Das kleine Ich in mir
Hoffnung ist das wertvollste Gefühl, das mich am Leben erhalten hat. Ein Prosagedicht zu meinem neuen Lebensjahr.
Wie sammelt man Stücke zu einem Puzzle,
das nie dafür gedacht war, zerteilt zu werden?
Bruchstücke von Emotionen, die stille Gewässer und pfeifende Stürme spiegeln.
Jede Berührung mit meinem Ich holt Panik in mir hoch und ich schaffe es nicht, sie zu bändigen.
Eine existentielle Panik darüber: Wer bin ich und warum?
Mein Gehirn, mein Selbstbewusstsein und meine Psyche haben sich entwickelt.
Und dennoch ist der Großteil meines Ichs noch zerbrochen in mir.
Bruchstücke einer Kindheit, die in sich selbst eine Hölle gewesen sein muss.
Eine Hölle, dessen Ausweg nie in greifbarer Nähe, geschweige denn in absehbarer Ferne lag.
In dieser Hölle kochte mein Bewusstsein zu einem Klumpen zusammen, zerberstete unter dem Druck der Lava um mich rum.
Immer und immer wieder sammelte ich sie wieder auf, mit verbrandten Händen, doch Aufgeben war nicht in meinem Wortschatz.
Ich kämpfte mich durch, durch ein Leben voller Widersprüche.
Ich kämpfte mich durch Armut, während der Hausbesitzer mit Goldringen an unserer Tür klopfte, um die Miete einzufordern.
Ich kämpfte mich durch die Familie, die mein kleines Herz weder füllen, noch aufbewahren konnten, während die Herzen der anderen Kleinen auf schönen Fahrrädern, in bequemen Schuhen und unter den schützenden Händen ihrer Eltern aufwachsen sind.
Ich kämpfte mich durch eine Schul- und Arbeitswelt, die mich nicht als Teil ihres sahen, die mich nicht mit auf Klassenfahrten nahmen, weil das Geld dafür bereits von dem Hauseigentümer mit den Goldringen genommen wurde.
In all dieser Grosteklichkeit wuchs ich zu einem Ich heran, dass ohne Hoffnung und ohne Liebe durch das Leben streunerte, auf der Suche nach einem Grund, am Leben zu bleiben.
Heute blicke ich auf mein kleines Ich. Ich sehe die Zustände, in denen er leben musste, klar und deutlich vor meinen Augen.
Ein Auge weint, doch das andere Auge lacht.
Ich weine, weil ich hinterfrage, in was für einer Gesellschaft ein Kind aufwachsen muss, um solch eine Hölle zu erleben.
Aber ich lache, weil stolz darauf bin, dass dieses kleine Ich, dieses zerbrochene, geschundene, erbarmungslos ausgelieferte kleine Ich heute hier steht, hier kämpft – und hier wieder lebt.
Ich lebe.
Ich lebe, weil ich nicht aufgeben konnte.
Ich konnte nicht aufgeben, weil tief in mir die Hoffnung, selbst wenn sie nur ein blasser Funken in einem Ozean einer eisigen Tiefe war, dennoch niemals erloschen ist.
Diesen Funken konnte ich nicht alleine greifen und retten.
Diesen Funken haben viele andere mit mir zusammen gerettet.
Diesen Funken sah und rettete meine Berufsschullehrerin, die mich von der Angst, die Leistung zu versagen, die von mir erwartet wird, befreite und mir Zeit, Raum und Verständnis gab, meine Angst vor dieser Leistungsgesellschaft zu überwinden.
Sie lehrte mich: Du bist nicht deine Leistung. Du bist du und du bist ein wertvoller Teil einer Gesellschaft, die unter dem selben Druck untergeht.
Diesen kleinen blassen Funken retteten eine Hand voll Freund:innen, die ich nach und nach kennenlernte, die mich durch finanzielle Nöte begleiteten und bis heute begleiten, die mich mental unterstützten, mein Selbstbewusstsein an mein eigenes Ich wieder aufbauten.
Diesen kleinen blassen Funken rettete auch meine Tante, die für mich mehr Mutter gewesen ist, als meine Leibliche es je sein konnte. Die sich nicht dem Wahn meiner restlichen Familie untergab, dass ich ein Außenseiter sei, dass ich dem Stolz und der Ehre der Familie ein Dorn im Auge sei. Sie sah mich, wie ich bin und sieht heute, was ich geworden bin.
Diesen kleinen blassen Funken retteten nicht nur, sondern füllten ihn auch zu einem Feuer, meine Genoss:innen, die ich heute im Hier und Jetzt an meiner Seite habe.
Genoss:innen, mit denen ich Kämpfe führte gegen die Umstände, die damals meine Realität waren und heute noch mein Leben beeinflussen. Umstände, die das Leben von Milliarden Menschen weltweit erschweren, zerstören und auslöschen.
Doch eine besondere Person war es, die dieses Feuer zum Lodern, zum Fegen brachte, so dass es heute nicht mehr zu löschen ist. Eine einzige Person, die mich unbewusst mein Leben lang begleitete. Die nichts anderes tat, als immer und immer und immer und immer und immer wieder diesen kleinen blassen Funken Hoffnung in mir am Brennen hielt.
Ich bin heute ich, weil ich damals ich nie ich sein konnte.
Und ich kann heute nur ich sein, weil mein kleines Ich immer ein kleines Ich in mir geblieben ist.
Ich bin ein überzeugter Revolutionär, der von historischen und gegenwärtigen Revolutionär:innen lernt.
Der ihre Theorien, ihre Kämpfe, ihre Worte verinnerlicht und Tag für Tag an ihnen wächst.
Doch nur zu einem einzigen Revolutionären schaue ich so auf wie zu keinem anderen – zu meinem kleinen Ich.
Denn in meinen Augen gibt es nichts revolutionäreres als das Leben.
Für dieses Leben zu kämpfen und dieses Leben zu erhalten, zu pflegen, zu lieben.
Mein kleines Ich hat es unbewusst vorgemacht und mein heutiges Ich führt es weiter. Hoffnungsvoller, kämpferischer und bewusster denn je.
Lang lebe mein kleines Ich und hoch lebe die Revolution, die jedes kleine Ich der Welt auf den Armen tragen und es befreien wird.