Frauen und LGBTI*

Der Arabische Frühling

Welche Rolle spie­len Frauen bei den Protesten in der ara­bis­chen Welt?

Der Arabische Frühling

// Welche Rolle spie­len Frauen bei den Protesten in der ara­bis­chen Welt? //

„Wo sind die Män­ner? Wir Frauen sind schon hier!“ hallte es 2006 durch die ägyp­tis­che Tex­til­metro­pole Mahal­la al-Kufr. Und schließlich ließen sich auch die männlichen Tex­ti­lar­beit­er blick­en und ein­gerei­ht bei ihren weib­lichen Kol­legin­nen trat­en sie eine Streik­welle los, die das Ägypten von Mubarak in Aufruhr brachte.

Dieses Bild passt so gar nicht zu dem Frauen­bild, das hierzu­lande auf die ara­bis­che Kul­tur pro­jiziert wird, mit den Klis­chees von Ver­schleierung und Zwangse­he. Dem Bild der ara­bis­chen Frau als stillem Opfer ste­ht das nicht weniger falsche Bild der aufgek­lärten und emanzip­ierten Frau des West­ens gegenüber.

Die Probleme der Massen

Die Prob­leme von Frauen in der ara­bis­chen Welt sind vielfältig. Nur für die Frauen der besitzen­den Klassen und der Eliten stellt sich die „Frauen­frage“ als rein juris­tis­ches Prob­lem dar. Die Frauen der Arbei­t­erIn­nen­klasse und anderen ver­armten Klassen haben weitaus mehr Prob­leme zu erlei­den.

Natür­lich haben ger­ade sie beson­ders mit sex­ueller und physis­ch­er Gewalt, man­gel­nder Bil­dung und dem Fehlen von poli­tis­chen Recht­en zu kämpfen. Vor allem sink­ende Löhne und steigende Preise zwin­gen die Frauen in eine immer größere Mis­ere, da sie den größten Teil der Last für die Ernährung ihrer Fam­i­lien tra­gen müssen. So ver­schär­fen die Fol­gen der weltweit­en Krise des Kap­i­tal­is­mus die Fraue­nun­ter­drück­ung. Es ist kein Wun­der, dass die Massen­proteste aus­gerech­net jet­zt aus­brechen und vielerorts von Frauen getra­gen wer­den.

Aber die Frauen aus den armen und aus­ge­beuteten Klassen in Nordafri­ka und dem Nahen Osten sind nicht erst heute TrägerIn­nen von Protesten. In den anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Kämpfen gegen Kolo­nialmächte vor und de fac­to-Kolo­nialmächte nach der Entkolo­nial­isierung, haben sich Frauen stark beteiligt. In Alge­rien zur Zeit der Besatzung klei­de­ten sich die Frauen in ein tra­di­tionelles algerisches Gewand, das den ganzen Kör­p­er bedeck­te. Dies war sowohl ein poli­tis­ch­er Aus­druck gegen die Besatzung, als auch sin­nvoll im prak­tis­chen Kampf gegen die Besatzungs­macht, kon­nte man unter dieser Klei­dung doch unbe­merkt Waf­fen und Flug­blät­ter tra­gen.

Die Arbeiterinnenbewegung

Eine beson­dere Rolle spie­len die Arbei­t­erin­nen. Die kap­i­tal­is­tis­che Entwick­lung hat auch in den hal­bkolo­nialen Län­dern der ara­bis­chen Welt immer mehr Frauen auf den Arbeits­markt gedrängt – auch in die indus­trielle Pro­duk­tion, denn die beson­ders niedri­gen Löhne für Frauen inter­essieren die Kap­i­tal­istIn­nen mehr als tra­di­tionelle Rol­len­bilder.

Doch die Lohnar­beit reißt die Frauen auch aus ihrer Vere­inzelung, fasst sie zusam­men als Gle­iche, die sich gemein­sam wehren kön­nen und dies auch tun. Frauen, die am meis­ten aus­ge­beuteten Ange­höri­gen der Arbei­t­erIn­nen­klasse, haben am wenig­sten Grund gehabt, die Ver­hält­nisse zu ertra­gen. So gin­gen 2006 die Frauen von Mahal­la zu ihren Kol­le­gen und zogen sie mit in den Kampf. Dieser brachte eine Verbesserung der Löhne und Rechte, und zeigte zugle­ich den Män­nern, dass das „schwache Geschlecht“ min­destens so kämpferisch, mutig und entschlossen ist wie sie. So sind die Arbei­t­erin­nen von Mahal­la zur Avant­garde ein­er Streik­be­we­gung gewor­den, die den Boden für die bre­ite Revolte gegen Mubarak bere­it­ete.

Die Frauen in Bewegung

In Ägypten gibt es auf dem Papi­er gle­iche Rechte für Frauen. Die Poli­tolo­gin Hoda Salah schreibt, es gäbe in Ägypten wahrschein­lich sog­ar mehr Frauen in Führungspo­si­tio­nen als in eini­gen wes­teu­ropäis­chen Län­dern. Das hil­ft in der Real­ität der armen Frauen aber nicht viel. Dass Frauen die Hälfte der Protestieren­den stell­ten, die dem Mubarak-Regime auf dem Midan at-Tahrir die Stirn boten, war sich­er ein größer­er Schritt zu ihrer Emanzi­pa­tion als irgendwelche Ali­bi-Frauen in poli­tis­chen Posten.

Die ägyp­tis­che Filmerin Nadia Kamel sagte über die Frauen der Revolte: „Sie haben durch ihr Agieren eine Atmo­sphäre geprägt, die bish­eri­gen Protest­be­we­gun­gen gefehlt hat, eine offene und lebenslustige Atmo­sphäre, die dazu beitrug, aus der Rev­o­lu­tion ein Lab­o­ra­to­ri­um der sozialen Trans­for­ma­tion zu machen, in dem sich Bevölkerungs­grup­pen mis­chen kon­nten, die anson­sten durch die Tra­di­tion der getren­nten Sphären voneinan­der geschieden sind. (…) Die Hal­tun­gen verän­dern sich und Tabus brechen auf (…) Die Män­ner waren sehr sel­ten aggres­siv gegenüber Frauen und zeigten auch nicht diese krankhafte Hal­tung des Anmachens, die nor­maler­weise auf den Straßen herrscht. Män­ner und Frauen sind in den Demon­stra­tionszü­gen Seite an Seite gelaufen.“

Das heißt ger­ade die Proteste haben viel dazu beitra­gen, tra­di­tionelle Frauen­bilder aufzubrechen. Es waren Frauen mit und ohne Schleier, die gemein­sam mit den Män­nern ihre Zukun­ft selb­st in die Hand genom­men haben und für ein Ende der krassen poli­tis­chen und vor allem ökonomis­chen Unter­drück­ung kämpfen.

Imperialistischer „Feminismus“

Dabei helfen ide­ol­o­gis­che Feldzüge gegen Bur­ka und Niqab gar nicht. Wenn „Deutsch­lands Vorzeige-Fem­i­nistin“ Alice Schwarz­er gegen die ange­bliche islamistis­che Gefahr het­zt, hat das mit Frauen­e­manzi­pa­tion nichts mehr zu tun. Ger­ade Frauen in und aus der ara­bis­chen Welt wer­den durch einen solchen „Fem­i­nis­mus“ attack­iert. Er lässt ras­sis­tis­che, nation­al­is­tis­che Stim­mungen hochkom­men und erschw­ert damit den gemein­samen Kampf von Migran­tInnen und Nicht­mi­gran­tInnen in den Betrieben und auf der Straße gegen gesellschaftliche Prob­leme. Ein solch­er Fem­i­nis­mus ließ sich von den Herrschen­den der großen impe­ri­al­is­tis­chen Mächte sog­ar für die Bom­bardierung und Besatzung Afghanistans dien­st­bar machen, die die Lage beson­ders der Frauen mas­siv ver­schlechtert haben.

In Ägypten gibt es einen Spruch, der den Kampf der pro­le­tarischen Frauen sym­bol­isiert: „Achtung: Mahal­la!“ Die kämpfend­en Arbei­t­erin­nen der ara­bis­chen Welt sind eine Macht – eine Macht, die zusam­men mit den männlichen Arbeit­ern die Welt verän­dern kann.

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