Dritter Eurovision Song Contest im Schatten des Genozids in Gaza
Nach Kritik an der Teilnahme Israels boykottierten Irland, Island, die Niederlande, Spanien und Slowenien den Song Contest. Für die Soft Power Israels ist die Selbstdarstellung auf dieser internationalen Bühne von nationalem Interesse. Die Glas-Trophäe brachte Dara mit ihrem Song „Bangaranga“ nach Bulgarien.
Überraschend gewann Bulgariens 27-jähriger Popstar Dara, mit bürgerlichem Namen Darina Nikolaewa Jotowa, die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contests in Wien. Die Prognosen hatten für ihren Song „Bangaranga“ im Vorfeld mit niedrigeren Siegchancen gerechnet als für die Favorit:innen aus Finnland und Australien. Der Titel „Bangaranga“ stammt aus dem jamaikanischen Englisch und bedeutet Aufruhr.
Im zweistufigen Abstimmungsverfahren holte Dara zunächst die meisten Jury-Punkte. Während der anschließenden Bekanntgabe der Zuschauer-Punkte lagen Israels Sänger Noam Bettan und die Bulgarin vorne. Mit 312 Punkten vom Publikum schnitt sie deutlich vor den übrigen Teilnehmer:innen ab.
Für Bulgarien ist es der erste Sieg überhaupt. Das Land nimmt seit 2005 teil. In den letzten drei Ausgaben verzichtete das Land wegen finanzieller Probleme des öffentlichen Rundfunks BNT auf die Entsendung eines Beitrags.
Eurovision in der Krise: Fünf Länder boykottieren Wettbewerb wegen Israels Teilnahme
Mit nur 35 teilnehmenden Ländern war die Ausgabe die kleinste seit 2003 in Riga – da half auch das Motto „United by Music“ nicht weiter. Aufgrund des andauernden Genozids an den Palästinensern forderten Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien den Ausschluss Israels aus dem Wettbewerb. Nach einer Abstimmung der am Wettbewerb teilnehmenden Rundfunkanstalten zugunsten Israels verkündeten die fünf Länder den Boykott des Song Contests.
In weiteren Staaten hatte es ebenfalls Rufe nach einem Ausschluss Israels oder einem Boykott gegeben, wie etwa in Italien und Belgien, wo der flämische Sender VRT für das Folgejahr 2027 die Teilnahme als unwahrscheinlich bezeichnete.
Sichtbar wird die Krise des Wettbewerbs auch an den Songs und der Moderation. Diese war in Wien fast unsichtbar und beschränkte sich auf das Verlesen der Abstimmungsregeln und das Herunterrattern der Punktevergabe. Im Gegensatz zu vorherigen Ausgaben waren Kreativität und Witz unerwünscht. Statt origineller Unterhaltung servierte die Show lauwarm die Hits der letzten Jahrzehnte. Musikalisch reichten die Kandidat:innen nicht an vorherige Jahre heran. Offenbar ist die Marke „Eurovision“ mittlerweile toxisch für die meisten talentierten Künstler:innen.
Soft Power auf internationaler Bühne: Israel sucht Rückhalt
Mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest wirbt Israel für sich selbst und versucht, die Besatzungspolitik zu normalisieren. Der 64. Song Contest 2019 in Tel Aviv zeigte das Land als freundliches Urlaubsparadies und verschleierte die Vertreibung der Palästinenser:innen. Mehrere der traditionellen „Postcards“, die die jeweiligen Teilnehmer:innen vor ihrem Auftritt mit den Sehenswürdigkeiten des Gastgeberlands ablichten, wurden in völkerrechtswidrig besetzten Gebieten gedreht: in Ostjerusalem (etwa die „Postcards“ von Belarus, Russland und Israel) und den Golan-Höhen (Serbien in En Siwan und Rumänien am Berg Hermon). Vor dem europäischen Fernsehpublikum verdeutlichte der israelische Sender Kan somit den Gebietsanspruch seines Staates.
Seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober und dem anschließenden Genozid Israels an den Palästinenser:innen ist der Song Contest zentraler Bestandteil für die israelische Außendarstellung. Der Wettbewerb soll der Weltöffentlichkeit zeigen, dass eine angeblich schweigende Mehrheit Israels Kurs unterstützt. Als Inspiration dient offensichtlich die Ukraine in der Ausgabe von 2022 in Turin wenige Monate nach der russischen Invasion. Das Kalush Orchestra triumphierte mit einem Erdrutschsieg und bestätigte den Rückhalt für die Ukraine.
Bis zu zwanzigmal voten für Genozid und Vertreibung
Israels öffentlicher Rundfunk und sogar die Regierung überließen für die Eurovision-Wettbewerbe ab 2024 nichts dem Zufall und rührten kräftig die Werbetrommel für die eigenen Songs. Die Regierungs-Werbeagentur schaltete gezielt Google-Anzeigen für die israelischen Beiträge mit der Anleitung, zwanzigfach für das Land abzustimmen. In einem eigenen YouTube-Kanal riefen jeweils die damaligen Sängerinnen in verschiedenen Sprachen zur Stimmabgabe auf. Noch im Vorjahr war 20 die Höchstzahl an möglichen Stimmen für ein Land über eine Handynummer, während sie für dieses Jahr auf zehn reduziert wurde.
Die Beeinflussung des Televotings katapultierte Eden Golan 2024 in Malmö auf den zweiten und Yuval Raphael, Überlebende des SuperNova-Musikfestivals, 2025 in Basel auf den ersten Platz des Televotings. Das Ergebnis wirkte: Pro-israelische Kommentator:innen jubelten in der deutschen Presse über die angebliche Solidarität einer schweigenden Mehrheit mit Israel.
Malmö und Basel: die letzten beiden Ausgaben im Schatten des Genozids
Im Verlauf des Wettbewerbs 2024 in Malmö beklagten mehrere Teilnehmer:innen das übergriffige Verhalten der israelischen Delegation und Zensur durch die schwedischen Veranstalter:innen. Insbesondere die Künstler:innen aus Irland, Norwegen, Portugal, dem Vereinigten Königreich und Nemo aus der Schweiz mit dem Siegerbeitrag kritisierten Israel scharf. Im israelischen TV-Sender Keshet 12 wurde anschließend in einer „Comedy-Show“ die Schein-Entführung einiger kritischer Künstler:innen durch den damaligen Verteidigungsminister Joaw Galant nachgespielt.
In der Ausgabe 2025 in Basel ließ das Schweizer SRF den Acts mehr Freiheiten, etwa bei der Auswahl von queeren Flaggen, die in Malmö verboten waren. Dennoch war der Abend darauf zugeschnitten, Israels Teilnahme sicher über die Bühne zu bringen. Abermals setzte Israel auf den Song Contest als Bühne für die eigene musikalische Soft Power.
Auch wenn Israel nicht gewinnt, der Wettbewerb bleibt in der Krise
Als internationales Medienereignis ist der Song Contest immer politisch. Trotz all der Kontroverse um Israels Teilnahme schaffte es der österreichische ORF, das Finale des 70. Jubiläums so langweilig, ereignislos und leer zu gestalten wie möglich. In den letzten Jahren filterte eine Anti-Buh-Technologie die massiven Buh-Rufe aus der TV-Übertragung bei Israels Beiträgen heraus. Diese Technik wurde das erste Mal 2015 in Wien angewandt, um die russischen Beiträge nach der Besetzung der Krim und des Donbass vor der Kritik des Publikums zu schützen. Dieses Jahr verzichtete der ORF auf die Technik und bei Israels Auftritt waren Buhrufe zu hören. Besonders beim Höhepunkt der Show, der Frage, ob der Sieg nun nach Israel oder Bulgarien geht, war die Abneigung des Publikums gegenüber Israel kaum zu überhören.
Bei einer weiteren Teilnahme Israels trotz Genozid und Angriffskriegen sinkt die Legitimität des Wettbewerbs weiter und die Marke „Eurovision“ wird inakzeptabel für die meisten Künstler:innen. Der Wettbewerb, bei dem einmal im Jahr ein europäisches Fernsehpublikum zusammenkommt, droht das Scheitern aufgrund der Duldung der israelischen Präsenz und des Genozids in Gaza.