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Druckerei ohne Bosse

Das Unternehmen Donnelley in Argentinien wurde von seiner Belegschaft besetzt. Diese produziert nun unter dem Namen Madygraf weiter.

Druckerei ohne Bosse

// Das Unternehmen Donnelley in Argentinien wurde von seiner Belegschaft besetzt. Diese produziert nun unter dem Namen Madygraf weiter. //

Donnelley ist eine der weltweit größten Druckereien mit Hauptsitz in den USA. Vor einigen Monaten kündigte die Geschäftsleitung die Entlassung von 123 Beschäftigten an seinem Standort in Buenos Aires an. Der Betriebsrat, der von einer antibürokratischen und kämpferischen Strömung angeführt wird – darunter ArbeiterInnen der Partei Sozialistischer ArbeiterInnen (PTS) –, organisierte daraufhin Vollversammlungen, um Kampfmaßnahmen zu beschließen. Es wurden Solidaritätsdelegationen zu anderen Betrieben geschickt, um einen gemeinsamen Kampf gegen die Entlassungen zu diskutieren.

Verschlossene Fabrik

Als die ArbeiterInnen am 11. August zur Arbeit kamen, fanden sie eine verschlossene Fabrik vor – nur ein kleiner Zettel teilte den ArbeiterInnen mit, dass die Betriebsleitung die Schließung beschlossen hatte. Das war ein harter Angriff auf die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen und ihrer Familien.

Die ArbeiterInnen zögerten nicht lange: Bereits am Folgetag besetzten sie den Betrieb und nahmen die Produktion unter ihrer eigenen Regie auf.

In Sichtweite riesiger multinationaler Konzerne wie Kraft, Volkswagen oder Ford haben die ArbeiterInnen die Arbeitslosigkeit nicht akzeptiert und eine Antwort auf Fabrikschließungen aufgezeigt. Damit machten sie deutlich, dass das Proletariat sich nicht jeden Angriff der KapitalistInnen gefallen lassen muss.

Dies war nur möglich, da sie sich in der Fabrik schon seit Jahren organisiert hatten, von geheimen Treffen bis zur Übernahme des Betriebsrates.

Seitdem ist die Vollversammlung und die direkte Demokratie die Methode der ArbeiterInnen. Dabei blieben sie aber nicht auf die Fabrik beschränkt – sie sind weit davon entfernt, die ArbeiterInnenselbstverwaltung in einem Betrieb als Ziel an sich zu betrachten. Denn sie wissen, dass selbst die Eroberung einer Fabrik zur Niederlage verurteilt ist, wenn es dabei bleibt – wegen Sabotage durch die Polizei, den Boykott durch die KapitalistInnen und die kapitalistische Konkurrenz.

Zwei Generalstreiks

Deshalb waren sie auch bei allen großen landesweiten Kämpfen, wie den zwei Generalstreiks in den vergangenen Monaten, aktiv beteiligt und suchten die Solidarität mit den NachbarInnen, den Studierenden und anderen kämpfenden ArbeiterInnen. Dieses Beispiel zeigt, dass die Einheit aller Unterdrückten unter Führung der ArbeiterInnenklasse nicht bloß eine leere Worthülse ist, sondern eine sehr aktuelle Aufgabe darstellt. Denn die ArbeiterInnen brauchen einerseits die Unterstützung aus breiten Teilen der Gesellschaft, andererseits können die Probleme der Massen nur durch die Macht der ArbeiterInnen gelöst werden.

Am 16. August wurde ein Treffen vor den Toren von Donnelley einberufen, das mehr als 3.000 ArbeiterInnen versammelte. Dies geschah im Herzen der „Zona Norte“, dem wichtigsten Industriegebiet von Buenos Aires. Die besetzte Keramikfabrik Zanon in Neuquén war bereits ein Leuchtfeuer des Proletariats; Donnelley ist aufgrund seiner Lage im industriellen Zentrum Argentiniens eine noch wichtigere Errungenschaft.

Erste Erfahrungen

Mit zahlreichen Demonstrationen und einer großen Kampagne konnte der Übergang in eine Kooperative (mit dem Namen Madygraf) und die teilweise Zahlung der Löhne gewährleistet werden. Besonders hervorgetan hat sich die Frauen­kommission von Donnelley, die Arbeiterinnen und Frauen der Arbeiter vereint. Diese haben sich an die Spitze einer Solidaritätskampagne für den Kampf gestellt, damit dieser nicht durch Hunger verloren geht. Sie sind durch das gesamte Land gereist, um für Unterstützung zu werben. Das Ziel der ArbeiterInnen aber bleibt die entschädigungslose Verstaatlichung unter ArbeiterInnenkontrolle.

Und auch wenn sich das Klima in der Fabrik ohne Bosse verbessert hat und die Qualität der Produktion steigt, kämpfen sie nicht nur für sich, sondern um den Weg in eine neue Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzuzeigen.

Die ArbeiterInnen von Zanon sagen immer: „Wenn wir eine Fabrik betreiben können, können wir auch ein Land betreiben“ – dieser eine Satz bringt die historische Bedeutung von Kämpfen wie Zanon oder Donnelley auf den Punkt. Diese Kämpfe sind Schulen des Krieges für kommende Kämpfe. Hier wird sich das Proletariat seiner eigenen Macht bewusst.

Bei dem Kampf um Donnelley war es sehr wichtig, dass die ArbeiterInnen sich selbst organisieren. Ohne die jahrelange, alltägliche und graue Arbeit der Organisierung eines Kerns von revolutionären ArbeiterInnen durch die PTS wäre die Erfahrung von Donnelley nicht möglich gewesen. Erst auf der Grundlage dieser beherzten Arbeit konnten Methoden wie die Vollversammlung und die ArbeiterInnendemokratie eine zentrale Rolle spielen. Wir als TrotzkistInnen sprechen daher auch von einer „sowjetischen Strategie“, also eine Strategie, die darauf ausgerichtet ist, in jedem Kampf die Grundlagen für die Selbstorganisation des Proletariats, die späteren Organe der ArbeiterInnenregierung zu legen.

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