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Die Ermordung von Shireen Abu Akleh: Eine Beleidigung der Medienfreiheit

Shireen Abu Akleh, Korrespondentin des Al-Jazeera-Kanals wurde am Mittwoch, den 11. Mai, direkt in den Kopf geschossen, als sie über den Einsatz der israelischen Armee in Jenin im Westjordanland berichtete.

Die Ermordung von Shireen Abu Akleh: Eine Beleidigung der Medienfreiheit
Foto: shutterstock.com / Phil Pasquini

Ein Gastbeitrag von Ahmad Shihabi

Shireen Abu Akleh ist in den arabischen Ländern als Kriegsreporterin in Palästina und Israel bekannt. Ihre ruhige und einflussreiche Präsenz war in mehreren Medienkanälen zu hören. Shireen kam 1997 zu Al Jazeera und ist für meine Generation als SuperHeldin betrachtete worden, denn sie wurde eine der ersten weiblichen Kriegskorrespondenten, die Araber:innen im Fernsehen sahen.

Sie war diejenige, die den Männern an den Brennpunkten vorausging, ohne zu wissen, was passieren könnte. Denn sie war davon überzeugt, dass die Kernaufgabe des Journalismus darin besteht, das Gesamtbild unabhängig von den Risiken aufzuzeigen. Daher gilt sie in der arabischen Welt als Medienikone.

Wessen Schuss hat Shireen Abu Akleh getroffen?

Am Mittwoch, den 11. Mai, gab das palästinensische Gesundheitsministerium den Tod der Journalistin Shireen Abu Akleh, bekannt, als sie über den Einsatz im Geflüchtetenlager in Jenin berichtete. Das Ministerium verkündete, dass ihr Journalistenkollege Ali Al-Samudi in den Rücken geschossen wurde, und stellte fest, dass sein Gesundheitszustand stabil sei. Al Jazeera Media Network, wo Abu Akleh arbeitete, wiederum sagte: „Bei einem tragischen Mord, der gegen internationale Gesetze und Normen verstößt, ermordeten die israelischen Besatzungstruppen kaltblütig unsere Reporterin Shireen Abu Akleh“.

Laut der israelischen Regierung ist die Journalistin von den palästinensischen Bewaffneten in Jenin erschossen worden.Der israelische Premierminister, Naftali Benet hat kurzerhand ein Video veröffentlicht, das palästinensische Bewaffnete zeigt, die willkürlich in einer der Straßen des Flüchtlingslagers Jenin schießen. Israel wollte damit zeigen, dass Abu Akleh von Palästinensern erschossen wurde.

Nach Angaben des israelischen Informationszentrums für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, kurz B’Tselem, wurde bestätigt, dass der Ort der Ermordung der Reporterin und der Aufenthaltsort der palästinensischen bewaffneten Männer unterschiedlich waren. Dies kam aus einer Untersuchung der beiden Stadtorte.

Die Koordinaten des Ortes, an dem Shireen Abu Akleh geschossen wurde:

https://www.google.com/…/data=!3m2!1e3!4b1!4m6!3m5…

Die Koordinaten des Ortes, an dem die Schüsse des maskierten palästinensischen Bewaffneten waren:

https://www.google.com/…/data=!3m2!1e3!4b1!4m6!3m5… (Quelle: B’Tselem)

Eine zweite Untersuchung der Sanad-Nachrichtenüberprüfungs- und Überwachungseinheit von Al Jazeera ergab jedoch, dass sich die im Video gezeigten palästinensischen Kämpfer zum Zeitpunkt ihrer Schießerei nicht in der Nähe von Abu Akleh, im Flüchtlingslager Jenin, befanden. Sanad geolokalisierte das Video in einem Gebiet, das ungefähr 300 Meter von der Stelle entfernt war, an der Abu Akleh erschossen wurde, in einem Gebiet, das von Wohngebäuden umgeben war und keine klare Schusslinie zum Standort von Abu Akleh hatte.

Die Sanad-Untersuchung ergab auch, dass israelische Streitkräfte in derselben Straße anwesend waren, in der die Reporterin erschossen wurde, mit Zeitstempeln, die zeigen, dass ein Video, das sie an diesem Ort zeigt, um 03:25 GMT aufgenommen wurde, ungefähr zur gleichen Zeit zu der Abu Akleh wurde erschossen.

Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten

Dieser Vorfall ist nicht der erste, in dem palästinensische Journalist:innen von den israelischen Sicherheitskräften angegriffen worden sind. Die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtete am 25. April 2022, dass seit März 2018 mehr als 140 israelische Übergriffe gegen palästinensische Journalistinnen und Journalisten registriert wurden. Nach Angaben des palästinensischen Informationsministeriums wurden seit 2000 mindestens 46 Journalisten von israelischen Streitkräften getötet. Diese Daten bestätigen, dass palästinensische Journalistinnen und Journalisten nicht vor der von israelischen Streitkräften ausgeübten Gewalt geschützt sind.

>Meiner Meinung nach ist diese eine klare Politik, die darauf abzielt, die Journalistinnen und Journalisten zum Schweigen zu bringen und zu verhindern, dass ein anders journalistisches Bild über die Lage im Nahen Osten in die Welt getragen wird. Israel wurde bisher noch nicht für die Verstöße gegen Journalistinnen und Journalisten zur Rechenschaft gezogen, daher denke ich, dass die PA das Recht hat, jede gemeinsame Untersuchung mit Israel abzulehnen, weil man den Angeklagten nicht bitten kann, sich an der Untersuchung zu beteiligen.

Das neutrale Deutschland

Nach der Ermordung begann in Deutschland die übliche Debatte. Pro-Palästina wurden als antisemitisch bezeichnet. Ebenfalls die Amnesty International war von diesen Vorwürfen betroffen, obwohl die Organisation selbst als glaubwürdige Quelle betrachtet worden ist, wenn die über die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine berichtet.

Diese Debatte verbreitete nicht Antisemitismus, sondern zeigt wie tief der anti-palästinensische Rassismus in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Während ich an diesem Text arbeite, teilte jüdische Organisation „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ mit, dass die Berliner Polizei der Organisation ein Demonstrationsverbot erteilte. Selbst eine Mahnwache für Shireen Abu Akleh wurde untersagt. Außerdem wurden am Sonntag, den 15. Mai, mehrere Menschen, die spontan demonstrieren wollten, verhaftet. Dabei wird das Grundrecht der Versammlungsfreiheit für eine bestimmte Gruppe eingeschränkt.

Ich bin selbst kein Fan von Demos, aber dies ist eine Möglichkeit für Menschen, um ihre eigene Position zu einem bestimmen Thema zu zeigen. Haltung zeigen bedeutet Diversität, Meinungsfreiheit und Demokratie, die in einem Land gewährleistet werden müssen. Wurden in Deutschland Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen oder Pro-Putin Demos verboten? Wenn nein, dann warum dürfen Palästinenserinnen und Palästinenser ihre Haltung zu ihrem eigenen Konflikt nicht äußern?

Was Deutschland gegen Palästinenserinnen und Palästinenser unternimmt, ist in keinem Fall eine Bekämpfung von Antisemitismus, sondern anti-palästinensischer Rassismus. Denn wenn es wirklich Interesse an der Bekämpfung von Antisemitismus gäbe, hätten dann tausende Nazis in den letzten Jahren nicht marschieren dürfen.

Dabei spielen auch deutsche Medien eine große Rolle, insbesondere wenn sie vor allem Berichte veröffentlichen, die das von der israelischen Regierung verbreitete Narrative zeigen, ohne die Ereignisse zu analysieren, und damit wurde im Fall von Shireen die Aussage der Augenzeugen, Shireens Kolleginnen und Kollege, die vor Ort waren, total ignoriert oder im besten Fall haben deutsche Medien meines Erachtens diesen Aspekt viel zu kurz erwähnt.

Auch während Shireens Trauerzug hat die israelische Polizei in Jerusalem Trauernde angegriffen, bis der Sarg der zu Boden ging. Allerdings haben deutsche Medien den Fall als „Gewalt“ und „Tumulte“ bezeichneten. Somit versuchten sie, Rechtfertigungen für Polizeigewalt gegen Trauernde zu finden, wenn sie behaupteten, dass verbreitete Videos und Bilder auf Social-Media nicht alles zeigen.

Journalismus ist die Stimme der Freiheit und muss sich von den Regierungen, Botschaften sowie Polizei fernhalten und nicht die PR-Abteilung diesen Behörden zusammenarbeiten, denn das hat mit der Presseethik nichts zu tun. Palästinenserinnen und Palästinenser verstehen die gute spezielle Verbindung Deutschlands zu Israel, aber wenn bewiesen ist, dass Staat Israel der Schuldige in einer oder anderer Situation ist, muss das erwähnt werden. Ansonsten könnte dieser Journalismus nicht als vierte Gewalt bezeichnet werden.

Jede palästinensische Familie hat ein Mitglied verloren

Das Leben hörte bei Shireen Abu Akleh ohne Vorwarnung auf. Sie ging mit einer verräterischen Kugel, ohne sich von jedem arabischen und palästinensischen Haus zu verabschieden, das seit 1997 mit ihren Berichten über Al-Jazeera aufgewachsen war. Shireen, die vor 20 Jahren in Jenin mit den Müttern in den Trümmern nach ihren vermissten Söhnen und Töchtern suchte, ging, nachdem ihr Ziel darin bestand, der Welt die Stimme der Menschen zu übermitteln, obwohl sie die Realität nicht ändern konnte.

Sie ist das Opfer der israelischen Besatzung in der Westbank, egal wer oder welcher Soldat abdrückt. Dieser Schuss hat uns allen betroffen, ihre Fans, Freunde und Familie. Wir haben ein Familienmitglied verloren, daher verabschieden wir uns von ihr feierlich und mit Liebe.

 

Wer ist Shireen Abu Akleh?

Shireen wurde kurz nach dem Krieg 1971 in Jerusalem geboren. Sie stammt aus einer christlichen Familie aus Bethlehem, studierte Journalismus, arbeitete aber zunächst bei UNRWA bevor sie sich dem Vollzeitjournalismus zuwandte. 1997 wurde Shireen eine engagierte Reporterin bei Al-Jazeera.

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