Der öffentliche Raum

01.02.2013, Lesezeit 2 Min.
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Ein Aufschrei ging durch Indien und durch die ganze Welt: In Delhi wird eine Frau von mehreren Männern vergewaltigt und stirbt an den Folgen. Durch öffentliche Proteste in Indien auf den Fall aufmerksam gemacht, zeigen sich die deutschen Medien schockiert – ohne Frage zu Recht. Allerdings fällt da eine kleine Ungereimtheit auf: Es wird über die sexistischen Verhältnisse in Indien berichtet, die sexuelle Übergriffe ermöglichen, befördern, vertuschen – und über die in Deutschland geschwiegen. Sexismus – das ist etwas, das in diesen ach so rückständigen Ländern geschieht (so werden im übrigen auch Kriege legitimiert), aber doch nicht „bei uns“. Hier sind Übergriffe höchstens tragische Einzelfälle, Hysterie oder „Familiendramen“. Aber sexuelle Gewalt und Übergriffe gegen Frauen finden überall statt, nicht nur in indischen Bussen sondern ebenso in deutschen S-Bahnen, Ehebetten oder Kinderzimmern.

Und auch nicht nur in Indien ist der öffentliche Raum mit seinen Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln ein Ort der männlichen Dominanz. Die sexualisierten Frauenkörper auf Werbetafeln, der ständig wiederholte gute Rat als Frau dunkle Ecken nachts zu meiden und ja nicht einen kurzen Rock zu tragen, die Angst nach einem Übergriff als hysterisch zu gelten oder dass einem nicht geglaubt wird, die Hilflosigkeit, die zur Flucht führt und damit Raum aufgibt anstatt ihn zu verteidigen – all dies und vieles mehr zeigt, dass sich Frauen auch hier in Deutschland weniger frei in der Öffentlichkeit bewegen können.

Und nicht nur in Indien lohnt es sich, diesen Raum einzufordern und ihn sich zu nehmen, solidarisch und gegen alle Widerstände! Bei Sexismus geht es auch um Macht, durch jeden Übergriff werden die patriarchalen Machtstrukturen gestützt. Diese Machtstrukturen heißt es aufzubrechen und zu bekämpfen, und zwar innerhalb einer anti-kapitalistischen Strategie, denn patriarchale und kapitalistische Macht hängen eng zusammen.

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