Das ist keine Katastrophe, sondern Massenmord

02.10.2023, Lesezeit 8 Min.
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Foto: Sanej Prasad Suwal / Creative Commons

In Marokko sind fast 3.000 Tote nach einem schweren Erdbeben gezählt worden, in Libyen über 11.000 bei Überschwemmungen. Diese Tode sind jedoch nicht einfach Naturkatastrophen verschuldet, sondern Folgen kapitalistischer Politik.

Die ersten 72 Stunden nach einem schweren Erdbeben sind laut Expert:innen die kritischsten. In Gebieten mit besonders schweren Zugangsmöglichkeiten, beispielsweise in ländlichen Dörfern, ist dieser Zeitrahmen sogar wesentlich kürzer. In dieser Zeit können die meisten Menschen gerettet werden. Nach spätestens 72 Stunden ohne Wasser und Nahrungsmittel sind Menschen unter Schutt und Asche dem Tod geweiht, in seltensten Fällen überleben sie. Gerade Menschen mit gesundheitlichen Problemen, Kinder und Ältere sind in dieser Zeit lebensbedrohlich gefährdet.

Für die Menschen in Marokko waren diese 72 Stunden die reinste Verzweiflung, denn die Suche nach Überlebenden war bereits ab dem Moment des Erdbebens hoffnungslos. Es wurden fast 3.000 Tote gemeldet, deutliche mehr Menschen sind bis heute vermisst. Hilfskonvois erreichten die Dörfer und Kleinstädte im Südwesten nicht, weil die Straßen zerstört oder Wege von Schutt und Asche blockiert waren. Auch die Nahrungsmittel- und Wasserversorgung ist weiterhin knapp.

Libyen wurde von einer riesigen Katastrophe heimgesucht. Aktuelle Zahlen der Toten belaufen sich auf über 11.000, Zehntausende werden immer noch vermisst. Die Menschen waren weder zuhause noch draußen sicher. Sowohl die marokkanische Monarchie als auch die libysche Regierung haben bewiesen, dass sie nicht gewappnet waren für solche Katastrophen – oder besser gesagt, dass sie sich selbst, aber nicht die Bevölkerung gewappnet haben. Es ist beispielsweise auch klar, dass Marokko die Katastrophe zu diesem Zeitpunkt nicht aus eigener Kraft bewältigen kann. Dennoch sah die Staatsführung von mehr als vier internationalen Hilfen ab: Sie erlaubten nur Hilfseinheiten aus Spanien, Großbritannien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Mehr Hilfseinheiten aus verschiedenen Ländern würden für Chaos sorgen“, so Beamte des Landes.

Verhältnisse wie diese kennen wir in einem noch größeren Ausmaß zuletzt aus der Türkei und Syrien. Im Februar starben über 50.000 Menschen im Südosten der Türkei, in Kurdistan und in Syrien. Bis heute sind viele Dörfer nicht wieder aufgebaut worden. Die Regierung gab nur leere Versprechen, getan hat sich kaum etwas. Stattdessen sind die Betroffenen immer noch größtenteils ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Katastrophenkapitalismus – wie Naturkatastrophen für politische Zwecke und Profite genutzt werden

Aber hätten diese Katastrophen in diesem Ausmaß stattfinden müssen oder hätte man Tausende Menschen nicht doch retten können, wären entsprechende Vorbereitungen getroffen worden? Am Beispiel der Türkei sehen wir, dass Millionenbeträge aus der EU und eigens für die Erdbebenprävention erhobene Steuern nicht in stabile Infrastrukturen gesteckt, sondern für Profite der Kapitalist:innen und Militarismus genutzt werden. Dass Marokko geographisch gefährdet von Katastrophen wie Tsunamis und Erdbeben ist, ist schon lange klar. Nichtsdestotrotz wurden keine Vorbereitungen getroffen, um im Falle einer solchen Katastrophe notwendige Maßnahmen ergreifen zu können, die die Menschen vor allem in den sozialen Außenbezirken der Städte und den Dörfern auf dem Land retten könnten. Dass Regierungsführungen und Großkapitalist:innen sich aber selbst in Sicherheit bringen können, dafür ist jede Möglichkeit zu jeder Zeit vorhanden.

Und der König selbst ist mit dem Prunk seiner Stadt beschäftigt – und der Sicherung der Landesgrenzen, um Geflüchtete auf dem Weg nach Europa aufzuhalten. Das ist nämlich eines der Abkommen, die Marokko mit der EU abgeschlossen hat, um sich Millionen in die Staatskassen zu füllen. Die EU investiert auch großzügig in die grüne Politik Marokkos – damit Marokko klimafreundlicher werden kann. Ersparen wir uns an dieser Stelle alle validen Witze darüber, denn die traurige Wahrheit ist, dass all dies nicht nur auf Kosten von Millionen Geflüchteten geht, sondern auch zulasten der marokkanischen Bevölkerung. Während die Menschen auf dem Land, in den Bergen und Tälern sozial abgehängt und mit dieser Katastrophe alleine gelassen werden, laufen gleichzeitig Bauarbeiten des geplanten Hochgeschwindigkeitszuges zwischen Casablanca, Tanger und Rabat. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, ist jedoch eine reine Verschwendung von Ressourcen: Mehr als die Hälfte der Strecke ist laut Expert:innen nicht rentabel, gleichzeitig kostet der Bau ganze 6 Milliarden Euro. Ein überteuertes Prestigeprojekt, auch noch in Zusammenarbeit mit dem französischen Bahnkonzern SNCF, soll die fehlende Infrastruktur in beispielsweise Ouarzazate überschatten. Dort fehlt es immer noch an fast jeglicher Hilfe nach der Erdbebenkatastrophe und Dorfbewohner:innen sind nahezu komplett auf sich alleine gestellt. Die Tage nach dem Erdbeben trugen sie Trümmer und Schutt mit bloßen Händen und suchten händeringend nach Überlebenden.

In Ouarzazate und den Atlas-Gebieten im Südwesten Marokkos herrscht bereits seit einigen Jahren eine enorme Unzufriedenheit. Die indigenen Amazigh beklagen strukturelle Diskriminierung und soziale Ausgrenzung. Viele Dörfer in diesem Gebiet haben weder Strom noch medizinische Versorgung. Die verbliebene Kolonialmentalität aus der Kolonialzeit Frankreichs macht klar, welche Teile des Landes lebenswert sein sollen und welche sie weiterhin als „unnützes Marokko“ von der Gesellschaft abschneiden wollen. Während der Mindestlohn gerade einmal 280 Euro beträgt, haben über 54 Prozent der Arbeitenden nicht einmal Arbeitsverträge, verdienen zum Teil also noch weit unter dem Mindestlohn unter grauenhaften Bedingungen. Fehlende Zugverbindungen und kaputte Straßen in andere Städte machen eine soziale Teilhabe kaum möglich.

Naturkatastrophen werden im Kapitalismus oft zu einem Werkzeug. In der Türkei waren beispielsweise hauptsächlich kurdische Gebiete betroffen. Das kam Erdoğan und seiner anti-kurdischen Politik natürlich genau in den Kram. Während Zivilist:innen um Hilfe flehten, kam diese erst zwei bis drei Wochen später an – und teilweise gar nicht. Zeitgleich startete das türkische Militär aber wieder Kriegsoperationen in kurdischen Gebieten, um der bereits geschwächten kurdischen Bevölkerung, YPJ und PKK einen schweren Schlag zu versetzen.

Enteignung, Arbeiter:innenkontrolle – wie Katastrophen wirklich vorgebeugt und entgegengetreten werden kann

Natürlich kann niemals dafür gesorgt werden, dass bei Naturkatastrophen keinerlei Menschen sterben. Doch die Ausmaße der Folgen von Erdbeben, Flutwellen oder Tsunamis könnten deutlich auf ein Minimum reduziert werden. Wir sehen das an Beispielen von Naturkatastrophen wie gerade in Marokko und Libyen, vor einigen Monaten in der Türkei und auch bei den Überschwemmungen im deutschen Ahrweiler immer wieder. Sowohl in der Prävention als auch in der akuten und nachfolgenden Hilfeleistung bei Katastrophen stehen Profite vor Menschenleben. Bis heute wurden weder den Hinterbliebenen von Ahrweiler noch denen in der Türkei mehr als leere Versprechen gegeben. Zehntausende in der Türkei sind weiterhin obdachlos, wissen nicht weiter. Fälle von Suizid kamen in die Medien, weil Menschen sich nicht mehr zu helfen wussten, ihre Angehörigen oder ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Noch heute sprechen Betroffene aus Ahrweiler von den Folgen und wie sie immer noch auf die versprochene Hilfe warten.

Doch was wirklich helfen kann, ist eine menschengerichtete Prävention. Anstelle im Gebäudebau massiv zu sparen, sollten Häuser errichtet werden, die Menschen Sicherheit bieten können und im Notfall sogar Menschenleben retten. Das heißt, Häuser nicht zu bauen, um Profite einzufahren, sondern Häuser zu bauen, damit Menschen darin sicher und gesund leben können. Die Bauunternehmen, die in Korruptionsskandale mit den Regierungen verwickelt sind, müssen enteignet und unter Arbeiter:innenkontrolle gestellt werden, statt nur auf Profit ausgerichtet zu sein. Nur so kann der Bau von Häusern katastrophensicher gewährleistet werden. Gemeinsam, auf kommunaler und nationaler Ebene, muss demokratisch entschieden werden, was wie und wo gebaut wird.

Die rassistische Politik der EU, die immer wieder Abkommen mit Ländern wie der Türkei, Libyen oder Marokko abschließt, muss beendet werden. Wegen Landesgrenzen können Hilfen nicht unbürokratisch gewährleistet werden: Diese Grenzen müssen geöffnet und abgeschafft werden. Dies gilt sowohl für Marokko und Libyen als auch für Europa und alle anderen Länder dieser Welt. Keine rassistischen Grenzkontrollen mehr und Schluss mit Frontex-Offensiven an den europäischen Grenzen.

Natürlich dürfen wir bei Marokko und Libyen auch die kolonialrassistischen Einflüsse von Frankreich und den USA nicht vergessen. Bis heute stehen beide Länder zu großen Teilen unter französischem Einfluss, sowohl wirtschaftlich als auch militärisch. Wir müssen uns auch weltweit gegen den Imperialismus stellen, der über den Mittleren Osten und Südamerika bis hin in den tiefen Süden Afrikas reicht. Wir verlangen das Ende jeglicher Interventionen der imperialistischen Länder und den sofortigen Rückzug sämtlicher Militärtruppen. Außerdem müssen alle Schulden der abhängigen Länder sofort erlassen werden.

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