tierten Migrant*innen und 84 Prozent sind für eine Ein­bürgerungsper­spek­tive. Eine Umfrage von Quin­nip­i­ac ergab zudem dass 61 Prozent einen „Abbau von Geset­zen gegen den Kli­mawan­del“ ablehnen und 50 Prozent lehnen die Wieder­auf­nahme der Key­stone XL- und Dako­ta Access-Pipeline-Pro­jek­te ab.

Der bre­ite Wider­stand gegen Trump ist keine Über­raschung. Es ist all­ge­mein bekan­nt, dass er die Wahl nach Prozent der abgegebe­nen Stim­men (sog. „pop­u­lar vote“) um 3 Mil­lio­nen ver­loren hat. Weniger bekan­nt ist, dass nur 26 Prozent aller Wahlberechtigten für diesen Erzreak­tionären ges­timmt haben. Zählt man alle Drittkandidat*innen-Stimmen und Nichtwähler*innen zusam­men, wur­den Clin­ton und Trump von gut der Hälfte aller Wahlberechtigten abgelehnt.

Sowohl auf der Straße, als auch am Arbeit­splatz spürt man den Wider­stand gegen Trump. Seit Amt­santritt hat eine Mobil­isierungswelle das Land ergrif­f­en. Dazu gehört ein­er der größten Proteste der US-Geschichte, der Women’s March on Wash­ing­ton. Mehr als ein Dutzend Städte erlebten Proteste an Flughäfen nach­dem Ein­reisende aus sieben Staat­en mit mus­lim­is­ch­er Mehrheits­bevölkerung fest­ge­hal­ten wur­den. An der Uni­ver­si­ty of Berke­ley in Kali­fornien gab es Auf­stände von Studieren­den und Jugendlichen gegen einen geplanten Auftritt des Trump-Helfer­lings Milo Yiannopou­los, sodass die Uni ihre Ein­ladung zurückziehen musste. Während des Women’s Strike on Wash­ing­ton am 8. März waren zahlre­iche Schulen lan­desweit gezwun­gen zu schließen.

Schritte zur Machtergreifung

Trump hat die ver­sproch­ene „Aufräu­mak­tion“ in Wash­ing­ton erst­mal auf Eis gelegt und ver­sucht nun die Har­monie zwis­chen Tea Party-Anhänger*innen und dem repub­likanis­chen Estab­lish­ment durch Steuergeschenke an Konz­erne, Lockerung von Umweltau­fla­gen, Angriffe auf das Abtrei­bungsrecht, höhere Mil­itäraus­gaben und andere tra­di­tionelle Kern­the­men herzustellen. Sog­ar mit ehe­ma­li­gen Geg­n­ern wie Paul Ryan, dem er öffentlich „fehlende Loy­al­ität“ vor­warf, will Trump das Kriegs­beil begraben. Dazu dient seine Kam­pagne zur Aufhe­bung von Oba­mas Gesund­heit­sre­for­men.

Hin­ter Hillary stand, beina­he geschlossen, die Großbour­geoisie, während Trump sich vor­nahm, kleine und mit­tel­ständis­che Fir­men zu fördern, für welche der Neolib­er­al­is­mus weit weniger Him­mels­geschenke abwarf. Zudem fördern ihn einige Großun­ternehmen mit hohem Expor­tan­teil, wie Boe­ing, Gen­er­al Elec­tric, Pfiz­er, Ora­cle, etc. Diese grün­de­ten jüngst die „Amer­i­can Made Coali­tion“, die sich für eine starke Erhöhung des Gren­zs­teuer­aus­gle­ichs ein­set­zen. Gegen diese Steuer­erhöhung kämpft eine über­wälti­gende Mehrheit an importab­hängi­gen Unternehmen, ins­beson­dere Einzel­händler wie Wal­mart, Best Buy, Tar­get oder Cost­co.

Seine Basis in der weißen Mit­telschicht (und im gerin­gerem Maße) der weißen Arbeiter*innenklasse will Trump belohnen durch Kündi­gung des Trans-Pacif­ic Part­ner­ship, geplante Infra­struk­tur­in­vesti­tio­nen sowie Maß­nah­men gegen Out­sourc­ing. Somit ste­ht er für eine neue Ten­denz in der Repub­likanis­chen Partei, die ihre soziale Basis aus wach­senden Seg­menten der Mit­telschicht und dem ver­ar­menden weißen Indus­triepro­le­tari­at rekru­tiert, die sich vom Frei­han­del abge­wandt haben.

Widersprüche innerhalb von Trumps Präsidentschaft

Allerd­ings stößt Trump nach nur drei Monat­en bere­its auf erhe­bliche Wider­sprüche. Zusam­men­stöße zwis­chen Trumps Regierung und den Gericht­en, den Main­stream-Medi­en (außer Fox), den Geheim­di­en­sten und vie­len Mit­gliedern der Repub­likanis­chen Partei ver­rat­en tiefe Span­nun­gen inner­halb der amerikanis­chen Bour­geoisie.

Inner­halb ein­er Woche ging FBI-Direk­tor James Comey den Präsi­den­ten gle­ich zwei Mal öffentlich an – das ist beispiel­los. Zuerst bestätigte er, dass es eine laufende Ermit­tlung des FBI wegen der Zusam­me­nar­beit zwis­chen Trumps Kam­pag­nen­stab und der rus­sis­chen Regierung gibt. Dann wider­sprach er Trumps Behaup­tung, dieser sei während des Wahlkampfs von Oba­mas Mitarbeiter*innen abge­hört wor­den. Comey sagte, er besäße „keine Infor­ma­tio­nen“ welche die Anschuldigun­gen stützen kön­nten. Wir kön­nen nicht sagen, ob die Verbindung zu Rus­s­land wirk­lich existiert, aber Comeys öffentliche Her­aus­forderung an Trump zeigt, dass Trumps Agen­da auf der ober­sten Ebene des Geheim­di­en­stap­pa­rats abgelehnt wird. (A.d.Ü.: Mit­tler­weile hat Trump Comey ent­lassen.)

Nach der fehlgeschla­ge­nen Rück­nahme von Oba­mas Gesund­heit­sre­form wird inzwis­chen von einem „Bürg­erkrieg“ unter den Repub­likan­ern gesprochen. Diese zugegebene Übertrei­bung verdeut­licht den­noch bild­haft die Feind­schaft inner­halb der Partei. Obwohl die Repub­likan­er seit sieben Jahren von „Repeal und Replace“ (Aufheben und Erset­zen) sprechen, brach das Pro­jekt zusam­men, weil der rechte Partei­flügel Ver­sicherung­sun­ternehmen noch mehr Frei­heit­en gewähren wollte, sodass diese nicht ein­mal die Mut­ter­schaftsver­sorgung hät­ten übernehmen müssen. Der­weil fürchtete der mod­er­ate Flügel, dass weit­ere Kürzun­gen des staatlichen Gesund­heit­spro­gramms Med­ic­aid und die Abschaf­fung aller Sub­ven­tio­nen zu noch höheren Ver­sicherung­sprämien führen wür­den, mit der Folge, dass werk­tätige und arme Weiße dauer­haft mit der Partei brechen. (A.d.Ü.: In einem zweit­en Anlauf hat der Kon­greß eine abgeschwächte Ver­sion von Trumps Gesund­heit­spro­gramm auf den Weg gebracht, gegen die geschlossene Ablehnung der Demokrat­en.)

Die Transpaz­i­fis­che Part­ner­schaft (TPP) war schon tot, als Trump sein Amt antrat, also ver­mied man einen Show­down zu dieser Vere­in­barung. Allerd­ings kön­nten weit­ere Maß­nah­men gegen den Frei­han­del zu ein­er wirk­lichen Revolte der etablierten Repub­likan­er und der Wirtschaft­selite führen. Die Koch-Brüder, Sprösslinge ein­er Wirtschafts­dy­nas­tie, waren während der Kam­pagne sehr aus­drück­lich gegen Trump, und die Span­nun­gen dauern seit seinem Amt­santritt an. Auch gibt es einen großen Block von frei­han­dels­fre­undlichen Repub­likan­ern im Kongress. Erst vor einem Jahr wählten Repub­likanis­che Repräsentant*innen mit 190 zu 50 für Oba­mas Beschle­u­ni­gung der TPP.

Konzes­sio­nen an die Arbeiter*innenklasse, wie zum Beispiel Ivan­ka Trumps Vorschlag ein­er Steuervergün­s­ti­gung für die Kinder­be­treu­ung, wer­den mit Sicher­heit vom Repub­likanis­chen Estab­lish­ment und der Tea Par­ty gle­icher­maßen abgelehnt als „Förderung von Anspruchs­denken“. Auch Trumps geplante Investi­tion von eine Bil­lion US-Dol­lar – was nicht aus­re­ichen wird – in die Sanierung von Straßen, Brück­en, Kranken­häusern und Flughäfen wird bei den Repub­likan­ern wenig Anklang find­en und wider­spricht seinem Vorhaben, die Steuern für Unternehmen und Super­re­iche zu kürzen.

Zudem wird Trumps Anbiederung bei der Wash­ing­ton­er Elite und die Ein­beru­fung eines Mil­liardärsk­abi­netts sein Anse­hen bei sein­er Basis kaum verbessern. Zulet­zt wird sein Plan, gew­erkschafts­feindliche „right to work laws“ in Bun­des­ge­set­ze umzuwan­deln seine Basis unter weißen Gew­erkschaftsmit­gliedern zer­stören. Der Auf­s­tand der gew­erkschaftlich organ­isierten Arbeiter*innen in Wis­con­sin, ein Staat in dem er die Wahl gewann, ist ein Beispiel für das, was passieren kön­nte, wenn Trump ver­sucht, eine ähn­liche Maß­nahme durchzuset­zen.

Schwacher Bonapartismus

In diesem Zusam­men­hang kön­nen wir Trumps Regierung als „schwachen Bona­partismus“ ein­stufen, allerd­ings noch im Rah­men ein­er bürg­er­lichen Demokratie. Wie alle bona­partis­tis­chen Herrscher*innen, so erschien auch Trump in Zeit­en wach­sender Polar­isierung und ste­ht für den Ver­such, die wach­senden sozialen Wider­sprüche durch Repres­sion aufzulösen.

Seit der Rezes­sion 2008 fühlte man diese Polar­isierung auf der Linken durch die Über­raschungser­folge von Bernie Sanders und neuen pro­gres­siv­en Bewe­gun­gen wie Occu­py Wall Street, Black Lives Mat­ter, dem Wider­stand in Stand­ing Rock, dem Marsch auf McDonald’s oder der Mobil­isierung von Frauen gegen Trump. Gle­ichzeit­ig wurde das Repub­likanis­che Estab­lish­ment zunehmend ver­drängt, erst durch die Tea Par­ty ab 2009, danach durch die soge­nan­nte Alt Right (Neue Rechte).

Trumps Repres­sion offen­barte sich inner­halb weniger Wochen in Ein­rei­se­ver­boten für Muslim*innen und Geflüchtete, zunehmenden Razz­ien und Abschiebun­gen undoku­men­tiert­er Arbeiter*innen durch die Abschiebe­polizei (ICE). Bona­partis­tis­che Regime haben einen charis­ma­tis­chen Führer mit viel Macht, der vorgibt, den Klassenkampf zu über­winden, aber in Wirk­lichkeit die Inter­essen des Kap­i­tals durch­drückt. Trumps Ver­suche, eine Macht­ba­sis im Mil­itär aufzubauen sind eben­falls typ­isch bona­partis­tisch. Sein Bud­getvorschlag an den Kongress bein­hal­tete zusät­zliche Mit­tel von 54 Mil­liar­den US-Dol­lar für die welt­größte Armee; ein Teil davon war für die weit­ere Mil­i­tarisierung der Gren­ze gedacht. Um das zu finanzieren plant er die kom­plette Schließung von 19 Bun­des­be­hör­den, schwere Kürzun­gen bei der Umweltschutzbe­hörde, sowie bei den Min­is­te­rien für Inneres, Land­wirtschaft, Arbeit und Gesund­heit.

Anders als der Faschis­mus führt der Bona­partismus nicht zur kom­plet­ten Aus­löschung von Arbeiter*innenorganisationen und demokratis­chen Insti­tu­tio­nen. Obwohl viele einzelne Faschist*innen von Trump ange­zo­gen wer­den, ein­schließlich der Alt Right-Strö­mung und Rassist*innen wie Richard Spencer, kann man Trumps Regierung noch nicht als faschis­tisch beze­ich­nen, da er bis­lang keine Anstal­ten machte, die Gew­erkschaften aufzulösen oder die Insti­tu­tio­nen der bürg­er­lichen Demokratie anzu­greifen, wie den Kongress, die Medi­en, Gerichte, usw. Sym­bol­is­che Maß­nah­men, wie der Auss­chluss der New York Times und der Wash­ing­ton Post von ein­er Pressekon­ferenz sind noch lange keine faschis­tis­che Unter­drück­ung. Zwar würde ein „right-to-work law“ die Gew­erkschaften schwächen, aber nicht ver­bi­eten. Tat­säch­lich ver­sucht Trump gute Beziehun­gen zu den kon­ser­v­a­tivsten Gewerkschaftsfunktionär*innen zu hal­ten und lud sie sog­ar inner­halb der ersten Amt­stage ins Weiße Haus ein. Die Fort­set­zung des Pipeline-Baus, neue Infra­struk­tur­pro­jek­te und Trumps formelle Absage weit­er­er Ver­hand­lun­gen um die TPP sind eben­falls verbindende Ele­mente.

Das bedeutet nicht, dass wir die Gefahr Trumps für Arbeiter*innen und Unter­drück­te unter­schätzen soll­ten. Es braucht keinen Faschis­mus, um Krieg, Unter­drück­ung und Elend zu ver­schlim­mern. Trotz­dem ist eine faschis­tis­che Wende nicht aus­geschlossen, wenn die bona­partis­tis­che Strate­gie scheit­ert und es zunehmende Proteste von Arbeiter*innen gibt.

America First

Trump ste­ht eben­falls für die Reak­tion der Recht­en auf den wahrgenomme­nen weltweit­en Anse­hensver­lust der USA. Unter dem Slo­gan „Amer­i­ca First“ scharen sich Reak­tionäre hin­ter Trump, um Oba­mas eingeschla­ge­nen Kurs zu kor­rigieren, wie zum Beispiel das Nuk­lear­abkom­men mit Iran, die Entspan­nung der Beziehun­gen zu Kuba und mehr Zusam­me­nar­beit mit dem chi­ne­sis­chen Regime. Obwohl bish­er keine Welt­macht die USA erset­zen kon­nte, ist es unbe­stre­it­bar, dass die USA ihren Willen nicht mehr wie in vor­ange­gan­genen Jahrzehn­ten durch­set­zen kön­nen. Das derzeit­ige Macht­gle­ichgewicht hin­dert Trump daran, eine neue Inva­sion im Nahen Osten oder ander­swo zu starten. Die Möglichkeit sollte jedoch nicht aus­geschlossen wer­den, bedenken wir seine Auf­s­tock­ung der Armee und die Entsendung von Marines nach Syrien im Feldzug gegen den IS. Trump als „Abschot­tungspoli­tik­er“ zu beze­ich­nen, wie es lib­erale Main­stream-Medi­en tun, ist schlicht falsch. Stattdessen set­zt er auf eine uni­lat­erale Vertei­di­gung amerikanis­ch­er Inter­essen und schert sich wenig um impe­ri­al­is­tis­che Koali­tio­nen wie die NATO, welche not­falls zum Schutz dieser Inter­essen inter­ve­nieren.

Neue Annäherung an Russland

Unter diesen Voraus­set­zun­gen macht Trumps Annäherung an Rus­s­land auch mehr Sinn. Jahrzehn­te­lange Ver­suche, Rus­s­land zusam­men mit den NATO-Part­nern zu isolieren, waren nicht nur unwirk­sam zur Absicherung der US-Hege­monie, son­dern auch bei der Eindäm­mung des rus­sis­chen Ein­flusses im Nahen Osten, dem Baltikum und ander­swo. (… A.d.Ü.: Auf­grund aktueller Ereignisse gekürzt) Stattdessen wandte sich Trump gegen Chi­na und sog­ar gegen tra­di­tionelle Ver­bün­dete wie Deutsch­land. So deutete Trump an, dass Deutsch­land durch einen „stark unter­be­w­erteten Euro“ von Devisen­ma­nip­u­la­tion prof­i­tiere und dass die BRD den USA „enorme Geld­sum­men“ für seine Vertei­di­gung schulde.

Noch ist es zu früh, um abzuschätzen, wie eng Trump mit dem Kreml zusam­me­nar­beit­en wird. Doch mit Sicher­heit kön­nen wir sagen, dass die Demokrat­en den rus­sis­chen Ein­fluss auf die US-Poli­tik stark auf­blasen, weil sie eine aggres­si­vere Poli­tik gegen Rus­s­land wün­schen. Der ange­bliche rus­sis­che Hack­eran­griff auf die Demo­c­ra­t­ic Nation­al Con­ven­tion (DNC) hat nur Infor­ma­tio­nen erbracht, die sowieso auf der Hand lagen: Dass der Parteiap­pa­rat Hillary Clin­ton gegenüber Bernie Sanders bevorzugte und aktiv auf ihren Sieg hinar­beit­ete. Jedoch kon­nten die US-Geheim­di­en­ste diese Verbindung nicht beweisen und Wik­iLeaks, das die gehack­ten E‑Mails veröf­fentlichte, leugnet, dass sie von den rus­sis­chen Behör­den stam­men.

Was kommt jetzt?

Weltweit ist das Kap­i­tal immer weniger in der Lage, seine Wider­sprüche zu über­winden. In den impe­ri­al­is­tis­chen Staat­en, beson­ders in den USA, zeigt sich dies im enor­men Druck auf das Kap­i­tal, glob­al zu pro­duzieren, Arbeit­skräfte im Aus­land einzuset­zen, die Gren­zen für Kap­i­tal und Finanzwelt zu öff­nen und gle­ichzeit­ig die nationale Wirtschaft zu schützen. Diese Wider­sprüche zeigen sich durch die andauernde Weltwirtschaft­skrise seit 2008. Die Unfähigkeit, diese Wider­sprüche durch herkömm­liche Meth­o­d­en zu über­winden, führt dazu, was Gram­sci als „organ­is­che Krise“ beze­ich­net (im Gegen­satz zur „kon­junk­turellen Krise“). Eine organ­is­che Krise ist nicht bloß poli­tisch, sozial oder wirtschaftlich, son­dern umfasst all diese Felder. Wir sehen bere­its Ele­mente „organ­is­ch­er Krisen“ in den Metropolen (USA, Großbri­tan­nien, Frankre­ich, usw.) und voll aus­gewach­sene organ­is­che Krisen in der Periph­erie (Brasilien oder Süd­ko­rea).

Weltweit ver­lieren tra­di­tionelle Parteien und Per­sön­lichkeit­en ihre Anhänger*innen (Sozialdemokratie und Kon­ser­v­a­tive in Europa, etablierte Demokrat­en und Repub­likan­er in den USA). Politiker*innen der Mitte, wie Oba­ma, zeigen sich als abso­lut unfähig, die Bedürfnisse der Werk­täti­gen und Armen zu deck­en. So entste­hen neue Pop­ulis­tis­che Bewe­gun­gen, nicht nur auf der Recht­en, son­dern auch in der linken Mitte (wie Sanders und Cor­byn). Gle­ichzeit­ig wird die weltweite Sit­u­a­tion immer ver­wor­ren­er und die Span­nun­gen zwis­chen den Impe­rialmächt­en steigen (wie zwis­chen den USA und Deutsch­land).

Diese Fak­toren kön­nen Chan­cen für den Klassenkampf bieten, z.B. durch die Radikalisierung von Arbeiter*innen und Jugendlichen und die Entwick­lung neuer und dynamis­ch­er rev­o­lu­tionär­er Organ­i­sa­tio­nen. Die mas­siv­en Proteste nach Trumps Wahlsieg und das schnelle Wach­s­tum von Parteien links der Demokrat­en, wie der Demo­c­ra­t­ic Social­ists of Amer­i­ca (DSA) – trotz ihrer offen­sichtlichen Män­gel – lässt uns auf neue pro­gres­sive Bewe­gun­gen hof­fen, wie seit dem Viet­namkrieg nicht mehr. Begin­nen wir den Auf­bau des Wider­stands!

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